Porträt

Alles war eine Teamleistung

Die 29 Dienstjahre von Chefinspektor Johann Gartner waren geprägt von „heiklen“ Fällen.

Die meisten Fälle würden auch in der Bilanz anderer Kollegen stehen“, sagt Johann Gartner vom Landeskriminalamt Burgenland. „Denn die Arbeit als Kriminalist ist Teamarbeit. Da ist immer eine ganze Reihe von Beamten am Erfolg beteiligt. Unterm Strich zählt nur das Team.“ Er habe das „Glück“ gehabt, Aufsehen erregende Fälle mitbearbeitet zu haben: den Weinskandal, den WBO-Skandal, den Konkurs einer ganzen Gemeinde (in Österreich bis heute einzigartig), die Affäre um Fotos einer Kalaschnikov-Maschinenpistole, angefertigt im Haus des Landeshauptmanns Kery, veröffentlicht in der Zeitschrift Basta.
Nach 29 Dienstjahren steht Johann Gartner vor dem Ende seiner Laufbahn, ausgelöst durch einen Verkehrsunfall. „Mich freut es weniger, dass mich die Kollegen für den Kriminalisten 2005 eingereicht haben – mehr freut es mich, dass die Kollegen noch an mich denken, nach fast einem Jahr Krankenstand.“

Dienstantritt mit Verspätung

Begonnen hat Gartner seine Karriere 1977 nach der Gendarmerieschule auch mit einem Verkehrsunfall, als Zeuge. Das brachte ihm gleich bei seinem ersten Dienstantritt eine Verspätung von eineinhalb Stunden ein. „Es hat einige Zeit gekostet, bis ich den Postenkommandanten überzeugen konnte, dass ich einen verletzten Lenker aus dem Acker geholt habe und deshalb zu spät dran war“, erinnert sich Gartner.
Den 25-Jährigen zog es von Anfang an in die Kriminalabteilung. Er musste sich ein Jahr und fünf Monate am Posten Purbach gedulden und sich manchmal mit nicht Alltäglichem herumschlagen:
Mit einem Burschen, der einen Gelenksbus der Wiener Verkehrsbetriebe gestohlen hatte, während sich der Fahrer einen Stehkaffee gegönnt hatte. Der „Entführer“ des Stadtschiffs schaffte es bis zum Parkplatz des Parkbads Breitenbrunn am Neusiedler See.
Mit einem Reh, das ein Busfahrer überfahren hatte und das im Hof des Gendarmeriepostens Purbach ins Leben zurückkehrte.
Mit einem umgestürzten Weintraubentransport, der die Bundesstraße 50 auf einer Strecke von einem halben Kilometer in eine berauschende Rutschbahn verwandelte.
Im April 1979 wurde Gartner in die Kriminalabteilung (KA) Burgenland versetzt. Er wurde der Tatortgruppe zugeteilt – wie jeder, wenn er in der KA begann. 1980 mussten Gartner und Kollegen die Leiche eines jungen Mannes ausgraben, der von einem Burschen aus Eifersucht erschossen worden war. Der Mörder hatte in einem Proberaum unter einer Musikbühne ein 1,5 Meter tiefes Loch ausgehoben, die Leiche verscharrt und die Bühne auf dem Grab aufgebaut. die Tatortbeamten mussten das Erdreich nach der Hülse und dem Geschoss absuchen. „Wir haben es Schicht für Schicht durchgesiebt“, erzählt Gartner.
Als grässlichsten Leichenfundort hat Gartner eine Wohnung in Erinnerung. Erst nach der Tatortarbeit stellte sich heraus, dass das Opfer eines natürlichen Todes gestorben war. eine über 70 Jahre alte Frau war bereits mehrere Tage tot. Sie lag quer über einem Sofa. Der Boden rund um sie war mit Exkrementen bedeckt – dementsprechend der Geruch in der Wohnung. Während die Kriminalisten den Fundort in Gummistiefeln und mit Mundschutz nach Spuren absuchten, kochte sich der Ehemann der Verstorbenen im Nebenraum Krautsuppe und nahm sie zu sich.
Von Kriminaltechnikern und Tatortbeamten wurde 1981 der Tod eines Mühlenbesitzers geklärt. Der Mann war am Ufer der Wulka aufgefunden worden. Er hatte ein Einschussloch in der linken Schulter, ausgetreten war die Kugel im Bereich der rechten Niere.
Die Ermittler hatten erfahren, das Opfer habe des Öfteren Streit mit Jugendlichen gehabt, weil sie in der Nähe der Mühle mit einem Jagdgewehr auf Ratten geschossen hatten. Die Kriminalisten fanden heraus: Der Mann wollte die Burschen durch das Gestrüpp vom anderen Ufer aus beobachten. Er bückte sich, die Burschen zielten auf eine Ratte, schossen im flachen Winkel, das Geschoss prallte auf der Wasseroberfläche der Wulka auf, stieg auf und durchbohrte die Schulter des Mannes. Die Kriminaltechniker und die Tatortarbeiter testeten in einem Schotterteich bei Andau aus, ob die Ablenkung durch die Wasseroberfläche möglich war. Es war möglich.

