Porträt

Ein Steirer für Ottakring

Der 16. Wiener Bezirk wurde für den Steirer Georg Rabensteiner zur Bestimmung. Der leitende Kriminalbeamte ging nach 44 Dienstjahren in Pension.

Beruf: Polizist; Berufung: Kriminalbeamter; Hobby: Dokumentation und Beweisführung, „und zwar bis ins letzte Detail“, sagt Georg Rabensteiner, bis vor Kurzem Leiter der Landeskriminalamtsaußenstelle (LKA-Ast) West. „Und das bedeutet: Man muss denken wie ein Anwalt, muss sich fragen: Wo könnte ein Verteidiger des Beschuldigten in der Hauptverhandlung einhaken, was könnte er anzweifeln, wo könnte er eine Lücke in der Beweiskette finden?“
Lieblingsthemen: Waffengebrauch, verdeckte Ermittlung, Vertrauenspersonen und Informanten, Suchtgift- und Gewaltdelikte; Kennzeichen des Arbeitsplatzes: eine Kanne Kaffee am Tisch und ein voller Aschenbecher. Der Aschenbecher in der LKA-Ast West ist jetzt leer – nicht nur, weil das Rauchen in Amtsräumen verboten ist, nicht nur, weil Georg Rabensteiner zu rauchen aufgehört hat. Georg Rabensteiner trat mit 30. Juni 2020 in den Ruhestand über – nach auf den Tag genau 44 Jahren Polizeidienst.

Flirt mit dem Bundesheer. In der siebenten Klasse Gymnasium liebäugelte Georg Rabensteiner für kurze Zeit mit der „MilAk“ (Militärakademie) in Wiener Neustadt – eher zum Leidwesen seines Vaters, der Gendarm im steirischen Bezirk Murau war. In den Ferien jobbte er in der Bergstation am Dachstein, servierte Würstel und Obstler, in den Ferien vor der achten Klasse und nach der Matura versorgte er die Urlaubsgäste in Döbriach am Millstättersee. Doch die letzte Ferialpraxis brach Georg Rabensteiner ab, um nach Wien zu gehen und um Mörder zu jagen, nach dem Motto: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber mindestens bis Wien, dorthin, wo etwa los ist.
Vorgeprägt für den 16. Bezirk Ottakring in Wien wurde Georg Rabensteiner bereits in seinem ersten Monat im Schulwachzimmer Wilhelminenstraße. Nach drei weiteren Schulwachzimmermonaten im 9. Bezirk und Abschluss der Grundausbildung drängte es ihn zurück nach Ottakring. Das wurde um einen Monat verzögert, weil sein Jahrgangskollege Franz Prucher (später Landespolizeidirektor von Niederös­terreich) erkrankt war und Rabensteiner einen Monat lang Torwache in der Marokkaner Kaserne schieben musste.

