Buch

Mord und Totschlag

Der Journalist Paul Yvon und der langjährige Leiter der Mordkommission der Wiener Polizei, Dr. Ernst Geiger, haben eine Übersicht über die spannendsten und skurrilsten Kriminalfälle der letzten 25 Jahre geschrieben.

Ernst Geiger: "Ich ertappte mich dabei, dass ich mich auf die Interviews mit ihm freute, weil man die Informationen tiefer, wenn auch mit kritischerer Reflexion, hinüberbrachte."
In ihren jeweiligen Vorworten in ihrem Buch "Es gibt durchaus noch schöne Morde" schildern der Polizist Ernst Geiger und der Journalist Paul Yvon ihre ersten Erfahrungen miteinander. Sie lernten sich Ende der 80-er-Jahre kennen. Damals wurde das Sicherheitsbüro in den Medien angeprangert. Ein Häftling hatte, in der Hoffnung auf Vergünstigungen, behauptet, er sei bei der Polizei geschlagen worden, andere waren ihm gefolgt. Die Behauptung stellte sich als Schutzbehauptung heraus. Aus Sicht des Polizisten waren Yvons Artikel nicht nur kritisch, sondern auch mit Vorurteilen behaftet.

Polizei und Medien – eine Zweckehe?

"Am Anfang stand eine große Polarität zwischen uns", erzählt Geiger. "Er war der große Polizeikritiker und hatte mit seinem profil-Artikel ‚Eingesackelt’ über die angeblichen Verhörmethoden im damaligen Sicherheitsbüro für viel Wirbel gesorgt. Aber je länger wir uns kannten, desto mehr haben sich die Kanten abgeschliffen. Beim Unterweger-Fall wurde wieder besonders kritisch über die Polizei berichtet. Die Medien haben der Grazer Polizei unterstellt, sie selber hätten die Morde verübt. Es ist mir gelungen, Yvon zu überzeugen, dass der Fall doch anders liegt, als die Medien es in der Anfangsphase sahen."
Ernst Geiger wurden schon als jungem Beamten Gespräche mit der Presse zugeteilt, die Polizeiführung hatte ihm diese Aufgabe übertragen. Daraus hat er einiges gelernt.
"Heutzutage kritisieren die Magazine und Tageszeitungen die Arbeit der Polizei – bis auf die Stadtzeitung Falter – weniger, meint Geiger. "In den 80er- und in der 90er-Jahren war die Berichterstattung viel kritischer. Wobei die Polizei auch die Medienpolitik geändert hat. Früher hat sie gemauert. Durch Stillschweigen hat sie versucht, Kritik zu meiden, aber herausgekommen ist dann eher das Gegenteil. Die Kultur im Umgang mit den Medien ist anders geworden."
Noch immer muss Dr. Geiger unangenehme Sachverhalte vertreten. Über die letzten Jahre kamen etliche Menschen bei Polizeieinsätzen ums Leben, keine Schwerverbrecher, aber die Abläufe waren unglücklich. Doch die Auseinandersetzung mit den Medien sei sachlicher geworden, schildert Geiger.

Schöne Bestien, schöne Morde

Für ein Buch dieser Art müsse man erst viele Fakten sammeln. Dr. Geiger hat viele Fälle erlebt, Dr. Yvon ebenso. Geiger: "Wir haben uns dann Gedanken über die Struktur gemacht und Entscheidungen treffen müssen, was man mit hinein nimmt. Auf der einen Seite prominente Fälle, auf der anderen Seite auch solche, die Aspekte bieten, die erzählenswert sind." Alles sollte in die Gesamtkomposition hineinpassen.
"Der Verlag hat sich mit meinem ursprünglichen Titelvorschlag nicht anfreunden können", erzählt Geiger. "Ich hätte das Buch gerne ‚Es gibt keine schönen Morde mehr’ genannt." Warum? "Mein Zugang war: Die Mordkriminalität hat sich über die letzen Jahre massiv geändert. Wir hatten vorher immer so um die 40, 50 Tötungsdelikte, jetzt haben wir unter 30, unter 20, 2003 sogar nur 13 und die meisten davon sind Beziehungsdelikte im Familienkreis. Früher hatten wir Serienmörder, Sexualmorde, einige davon sind im Buch beschrieben, wie die Favoritner Mädchenmorde. Das gibt es seit Jahren nicht mehr. George Orwell hat in den 30-er-Jahren einen Aufsatz geschrieben: ‚Decline of the English Murder’. Darin beschreibt er genau dieses Phänomen. England hat große Mörderpersönlichkeiten herausgebracht, wie Jack the Ripper und andere, die Journalisten und Literaten durch Jahrzehnte angeregt haben. Fälle wurden oft jahrelang in den Medien breitgetreten und damals um 1935 gab es nur noch einfache Geschichten, keine Mörderpersönlichkeiten mehr. Kein Mörder überlebt mehr als einen Tag in der Presse. Das war mein Einstieg für den Titel."
Einen Erklärungsansatz zu der Frage nach der rückgängigen Mordrate liefert das Buch. Geänderte Gesetze, wie die Möglichkeit der Wegweisung, ein umfangreiches Hilfsangebot und neue Maßnahmen wie beispielsweise die Handy-Überwachung, können präventiv wirken.

