Buch

„A bissl a Grapscher“

Markus Oirer rechnet ab, mit seinen Missbrauchserlebnissen als Kind und vor allem mit den vielen Menschen, die „es“ gewusst, verschwiegen und zugelassen haben.

Endlich hat es einer ausgesprochen, sagen achtzig Prozent der Leute in meinem ehemaligen Heimatort“, sagt Markus Oirer, Autor des Buches „Aus Tränen werden Kristalle“. „Die restlichen zwanzig Prozent sagen, der Oirer braucht Geld. Weil es hat ihn ja gar nicht so arg getroffen – mit dem X- Bauern.“
Der „X-Bauer“ wird in Oirers Buch unter der Bezeichnung „der Täter“ geführt, Oirer selbst als „das Opfer“. Doch als „Opfer“ möchte er nicht mehr gesehen werden. „Das Buch ist auch mein ganz persönlicher Schlussstrich unter die Angelegenheit“, betont Markus Oirer. „Ich habe mein Schicksal als Teil meines Lebens angenommen und akzeptiert.“
Den Untertitel seines Buches, „Abrechnung einer missbrauchten Seele“, habe er bewusst gewählt. „Es ist eine Abrechnung mit den Geschehnissen, nicht mit dem Täter“, erklärt er. „Es ist auch eine Abrechnung mit der Gesellschaft, meiner Umwelt als Kind.“ Es war eine Umwelt, die nicht reagiert hat, als er sie fragen wollte: Bin ich verrückt, oder ist er es?

Ein Ort in Oberösterreich. Markus Oirer wuchs in einer Gemeinde nahe Freistadt in Oberösterreich auf. Er lebte bei seinen Eltern mit seinem Bruder und seinen Schwestern – eine banal normale Familie nach dem Muster der siebziger Jahre. Markus, Jahrgang 1972, war Mitglied in Vereinen und immer wieder konfrontiert mit „Laienkräften“ – Menschen, die mit Kindern umzugehen wussten, denen die Herzen der Kinder „zugeflogen sind“, weil sie ein Herz für Kinder hatten.
Heute weiß man, gerade Missbrauchstäter sind oft diejenigen, die die Nähe von Kindern suchen. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre bekam einer von ihnen Wichtigkeit im Leben von Markus Oirer. „Heute weiß ich: Das, was damals passiert ist, hat nicht nur mein Leben damals bestimmt, es hat das bis zum heutigen Tag getan“, sagt Oirer.
Der „Täter“ „opferte“ seine Freizeit den Zehn-, Zwölfjährigen – und er war ihr Begleiter, während sie ihre Sexualität zu entdecken versuchten. „Wenn wir mit dem Auto gefahren sind, wollte keiner von uns vorne neben ihm sitzen – obwohl es eigentlich das Coolste gewesen wäre, am Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen“, erzählt Oirer. „Denn der, der vorne gesessen ist, hat damit rechnen müssen, dass die Hand des Fahrers auf seinen Schenkeln gelandet ist.“ Die Hand ist dann weiter nach oben geglitten. Der Fahrer hat dabei schwer geatmet.
Wenn „Räuber und Gendarm“ gespielt wurde, war das „Ausgreifen“ mit am Programm. Es war ein Spiel, wie es die Burschen mit zehn, elf Jahren spielten. Da konnte es doch kein Unterschied sein, ob ein Erwachsener dabei war. Oder nicht?
„Diese Frage: Bin ich verrückt oder ist das nicht normal, was er macht?, ist ständig in meinem Kopf herumgegeistert“, berichtet Oirer. Das blieb so in den folgenden 25 Jahren.

