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Ellingers Kommentar
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Gesetze vor Sprachverfall bewahren
Eigentlich halte ich mich nicht für einen Sprachpuristen, dennoch nehme ich mit wachsendem Unbehagen zur Kenntnis, dass immer mehr Menschen der deutschen Sprache nicht mehr mächtig sind. Selbst bei der Ausbildung von Rechtspraktikanten und Richteramtsanwärtern muss man immer wieder feststellen, dass diese sich mit der deutschen Sprache zunehmend schwer tun. Dass Anglizismen, Abkürzungen und Emoticons Einzug in unsere Sprache halten, erscheint bedauerlich, aber im Wege von SMS offenbar unabänderlich.
SMS-Sprache
Einen besonderen Schub im Sprachverfall scheint das Handy mit der Möglichkeit des SMS darzustellen. Einer im Jahr 2003 präsentierten deutsch-japanischen Studie zur Folge dient die Versendung von SMS hauptsächlich der Planung und Abstimmung von Verabredungen, dicht gefolgt vom Austausch diverser spontaner Kurzinformationen, wie es einem momentan geht und was man gerade eben macht. Rund zwei Drittel verwenden SMS, um sich bei Freunden und Angehörigen zu melden. Erstaunlich viele Männer (45 %) bekämpfen mit SMS ihre Langeweile, bei den Frauen sind es knapp 40 %. Darüber hinaus erlaubt die als unverbindlich empfundene Mitteilungsform SMS auch reizvolle Flirtversuche, die offenbar von Angesicht zu Angesicht unterlassen worden wären. Nach Meinung der Autoren ist das Schreibverhalten nicht zwingend unkorrekt, sondern es werden schlicht andere Formen verwendet. Dies zeige sich bei der Groß- und Kleinschreibung: zwar weichen über 60 % der Kurznachrichten von der normierten Groß- und Kleinschreibung ab, dies liege aber überwiegend am schwierig zu benutzenden Interface (die Anordnung der Tastatur mit ihren Mehrfachbelegungen suggeriert eine möglichst ökonomische Nutzung). Inhalte werden dramatisch verkürzt, die verwendeten "Emoticons" (Smilys) dienen der Beschreibung des emotionalen Zustands. Die Chat-Kommunikation und vor allem die Comic-Sprache hält Einzug in Dialoge. Es mutet komisch an, wenn man "freu", "drück", "ggg" (Grinsen), "hdl" (hab dich lieb) oder "asap" (as soon as posible) liest. Insgesamt steht die Studie den sprachlichen Veränderungen durch SMS eher gelassen gegenüber. So meint Jakob Steuerer in einem Artikel in der Presse vom 06. März 2004: "MY SMS 4 U: SPRACHE is halt unkaputt-bar ... °GGG° ... JS." Alles klar! Mögen zwar die SMS am Verfall der Sprache nicht schuld sein, vielleicht sind es die Deutschprofessoren, die keinen Wert mehr auf die Korrektheit der Sprache legen. Bedenklich wird es, wenn sich der Sprachverfall in der Gesetzessprache und in der Verständlichkeit von Urteilen, Beschlüssen und des Schriftverkehrs ganz allgemein manifestiert. Unsere hoch entwickelte Industriegesellschaft verändert sich in allen Lebensbereichen mit einer atemberaubenden Dynamik. In dieser Vielfalt von Entwicklungstendenzen erscheint manchem Zeitgenossen die Justiz, das Recht als etwas noch Verlässliches, als ein Hort der Sicherheit. Man erwartet Gerechtigkeit, Humanität und Liberalität. Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte sind nicht selten mit einer solchen Erwartungshaltung unserer Mitbürger konfrontiert. Aber auch an der Sprache der Justiz ist die Entwicklung nicht vorbeigegangen. Sachverhalte werden zunehmend komplexer, das Rechtssystem zunehmend unüberschaubar.