Keine schönen Morde mehr?

Von 1991 bis 2002 war Geiger Leiter der Mordkommission, vorher Referent im Gewaltreferat. Diese Zeit sei sehr spannend gewesen, erzählt er, sie färbe auch auf die Persönlichkeit ab. Von Polizeiseite könne man nicht bedauern, dass es keine "schönen" Morde mehr gibt, aber wenn man gewohnt sei, mit solchen Dingen professionell umzugehen, seien herausragende Fälle faszinierender als einfache.
Jack Unterweger ist ein längerer Abschnitt gewidmet. Der erste österreichische Fall, der internationale Bedeutung erlangt hat. In der anglo-amerikanischen Welt ist der Fall immer noch populär, Unterweger war der erste transkontinentale Serienmörder – und genoss Ansehen als Literat.
Unterweger wird als der Manipulator schlechthin gezeichnet, die vielen Zitate aus seiner Korrespondenz mit Frauen jeden Alters belegen, wie es ihm mit Leichtigkeit gelang, sie für seine Zwecke einzuspannen.
Aber nicht nur spektakuläre Fälle sind in diesem Buch aufgezeichnet, es wird an Taten erinnert, die von der Öffentlichkeit als Morde II. Klasse, als "sonstige" Morde, wahrgenommen werden: Ältere Frauen, Homosexuelle und Unterstandslose. "Bei ihnen (älteren Frauen) wird meist geringe Beute gemacht, sie werden mit immer wieder unglaublicher Brutalität getötet; ihr gewaltsamer Tod wird seltener aufgeklärt als in anderen Opfergruppen."
Ungewöhnliche Selbstmorde finden Einzug in das Buch. Die Frau, die zwei Messer in ihrem Hals stecken hatte, der Mann, der sich tödliche Verletzungen zufügte, die Tatwaffe noch reinigte, viele Spuren beseitigte und sich zum Sterben ins Bett legte. "In Wien, im Gegensatz zu Deutschland, wird viel mehr obduziert", überlegt Dr. Geiger. "Es ist kaum möglich, einen perfekten Mord durchzuführen."

"Der traditionellen Polizei schwimmen die Fälle davon"

Das Buch listet nicht akribisch alle Fälle der letzten Jahre auf. Äußerst spannend sind die zwischen den Abschnitten eingestreuten Gesprächsnotizen von Geiger und Yvon, in denen der Journalist den Polizisten zu näheren Details befragt, in denen die beiden ihre Eindrücke und ihre Empfindungen diskutieren. Dabei wird die sich wandelnde Arbeit der Polizei angeschnitten, die Zeitenwende in technischer Hinsicht. Die gestiegene Eigentumskriminalität wird angesprochen, die sich wandelnden Tätergruppen.
"Die Polizei kann nur reagieren", meint Geiger. "Die Kriminalität ist abhängig von so vielen Faktoren. Niemand hat die politischen Entwicklungen in Europa vorhergesehen, die letztendlich unsere heutige Kriminalität bedingen."
Und ein Blick in die zukünftige Arbeit der Polizisten: "Der alte Kommissar, der einsame Ermittler, den gibt es nicht mehr. Es ist alles Teamarbeit geworden, wesentliches hängt ab von der Tatortarbeit, von der Spurensicherung und der Auswertung, wichtig ist der Umgang mit der Informationstechnologie. Das ist Teamarbeit, Gruppenarbeit und Technologieeinsatz. Wobei denken nicht verboten ist."
Sprachlich ist das Buch sehr ansprechend. "Paul Yvon hat die Sprache verfeinert", lobt Geiger. "Ein Beamter tut sich schwerer mit der Sprache, bei ihm klingt es wie ein Sachbericht. Aber der soll gut erzählt werden."
Und genau die richtige Mischung aus Information und Unterhaltung ist mit diesem Titel gelungen.
Brigitt Albrecht



Ernst Geiger/Paul Yvon, Es gibt durchaus noch schöne Morde, Die spannendsten und skurrilsten Kriminalfälle der letzten 25 Jahre, 224 Seiten, Format 13,5 x 21,5 cm, Efalin, Schutzumschlag, Euro (A,D) 19,90; SFr 34,90, ISBN: 3-218-00759-3