In der Garage. Die letzte Begegnung dieser Art mit dem „Täter“ hatte Markus Oirer in der Garage des Mannes. Oirer, damals 14 Jahre alt, kam in den Sommerferien nach seinem Hauptschulabschluss zu dem Mann in die Garage. Er gab ihm eine Flasche Bier. Der Bursch fühlte sich anerkannt, erwachsen, cool. Seltsam fühlte es sich an, als der Mann plötzlich zum Garagentor ging und es schloss. „Ich zeig dir was.“
„Es hat sich überhaupt vieles komisch angefühlt für uns Buben damals“, sagt Oirer. „Wir haben es alle geahnt und in Wirklichkeit gewusst: Da stimmt etwas nicht.“ Doch die Burschen sprachen nicht über die Vorfälle und das „Komische“ daran – weil man über bestimmte Dinge nicht redete.
Der „Täter“ ging zu einer Werkzeuglade in seiner Garage, holte Pornohefte heraus und reichte sie Markus rüber. „Da – kannst reinschauen.“ Er stellte sich hinter den Buben, der in den Heften blätterte. Oirer habe gespürt, wie er hinter ihm atmete. Als der Mann Hand an dem Burschen legen wollte, kam es zu einer Abwehrhandlung – und „dann hat wieder dieses Verwirrende stattgefunden: Er hat gesagt: Was ist los, gefällt dir das denn nicht?“, erinnert sich Oirer. „Für mich als Vierzehnjährigen hat das bedeutet: Das, was er getan hat, ist normal, nicht das, wie ich reagiert habe.“
Markus Oirer lief davon, fuhr mit dem Fahrrad nach Hause und setzte sich auf die Wohnzimmerbank neben seine Eltern, ohne etwas zu reden. Er sah sich mit seinen Eltern den Freitagabend-Krimi an. Den „Täter“ besuchte er nicht wieder.
„Natürlich habe ich in den Vereinen noch Kontakt zu ihm gehabt und natürlich hat er immer wieder versucht, sich mir anzunähern, vor allem dann, wenn Alkohol geflossen ist – aber ich habe es jedes Mal vermeiden können“, berichtet Oirer. Heute ist er überzeugt, der „Täter“ hat sich andere Opfer gesucht.
Oirer lebte noch zehn Jahre im Haus seiner Eltern. Er galt als „schwieriger“ Jugendlicher. Er versuchte, sich mit Alkohol über seine Probleme hinwegzuhelfen. Was Mädchen betraf, war er auf der Seite der „Gehemmten“. Mit 24 zog er mit einer Freundin zusammen – seiner späteren Frau. Als es 2006 zur Trennung und Scheidung kam, tauchten aus Oirers Seele die Geschehnisse von „damals“ an die Oberfläche.
„Es war eine Fernsehsendung in einem deutschen Sender, die mir die Augen geöffnet hat und mir klar gemacht hat, warum ich bin, wie ich bin“, schildert Oirer. „Die Vorfälle mit diesem Mann haben mein gesamtes späteres Leben geprägt und mitbestimmt.“

Eine Krise. Es ist nicht selten, dass in krisenhaften Lebensphasen Missbrauchserlebnisse aus der Kindheit auftauchen. 2006 war nicht nur das Scheidungsjahr für Oirer. Es war auch das Jahr, in dem er in der beruflichen Selbstständigkeit scheiterte – und immer tiefer in Schwierigkeiten schlitterte – bis in die Depression.
Missbrauchsopfer sind als Kinder und Jugendliche nicht immer die „hilfsbedürftig und schwach“ erscheinenden Zeitgenossen. Oft versuchen sie, ihre Probleme in Wutausbrüchen zu verarbeiten, mit Selbstverletzungen oder Verletzung anderer. Wenn sie als Erwachsene einen Missbrauch melden, dann haben sie oft ein Leben hinter sich, das nicht in geraden Bahnen verlaufen ist. Man schreibt ihnen die Schuld an ihrem Dilemma eher selber zu, als mit der Ursachensuche für ihr Verhalten zwanzig Jahre früher anzusetzen.
Oirers Mutter. „Die Erste, der ich 2006 von meinen Missbrauchserlebnissen erzählt habe, war meine Mutter“, berichtet Oirer. Es war kurz vor Weihnachten. Oirers Vater war drei Jahre davor verstorben.
Doch zwischen der Entdeckung in seiner Seele während der TV-Sendung im Jahr 2006 und dem Gespräch mit seiner Mutter lagen rund acht Wochen. „Das ist etwas Typisches in dem Aufdeckungsprozess – zumindest für mich“, sagt Oirer. Bis er sich zur Anzeige durchrang, vergingen noch einmal etwa sechs Monate.
Als Oirer seiner Mutter bei einem Kaffee gegenüber saß, merkte er, wie sehr sie geahnt oder gar gewusst hatte, was sie jetzt erwartet. Ihre erste Reaktion: Der Vater und sie hätten es „irgendwie“ immer vermutet.

