Ellingers Kommentar

Eine Spielerkarriere

In der letzten Nummer unserer Zeitung „Kriminalpolizei“ wurde sehr eindrücklich über das Glücksspiel und seine Folgen berichtet. Bei der Lektüre dieses Artikels fiel mir ein sehr anschaulicher Fall aus meiner Zeit als Richter ein. Matthias G., 43 Jahre, war wohlbestallter Gemeindebediensteter, verheiratet, zwei Kinder, ein Einfamilienhaus und in der Gemeinde sehr beliebt.

Es ist etwas mehr als zwanzig Jahre her, dass Matthias G. als Angeklagter erstmals vor mir stand. Er hatte Geld aus der Gemeindekasse abgezweigt. Es war nicht allzu viel, die Eltern und Geschwister haben den Schaden gutgemacht. Seinen Posten hat er verloren und war als Arbeit suchend gemeldet. Eine teilbedingte Freiheitsstrafe war unvermeidbar.
Es dauerte nur etwas mehr als ein Jahr und er stand wieder vor Gericht. Er hatte Freunde und Nachbarn betrogen. Diesmal war der Schaden nicht unerheblich. Die Geschwister wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die Eltern nahmen einen Kredit auf, um dem Sohn neuerlich zu helfen. Dieser Kredit reichte aber nicht und sein Einfamilienhaus wurde versteigert. Seine Frau war mit den beiden Kindern zu ihren Eltern gezogen. Ein Scheidungsverfahren war anhängig.

Spielsüchtig. Jetzt wurde der Grund für den ungebremsten Absturz dieses Mannes offenbar. Er war spielsüchtig. Es stellte sich heraus, dass er schon, als er noch bei der Gemeinde beschäftigt war, stets ein nahegelegenes Gasthaus, auch während der Dienstzeit aufgesucht hatte, um an Automaten zu spielen. Freunde hatten ihm einmal in eine Spielhalle mitgenommen und verschiedene Tricks erklärt. Er hätte einen „Durchmarsch“ gehabt und 500 Schilling gewonnen. Von da an habe er aber fast immer verloren, aber er war sich sicher, dass der große Gewinn einmal kommen wird. Während seiner Arbeitslosigkeit verbrachte er die meiste Zeit in Spielcasinos im benachbarten Ungarn. Er erfand immer neue Lügen um von seinen Freunden und Bekannten Geld zu bekommen. Kein Wunder also, dass sich seine Familie, seine Freunde und Bekannten von ihm abgewendet hatten. Exakt 98.000 Euro hat er sich erschlichen und sofort verspielt. Nur seine alten Eltern standen noch verzweifelt zu ihm. Diesmal folgte eine unbedingte Freiheitsstrafe. Die bedingte Entlassung wurde ihm, mit der Auflage, sich einer Therapie zu unterziehen und der Bestellung eines Bewährungshelfers, gewährt.
Nunmehr dauerte es etwas mehr als zwei Jahre bis ich Matthias G. wiedergesehen habe, wieder im Gericht, als Untersuchungshäftling vorgeführt. Die Therapie hatte keinen Erfolg gebracht, der Bewährungshelfer stand von vorneherein auf verlorenem Posten. Der Staatsanwalt legte ihm eine ganze Lis­te von Delikten zur Last: Opferstockdiebstähle, den Diebstahl einer Handtasche mit 250 Euro und einer nicht besonders wertvollen Armbanduhr als Inhalt, Sakralgegenstände, wie Kerzenleuchter und Kruzifixe aus verschiedenen Klöstern und Kirchen, einige größere Betrügereien. Was aber wirklich schwer wog, waren Gewalttätigkeiten und Nötigungen gegen seine Eltern, die sogar jetzt noch zu ihm standen und vor Gericht um Milde für ihren Sohn baten. Die Mutter, die er krankenhausreif geprügelt hatte, bat noch bei ihrer Einvernahme von Kriminalbeamten im Spital um Nachsicht für ihren Sohn.

