Tiefe Kratzer und eine Bisswunde


 



Wer hat die Walter getötet?


 
 



Franzl, soll i’ aussagen?

 

 

       

Kriminothek

Eine fette Spur

Handtellergroße Fleischstücke trieben im Kanal...

Als man handtellergroße Fleischstücke im Donaukanal fand, glaubte keiner, das Geheimnis jemals lüften zu können, doch den Wiener Kriminalbeamten konnte auch dieser Täter nicht entgehen.
Eine Gruppe von Männern traf sich tagaus, tagein nahe den Simmeringer Gaswerken an der Einmündung des Hauptsammelkanals in den Donaukanal. Mit selbstgebauten Hilfsmitteln aus Draht und Holz bauten sie eine Barriere auf, die das obenauf schwimmende Fett aus dem Kanalsystem auffing und von Zeit zu Zeit abgeschöpft werden konnte. Das waren die Fettfischer, Fettsammler oder Fettschöpfer, Arbeitslose, die sich so durch den Verkauf des derart gewonnenen Rohmaterials für industrielle Zwecke ein bisschen Geld verdienten. Am Sonntag, den 10. April 1932, kamen die beiden Fettfischer Johann Böhm und Johann Watzlawik zu ihrer Schleuse, die am Vorabend gegen 16 Uhr geschlossen worden war. Als sie begannen, das gesammelte Fett abzuschöpfen, fielen ihnen handtellergroße Fleischstücke auf, die sie in einem gesonderten Bottich sammelten. Nach ungefähr neunzig Minuten zählten sie 80 Stück derartiger Brocken, die ihnen unheimlich vorkamen und sie brachten den Fund zum Kommissariat Simmering.
Dozent Dr. Schneider vom Gerichtsmedizinischen Institut musste die erste Befürchtung bestätigen, es könnte sich um menschliche Fleischstücke handeln. Für die Polizei stand unter Leitung des neuen Vorstandes des Sicherheitsbüros, Hofrat Dr. Steinhäusl, eine äußerst schwierige Arbeit bevor, weil die Herkunft der gefundenen Leichenstücke völlig unklar war. Immerhin handelte es sich um einen Hauptsammelkanal, der die Abwässer aller am rechten Donauufer gelegenen Bezirke vereinte, und das waren immerhin achtzehn. Nachdem die Fettfischer die Meldung über den Fund gemacht hatten, wurden noch weitere Fleischstückchen aus dem Wasser gefischt, zum Schluss zählte man nicht weniger als 280. Am Gerichtsmedizinischen Institut wurde versucht, Näheres zu den Funden sagen zu können. Ein schwieriges Unterfangen, denn dazu mussten die Teile einem Puzzle gleich zusammengesetzt werden. Das Ergebnis: Es sollte sich um Leichenteile einer beleibten Frau handeln, die zumindest eine Schwangerschaft hinter sich hatte. Dies ließ sich aus den sogenannten "Schwangerschaftsstreifen" ablesen, die durch die Dehnung der Bauchdecke entstanden. Das Alter wurde mit 35 bis 40 Jahren geschätzt, Hinweise deuteten auf blondes Haar.
Die Überprüfung der Meldungen von abgängigen Frauen brachte die Polizei vorerst nicht weiter und so versuchte man mit einer besonders ausgeklügelten Methode das Gebiet, in dem die Fleischstücke in den Kanal geworfen worden sein könnten, einzuengen. Polizeibeamte wurden mit bunten Holzstückchen ausgesandt und mussten sie in vorher bestimmte Kanalschächte werfen. So konnte man in der Folge beobachten, welche Farbe aus welcher Richtung kam. Tatsäch-lich ließ sich das vermutliche Einwurfsgebiet einschränken, es lag im 17. Bezirk.