Abschluss mit 6 Auszeichnungen

1982/83 besuchte Johann Gartner den Fachkurs und wurde dienstführender Beamter. Er schloss mit sechs Auszeichnungen ab – unter anderem in Strafrecht und in Kriminalistik.
Wieder zurück in der Praxis landete Gartner in der Wirtschaftsgruppe der KA. Seine Gruppe überführte einen Gemeindebediensteten des Amtsmissbrauchs: Er hatte Baukommissionsgelder in der Höhe von sechs Millionen Schilling (400.000 Euro) veruntreut. Die Kriminalisten mussten alle Bauverhandlungen der vorangegangenen fünf Jahre durchforsten.
Zwischen 1981 und 1984 war Gartner mit dem WBO-Skandal beschäftigt. Am Anfang arbeiteten er und Andreas Migsits an dem Fall, später ermittelten zwölf Beamte. Der Akt füllte Schränke und erschütterte den Glauben vieler an eine korruptionsfreie Republik. Mit WBO-Geldern wurden rund dreißig Firmen aufgebaut und künstlich am Leben erhalten. Geld lief teilweise im Kreis. Manche Wohnungsbesitzer mussten ihre Wohnungen zweimal kaufen.
Sämtliche Buchhaltungsunterlagen waren in einem Groß-Computer gespeichert – untergebracht in drei klimatisierten Räumen. Nachdem die Beschlagnahme nicht möglich war, erhielten die Kriminalisten den Auftrag, die Daten auszudrucken. „Der Drucker hat 48 Stunden lang durchgearbeitet“, erinnert sich Gartner. „Wir haben sämtliche Papierreserven aufgebraucht.“ Es folgte eine Hausdurchsuchung in der ÖVP-Niederösterreich. Der Landesparteisekretär geriet ins Kreuzfeuer – mit ihm der damalige Landeshauptmann von Niederösterreich, Siegfried Ludwig.
Durch einen Hinweis entdeckten die Kriminalisten einen Architektenplan für eine Schule in Gambia, die aus WBO-Mitteln finanziert werden sollte. Der Plan war eine Eins-zu-eins-Kopie der Europaschule Wiener Neustadt, mit Ausnahme des Rauchfangs – sowohl Original, als auch Kopie stammten aus einem namhaften Architekturbüro. Einer der Mitbesitzer war Firmling eines ehemaligen Bundeskanzlers. „Der Plan hat ausschließlich der Geldbeschaffung gedient“, schildert Gartner.
Alle Beteiligten wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die beiden Haupttäter erhielten je zehn Jahre Gefängnis. Das Urteil sprach Mag. Alfred Ellinger am Landesgericht Eisenstadt.
Manchmal führte der Zufall Regie in Gartners Akten – zum Beispiel 1985 nach einem Bankraub in der Raiffeisenkassa Winden. Ein Kollege der Kraftfahrabteilung überreichte Gartner am Tatort ein Konsum-Sackerl, das er auf der Fahrbahn der B 50 gefunden hatte. In dem Sackerl befand sich ein Einkaufsbeleg aus dem Konsum Wiener Neustadt. Gartner und sein Kollege Stefan Garger befragten die Kassierin. Sie konnte sich an den Burschen erinnern, der eine Strumpfhose und Handschuhe gekauft hatte – und sie konnte sich erinnern, dass der Mann bei der Führerscheinuntersuchung vor ihr an der Reihe gewesen war.
Die Beamten ermittelten den Namen des Verdächtigen und trafen sich am Nachmittag neuerlich mit der Zeugin in einem Café, um ihr ein Foto aus dem Führerscheinregister vorzulegen. „Das war dann nicht mehr notwendig“, schildert Gartner. „Denn plötzlich hat sie gesagt: Drehen Sie sich unauffällig um, der Mann sitzt zwei Tische hinter uns.“

