Krisenmanagement

Gefangen fern der Heimat

Globale Unternehmen sind neuen Bedrohungen ausgesetzt. Bei einer Konferenz in Wien wurden Szenarien und Lösungsvorschläge erläutert.

Rund 2.500 Menschen werden pro Jahr allein in Kolumbien entführt, 300 in Rio de Janeiro – weltweit sind es mehrere Tausend. Jährlich sind darunter 200 bis 300 "Expatriates", Mitarbeiter global aktiver Unternehmen im Auslandseinsatz. "Wir sind erstaunt, wie leichtfertig die Unternehmen oft mit dem höchsten Gut umgehen – der Fürsorge um den Mitarbeiter und dem Schutz seines Lebens", sagte Jörg Trauboth, Präsident der Europäischen Akademie für Krise und Management (EAKM) beim 2. Kongress für Krise und Management am 20. und 21. April in Wien. "Hohe Anlaufkosten werden in der Sicherheit eingespart, Sicherheitsabteilungen werden abgebaut, ihre Funktionen übernehmen Mitarbeiter in Nebentätigkeiten."

Vertrauensperson vor Ort

Nie zuvor haben Unternehmen ihre Manager und Mitarbeiter in einem Ausmaß wie heute rund um den Globus geschickt. "Ich würde es Unternehmen mit Auslandsniederlassungen auch empfehlen, jemanden vor Ort zu haben", sagt Trauboth. "Sonst besteht die Gefahr, über den Tisch gezogen zu werden."
Kriminelle Banden, Terroristen bis hinunter zu Kleinkriminellen versuchen aus der Expansionslust reicher Firmen ihren Nutzen zu ziehen. Sechs Länder stehen auf der Liste der Hochrisikostaaten in Bezug auf Entführungen: Kolumbien, Irak, Mexiko, Venezuela, Ecuador und Algerien. Drei Regionen stehen auf der Liste der bevorzugten Opfer: Amerikaner, Europäer und Japaner. Die Experten unterscheiden drei Entführungskategorien: Professionelle Entführungen, "Express-" oder "Tiger-Entführungen" und "Overnight-Entführungen". Jedes Kidnapping ist gefährlich auf seine Art. Professionelle Entführer sind schwierige Verhandlungspartner, weil sie weit vorausdenken. "Express-" und "Overnight-Entführer" sind gefährlich, weil ihre Handlungen unberechenbar sind und ihre Forderungen und Meinungen jede Minute umschwenken können. Bei ihnen kommt ein Uneinigkeitsfaktor dazu – mitunter weiß die Linke nicht, was die Rechte plant.
"In Kolumbien etwa ist eine regelrechte Entführungsindustrie entstanden", sagte Trauboth. Die Opfer werden zwischen einer Woche und zwei bis drei Jahren festgehalten. Ob die Geiseln überleben, hängt laut Trauboth von vier Faktoren ab: der Professionalität der Täter, dem Verhalten und der Verfassung der Opfer, dem Verhalten der Familien der Opfer und dem Krisenmanagement. Für Letzteres seien die Unternehmen verantwortlich, die Mitarbeiter ins Ausland entsenden.
Während in der westlichen Welt Geiselverhandlungen Polizeisache ist, sind die Opfer in vielen Ländern auf sich gestellt. Das bedarf laut Trauboth gründlicher Vorbereitung. Die Mitglieder der Krisenteams sollten vorbereitet und ausgebildet sein. Sie sollten beispielsweise mit dem "Stockholm-Syndrom" vertraut sein. Dabei kommen die Motive der Geiseln jenen der Entführer immer näher. Mit zunehmender Dauer der Entführung solidarisieren sie sich mit den Tätern. Das geht so weit, dass sie ihre Befreier als Gegner ansehen. Das "Stockholm-Syndrom" wurde erstmals 1973 bei einem Banküberfall mit Geiselnahme in Stockholm beobachtet.
Die Verhandler brauchen vorgegebene Prinzipien – etwa einen Grundsatz, wie "keine Lösegeldzahlungen". "Zweitens muss eine Krisenorganisation im Vorhinein bestimmt sein", betonte Trauboth. Diese müsse mit einer Checkliste ausgestattet sein, vor allem für die ersten Maßnahmen. Länderspezifische Besonderheiten sollten dem Krisenteam nichts Neues sein. Schließlich sollte die psychologische Betreuung für Angehörige und Opfer sowie die Nachsorge vorgesehen sein. Um Lebenszeichen der Geisel bewerten zu können, sollte die Krisenorganisation über "Proof of Lifes" verfügen, so genannte Beweisdaten.

