Es entsteht gegenseitiger Respekt


 



Polizisten spielten gegen Asylanten


 
   

 

       

Projekt

Fair & sensibel

Ein Projektteam will Vorurteile abbauen. Das Motto: "Nicht jeder Polizist ist ein Rassist und nicht jeder Afrikaner ist ein Drogendealer."

Ein Schwarzer wird von der Polizei angehalten und aufgefordert, sich auszuweisen. Er zieht seinen Pass, einen österreichischen Pass. "Und wo kommen Sie her?", wird er gefragt.
Diese Begegnung zwischen der Polizei und einem Schwarzafrikaner ist an sich "harmlos" – aus Sicht des Afro-Österreichers ist die Frage völlig überflüssig. Das mangelnde Taktgefühl stört ihn.
"Viele Menschen nehmen an, ein Schwarzer kann nicht Deutsch sprechen", erzählt eine Afrikanerin. "Mir wird gesagt: ‘Ich nicht sprechen Englisch’. Ich habe etliche Antworten parat: ‘Ich leider auch nicht’ oder ‘Das macht nichts, Sie haben so eine schöne Stimme’. Warum sollten AfrikanerInnen nicht fähig sein, Sprachen zu lernen? Im meinem eigenen Land werden mehrere Sprachen gesprochen, die unserer Völker und die unserer ehemaligen Kolonialmacht."

Nigeria: 300 Sprachen

In Nigeria, das Land ist flächenmäßig 11 mal größer als Österreich, die Bevölkerung wird auf über 12o Millionen Einwohner geschätzt, werden über 300 verschiedene Sprachen gesprochen. Mehrsprachigkeit ist meist die Regel: Leute wechseln oft von der einen in die andere Sprache, je nachdem, wo sie sich befinden.
Laut Suchmittelbericht 2003 sind in Österreich weit über 1.000 Menschen aus afrikanischen Ländern angezeigt worden. Die Formel "Schwarzer = Dealer" hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Jeder Schwarze wird durch die Brille des Misstrauens betrachtet. Unter dieser Sichtweise leiden die schätzungsweise 8.000 bis 9.000 Afrikaner, die unbescholten in Wien leben.
"Ich kann keine U-Bahn-Station betreten, kein öffentliches Verkehrsmittel benützen, ohne dass ich auf Drogen angesprochen werde", erzählt ein Simbabwer. "Das ist mir sehr lästig. Mit der Polizei habe ich keine negative Erfahrung gemacht, aber man hört und liest so einiges."
Von den Medien transportierte Bilder und Meldungen wirken nicht nur auf Österreicher. Wechselseitige Vorurteile werden durch negative Erfahrungen auf beiden Seiten immer wieder "bestätigt."
Bei Amtshandlungen mit Afrikanern kommt es immer wieder zu schwierigen Situationen, leider auch Gewalttätigkeiten.°°) Ein Polizist der einen Verdächtigen duzt, ein laut fluchender mutmaßlicher Täter, die Aggression steigt. Afrikaner haben spürbar Angst vor Polizisten, auch wenn sie gegen kein Gesetz verstoßen haben. Umgekehrt fühlen sich viele Beamte durch lauter werdende Rassismusvorwürfe verunsichert.
"Mich hat es gestört, dass ich im Umgang mit afrikanischen Dealern emotional wurde", erzählt Oberstleutnant Josef Böck vom Kriminalamt Wien. "Ich wollte einen Weg finden, mein Verhalten zu ändern, meine Aggressionen abzubauen. Seit der Arbeit im Projekt ‘Polizei und AfrikanerInnen’ gehe ich anders auf Schwarze zu. Ein Schwarzer ist es von seinem Ursprungsland her nicht gewohnt, dass ein Polizist fair und sensibel mit ihm umgeht, das ist für ihn unüblich und atypisch. Insbesondere wenn ich ihm im Verlaufe einer Begegnung oder Amtshandlung die Hand gebe, dadurch fällt die gegenseitige Anspannung weg. Es entsteht ein gewisser gegenseitiger Respekt, somit die Möglichkeit zu einem besseren Zugang. Und die Ausdrücke ‘Neger’ und ‘Bimbo’, die sie als beleidigend empfinden, verwende ich nicht mehr."