„Skandale“

1985 bis 1987 beschäftigte der Weinskandal nicht nur verunsicherte Weintrinker wegen des bis dahin weitgehend unbekannten „Diäthylenglycols“. Im Burgenland nahmen als Erste Johann Gartner und Andreas Migsits den Faden auf. „Wir waren drei Tage lang praktisch rund um die Uhr mit dem Staatsanwalt bei Hausdurchsuchungen“, berichtet Gartner.
Parallel dazu setzte der Bewag-Skandal ein, im Zuge dessen Gartner den Landeshauptmann Kery vernahm. „Insgesamt habe ich den Landeshauptmann sicher ein Dutzend Mal befragt“, sagt Gartner. Einmal wegen des Vorwurfs, die Bewag habe ihm eine beheizbare Garagenauffahrt finanziert, ein anderes Mal, weil er angeblich keine Stromzähler im Haus hatte und für seine Stromkosten die Bewag aufgekommen sein soll.
1987 sprach der Landeshauptmann beim Chef der Kriminalabteilung vor, weil jemand in sein Haus eingebrochen war und eine Kalaschnikov-MP aus seinem Besitz fotografiert hatte. Der Parkettboden des Hauses war für ihn einwandfrei erkennbar. Gartners Aufgabe in diesem Fall war die Spurensuche im Haus des Landeshauptmanns. Der „Einbrecher“ wurde nie entlarvt. Um die Waffensammlung Kerys kam es zu einem Politskandal, in den auch hohe Beamte involviert wurden. Der Landeshauptmann lieferte die Pistolen und Gewehre der Gendarmerie ab. Wenig später trat er zurück. Zum Abschied schenkte er Gartner ein Buch „20 Jahre Landeshauptmann Theodor Kery“ mit der persönlichen Widmung „Herrn BI Gartner zur lieben Erinnerung an eine bewegte, aber schöne Zeit – 28. Oktober 1987.“

Kurioser Konkurs

Einer der kuriosesten Konkurse der Nachkriegsgeschichte arbeitete Gartner 1990 auf. Der Konkursantrag kam aus einem Gemeindeamt. Der Ort hatte es verabsäumt, am See-Tourismus teilzuhaben. Ende der 80er-Jahre rangen sich die Gemeindepolitiker durch, den Anschluss an den Neusiedler See auszubauen. Während Vertreter der Oppositionspartei einen Sessellift über den breiten Schilfgürtel zum See planten, ließen Vertreter der Bürgermeisterpartei eine Schneise durch das Schilf baggern. Der Aushub war nicht einmal zu einem Viertel fertig, da waren die budgetierten Kosten fast um das Dreifache überschritten. Doch der Besuch eines Ministers ermunterte die Ortsführung zum Weitermachen – im Gegenteil: Der Politiker versprach, allein für seine Mitarbeiter 300 Bootsanlegeplätze zu beanspruchen. Die Ortsältesten stockten die Pläne auf 500 Anlegeplätze auf.
„Es waren bereits mehr als das Zehnfache der ursprünglich budgetierten Kosten ausgegeben, als der nächste Rückschlag gekommen ist“, sagt Gartner. Das Land prüfte die Wasserqualität in der Baustelle und verfügte: „Baden verboten.“
Die Ortspolitiker ließen einen Rücklaufkanal planen, der das Badewasser aus dem Neusiedler See in das künstliche Schilfbecken umwälzen sollte. „Zu diesem Zeitpunkt war jeder Güterweg des Ortes, jedes öffentliche Gebäude verpfändet“, schildert Gartner. Die Bank drehte den Geldhahn zu, die Gemeinde meldete Konkurs an, die Gendarmerie leitete Krida-Ermittlungen ein, das Land verordnete der Gemeinde einen „Kurator“.
Mehrere Jahre später – die Gemeindeführung war wieder Herr über seine Güter – ersuchte Interpol London um Ermittlungen gegen den Briten Malcolm J. Er soll eine Bank in Ungarn um über 500 Millionen Dollar betrogen haben und im Raum Neusiedl/See aufhältig sein. „Mein Gefühl hat mich in den ehemaligen Konkurs-Ort gezogen“, berichtet Gartner. Tatsächlich stand der international gesuchte Betrüger Malcolm J. mit dem neuen Bürgermeister in Verhandlungen wegen des brach liegenden Seebads. Malcolm J. wurde in Wien verhaftet.
Wieder Jahre später erzählte der Bürgermeister, italienische Investoren hätten vor, das Bad zu kaufen und eine „Fantasiestadt“ zu errichten – eine Art Disneyland im Burgenland. Die Italiener wollten angeblich eine Milliarde Schilling investieren. Sie sprachen von einem Einzugsgebiet im Ausmaß von 800 Kilometern. Der Stromverbrauch sollte so hoch sein wie im gesamten Bezirk Neusiedl/See. Die Träume verflogen.
Heute besteht das Bad aus einer bescheidenen Wochenendhaus-Anlage einer Baufirma.