Eine konkrete Spur im 17. Bezirk

Am 14. April berichteten die Kriminalisten von folgenden Erhebungen: In der Wichtelgasse 73 hatte die 38-jährige Witwe Marie Walter gelebt, die nun seit 7. April spurlos verschwunden war. Walter war korpulent, blond und hatte eine Tochter, somit entsprach sie der Beschreibung der Gerichtsmedizin. Anna Magerl, die Schwester der Abgängigen hatte in der Küche einen Zettel gefunden, auf dem stand: "Die Verhältnisse zwingen mich, auf einige Tage zu verschwinden!" Bemerkenswert war, dass dieser Zettel erst einige Tage nach dem Verschwinden am Küchentisch gelegen war. Das 7-jährige Kind der Abgängigen war bei Nachbarn in Obhut. Ihr letzter Lebensgefährte, mit dem sie noch immer fallweise Kontakt hatte, wurde "Breserl" genannt, er hieß Franz Gruber.
Kriminalbeamte begaben sich in die Wohnung dieses Mannes in der Koppstraße. Auffallend war, dass erst am Vortag unweit dieser Adresse ein Beckenknochen aufgefunden worden war. Der Beckenknochen wurde dem Gerichtsmedizinischen Institut vorgelegt und dort eindeutig als der eines Menschen erkannt.
Als die Beamten in einem Abfallkübel in der Wohnung Grubers halbverbrannte Knochenstücke fanden, sah man sich der Klärung des Falles näher gekommen. Die Durchsuchungen brachten zusätzliche angebrannte Knochenstücke zum Vorschein, im Coloniakübel sowie auch in einem Kessel in der Waschküche. Auf einer Säge, die in der Waschküche gefunden wurde, konnten Blutspuren festgestellt werden. Franz Gruber behauptete, er hätte einen Spitz gefangen, zerlegt und gegessen. Die Reste hätte er dann verbrannt.
Am 15. April 1932 schreckte eine neue Nachricht die Öffentlichkeit auf: Anna Magerl hatte Selbstmord begangen! Aus Ihrem Abschiedsbrief war eine Mitschuld am Tod ihrer Schwester zu erkennen. Sie selbst soll den angeblichen Abschiedsbrief Marie Walters geschrieben haben. Die Einvernahmen des Verdächtigen brachten keine neuen Erkenntnisse, er blieb bei seiner ersten Behauptung.