„Hast du etwas angestellt?“ So kam Rabensteiner am Allerheiligentag 1977 als fertig ausgebildeter Polizist im Wachzimmer Koppstraße an – zurück in Ottakring. Das war nicht ganz sein Wunsch. „Alle haben mich gefragt: Was hast du angestellt, dass du zum Gass kommst?”, erzählt Rabensteiner. Mit „Gass“ war Josef Gass gemeint, der Wachkommandant des Wachzimmers Koppstraße. „Aber bei ihm haben wir Jungen gelernt, was uns in der Polizeischule niemand erklärt hat und was wir sonst nirgends gelernt hätten“, berichtet Rabensteiner. Gass verlangte allerdings auch von seinen Mitarbeitern acht Organmandate (OM) und acht Anzeigen pro Diensttour. „Wenn du acht Stunden im Rayon bist, ist es unmöglich, nicht jede Stunde mindes­tens zwei Verkehrsdelikte zu sehen”, war der Leitspruch von Gass. „Dieser Spruch war natürlich nicht beliebt bei uns und wir haben seine Vorgaben selten geschafft“, erzählt Rabensteiner. „Aber mit regelmäßigen ,Einbruchs- und Raubköpfen’ war er dann meistens wieder besänftigt. Rückblickend hat er damit natürlich Recht gehabt.“
Heute bezeichnet Rabensteiner seine Zeit im Wachzimmer Koppstraße als „genialen Lernfaktor“. Auch vom Typ her passt Gass in das Schema der Polizisten, die Rabensteiners Berufsleben geprägt haben: Kettenraucher, Koffein-Junkie, bekannt und respektiert im Rayon und ein Mann der Tat, der jede Situation beim Schopf packt – heute würde man es „hands on“ nennen.
Das „Eigentlich-hat-er-Recht-gehabt“ schränkt Georg Rabensteiner ein: „Eigentlich haben wir Jungen Räuber und Einbrecher fangen wollen, nicht Verkehrssünder auf den rechten Weg bringen“, sagt er. „Schon damals war es so, dass mich die Nullachtfünfzehn-Anzeigen nicht gereizt haben. Wir wollten Action und ich war meis­tens an der Reihe, wenn es etwas Kniffliges zu schreiben gegeben hat.“ Rabensteiner war sofort dabei, wenn es Verfolgungsjagden gegeben hat, wie gegen einen Zuhälter ohne Führerschein in seinem braunen Jaguar XJS, der damals bekannt war in der Nachtwelt – allein wegen seiner Goldketten um den Hals, seinem „Spruch“, seiner langen, blonden Haare und seinem „Hobby“, der Polizei davonzufahren. „Wir haben uns nicht nur einmal wilde Verfolgungsjagden mit ihm geliefert mit unserem VW, einmal mit 100 km/h am Gürtel gegen die Einbahn. Erwischt haben wir ihn nie, obwohl es manchmal richtig knapp war“, erinnert sich Rabensteiner. „Es war auch für uns mehr ein spannendes ,Hobby’, wenn irgendwo der Jaguar aufgetaucht ist.“

Verfolgung in den Tod. Anton Schalk, einem früheren Funkwagenkollegen Rabensteiners aus der Koppstraßenzeit wurde es zum Verhängnis, als er am 3. März 1984 in der Gablenzgasse ein Fahrzeug anhalten wollte. „Ich war damals schon Kriminalbeamter und Toni Schalk war nach wie vor einer meiner engsten Freunde“, erzählt Rabensteiner. Anton Schalk und sein Funkwagenpartner verfolgten ein Fahrzeug von der Gablenzgasse quer durch Wien. In einem Innenhof in Meidling kam es zur Konfrontation und der Verfolgte erschoss Anton Schalk mit einem Schuss aus einer .357 Magnum. Auch Schalks Mörder starb an den Folgen mehrerer wenig wirkungsvoller Treffer aus den Dienstpistolen mit 7,65 mm Vollmantelmunition von Anton Schalk und seinem Funkwagenkollegen. Kurz darauf erfolgte die Umrüstung auf Glock-Pistolen.
Georg Rabensteiner bewarb sich 1980 für den Kriminalbeamtenkurs und kam nach Abschluss der Ausbildung – wie könnte es anders sein – zurück nach Ottakring, und zwar in die „legendäre Gruppe 4“, betont er. „Es war eine Gruppe Kriminalbeamter, die mit ihrer Kundschaft umgehen hat können – jeder auf seine Art.“ Der Gruppenführer sei eine Vaterfigur für seine Leute gewesen – sein Stellvertreter ein bei den „Pülchern“ gefürchteter Bär von einem Mann, der vor seinem Eintritt in die Polizei unter anderem Matrose, Zuckerrohrschneider, Gewichtheber gewesen war – „alle haben alle Tricks draufgehabt, die man braucht als Kriminalbeamter und sie waren respektiert von uns Jungen und vom Klientel im Bezirk“, sagt Rabensteiner.