Auto aus Pappe

Zwischen 1992 und 1994 erlebte das Burgenland einen Aufschwung am Fahrzeugsektor. Wer einen Ferrari oder eine Harley Davidson importieren wollte, der oder die nicht ganz den Vorschriften entsprach, ließ das Fahrzeug im Burgenland einzelgenehmigen. „Es war der dickste Akt, an dem ich je mitgearbeitet habe“, erinnert sich Gartner. 26.000 Beweisunterlagen wurden sichergestellt und auf 4.500 Seiten zusammengeschrieben. 1.200 Fahrzeuge wurden in den drei Jahren illegal genehmigt – darunter ein Jaguar XJ 220, den ein Autonarr aus einem Stahlrahmen und Pappendeckel zusammengebaut hatte. Im Zuge der Ermittlungen verhaftete Gartner zum ersten (und einzigen) Mal einen Hofrat.
Vieles schönt das Gedächtnis im Nachhinein und verwandelt Fälle in Anekdoten. Bei manchen Ereignissen eines Kriminalisten kann sich das Gedächtnis noch so anstrengen – die „Verschönerung“ wird nie gelingen: „Ich erinnere mich, als er am 1. Jänner 1994 nach Hause gekommen ist – er hat gar nicht nach Neujahrsfeiern ausgesehen“, schildert Gartners Ehefrau. Ein Mann aus Mattersburg hatte seinen 4-jährigen Buben ertränkt und einen 6-jährigen erschossen. Dann bahrte er die Kinder im Ehebett auf und ging ins Schenkhaus. „Während wir im Schlafzimmer die blutdurchtränkte Decke fotografiert und andere Tatortspuren gesichert haben, haben draußen die Böller gekracht und die Leuchtraketen gepfiffen“, schildert Gartner.
Gartner wurde am 1. Juli 1995 Chef der „Sitte“ in der KA Burgenland, des Sachbereichs für Sexualdelikte. Durch eine Anzeige aus dem Freibad Wiener Neustadt, wo ein 55-Jähriger eine 11-Jährigen offensichtlich missbraucht hatte, gelangten die Beamten an eine burgenländische Familie mit fünf Kindern. Die Eltern hatten drei der Kinder immer wieder an ältere Herren „vermietet“. Eines der Mädchen, 12 Jahre alt, war von einem 68-Jährigen schwanger. Sie brachte einen Buben zur Welt. Mit 6 war sie zum ersten Mal „hergeborgt“ worden – an einen Mann, der in einer Mülldeponie gewohnt hatte. Zu Hause bei den Eltern war es nicht viel besser: In ihren Betten war Hundekot nichts Außergewöhnliches.
Der Vater der Kinder bekam die Höchststrafe. Der Fall wurde bei Vera im Fernsehen ausgeschlachtet.
In einem anderen Fall 1996 wurde ein 4-jähriges Mädchen mit Erstickungserscheinungen ins Spital eingeliefert. Es stellte sich heraus, die Eltern waren süchtig und hatten versucht, das Kind in den Mutterleib einzubringen – mit dem Kopf voran.