Verbrennendes Fett stinkt

Erst als man ihm vom Selbstmord Anna Magerls berichtete, war er bereit, ein Geständnis abzulegen. Nur, den Mord habe nicht er begangen.
Demnach hätte er Marie Walter in ihrer Wohnung mit einem Seil um den Hals schon tot vorgefunden. Da er die Befürchtung gehegt hätte, Magerl könnte in den Verdacht geraten, ihre Schwester umgebracht zu haben, weil die beiden öfters miteinander gestritten hatten, sei ihm der Einfall gekommen, die Leiche zu zerstückeln. Während Magerl das Geschirr in der Wohnung reinigte, hätte Gruber die Zerstückelung vorbereitet. Zuerst habe er Einzelteile in Pakete verpacken wollen, die er in der Nähe des Ottakringer Friedhofes vergraben wollte. Da aber Blut durch das Packpapier sickerte, habe er seinen Plan geändert. Magerl hätte sich einen Waschtag nehmen müssen, damit er die Leichenteile in der Waschküche verbrennen konnte. In einer Kinderbadewanne hätte er die Tote stückchenweise in den Keller geschleppt und in den Ofen geworfen. Bald hätte sich ein unerträglicher Gestank verbreitet und bei der Ofentür wären Fettmassen heraus gequollen, von denen ein noch penetranterer Gestank ausströmte.
Er habe einen neuen Plan gefasst und begonnen, die Leiche so klein wie möglich zu zerteilen. Mit einer Säge habe er die Knochen zerstückeln wollen, doch das Geräusch wäre selbst ihm zu unheimlich gewesen, so dass er seine Tat mit einer Hacke fortsetzte. Er habe nur einige Knochenstücke verbrannt, die Weichteile großteils in kleine, höchstens handtellergroße Stücke zerschnitten, die er in den Abwasserkanal stopfte. Der Beckenknochen sei ihm dann zu groß gewesen und eine weitere Zerteilung zu anstrengend, so habe er ihn in Packpapier verpackt und unweit seiner Wohnung versteckt.
Er schilderte, diese Handlungen ohne große Emotionen ausgeführt zu haben. Unruhig wäre er nur geworden, als die Tochter der Toten in die Waschküche gekommen war und er sein grausames Werk unterbrechen musste. Hinsichtlich der Schilderungen über die Zerstückelung schenkte man ihm Glauben, es glaubte ihm jedoch niemand, dass er die Walter schon tot vorgefunden hatte. Doch vorerst ließ ihn auch intensives Zureden von seiner geschilderten Tatversion nicht abgehen. Magerl konnte er belasten, die konnte sich auch nicht mehr wehren. Er vermochte aber keine Erklärungen zu seinen Verletzungen im Gesicht geben. Tiefe Kratzer und eine Bisswunde an der Nase ließen vermuten, dass es zu einem schweren Kampf gekommen sein musste.
Dr. Hans Dornauer gelang es, den Verdächtigen zu überzeugen, dass seine Tatdarstellung unglaubwürdig war und endlich gab Gruber zu, nach einem heftigen Streit seine ehemalige Lebensgefährtin erwürgt zu haben. Sie hätte ihn wegen unterschlagener Versatzscheine mit einer Anzeige gedroht und darauf hätte er ihr im Affekt den Hals zugedrückt. Das wäre in der Wohnung der Walter geschehen, in der Wichtelgasse. Dort hätte er mit der Zerteilung der Leiche begonnen und auch erste Stücke verbrannt und in den Kanal gestopft. Weitere Teile hätte er dann in seine Wohnung in der Koppstraße getragen, wo er sein grausames Werk vollendet haben wollte.
Das Gerichtsverfahren. Am 26. Oktober 1932 begann das Gerichtsverfahren gegen den Angeklagten Franz Gruber wegen Meuchelmordes. Unter dem Vorsitz von OLGR Dr. Hanel war die Verhandlung für drei Tage anberaumt, als öffentlicher Ankläger trat Staatsanwalt Dr. Pruckner auf. Große Neugier ließ die Wiener in den Verhandlungssaal strömen. Manche verzichteten aber bald, am Verfahren teilzunehmen. Zu grausam war ihnen der Anblick, den der Richtertisch und die davor aufgebauten Beweisgegenstände boten. In zwei großen Einmachgläsern waren die angekohlten Knochenreste und kleingeschnittenen Fleischstücke zu sehen. Die Badewanne, in der die teilweise zerstückelte Leiche in die Waschküche getragen wurde, stand vor dem Richtertisch, daneben der Hackstock, auf dem die Zerteilung vorgenommen worden war. Auf der Säge, dem Beil und den Wäschestücken konnte jeder Laie die eingetrockneten Blutreste erkennen. Die beiden weiblichen Geschworenen wollten beim Anblick dieser Schauerinstrumente von ihrer Funktion zurücktreten, mussten aber dennoch in der Geschworenenbank bleiben. Aber auch die männlichen Volksrichter erschauderten, als sie den Gerichtssaal betraten.