Glück mit Chefs und Lehrern. „Ich habe immer Glück gehabt mit meinen Vorgesetzten und Lehrern“, sagt Georg Rabensteiner, „sei es im Wachzimmer, in der ,4-er-Grup’ der Grubergasse oder in der Polizeischule und insbesondere mit den Chefs in Ottakring, Oberst Mitterbauer und den damaligen Oberleutnants Losko, Pesti und Grafl”.
Im Jänner 1988 rückte Rabensteiner in die Offiziersausbildung (E1-Kurs) ein und schloss sie Ende 1989 ab. Er wollte – wie könnte es anders sein – zurück nach Ottakring. Es blieb ihm vorerst als leitenden Kriminalbeamten versagt. Die ersten zwei Jahre nach der E1-Ausbildung brachte er in Favoriten als stellvertretender Leiter und einer tollen Zeit mit tollen Kollegen zu, danach kam er in den 4. Bezirk. „Dort war es mir zu eng“, erinnert sich Rabensteiner. „Die Leute waren ein super Team, aber der Bezirk hat mir zu viele Gassen auf zu wenig Raum gehabt – wenn du verstehst, was ich meine.“ 1992 folgte ein Intermezzo an der österreichisch-ungarischen Polizeiakademie, der heutigen Mitteleuropä­ischen Polizeiakademie (MEPA). 1993 sollte Rabensteiner die Brigittenau als Leiter übernehmen. Dorthin wollte eigentlich Horst Zeilinger – aber dieser hätte nach Ottakring kommen sollen. Zeilinger und Rabensteiner konnten – mühsam – die Chefs im Kriminalbeamteninspektorat in der Bundespolizeidirektion Wien überzeugen, und ihre Wünsche wurden zur Freude beider erhört.

Back to Ottakring. Rabensteiner war damit wieder „back to Ottakring“ – und konnte wieder in seinem Lieblingsrayon „werken“. „Das schönste am Job als leitender Kriminalbeamter ist das operative Arbeiten“, sagt er. „Die Erkenntnisse der Kollegen zu verwerten, zu planen und dann nach Observationen als krönenden Abschluss den Zugriff zu erleben” – und am Schreibtisch dann die interessanten und vor allem kniffeligen Sachen zu dokumentieren, alle Eventualitäten zu bedenken und zu tüfteln, was sich ein gefinkelter Anwalt für seine Klienten nicht alles einfallen lassen könnte, damit er die Beweiskette der Polizei aushebelt.“
Immer wieder begegnete Georg Rabensteiner alten Pappenheimern wieder. Die Aufeinandertreffen waren nicht immer Freude erregend. Eine dieser Begegnungen begann, als Rabensteiner noch Uniform trug. „Wir sind zu einem Streit in die Hasnerstraße gerufen worden“, erinnert er sich. „Ein Mann hat in seinem Auto seine Frau verprügelt. Als wir hingekommen sind, ist er ausgestiegen – ein Kasten von einem Menschen.“ Der Mann war Fleischhauer. „Zum Glück hat er uns nicht zerlegt. Er hat die Flucht ergriffen. Wir waren nicht unfroh darüber, als er in ein Gasthaus flüchten wollte – in vollem Lauf durch die geschlossene Glastür, ich unmittelbar dahinter und er blutüberströmt am Boden.“
Einige Jahre später – Rabensteiner war bereits Kriminalbeamter – wurde der Fleischhauer wieder einmal aus der Haft entlassen. Als er eines Tages nach Hause kam und seine Frau hatte ihm nicht den versprochenen Schweinsbraten serviert, prügelte er so lange auf sie ein, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Dann ging er in ein Gasthaus, betrank sich weiter und als er mit einem Kumpanen nach Hause zurückkam, seine Frau mit einer Feuerzeugflamme an der Zehe nicht wieder zum Leben erwecken konnte, merkte er, er hatte sie umgebracht. Georg Rabensteiner war es, der zum Tatort gerufen worden war.
Erschlagen, erschossen, erstochen, das waren die Fälle, die Georg Rabensteiner als Jungkieberer auf sich zog. Rabensteiner befasste sich damals speziell mit Leichen – wesentlich beeinflusst von der höchst interessanten Arbeitsweise des damaligen Amtsarztes Dr. Reinhard Fous bei Kommissionierungen. Neben den damals üblichen „Schießereien und Stechereien“ in den üblichen Lokalen waren es Fälle, die im Gedächtnis bleiben, wie jener eines Ex-Jugoslawen, der die beiden Kinder seiner (mit einem anderen verheirateten) Freundin erschoss, deretwegen sie sich nicht scheiden lassen und nicht zu ihm kommen wollte.
Es waren Fälle, wie jener eines türkischen Staatsbürgers, der wegen einer Morddrohung gegen seine Freundin gesucht wurde und der Rabensteiner bei einer Observation in die Hände lief. Der Gesuchte sprang in seinen Wagen und fuhr auf Rabensteiner los, dieser schoss und stoppte das Fahrzeug. Der Türke rammte sich noch am Fahrersitz seines Wagens selbst ein Messer in den Bauch, indem er von vorne mit der Handfläche auf den Knauf schlug. Ärzte retteten ihm das Leben. 20 Jahre später hatte Georg Rabensteiner wieder mit ihm zu tun: Er hatte das zweijährige Kind seiner Freundin und dann sich selbst mit einer Pumpgun erschossen.

