Augenbewegungen verraten, wenn Lügner die Wahrheit umdichten


 

       

Magazin

Sieh mir in die Augen

Forscher einer amerikanischen Universität wollen herausgefunden haben, wie sie Lügner anhand deren Blickbewegungen überführen könnten.

Herauszufinden, ob jemand die Wahrheit spricht, ist seit Langem ein unerfüllter Wunsch der Menschheit. Die Blickbewegungen eines Sprechenden stehen ebenso lange im Verdacht, etwas mit Wahrheit und Lüge zu tun zu haben. Jetzt wollen amerikanische Forscher einem Verfahren auf der Spur sein, mit dessen Hilfe die Münchhausens überführt werden sollen. Im Mittelpunkt der Technik steht ein Blickverfolgungsverfahren. Es wurde in den USA kürzlich als "Credibility Assessment Technology" (Glaubwürdigkeits-Feststellungs-Technologie) lizenziert.
Die Wissenschaftler der Universität Utah (USA) arbeiten seit 30 Jahren mit Blickregistrierungsmethoden. In den vergangenen Jahren hat diese Technik vor allem im Mikrobereich Fortschritte gemacht. Sie zeichnet selbst geringfügigste Augenbewegungen auf. Die Forscher stellten in Experimenten mehreren Hundert Studentinnen und Studenten schriftlich Fragen, die sie wahrheitsgemäß oder falsch beantworten sollten. Dabei fanden sie heraus, dass sich die Augenbewegungen anders verhielten, wenn die Versuchspersonen logen als wenn sie die Wahrheit angaben. Sie fanden auch Unterschiede im Leseverhalten heraus, wenn die Probanden mit Fragen konfrontiert wurden, die sie falsch oder richtig beantworten sollten. Wenn sie logen, brauchten sie länger als wenn sie ehrlich waren. Sie lasen auch seltener zurück.

Erster Schritt zur Serientauglichkeit

Die Lizenzierung ist ein erster Schritt zur Serientauglichkeit. Laut den Wissenschaftlern hätte das Blickregistrierungsverfahren einige Vorzüge gegenüber herkömmlichen Lügendetektoren, die in den USA verwendet werden: Die "Polygraphen" messen emotionale Auswirkungen der Lüge im Körper, etwa eine höhere Herzrate, einen geringeren Hautleitwiderstand (weil Lügen feuchte Hände bewirken), Zittern und Ähnliches. Dem Blickregistrierungsverfahren liegt laut den Wissenschaftlern der Universität Utah die Theorie zugrunde, dass Menschen beim "Umwandeln" der Wahrheit in eine halb, ganz oder teilweise erfundene Geschichte Denkprozesse benötigen – und diese werden durch Blickbewegungen überbrückt.
Herkömmliche Lügendetektoren benötigen Wissenschaftler, die die biologischen Daten interpretieren – Blickregistrierungsdaten sind laut den Forschern der Universität Utah mit Hilfe statistischer Methoden objektiv berechenbar und müssen nicht interpretiert werden.
Bei herkömmlichen Lügendetektoren müssen die Betroffenen an Elektroden gehängt werden. Durch unruhiges Sitzen und Ähnliches können sie im Polygraphen mitunter falsche Ergebnissen bewirken. Die Blicke werden aus einer Leiste registriert, die am Rand eines Bildschirms angebracht ist; die Betroffenen werden nirgends angeschlossen. Um das Verfahren zu falschen Ergebnissen zu bringen, müssten sie sehr konsequent ihre Blicke schweifen lassen. Zum Herausrechnen der Fehler gibt es zudem statistische Verfahren.

Noch viel Forschungsarbeit nötig

Die Wissenschaftler der Universität Utah betonen jedoch, es sei noch viel an Forschungsarbeit nötig, ehe Blicke Lügner überführen könnten. Interesse bezeugten jedenfalls das Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security), das Verteidigungsministerium, das Konsumenten- und Grenzschutzministerium sowie das Energieministerium. Sie könnten die Blickregistrierungsverfahren in erster Linie einsetzen, um herauszufinden, ob Personen, die sich für eine Stelle in den Ministerien bewerben, wahrheitsgemäß über ihr Vorleben Auskunft geben.
Die österreichische Rechtsordnung ließe theoretisch Lügendetektoren aller Art zu; allerdings unterliegt letztlich jedes Beweisverfahren vor einem Gericht der "freien Beweiswürdigung" der Richter und Laienrichter. Zudem ist in Österreich kein Sachverständiger für derartige Verfahren zugelassen.

kripo-online.at, 9. August 2010