Makabrer Schwur des Angeklagten

54 Zeugen waren bereits geladen, 24 weitere Anträge auf Einvernahmen lagen vor. Die Staatsanwaltschaft hatte eine lange Anklageschrift vorbereitet, in der in grauenvoller Anschaulichkeit die Tat in jeder Einzelheit geschildert wurde. Während die Verlesung nicht ohne Gemütsbewegungen in den Zuschauerreihen und den Geschworenen verlief, schien der Angeklagte teilnahmslos dazusitzen. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich im Sinne der Anklage schuldig bekenne, antwortete er deutlich und feierlich: "Nein, ich habe nicht getötet! Ich schwöre bei diesen Fettstücken der Toten, dass ich unschuldig bin!"
Rufe der Empörung klangen aus den Zuschauerreihen. Der Vorsitzende hielt ihm vor, dass er vor der Polizei ein Geständnis abgelegt habe, in dem er die Tat in jeder Einzelheit geschildert hatte. Diese Aussage hatte er mehrmals vor dem Untersuchungsrichter wiederholt. "Und nun erklären Sie plötzlich: Ich bin unschuldig! Wer hat also die Walter getötet?" – Franz Gruber antwortete: "Die Anna Magerl!" Der Vorsitzende hielt ihm vor, dass es nun doch ein Leichtes sei, sich auf eine Tote zu berufen und fragte ihn, warum er denn ein Geständnis abgelegt hatte. Gruber: "Ich habe das Leid erduldet, in dem Bewusstsein, dass ich unschuldig bin. Und ich hab’ die Magerl doch so geliebt!"
Die Einvernahme des Angeklagten zeigte ihn als Liebhaber, der keine Gelegenheit ausgelassen hatte, Frauenbekanntschaften zu machen. So hatte er auch die Marie Walter kennen gelernt und als diese Beziehung auseinandergegangen war, kam Anna Magerl. Er hatte weiterhin mit Walter Kontakt und erklärte nun vor Gericht, oft zwischen den beiden Schwestern Streit geschlichtet zu haben. So näherte er sich in seinen Ausführungen der Tat, die er nun wie folgt beschrieb:
Wieder hätten die beiden Frauen Streit gehabt, dem er nach erfolglosen Beschwichtigungsversuchen ausgewichen wäre. Als er dann Walter besuchen wollte, hätte niemand geöffnet und nach längerem Warten wäre Anna aus der Wohnung gekommen. Ganz verstört hätte sie gewirkt und ihm erzählt, dass ihr Marie die Seife auf den Kopf geworfen hätte und sie darauf das Küchenmesser ergriffen und auf die Marie "einig’stoch’n" hätte. Marie sei zu Boden gestürzt und sie selbst ohnmächtig geworden. Der Vorsitzende unterbrach: "Gut. Und jetzt liegen beide am Boden. Und was war weiter?" Gruber holte aus, dass Anna wieder zu sich gekommen wäre und gleich wieder das Bewusstsein verloren hätte, erst dann hätte sie sich fangen können – immerhin war sie ja nervenleidend, magenkrank und herzschwach. Gruber hätte sie zu trösten versucht, weil Anna bereits gewusst hätte, dass ihre Schwester tot war.
Anna hätte dann noch einen Waschvortrag besucht und wäre danach zu Gruber gekommen, um zu übernachten. Er hätte aber wieder die Wohnung verlassen, um zu einer anderen Freundin zu gehen. Am nächsten Tag habe er zuerst die Leiche neben das Fenster gelegt und zugedeckt, weil die Tochter der Toten schon zum Frühstück gekommen war. Nachher hätte er die Leiche wegtragen wollen, sie wäre ihm aber zu schwer gewesen und er hätte sich bei diesem Versuch das Kreuz verrissen. Unter der Leiche hätte er das Messer liegen gesehen, mit dem Anna das Opfer erstochen hatte und er hätte bei dieser Gelegenheit gleich durch die Decke den Kopf abgeschnitten. "Warum durch die Decke?", beantwortete der Angeklagte, dass er die kalte Leiche nicht anfassen wollte. Nach dem Auslösen der Beine und Arme wäre das Kind schon wieder von der Schule gekommen und Gruber habe die Leichenteile unter dem Tisch verstecken müssen, auf dem das Mädchen dann seine Schulaufgaben geschrieben hatte.
Am Nachmittag wäre das Kind zum Spielen wieder aus der Wohnung gegangen und Gruber habe die Zeit genutzt, um mit Anna Magerl zu schlafen. Gestärkt aus diesem Liebeserlebnis konnte er die Zerstückelung weiter fortsetzen. Da die Verbrennung nicht so leicht vonstatten gegangen war, wie er sich das vorgestellt hatte, habe er Weichteile auf kleine Stücke zugeschnitten und in den Kanal geworfen. Anna habe sich das alles sehr zu Herzen genommen und den Freitod gesucht, er aber die Schuld auf sich genommen. Und dies nur, so sagte er zumindest jetzt vor Gericht, weil die Zeitungen so schlecht und unwahr berichtet hätten.