Offener Dialog

Im Juni 2000 wurde das "Pilotprojekt Alsergrund", eine Kooperation der Bundespolizeidirektion Wien, der Gesellschaft für bedrohte Völker und der Universität Wien gestartet. Ein dreitägiger Workshop bereitete eine Plattform für einen umfassenden und offenen Dialog zwischen ExekutivbeamtInnen und AfrikanerInnen vor. Mag. Barbara Rainer von der Gesellschaft für bedrohte Völker, und Josef Böck moderierten die Arbeitsgruppe: 7 Polizeibeamte, vertreten waren alle hierarchischen Strukturen aus dem 9. Bezirk, 6 AfrikanerInnen und ein Vertreter des Instituts für Afrikanistik. Durch persönliches Kennenlernen und Kontakt zwischen den beiden Gruppen konnten Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden. "Nicht jeder Polizist ist ein Rassist und nicht jeder Afrikaner ist ein Drogendealer" war das Motto.
Von Oktober 2001 bis März 2002 wurde das Projekt durch die Europäische Kommission unterstützt, mit dem Ziel, internationale Partnerschaften aufzubauen. Kontakte mit London, Helsinki und München konnten geknüpft werden.
Zielsetzung des Projekts ist ein sachlicher, partnerschaftlicher und konstruktiver Dialog zwischen der Exekutive und der afrikanischen Gemeinde in Wien. Authentische Hintergrundinformationen sollen festgefahrene Bilder zurechtrücken, bei interkulturellen Konflikten wird beratende und mediative Funktion angeboten.
Das Projekt ist parteiunabhängig, untersteht polizeiseitig dem Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit, Dr. Erik Buxbaum, und dem Polizeipräsidenten, Dr. Peter Stiedl. Josef Böck leitet das Team, das aus 4 weiteren Polizisten, 5 AfrikanerInnen und weiteren externen MitarbeiterInnen besteht.

Beratungsstelle

Eine breite Palette an Nöten und Sorgen kommt in der in der Wiener Galileigasse 8 eingerichteten Beratungsstelle zur Sprache: eine Amtshandlung, die nach Ansicht einer beteiligten Partei nicht korrekt abgelaufen ist, Beschwerden von Österreichern über Afrikaner und umgekehrt, Unmut über Behörden, Misshandlungsvorwürfe, ein ungerechtfertigtes Organmandat …
"Die Haltung der Leute, die unser Gesprächsangebot annehmen, konnten wir noch in jedem Fall verändern", erzählt Mag. Téclaire Ngo Tam, ein Mitglied des Teams. "In vielen Fällen ist es uns gelungen, einen Konsens zu erreichen, in anderen klare Hilfe zu bieten. Eine Wienerin kam mit einem großen Hass auf Leute aus unserem Kontinent, sie ist lächelnd wieder gegangen."
Anlässe bieten eine wichtige Gelegenheit, aufeinander zuzugehen. "Wir knüpfen immer wieder wertvolle Kontakte", erzählt Josef Böck. "Zum Gelingen einer Veranstaltung können wir Musiker vermitteln, ein afrikanisches Buffet auffahren lassen."
Das Projekt "Polizei und AfrikanerInnen" tritt u.a. gemeinsam mit dem Verein COPART auf, zum Beispiel bei Ausstellungseröffnungen. Auch bei zahlreichen Terminen des Ghana Minstrel Choirs ist jemand vom Team "Polizei und AfrikanerInnen" dabei.

"Ohne Papiere"

Am 24. Oktober 2003 kam es auf dem Polizeisportplatz am Kleinen Gänsehäufel zu einer sportlichen Begegnung: Eine Auswahl der Wiener Polizei kickte gegen den "FC Sans Papiers – Die Bunten". Ein Großteil der Spieler sind Asylwerber aus afrikanischen Ländern. Der Klubname setzt sich zusammen aus "Sans Papiers" (Ohne Papiere = illegal), eine Bewegung, die Mitte der Neunziger Jahre in Frankreich entstanden ist. Mit Aktionen wurde für mehr Rechte für "illegalisierte" Menschen gekämpft. Der zweite Teil des Namens geht auf Dr. Di-Tutu Bukasa von der MigrantInnenzeitung "Die bunte Zeitung" zurück, durch dessen Mithilfe der Verein gegründet werden konnte.
Der Schneefall in der Nacht zuvor hatte den grünen Rasen in eine weiße Eisfläche verwandelt. Welche Mannschaft mehr mit dem ungewohnten Terrain zu kämpfen hatte, oder welche die bessere war, lässt sich nicht klar sagen: das Spiel endete 8:8 unentschieden.
"Das Match war kalt und spannend, aber ein toller Erfolg", berichtet Josef Böck.
Am 23. Juni 2004 folgte der "Fair und sensibel Cup 2004", ein multikulturelles Fußballturnier. Zwei Teams der Exekutive ("WEGA/COBRA" und "Kriminaldirektion 3"), ein Team "Wiener Richter und Wiener Staatsanwälte", ein Team "Taxilenker 60160", zwei Teams der Volkshilfe Wien, die "Allblacks Nigeria" und "Arsenal Wien III", sowie der "FC Sans Papiers – Die Bunten" kickten gegeneinander. Um es vorweg zu nehmen: Gewonnen hat das Team der Kriminaldirektion 3.
Ein ungewohntes Bild bot sich auf dem Rasen: Justiz und Exekutive in sportlichem Wettkampf mit Asylwerbern. Verfolger und Verfolgte hatten das gleiche Ziel: den Ball ins Tor der anderen Mannschaft versenken. Die Spiele verliefen fair, kein Foul musste geahndet, kein Platzverweis ausgesprochen werden. Die tänzerisch anmutenden Aufwärmübungen des "FC Sans Papiers – Die Bunten" fanden große Beachtung, lenkten gar vom Geschehen auf dem Spielfeld ab. Begleitet wurden die Spiele von Trommelklängen.
Vor dem Endspiel kickten zwei Kindermannschaften gegeneinander: eine Auswahl des Polizeisportvereins gegen die Vienna International School.
Musikalische Darbietungen der "Marokko Stampeders" und des "Ensemble Labalaba" sorgten für Stimmung.