Auf der Suchtgiftschiene. Mitte der 1990er-Jahre, bereits als Leiter der Kripo Ottakring rutschte Georg Rabensteiner nach und nach in die Suchtmittelbekämpfung. „Es waren die Jungen, die mich dort reingezogen haben“, erzählt er. „Einige haben sich auf Suchtgifthandel spezialisiert und das war untrennbar verbunden mit Festnahmen und Hausdurchsuchungen, und dabei ist es mitunter zu Verfolgungsjagden und anderen kniffligen Situationen gekommen. „Das hat mir natürlich getaugt. Es waren wieder das „Knifflige“ und die „Action“, die ihn anzogen. „Telefonüberwachungen waren damals SB-Monopol“, sagt Rabensteiner. Das „SB“ war das „Sicherheitsbüro“, die Zentralstelle zur Kriminalitätsbekämpfung in Wien bis zu den Kriminaldienstreformen der 2000er-Jahre, in der die 23 „Bezirkspolizeikommissariate” in fünf „Kriminalkommissariate“ und diese abschließend in „Außenstellen“ des Landeskriminalamts (LKA-Ast) umgewandelt wurden. „Wir haben damals zwangsläufig Observationen selbst organisiert und durchgeführt“, schildert Rabensteiner. „Wir haben uns als Straßenkehrer verkleidet, haben uns als Zeitungs-Verkäufer in U-Bahn-Stationen gestellt und waren auch sonst ausgesprochen kreativ. Wir haben zwar Delikte auf niedrigerem Level bekämpft als die Leute im SB, aber wir haben Spaß dabei gehabt und auch beachtliche Erfolge.“
Mit der Kriminaldienstreform 2003 bekamen die Beamten der damaligen Kriminalkommissariate Telefonüberwachungen zur Verfügung. „Wir haben uns mit Begeisterung drauf gestürzt – und sind der Zentralstelle davongaloppiert“, erinnert sich Rabensteiner. „Wir haben mit Ländern aus ganz Europa und darüber hinaus kooperiert und haben regelmäßig zehn bis fünfzehn Kilo Suchtgift pro Lieferung sichergestellt, insgesamt 60 bis 70 Kilo Heroin und Kokain pro Jahr, obwohl die Organisatoren in Wien alles unternommen haben, um ihre Kommunikation und die Transportrouten zu verschleiern.“