Der zweite Missbrauch. „Das war für mich das Schlimmste, dass es Menschen in meiner Umgebung gewusst und nichts dagegen unternommen haben“, sagt Markus Oirer heute. Es war „der zweite“ Missbrauch. „Das war eigentlich noch schlimmer als der Missbrauch selber.“
Oirer besuchte unter anderem einen seiner Jugendfreunde und sprach ihn auf die Vorkommnisse in ihrer Kindheit und Jugend an. „Ja, das wissen wir doch alle – a bissl a Grapscher war er doch immer“, war dessen Reaktion. „Für mich hat es den Anschein, dass es viele im Ort gewusst haben“, sagt Oirer. Der Ort, von dem er spricht, umfasste etwa 3.000 Einwohner. „Die einen waren froh, dass sie oder ihre Kinder offenbar nicht so arg betroffen waren, die anderen haben versucht, ihre Kinder von ihm fernzuhalten.“ Das bedeute aber auch, dass der Missbrauch zugelassen worden sei.
„Der Ausdruck a bissl a Grapscher zeigt mir auch, wie fahrlässig die Gesellschaft mit Vorkommnissen umgeht, die manche Kinder als schwerst traumatisierend erleben“, sagt Markus Oirer, „und wie fahrlässig sie die Straftaten zulässt.“
Anruf bei der Polizei. Als sich Markus Oirer in der für seinen ehemaligen Heimatort zuständigen Polizeiinspektion meldete, erhielt er die Auskunft, das Delikt sei bereits verjährt. Doch die Beamten zeigten sich interessiert, da sie vermuteten, den Täter zu kennen – wie es in ländlicher Umgebung sehr oft der Fall ist. Bereits am Telefon wollten sie den Namen des Täters wissen. „Genau diese Umstände habe ich als Opfer aber eher hinderlich für die Anzeige gefunden“, berichtet Oirer. Er wandte sich an eine andere Polizeidienststelle. „Dort ist meine Anzeige von einem einfühlsamen Beamten sehr behutsam behandelt worden“, erzählt Oirer.
Jene Institution, über die der Mann mit Markus Oirer in Kontakt gekommen war, hatte er allerdings etwa zehn Jahre zuvor verlassen. „Möglicherweise hat man dort etwas bemerkt und die Geschehnisse zugedeckt“, mutmaßt Markus Oirer. Doch der verdächtige Mann war in anderen Institutionen im Ort mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt.
Er hatte eine fixe Position im Ort, war auch für die Gemeinde aktiv. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter. Eine davon war eng befreundet mit Oirers Schwester. „Als ich 2010 das Buch herausgegeben habe, ist es durch eine Lokalzeitung vorangekündigt worden“, erzählt Oirer. „In dem Artikel sind noch kaum Details drinnengestanden.“ Trotzdem habe die Tochter des „Täters“ Oirers Schwester angerufen und gesagt: „Gell, der, den der Markus beschreibt, ist mein Papa.“
Die Anzeige von Markus Oirer wurde an das Landeskriminalamt Oberösterreich weitervermittelt. „Sämtliche Beamte in dem Fall haben sich sehr interessiert und zuvorkommend gezeigt“, erinnert sich Oirer. „Aber irgendetwas ist passiert“, vermutet er. Offenbar führten die Ermittlungen zu keinen Ergebnissen, die den Verdacht untermauert hätten, dass der „Täter“ in jüngerer Zeit aktiv gewesen wäre. „Was genau die Polizisten getan haben, ist mir verborgen geblieben“, sagt Oirer.
Das einzig für ihn Wesentliche, das er von den Polizisten erfuhr, war, dass der „Täter“ mit einer Verleumdungsklage gedroht habe. „Obwohl es für mich wie eine Einschüchterung von den Beamten des LKA geklungen hat, hat es mich eher beflügelt, denn dann bestünde die Chance, dass alles aufgedeckt werden könnte“, sagt Oirer.
Markus Oirers Fall war mit Ablauf des zehnten Jahrestages des Vorfalls in der Garage verjährt, weil damals noch das alte Sexualstrafrecht gegolten hatte. Heute würde die Verjährungsfrist erst mit der Volljährigkeit des Opfers zu laufen beginnen, mit Vollendung des 18. Lebensjahres.