Gruber ist ein Gemütsathlet

Bei der Befragung durch den Staatsanwalt wollte er sich als der zartbesaitete und empfindsame Mann darstellen, der doch nur aus Rücksicht auf die anderen die Schuld auf sich genommen habe. Doch Dr. Pruckner beeindruckte die Vorstellung nicht: "Ein Mensch, der imstande ist, eine 90 Kilogramm schwere Frau in ein Nichts aufzulösen, ist ein Gemütsathlet!" Im Folgenden schilderte Gruber wieder eine neue Version der Zerstückelung der Toten. Dabei wollte er ein kleines Taschenmesser benutzt haben, mit dem er den ganzen Körper zerlegt hätte. Mit dieser Ausführung stieß er auf wenig Glauben. Seine Rohheit zeigte dann auch sein Verhalten, als er das erste Mal von Kriminalbeamten zum Verschwinden der Walter befragt worden war: In der Hand hielt er ein blaues Papiersackerl, in dem die Aschenreste der verbrannten Leichenteile waren!
Eine der ersten Zeugen war die Mutter des Angeklagten. Der Vorsitzende klärte sie auf, dass sie sich der Aussage entschlagen könnte. Sie wandte sich zu ihrem Sohn und fragte: "Franzl, soll i’ aussag’n?" – "Wie’st wüst!" Der Vorsitzende entrüstet: "Das geht doch nicht, dass sich die Zeugin da mit dem Angeklagten unterhält!" Doch Gruber imponierte das nicht und er schrie in den Saal: "Sag’ ruhig, was’d am Herzen hast!" Wieder rügte der Vorsitzende dieses Verhalten. Darauf entschlug sich die Frau der Aussage und ersuchte, auf die Einvernahme ihres Gatten zu verzichten, der das sonst nicht überleben werde. Danach folgten weniger aufregende Aussagen, erst als die Freundin Grubers aufgerufen wurde, wurde es wieder lebhafter. Die verheiratete Frau berichtete, zwei- bis dreimal in der Woche bei Gruber gewesen zu sein und dass sie auch ihre zwei Buben mitgehabt hätte. Erschüttert stellte der Staatsanwalt fest, dass es doch schon bemerkenswert sei, wenn eine verheiratete Frau mit ihren Kindern zum Liebhaber geht und vor diesen Geschlechtsverkehr hat.
Am zweiten Verhandlungstag wollte Gruber nicht mehr am Prozess teilnehmen, sechs Justizwachebeamte mussten ihn in den Saal tragen. Staatsanwalt Dr. Pruckner sah sich gedrängt, beruhigend auf den Angeklagten einzuwirken. Plötzlich erhob sich Gruber und sagte: "Meine gestrige Aussage, die Magerl sei die Täterin, war falsch. Ich habe die Walter umgebracht!" Er erzählte, dass die beiden Schwestern wieder einmal gerauft hätten und er eingegriffen habe, dabei habe er die Walter so unglücklich am Hals erwischt, dass sie zusammengesunken wäre und sich nicht mehr gerührt hatte. Er gab zu, schon zwei bis drei Minuten den Hals zugedrückt zu haben.