Schwellen abgebaut

Die zweite Hälfte der 90er-Jahre war geprägt von Aufsehen erregenden Missbrauchsfällen. Das Delikt wurde zum Thema gemacht, die Anzeigenzahlen vervielfachten sich.
„Wir haben gesehen, wir sind nicht so erfolgreich, wenn wir nicht Kinderschutzorganisationen einbinden“, schildert Gartner. Zwischen der Gendarmerie und den Institutionen gab es Schwellen. Der Kriminalist drängte darauf, sie zu überwinden. Er traf sich regelmäßig mit dem Kinder- und Jugendanwalt, den Jugendwohlfahrtseinrichtungen des Landes und mit Ärzten. Wenn ein Missbrauchsverdacht auftauchte, gingen die Organisationen koordiniert mit den Beamten vor. Die Gendarmen schritten erst zur Tat, wenn abgeklärt war, wie die Opfer versorgt werden konnten.
Das Krankenhaus Oberwart wurde zentral für Untersuchungen der Missbrauchsopfer herangezogen. Anlass war eine Untersuchung in einem anderen burgenländischen Krankenhaus, bei dem eine Ärztin eine Genitalienuntersuchung an einem Mädchen mit Gewalt vornahm, obwohl das Kind schrie und strampfte. „Wir haben das vom Gang aus mitgehört und beschlossen, so geht es nicht weiter“, berichtet Gartner. Der Beamte nützte seine Verbindungen ins Krankenhaus Oberwart und beschloss, die Untersuchungen nur mehr dort vornehmen zu lassen, wo die Ärzte und Ärztinnen sanft vorgingen.
Die „soziale Ader“ sieht Gartner als Voraussetzung für einen Kriminalisten. „So wie ich mich in einer Vernehmung in mein Gegenüber einfühlen muss und mit ihm auf seiner Ebene reden muss, fühle ich mich automatisch in andere ein, wenn sie Unrecht erleiden“, sagt Gartner.
Auch wenn das Unrecht Recht ist, findet er sich nicht damit ab. Im Jahr 2001 – Gartner war seit 1997 zur Kriminalpolizeilichen Beratung gewechselt – fuhren er und seine Nachfolgerin bei der „Sitte“, Brigitte Brunner-Riepl als Journaldienstbeamte nach Oberpullendorf zu einer Geiselnahme. Ein Iraker war mit seiner Frau, seinen drei Kindern und dem Bruder seiner Frau illegal über die Grenze gekommen. Als sie zurückgeschoben werden sollten, drohte der Iraker seine zweijährige Tochter gegen die Wand zu schlagen, wenn die Gendarmen nicht abzogen. Es gelang dem Dolmetscher, den Mann zum Aufgeben zu überreden. Der Geiselnehmer wurde später freigesprochen – in der Zwischenzeit versuchte Gartner immer wieder zu vermitteln. Er schenkte der Familie Geld und Gewand. Er verschaffte den Flüchtlingen Geld bei der Caritas. Er führte die Kinder auf den Wiener Christkindlmarkt aus. Er brachte die Familie wieder zusammen, als sie während des Asylverfahrens getrennt worden war. Zuletzt versuchte er, den Irakern eine Unterkunft in Tirol zu verschaffen, weil der Mann in die Nähe seines Bruders ziehen wollte, der in der Schweiz wohnte. „Ob das gelungen ist, weiß ich nicht“, sagt Gartner. Ein Herzinfarkt riss ihn im Juli 2004 aus dem Berufsleben.
Im November 2004 sollte Gartner wieder den Dienst antreten. Zuvor reiste er nach Dresden. Als er seine Taschen in den Kofferraum seines Wagens einräumte, stieß ein Fahrzeug gegen das dahinter parkende Auto, das nach vorne geschleudert wurde. Der Gendarm wurde mit beiden Beinen zwischen den Stoßstangen eingeklemmt. Er erlitt Trümmerbrüche und wachte nach einer Notoperation neben einer Schmerzmaschine auf. Anfangs wollten ihm die Ärzte beide Beine amputieren. Gartner wurde auf der Tragbahre nach Österreich zurückgeflogen und neuerlich operiert. Er verbrachte die nächsten vier Monate im Rollstuhl. Seine ersten Schritte absolvierte er am Stufenbarren.
„Der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen ist nie abgerissen“, betont Gartner. Sein Chef, Landespolizeikommandant Nikolaus Koch, jahrelang sein KA-Kommandant, ließ ihm für den Rollstuhl über die Stiegen eine Auffahrt aus Holz zimmern. Gartner braucht heute den Rollstuhl nicht mehr.
Mittlerweile leitete die Behörde ein Pensionsverfahren ein – „weil ich nichts mehr wert bin“, sagt er. Der Chef des Landeskriminalamts Rainer Erhart und sein Stellvertreter Horst Teuschl sind anderer Meinung. Sie reichten Gartner für den „Kriminalisten 2005“ ein.