Hochblüte im Kriminalkommissariat West. In der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre kam es zu einer „Hochblüte“ in der Suchtmittelbekämpfung im Kriminalkommissariat West, „von der wir heute noch profitieren“, betont Georg Rabensteiner. Nachdem mehrere spektakuläre und von Teilen der Medien und Politik heftig kritisierte Großaktionen gegen den organisierten Straßenhandel höchst erfolgreich verlaufen waren, hatte sich der legendäre „Giftkiberer“ Wolfgang Hottowy auf nigerianische Tätergruppen spezialisiert. Das führte zu langfristigen Ermittlungsvorgängen, aus denen teilweise heute noch Erfolge geschöpft werden und die zu weiteren Verbindungen und Lieferstrukturen führten.
Daneben dominierte eine beeindruckend organisierte Geldfälscherbande rund um einen Ukrainer die Arbeit von Georg Rabensteiner und seinen Kollegen der Suchtgiftgruppe von Norbert Zeiner. Der Kopf der Bande nannte sich Ivan I., hieß aber anders. Im April 2005 saß er einem verdeckten Ermittler auf. Dieser – jetzt stellvertretender Leiter einer LKA-Außenstelle – hatte vorgetäuscht, ihm Falschgeld um 100.000 Euro abkaufen zu wollen. Ivan I. wurde nach mehrmonatigen Verhandlungen bei dem Scheinkauf festgenommen.
Wenige Wochen später kam es zur spektakulären Flucht aus der Justizanstalt Josefstadt, die „umfangreiche Optimierung der Sicherheitsmaßnahmen“ zur Folge hatte – Ivan I. hatte nämlich von einem falschen Anwalt mit gefälschtem Ausweis und Akt Besuch im Gefängnis erhalten. In dessen Aktenkoffer befanden sich keine Unterlagen, sondern eine Verkleidung, in der Ivan I. anstelle des Anwalts das Haus verließ – freundlich winkend und grüßend mit den extra dafür gelernten deutschen Grußworten.
Erst im Oktober 2005 wurde Ivan I. durch internationale Kooperation in einem Bergdorf in Bulgarien aufgestöbert und verhaftet. Es kam zu einem Wiedersehen mit Georg Rabensteiner – am Rollfeld des Flughafens Wien/Schwechat und anschließend zur Verurteilung zu einer langjährigen Haftstrafe.
Auf Täter hinzuarbeiten, zuzugreifen, sie einzuvernehmen und eine lückenlose Beweisführung zu liefern – das gelang den Kriminalbeamten der LKA-Außenstelle West auch häufig im Einbruchsbereich. Die Bezirke von Penzing bis Döbling, für die die Kriminaldienststelle zuständig war und ist, sind häufig Ziel international organisierter Einbruchsbanden. „Aufgrund dieser Täterstruktur und den speziellen Kenntnissen der Beamten haben wir Sonderermittlungsgruppen für Kfz-Diebstahl und organisierte Einbruchskriminalität durch exjugoslawische Tätergruppen gegründet“, betont Georg Rabensteiner. „Wann immer sich die gesamte Palette des Polizeilichen bietet und wir hochprofessionell arbeiten können, sind wir dabei.“
Die Kriminalisten um Fritz Bahmer oder August Kurzmann erforschen die An- und Abfahrten der Täter, ihre Fluchtrouten, erstellen ihre Bewegungsprofile, nützen Kameraüberwachungsanlagen der ganzen Stadt, durchackern Kommunikationsverläufe, filtern Begleitfahrzeuge heraus und sind ständig in Kontakt mit ausländischen Dienststellen und Behörden.