Gruber wird die Luft zu dick

Die folgenden Zeugenaussagen verliefen ruhig, erst wieder die Tochter des Hausbesorgers brachte Bewegung in die Zuschauerreihen, als sie vom angeblichen Waschtag der Magerl berichtete. Sie hatte sich noch gewundert, dass erst am Nachmittag angefangen wurde. Sie hatte dann gesehen, wie Gruber und Magerl gemeinsam den zugedeckten Waschtrog hinuntergetragen und dieser einen sehr schweren Eindruck gemacht hatte. Sie hatte sich noch gefragt, was die Leute da für Kramuri hinunterschleppten. Kurz danach sind sie schon wieder heraufgekommen und sie hatte sich gedacht, das ist aber eine komische Wascherei! Auch war ihr der bläuliche Rauch aufgefallen und hatte zu ihrer Mutter gesagt: "Jö Mutter, schau den Rauch an!" Die hatte es aber nicht so sonderlich gefunden und nur gemeint: "Is’ halt a’ Rauchfangrauch!" Und gestunken hätte es auch so, aber man hatte sich nicht weiter darum gekümmert.
Als der nächste Zeuge aufgerufen wurde, bemerkte der Vorsitzende, dass Gruber gar nicht auf seinem Platz saß, er hatte sich unbemerkt aus dem Saal geschlichen. Dr. Hanel ließ ihn wieder in den Saal bringen und sagte: "Das geht doch nicht, dass Sie einfach rausgehen." Gruber antwortete: "Herr Rat, i’ wollt’ grad’ nur a’ bisserl Luft schnapp’n!"
Der weitere Verlauf der Verhandlung an diesem Tag war ohne Zwischenfälle und brachte keine neuen Erkenntnisse. Am nächsten Tag versuchte der Staatsanwalt auf den Angeklagten einzuwirken, ein Mordgeständnis abzulegen. Er glaubte ihm seine bisherigen Aussagen nicht, denn sie zielten nur darauf aus, mit einer Verurteilung wegen Totschlages billig davon zu kommen. Auch der dritte Verhandlungstag entbehrte nicht mancher humoristisch wirkender Einlage. Als Dr. Pruckner Gruber auf den Streit der Schwestern ansprach und ihn fragte: "Was hätten Sie als Mann, der zwischen den beiden Frauen stand, pflichtgemäß tun müssen?", betrat der zu spät kommende Rechtsanwalt Dr. Sperber den Saal und hatte gerade noch die letzten Worte vernommen. Noch bevor er seinen Platz erreicht hatte, erhob er schon die Hand und sagte: "Diese Frage halte ich für unzulässig. Wir können doch nicht vom Angeklagten ein Gutachten über Ritterlichkeit einfordern!" Der Staatsanwalt reagierte verärgert: "Herr Verteidiger, Sie haben heute bis jetzt noch gar nicht am Verfahren teilgenommen und können auch gar nicht wissen, worum es geht. Also stören Sie mich nicht und lassen Sie mich hier arbeiten!"
Punkt ein Uhr war die Abfahrt zum Lokalaugenschein geplant und ein Überfallsauto der Polizei wurde bereitgestellt, um alle in die Wichtelgasse zu bringen. Es dauerte geraume Zeit, bis endlich alle im Wagen Platz gefunden hatten, nur der Vorsitzende stand noch auf der Straße. Als kein Sitzplatz mehr frei war, meinte er trocken dazu: "Also eigentlich hätte ich schon auch dabei sein wollen!"
Die Bevölkerung Wiens hatte schon auf den Lokalaugenschein gewartet, unzählige Menschen hatten sich an den Schauplätzen der Tat eingefunden. Die Polizei hielt den Weg frei, so dass der Gerichtshof mitsamt dem Angeklagten ungehindert den Tatort betreten konnte. Nach Auforderung des Vorsitzenden führte Gruber vor, wie er die Tat begangen haben wollte, wobei er immer wieder heftig schluchzend und weinend unterbrach. Dem Verteidiger war die Vorführung, bei der niemand das Opfer spielte, zu wenig und er forderte, dass der Angeklagte genau demonstrieren sollte, wie er die Walter gewürgt hatte. Der Vorsitzende lehnte ab: "Wir können nicht riskieren, dass noch jemand erwürgt wird." Dr. Sperber: "Ich habe keine Angst, packen Sie mich nur am Hals!" Gruber führte den Angriff vor. Im Keller wurde der Ofen besichtigt, in dem er mit der Verbrennung begonnen hatte. Als man die Kanalöffnung besichtigte, wunderte sich der Vorsitzende, wie es denn möglich gewesen sein konnte, die Fleischstücke in die kleine Öffnung zu stecken. Gruber gab an, dass er die Stücke öfters nochmals zerschneiden musste und dann mit einem kleinen Stöckchen in den Kanal gestopft hatte. Er selbst konnte nicht angeben, wie lange es gedauert hatte, bis alle Stücke im Kanal waren. Aufgrund der Erhebungen war anzunehmen, dass dies mindestens zwei Stunden gedauert hatte.