"Fremd bei uns"

Das Team "Polizei und AfrikanerInnen" ist Programmpunkt im zweitägigen Seminar "Fremd bei uns" für dienstführende Beamte. In einem geschützten Rahmen können Berührungsängste abgebaut und die unterschiedlichen Sichtweisen ausgetauscht werden. Wie denkt der Polizist bei Amtshandlungen? Was denken AfrikanerInnen, wenn sie mit der Polizei zu tun haben?
Die Begegnungen mit Afrikanern werden als positive Erfahrung gewertet. Nach Auswertung der Feedback-Bögen hat sich gezeigt, dass dieser Workshop am besten abgeschnitten hat.
An der Sicherheitsakademie wird, unter der Leitung von Major Peter Lamplot und Mag. Barbara Rainer ein dreitägiger Workshop zum Thema "Polizei und Afrikaner" angeboten. Unterstützer sind die Universität Wien, Institut für Afrikanistik und das Team "Polizei und AfrikanerInnen". Auf die Vermittlung geschichtlicher, politischer und kultureller Hintergründe wird großer Wert gelegt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Migrations- und Fluchtgründen.
Im November 2003 wurde das Projektteam zu einer Richtertagung eingeladen. Auch bei Richtern und Staatsanwälten besteht ein sehr gespanntes Verhältnis zum Thema "Polizei und AfrikanerInnen". Auf Grund dieses Workshops fand ein weiterer für Richteramtsanwärter im Wiener Landesgericht statt. Eine weitere Zusammenarbeit wurde von Seiten der Richterschaft in Aussicht gestellt.
"Wir sind davon ausgegangen, dass die meisten KollegInnen fast nur im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit in Kontakt mit AfrikanerInnen treten, dementsprechend mit Menschen, die entweder eine kriminelle Handlung begangen haben oder im Verdacht stehen, eine solche Tat gesetzt zu haben. Den großen anderen Teil, dazu haben sie kaum Gelegenheit", sagt Josef Böck. "Das möchten wir ändern. Das Projekt ist auch für die Grundausbildung vorgesehen."

Podiumsdiskussionen

Immer wieder werden vom Projektteam Auftritte in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Bei zahlreichen Podiumsdiskussionen werden die oft sehr unterschiedlichen Standpunkte einzelner Zielgruppen diskutiert.
Ob im Afro-Asiatischen Institut zum Thema "Widerspruch - Die Beziehung der AfrikanerInnen zum ‘offiziellen Österreich’", in der St. Johannes-Nepomuk-Kapelle zum Thema "Soziales im 9. Bezirk", oder im WUK zum Thema "Wie geht es einem Asylanten" - das Projektteam nimmt jede Gelegenheit wahr, ihr Motto "Fair und sensibel den Mitmenschen als Individuum begegnen – der jeweiligen Situation angepasst" einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.
Der Menschenrechtsbeirat befürwortet die Aktivitäten. Das Projektteam arbeitet mit der Uni Wien (Institut für Afrikanistik) und der Agenda 21 im 9. Bezirk. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Büro der Integrationsstadträtin Mag. Renate Brauner ist eingeleitet.
Das Projekt wird seit 2004 durch das BMI finanziell unterstützt. Die Menschenrechtskoordination hat seine Aktivitäten als förderungswürdig betrachtet.
"Damit können wir Einladungen und Plakate drucken, Porti bezahlen, ein Buffet sponsern. Die MitarbeiterInnen arbeiten ehrenamtlich. Eigentlich wäre es ein Fulltime-Job für alle Aktiven", stellt Josef Böck fest. "Jemand muss es machen. Wir sind überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Unsere Arbeit findet bei Afrikanern Anklang, sie erleben, dass mit ihnen auf gleichberechtigter Ebene kommuniziert wird. Und das Projekt wird durch die obersten Führungskräfte bestärkt. Leider können nicht alle Kollegen nachvollziehen, was wir tun. Einige denken, wir ergreifen Partei für Dealer und schützen sie. Das ist ein großer Irrtum."
Brigitt Albrecht



Beratungsstelle
Seit September 2002 steht AfrikanerInnen, PolizistInnen und allen Interessierten ein Team, bestehend aus einem/r AfrikanerIn, einem Polizeibeamten und einer Menschenrechtsexpertin für Beratung und Information kostenlos zur Verfügung. Das Team kooperiert mit NGO’s, diversen Institutionen und Ansprechpartnern.
Ort: VHS 1090 Wien, Galileigasse 8, 16.30 - 18.00 Uhr.
Termin: Jeden 1. und 3. Montag im Monat.