Porträt

Verantwortlich statt definitiv

Ex-Polizeigeneral Franz Schnabl: Bittere Erfahrungen in der Polizei – steile Karriere in Weltkonzern.

"Es war vielleicht eine bittere Erfahrung, wie meine Karriere bei der Polizei geendet hat – unter dem Strich ist es spannender hier zu arbeiten als im Generalinspektorat", sagt Franz Schnabl, Ex-General der Wiener Sicherheitswache und jetzt Sicherheitschef bei Magna International Europe. "Das liegt nicht nur am Verdienst. Hier kann ich etwas bewegen." Geld sei wichtig, aber nicht alles.
Schnabl war im Sommer 2002 mit dem ÖFB und einer Großbank im Gespräch, als er zufällig von einem freien Posten als Sicherheitsverantwortlicher bei Magna erfuhr – und er ergriff die Chance.
"Zu dem Schritt kann ich nur jedem raten, der mit dem Gedanken spielt, sich in der Privatwirtschaft zu behaupten", sagt Schnabl. Er würde es Spitzenkräften der Polizei generell ans Herz legen, ein, zwei Jahre Erfahrungen bei privaten Firmen zu sammeln. "Das sollte verpflichtend so sein."
Als Schnabl zum Absprung aus der Polizei ansetzte, war er von seinem Posten als General abgesetzt worden, ein Berufungsverfahren war im Laufen. Seine politischen Aktivitäten hatten natürlich nichts zu tun mit seinem Austausch an der Spitze der Sicherheitswache gegen den Gendarmerieoberst aus Oberösterreich, der als Strasser-Treuer galt.
Mit seinem Wechsel zu Magna ließ sich Schnabl auf fünf Jahre karenzieren. Seine Berufung gegen die Abberufung war damit hinfällig. Den Anspruch auf die Generalsstelle hatte er nach sechs Monaten Karenz automatisch verloren. Das ist im Beamtendienstrecht geregelt.

230 Sicherheitsverantwortliche

Franz Schnabl ist heute verantwortlich für alle Sicherheitsangelegenheiten der Magna International Europe AG. Verteilt auf die 110 Magna-Standorte in Europa sind 230 Bedienstete mit der Sicherheit in den Werken befasst. Die Werke sind in "Divisions" zusammengefasst, diese wiederum in Gruppen und enden im Büro Schnabl. Schnabl, eine Assistentin und eine Sekretärin bilden den Security-Stab des Unternehmens für ganz Europa – von Oberwaltersdorf aus, südlich von Wien.
"Das Kostenbewusstsein ist schon deutlich ausgeprägter in der Privatwirtschaft als beim Bund." Schnabl verfügt über ein Budget aus dem Konzern und muss versuchen, ein Plus zu erwirtschaften.
"Nehmen wir Strafverfahren: Hätte eine Privatfirma beispielsweise 35 Euro einzutreiben, würde sie abwägen, wie viel ihr das kosten dürfte. Würde sich das von vornherein nicht ausgehen, würde sie auf die 35 Euro verzichten. Der Staat schickt einen Beamten hin, der hinterlegt eine Benachrichtigung, dann wieder und wieder, am Ende eine Vorführung und ein Preis, der die 35 Euro um ein Zigfaches übersteigt." Natürlich stünden hier andere Ziele dahinter und ein anderes Denken: Würde sich der Staat nicht durchsetzen, würde keiner mehr Strafen bezahlen.
"Will beispielsweise Magna in Graz eine Informationsschutz-Versicherung abschließen, fragt der dortige General-Manager bei mir an, ob ich das Angebot günstig finde, das ihm vorgelegt worden ist", schildert Schnabl. "Ich hole Kostenvoranschläge anderer Firmen ein, lasse eine Risikoanalyse erstellen, verhandle und hole das Beste raus. Die Differenz zwischen dem ersten Angebot und dem, das genommen wird, ist mein Gewinn." Schnabl erhält eine "Intercompany-Bezahlung" für die intern erbrachte Leistung. Über das Budget hat Schnabl freie Hand.