Geständnisse: von der Golden Rule in die Bedeutungslosigkeit. „In meiner Polizeiausbildung habe ich immer noch gehört, das Höchste, was es zu erreichen gilt als Kriminalbeamter, ist das Geständnis“, erläutert Georg Rabensteiner. Die Kunst der Vernehmung war die Königsdisziplin der Kriminalpolizei. Doch der Wert eines Geständnisses, mit dem Ziel, eine mildere Strafe zu erhalten, schwand mit dem Wandel international organisierter Täterbanden. Hinzu kommt, dass kaum ein Mitglied der organisierten Banden Deutsch spricht, gleichgültig aus welcher Ebene. „Neunzig Prozent der Vernehmungen finden mit Dolmetschern statt“, sagt Rabensteiner. Selbst Vernehmungskünstler mit gutem Schmäh und klugen Tricks richten über einen Dolmetscher nicht das aus, was ihr Handwerk hergibt – „ganz abgesehen davon, dass sowieso so gut wie keiner der überwiegend ausländischen Straftäter überhaupt mit der Polizei redet“, sagt Georg Rabensteiner. „Heute ist das Geständnis weitgehend unbedeutend, weil es in der Regel widerrufen wird. Was wirklich zählt, sind objektive Beweise.“

Steine auf dem Weg. Im Kampf um diese Beweise wird es der Kriminalpolizei nicht leicht gemacht. „Am Anfang haben wir im Bereich Telefonüberwachungen aus dem Vollen geschöpft“, sagt Rabensteiner. „Jetzt nutzen Kriminelle für ihre Gespräche alle möglichen Kommunikationskanäle ohne Möglichkeit der Überwachung.“
Dass die Polizei aus Datenschutz- oder „sonst wenig nachvollziehbaren Gründen“ immer noch keinen Zugriff darauf habe und damit die Verfolgung von Verbrechern massiv beeinträchtigt werde, bezeichnet Rabensteiner als „hart an der Grenze zur Begünstigung“. „Alles, was an Kommunikation läuft, auf die wir keinen Zugriff haben, muss durch verdeckte Ermittlung, Einsatz von Informanten und Vertrauenspersonen sowie Observation kompensiert werden – und das ist irrsinnig zeit- und personalaufwendig, teuer und nicht selten aus personellen Gründen gar nicht oder nicht zeitgerecht möglich.
Hinzu kommt, dass österreichische Kriminalbeamte kaum mehr die Möglichkeit haben, „in den Kreisen der Täter, die jetzt unser Gegenüber aus aller Herren Länder stellen“, selbst zu ermitteln. „Dazu sind wir insbesondere auf die Informationen von Vertrauenspersonen angewiesen“, sagt Rabensteiner. „Ihr Einsatz ist aus verschiedenen tatsächlichen und rechtlichen Gründen auch nicht immer unkompliziert.“
Auch die Kriminellen werden „besser“: Viele sind Wiederholungstäter und lernen mit jeder Hauptverhandlung und jeder Verurteilung dazu, welche Fehler sie in Zukunft vermeiden könnten. Auf der anderen Seite machen es Grundrechts- und Datenschutzverfechter mit überzogenen Befürchtungen der Polizei schwer, bei ihrer Arbeit im Kampf gegen Einbrecher, Drogenhändler und Gewaltverbrecher erfolgreich zu sein.

Die schlechte alte Bürokratie. Die interne Schwerfälligkeit selbst sei oft immer noch eine kaum überwindbare Hürde. Als Paradebeispiel fallen Rabensteiner die Bemühungen ein, für seine Leute offizielle zweisprachige Visitenkarten zu bekommen – vorne auf Deutsch und hinten auf Englisch. „Unsere Leute waren in ganz Europa und der halben Welt unterwegs, aber so etwas war eben nicht vorgesehen – oder zumindest nur für Zentralstellen“, erzählt Rabensteiner. „Genauso, wie bestimmte dringend notwendige Typen von Fahrzeugen für Observationen, auch wenn die Argumente noch so objektiv nachvollziehbar waren und noch immer sind. „Oder, was es Zeit und Nerven gekostet hat, jahrelang Taser oder Teleskopschlagstöcke für Suchtgiftstreifen zu beantragen, um die Gefährdungen und Verletzungsgefahr für Kollegen zu minimieren. Da hat man schon manchmal den Eindruck, dass nicht überall realisiert wird, dass sich die Zeiten geändert haben.”
Die Bürokratie habe auch seinen Alltag als leitender Kriminalbeamter immer mehr vereinnahmt. „Man hat früher einen besseren Kontakt mit der Mannschaft gehabt“, sagt Rabensteiner. „Es war familiärer, weil du mehr geredet hast. In den letzten Jahren hat es oft Tage gegeben, an denen ich es nicht einmal zu meinen Gruppen geschafft habe. Ich bin einfach nicht vom PC weggekommen – allerdings auch deshalb, weil ich in den letzten zehn Jahren mit der für mich sehr spannenden VP-Koordination als ,Nebenbeschäftigung’ befasst war, die für sich allein schon fast ein Fulltime-Job ist.“