Sprache – wichtigste Arbeitsinstrument des Juristen
Aber immer noch ist Recht in Sätzen (Rechtssätzen) gefasst. Recht kann ohne Sprache nicht gedacht, nicht vermittelt, nicht angewendet, nicht verändert werden. Die Sprache ist daher die Existenzgrundlage des Rechts und sie ist das wichtigste Arbeitsinstrument des Juristen. Wir wissen, dass unsere Sprache auch ungenau, mehrdeutig und durch wechselnde Begriffsinhalte ausgezeichnet ist. Die Veränderung einer Interpunktion, Groß- oder Kleinschreibung, vermag den Inhalt des Gesagten erheblich zu verändern. Jedes Wort, jeder Satz bezieht ihren Sinn wesentlich aus dem Zusammenhang, aus dem temporären, gesellschaftlichen und lokalen Umfeld. Die Bedeutung des gesprochenen Wortes kann sich unter veränderten Rahmenbedingungen ins Gegenteil verkehren.
"Freiballon-Fahrt"
Einen Text verstehen setzt voraus, dass man die Situation kennt und begreift, auf die dieser Text eine Antwort geben soll. Das gilt ganz besonders für Gesetzestexte. Der Versuch einer Auslegung nach schlichtem und vernünftigem Wortlaut ist aber nicht selten mit Komplikationen verbunden. Ph. Heck vergleicht derartige Auslegungsversuche "mit einer Freiballon-Fahrt": Der Text wird aufgeblasen wie ein Luftballon und der Wind des jeweiligen Zeitgeistes treibt ihn, wohin er will (Ph. Heck, Gesetzesauslegung und Interessenjurisprudenz, AcP 112, 1 ff, 62 Fn 89). Die Unsicherheit und Ungenauigkeit der Sprache erfordert nicht nur vom Juristen, sondern von jedem, der bemüht ist, sich korrekt auszudrücken, ständige Präzisierungen und Definitionen. Darüber hinaus unterliegt die Sprache auch dem Zeitgeist und viele Wörter erleben einen teils dramatischen Bedeutungswandel. All das zeigt schon, dass die Rechtssprache einen recht unsicheren Boden hat. Wir müssen uns klar sein, dass jede Rechtsprechung nur so gut oder so schlecht ist, wie es das Sprachvermögen desjenigen, der das Recht zu vermitteln hat, zulässt.
Immer schwerer zu lesen...
Damit aber sind wir beim Problem der Verständlichkeit angelangt. Gerade um präzise zu sein, wird unsere Sprache abgehoben und elitär. Wir sollten in der Lage sein Entscheidungen so zu vermitteln, dass jeder sie lesen und verstehen kann. Wenn sie heute eine juristische Arbeit kritisch lesen, wird ihnen auffallen, dass ein durchschnittlicher Bürger derartigen Darlegungen nicht mehr folgen kann. Hier wäre bereits der Gesetzgeber gefordert, denn Gesetze werden immer unübersichtlicher, immer kasuistischer, immer schwerer zu lesen und dies setzt sich dann in den Einzelfallentscheidungen und den wissenschaftlichen Arbeiten fort. Die Weisheit: "Der Gesetzgeber soll denken wie ein Philosoph, aber reden wie ein Bauer" gilt für Gesetzgeber und den Verfasser von Erkenntnissen oder juristischen Arbeiten gleichermaßen. Besonders schlimm wird es, wenn sich Gesetzgeber und Rechtsanwender dem sprachlichen Zeitgeist, der SMS-Diktion unterwerfen, wenn die Verluderung der Sprache in Gesetzen und Urteilen Einzug hält, wenn Syntax und Grammatik keine besondere Bedeutung mehr haben. Eine verständliche Sprache wäre bürgerfreundlich und ein Service des Dienstleistungsbetriebes Staat, des Dienstleistungsbetriebes Justiz an seiner Klientel, den Bürgern.
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