80 Prozent der Entführungen positiv

Mehr als achtzig Prozent der Entführungen gehen gut aus für die Geiseln. Erfolgsgarantie gibt es keine. Unter den letzten getöteten Geiseln in Deutschland befanden sich zwei Kinder: Cornelia Becker (11), 1980, und Jakob von Metzler (11), 2002; erwachsene getötete Geiseln: Jakub Fiszmann, 1996; Mathias Hinze, 1997. Die Lösegeldforderungen lagen in Deutschland zwischen einer halben und zwei Millionen Euro.
Trauboth stellte eine Checkliste für Unternehmen vor, die Mitarbeiter ins Ausland entsenden wollen. Unter anderem empfiehlt er, Erkundigungen über das Land einzuziehen – aus allen erdenklichen Quellen. Rund um die Uhr sollte jemand als Anlaufstelle für den Entsendeten erreichbar sein. Das Unternehmen sollte zu jeder Zeit darüber Bescheid wissen, wo sich der Mitarbeiter aufhält.
Der Entsendete selbst sollte sich nicht nur um Vorsorgeimpfungen kümmern. Es gibt auch andere Gefahren im Ausland als Entführungen, Naturkatastrophen und Seuchen.
Spätestens seit dem 11. September 2001 sind Terroranschläge ein Thema für Auslandsmitarbeiter. "Die Erfahrungen, die wir morgen haben werden auf dem Gebiet des Terrors, können wir uns heute noch nicht vorstellen", sagte Jörg Trauboth. Während Terroristen heute noch mit konventionellen Waffen vorgehen, könnten es morgen ABC-Waffen sein. Statt wie heute, eher lokal und punktuell zuzuschlagen, könnte es Terroristen morgen möglich sein, regional und großflächig Anschläge zu verüben. Kritische Infrastruktur könnte gefährdet sein, wie Energieversorger oder überregional bedeutende Transportwege.

Verbindungsleute überprüfen

Es gibt auch "kleinere Dinge", wie Straßenraub, Bedrohungen, Betrug oder Einbrüche. "Vor allem in China ist westliches Know-how gefährdet", sagte Jörg Trauboth. Kriminelle hätten subtile Methoden entwickelt, um Geheimwissen abzusaugen.
Zur Vorsorge gehöre es auch, die örtlichen Verbindungsleute der Gastländer zu überprüfen. Auf sie müssen sich die entsendeten Mitarbeiter verlassen können. Besonders schwer sei es, Vertrauensleute in Ländern wie Russland oder der Ukraine zu finden.
Trotz aller Präventionsmöglichkeiten gibt es laut Trauboth ein Restrisiko, gegen das es keine Vorsorge gebe. Deshalb müsse für Mechanismen gesorgt sein, die sofort greifen, sobald etwas passiert. "Das ist ein Punkt, dem darf sich ein verantwortungsbewusstes Unternehmen nicht entziehen", betonte Trauboth.
Bei Vorfällen – welcher Art immer – sei es wichtig, rasch zu reagieren. Faustregel seien dreißig Minuten. Für jedes Szenario sollte es ein Krisenkonzept geben, mit Checklisten, Verständigungsmechanismen, Datenpools und für den Notfall Warenrückrufkonzepte.

Hausverstand und Fingerspitzengefühl

"Mit Krisenplänen allein ist es nicht getan", erklärte Trauboth. "Sie sind nur Anlaufhilfen. Für den Rest muss das Management Hausverstand und Fingerspitzengefühl beweisen."
Der Kongress "Krise und Management" fand zum zweiten Mal statt, der dritte ist für Herbst 2006 geplant. Die Europäische Akademie für Krise und Management ist ein Verband internationaler Unternehmensberater und sie versteht sich als Forschungseinrichtung für die Krisenprävention und Krisenintervention. Teilbereiche sind Psychologie, Organisationsentwicklung, Security und Safety, IT-Sicherheit, Finanzmanagement, Krisenkommunikation und Recht in weiterem Sinn. Der Kongress sollte den Teilnehmern Wissen vermitteln und einen Erfahrungsaustausch ermöglichen. In Workshops wurden spezielle Themen und Fälle aus der Praxis besprochen.