Absurde Kompetenzregeln. Unverständlich ist für Georg Rabensteiner, dass die Polizei auf der Stufe zu dienstführenden Beamten immer noch keine eigene Kriminaldienstausbildung bietet. „Der Kriminaldienst heute mit der Anforderung, der Justiz eine professionelle Beweisführung vorzulegen, verlangt hochspezialisierte Kri­minalis­ten“, erklärt Georg Rabensteiner. „Da macht es doch keinen Sinn, angehende Dienstführende in der E2a-Ausbildung mit allem Möglichen zu quälen, das damit wenig bis gar nichts zu tun hat, oder die Absolventen erst Monate oder Jahre später zu Zusatzmodulen einzuberufen, in denen ihnen Ermittlungsmethoden in der Theorie erklärt werden, mit denen sie schon längst erfolgreich und routiniert arbeiten. Dabei wäre es so einfach: Die Konzepte für eine effiziente Spezialausbildung sind fertig und wären nur umzusetzen.”
Völlig realitätsfremd findet Georg Rabensteiner so manche interne Kompetenz- und Zuständigkeitsregelung, die sich deutlich von jenen außerhalb Wiens unterscheiden. Auch die Zentralstellenmentalität sei nach wie vor ein leidvolles Thema. „Betroffen ist davon insbesondere was Personal, Belas­tung, Spezialisierungen, Bewertungen und Ausrüstung betrifft“, sagt Rabensteiner. „Wir sind zwar ein Landeskriminalamt, was aber offensichtlich interpretierbar, zumindest aber nicht immer leicht erkennbar ist.” Etwas Gutes habe das Ganze im Zusammenhang mit den Regelungen und der Bürokratie allerdings auch: „Sehr viel wird mir fehlen – aber das sicher nicht, und das macht den Abschied doch um einiges leichter“, sagt Rabensteiner.

Abseits des Kriminellen. Das Leben abseits der Kriminalitätsbekämpfung spielt sich für Georg Rabensteiner nicht mehr nur in Wien, sondern jetzt auch vermehrt wieder in der Obersteiermark ab. „2019 war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf Kur – da hat mir einiges zu gefallen angefangen“, berichtet er. Er nimmt sich mehr Zeit für Sport, will insbesondere Krav Maga und Fitnessboxen beim Polizeisportverein wieder intensivieren, er fährt gern Rad und mit seiner Harley Davidson fährt er so oft wie möglich kleinere oder größere Runden.
„Reisen, vor allem nach Amerika, sind derzeit ja leider Corona zum Opfer gefallen“, merkt er an. Sonst hat Rabensteiner vor, sich interessante Verhandlungen im Gericht anzusehen und „endlich“ alle Bücher zu lesen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben. „Und alles, was mit Waffengebrauch zu tun hat, ist natürlich auch in Zukunft ein Lieblingsthema. Das war schließlich eine der interessantesten Herausforderungen in fast meiner gesamten Dienstzeit – einer vom ersten bis zum letzten Tag interessanten und schönen Zeit mit tollen Polizisten.”