Die Öffentlichkeit will Gruber lynchen

Auf ein rückhaltloses Geständnis hatte man umsonst gehofft. Nach dem Lokalaugenschein verließen die Beteiligten das Haus und sahen sich Tausenden Menschen gegenüber. Als die Menge den Angeklagten erblickte, stürmte sie nach vor und durchbrach den Polizeikordon. Mit erhobenen Fäusten stürzten sie sich auf Gruber und ihre Rufe machten deutlich, was sie über ihn dachten: "Hängt’s eam auf, den feigen Mörder!" – "Auf’n Galgen mit dem Fallotten!"
Am letzten Verhandlungstag gab Prof. Dr. Werkgartner sein Gutachten ab. Aus den erhaltenen Leichenteilen konnten Rückschlüsse gezogen werden, dass ein Würgeakt zum Tod der Marie Walter geführt hatte. Eine derartige Zerstückelung hatte der Sachverständige noch nie gesehen und wurde auch noch nicht in der Fachliteratur beschrieben. Die Schlussrede des Staatsanwaltes Dr. Pruckner dauerte zwei Stunden, in der er die Verwerflichkeit der Tat hervorhob und die Verkommenheit des Angeklagten verdeutlichte, wie er zu Beginn der Verhandlung mit den Worten "bei den Fettstücken der Toten" seine Unschuld beschwor. Auch glaubte er zum Schluss der Verhandlung noch immer nicht, dass Gruber endlich die Wahrheit gesprochen hätte. Dr. Pruckner hatte sich mit der Persönlichkeit des Angeklagten eingehend beschäftigt und er könnte jetzt sagen, dass in ihm eine Hyäne sitzt, heimtückisch, feig und würgend! Die Rede des Rechtsanwaltes war dagegen wesentlich kürzer, er bat um Milde. Dass Gruber die Tat begangen hatte, war unbestritten, doch der Beweis, des vorsätzlichen Mordes wäre nicht erbracht worden. Und das, was Gruber nach der Tat mit der Leiche gemacht hatte, könnte ihn auch nicht vom Totschläger zum Mörder machen. Er flehte die Geschworenen an, im Angeklagten einen Menschen zu sehen und keine Hyäne!
Die Geschworenen benötigten eine Stunde, dann verkündete der Obmann den Wahrspruch: Die erste Frage auf gemeinen Mord wurde mit elf Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme beantwortet, die Zusatzfrage auf tückische Verübung des Mordes hingegen einstimmig verneint. Nach halbstündiger Beratung verkündete der Gerichtshof das Urteil: Franz Gruber wurde zu zwanzig Jahren schweren Kerkers, verschärft durch hartes Lager in jedem Vierteljahr und einsame Absperrung in dunkler Zelle an jedem Jahrestag des Verbrechens verurteilt. Am 7. Februar 1933 verwarf der Oberste Gerichtshof die Nichtigkeitsbeschwerde Grubers.
Bearbeitet von Erich Müllner