Die schlimmsten Fälle. „In den Medien und in der Öffentlichkeit generell dreht sich die Diskussion immer nur um die schlimmsten Fälle“, sagt Markus Oirer. „Dann spricht man natürlich von zwanzig Jahren Verjährungsfrist und bekommt den Eindruck, es geschieht ohnehin sehr viel für die Opfer und im Sinne einer Erleichterung ihrer Rechtslage.“ Bei den Fällen schweren sexuellen Missbrauchs handle es sich aber vielleicht um fünf Prozent der Fälle. „Für das Gros der Taten ist die Lage aber keineswegs so rosig, wie man meinen könnte.“
„Außerdem wird der Großteil der Missbrauchsfälle fast verharmlost, wenn immer nur von den schweren Fällen die Rede ist“, sagt Oirer. Vorkommnisse wie jene in der Garage aber seien für viele Opfer ebenso traumatisierend wie ein direkter sexueller Kontakt zwischen Täter und Opfer, „und sie sind ebenso prägend und lebensbestimmend“, fügt Markus Oirer hinzu.
Im Zuge der Aufdeckung wendete sich Oirer auch an den Bürgermeister seines ehemaligen Heimatorts. „Außer große Worte zu reden, hat er nichts getan“, fasst Oirer zusammen. Er würde so etwas in seiner Gemeinde nicht dulden und er werde aufräumen, hatte der Bürgermeister gepoltert. Getan hat er nichts. Erst als sich Anfang 2011 die Medien immer mehr dafür interessierten, kündigte er an, er werde eine Anlaufstelle für mögliche Opfer schaffen.

Missbrauchskommission. Oirer stellte sich auch der „Missbrauchskommission“, die sich mit Übergriffen kirchlicher Würdenträger beschäftigt.
„Das habe ich schrecklich empfunden“, berichtet er. „Ich bin einer Kommission von zwölf oder vierzehn Personen gegenüber gesessen und habe die Vorkommnisse bis ins letzte Detail schildern müssen.“
Ihm sei klar, dass die Fälle genau geprüft werden müssten, um Trittbrettfahrer zu vermeiden. „Aber in dieser Art und Weise ist es eher abschreckend für die Opfer. Ich würde das niemals wieder über mich ergehen lassen wollen.“
Markus Oirers Buch erschien im November 2010. Der Autor verfolgt zwei Ziele: „Ich möchte mit der Gesellschaft abrechnen, die zuschaut und zulässt“, betont er. „Und ich möchte anderen Opfern Mut machen, ihre Geschichten aufzudecken. Ich möchte, dass die Gesellschaft weiß, dass sie Grapscher zudeckt und dass diese Grapscher aber einen Riesenschaden anrichten.“
Oirer möchte es nicht bei dem Buch belassen. Er bezeichnet sich als „geheilt“. Er habe seine Geschichte aufgearbeitet. Das Buch habe auch dazu einen Beitrag geleistet. „Jetzt aber möchte ich hinausgehen und Opfer und Zuschauer direkt ansprechen.“ Er ist dabei, ein Präventionsprogramm im Rahmen einer Vortragsreihe in Oberösterreich zu entwickeln und es österreichweit auszudehnen.
In Oirers Leben ist nach der Aufdeckung aufgeräumt – auch wenn sie nicht im klassischen Sinn mit einer Verurteilung des Täters geendet hat. Seit einigen Monaten lebt er wieder mit einer Frau zusammen und arbeitet als Angestellter bei einem Medienunternehmen.
Der „Täter“ ist mittlerweile über sechzig Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Jahrzehntelang war er in Vereinen aktiv, wo er sich um die Jugend des Ortes kümmerte – in aufopfernder Weise. Oirer vermutet, dass es bis vor einigen Jahren auf jeden Fall ähnliche Übergriffe gab.