Top-7-Treffen

Monatlich organisiert der Ex-General ein Treffen mit den Top-sieben-Magna-Sicherheitsleuten – nicht immer an seinem Standort. Schnabl hat im letzten Jahr 130.000 Flugmeilen hinter sich gebracht. "Die Philosophie von Magna ist es, aus Praxisbeispielen zu profitieren. Wir tauschen Erfahrungen aus und diskutieren, was auf andere Standorte übertragbar wäre."
Das Thema Sicherheit ist bei Magna fünfgeteilt:
n Physische Umgebungssicherheit: Der Werksgrundschutz ist in vier Stufen eingeteilt. In welchen Werksteilen welche Standards nötig sind, ergibt sich aus den Regelungen. Ausgeführt werden sie von den Werksverantwortlichen. "Dezentrale Verantwortung ist eines der Leitprinzipien unserer Firma", erklärt Schnabl.
Dezentral müssen Themen abgehandelt werden, wie Brandschutz, Arbeitsplatzsicherheit oder Datenschutz. "Für sie gelten nationale Gesetze, das wäre gar nicht zentral zu managen."

Am Gewinn beteiligt

Die General-Manager sind nicht nur dezentral verantwortlich, sie sind am Gewinn beteiligt – und am Verlust, der mitunter mit dem Jobverlust verbunden ist.
n Informationsschutz: Der sensibelste Sicherheitsbereich. "Bis zur Präsentation eines neuen Modells sind die Pläne dafür top secret. Da gibt es strenge Sicherheitsvorkehrungen." Die Autoindustrie ist nicht die gefährdetste Branche. "Ein neues Modell ist ein Produkt von 1.000 bis 1.200 Projekten – von der Beleuchtung, über die Sitze, die Frontpartie, Heck, Innenausstattung bis zu den Scheiben und dem Lack. Wer das ganze Projekt ausspionieren wollte, müsste sich alle Projektpläne besorgen." Anders ist das in der Rüstungsindustrie und bei Produktkategorien, bei denen sich die Erfindungen auf zwei A-4-Zettel zusammenfassen lassen, etwa in der Pharmaindustrie.
n Audits (Überprüfungen): Im Schnitt alle zwei Jahre werden die Sicherheitsstandards in den Werken überprüft – unangekündigt. Manche Audits nimmt Franz Schnabl persönlich vor, andere leisten Fremdfirmen.
n Organisation von Ermittlungen: "Das übergeben wir in der Regel der Polizei oder Privatdetekteien."
n Sicherheits-Networking: "Wir sind Mitglied in zwei Verbänden: im Verband der Autoindustrie, VdA, mit Bosch als die einzige Autozulieferfirma; und bei ISMA, einem Verband für Konzerne ab 10.000 Mitarbeitern."
Magna produziert sechs Autotypen: BMW X3, Saab 93 Convertible Cabrio, Mercedes E 4-matic, Grand Jeep Cherokee, Chrysler Voyager, Mercedes G und künftig eine siebente Type. Der neue Smart wird im Magna-Werk konstruiert.



Die Fakten: Magna – Schnabl
Magna International beschäftigt weltweit 78.000 Mitarbeiter, 13.500 davon in Österreich – ebenso viele wie in Deutschland. Das größte Magna-Werk ist in Graz, mit 9.000 Mitarbeitern.
Weltweit hat der Konzern 201 Standorte, 110 davon in neun europäischen Ländern. Die beiden Hauptstandorte sind Kanada und Österreich. Oberwaltersdorf gilt als zweite Konzernzentrale. Vorstandsvorsitzender von Magna International ist der Austrokanadier Frank Stronach.
Franz Schnabl, 45, trat im Oktober 1977 in die Wiener Polizei ein. Er versah Dienst im 7. Bezirk und 1981 bis 1982 in der Polizeischule. 1983: Offizierskurs. Es folgten Stationen im Generalinspektorat. Im Mai 1987 wurde er Adjutant des Generalinspektors, ab 1991 leitete er Referate. 1999 wurde Schnabl jüngster Generalinspektor der Geschichte. Nach der Wien-Reform verlor das SPÖ-Mitglied den Posten und sollte ins Polizeikommissariat 4/5/6. Er trat den Posten nie an.