Matthias G. war geständig. Erklären konnte er seine pathologische Spielleidenschaft nicht. Er war nicht mehr auf der Jagd nach dem kleinen Geldglück, die ihn an die Automaten kettete. Er war auf der Flucht vor allen, die von ihm Rechenschaft verlangen könnten, letztlich vor sich selbst. Er hatte zuletzt bis zu tausend Euro am Tag verspielt. Seine Gedanken kreisten nur noch um zwei Themen: Wo bekomme ich das Geld zum Weiterspielen her und welche Lügen muss ich erfinden, um zu Geld zu kommen. Je größer seine Verstrickungen wurden, umso größer wurde auch sein Schuldempfinden. Dann hatte er beschlossen, nur noch ein Spiel, sein letztes, zu machen. Im Baumarkt kaufte er einen sechs Meter langen Gartenschlauch und Klebebänder und in mehreren Apotheken Schlaftabletten. Im Supermarkt stahl er eine Flasche Whiskey. Dann fuhr er an den Neusiedlersee. Er dichtete die Autotüren mit Klebeband ab, trank den Whiskey und nahm eine Handvoll der gekauften Tabletten, startete dann den Motor, dessen Abgase vom Gartenschlauch ins Wageninnere geleitet wurden und schlief zu Ludwig Hirschs „Dunkelgrauen Liedern“ ein. Ja, er wachte wieder auf, um zwei Uhr morgens. Er lag neben seinem Wagen am kalten, nassen Boden, rund um ihn ein dutzend Poli­zis­ten. Sie hatten ihn schon gesucht und zu seinem Glück auch gefunden.

Die Gerichtsverhandlung. Vor dem Schöffengericht saß ein Häufchen Elend, bleich und abgemagert in einem zu groß gewordenen Anzug. Im Verhandlungssaal waren seine alten Eltern. Die Mutter weinte bitterlich in ein großes Taschentuch und Matthias G. schaute ungläubig auf, als er seine geschiedene Frau mit kummervollem Gesicht im Verhandlungssaal wahrnahm. Er bekannte sich schuldig, erklären könne er nichts. Seine geschiedene Frau bat, eine Aussage machen zu dürfen. Obwohl als Tatzeugin nicht in Frage kommend, ließ ich sie, einer Eingebung folgend, in den Zeugenstand kommen. Sie bat um Milde für ihren geschiedenen Mann. Er würde ihr und den Kindern fehlen. Er sei ja eigentlich ein sehr guter, liebevoller Ehemann und Vater gewesen, jedenfalls bis er unter die Glücksspielräder gekommen ist. Sie würde, wenn er seine hoffentlich milde Strafe verbüßt hat, wieder zu ihm stehen. Mit ihm einen Neubeginn wagen. Matthias G. saß mit offenem Mund auf der Anklagebank. Aber in seinen Augen funkte Hoffnung und Dankbarkeit auf. Auch die alten Eltern waren sichtlich fassungslos und hielten einander an den Händen. Ein Blick zu den Schöffen ließ mich Tränen in den Augen einer Schöffin wahrnehmen und selbst im strengen Blick des Staatsanwaltes war so etwas wie Mitleid zu erblicken. Der Pflichtverteidiger des Angeklagten, der bisher gelangweilt in seinem Akt geblättert hatte, warf sich nun ins Zeug und plädierte unter Hinweis auf das Geständnis und eine gute Zukunftsprognose auf ein mildes Urteil.
Nun, die gute Zukunftsprognose vermochte ich noch nicht zu sehen und Mitleid ist im Strafverfahren auch keine beachtenswerte Kategorie. So wurden es diesmal vier Jahre Freiheitsstrafe. Die Eltern und die geschiedene Gattin wischten Tränen aus ihren Augen, Staatsanwalt und Verteidiger verzichteten auf Rechtsmittel.
Dann aber kam das Bemerkenswerte. Bevor der Justizwachebeamte Matthias G. zurück in seine Zelle führte, konnte ich einen Hoffnungsschimmer in seinem Gesicht wahrnehmen. Er drehte sich zu mir, lächelte mich an und sagte: „Jetzt habe ich wieder Hoffnung, dass mein Leben weitergeht. Da drinnen, er deutete zum Zellentrakt, kann ich nicht spielen und meine Eltern, meine Frau und die Kinder stehen zu mir. Herr Rat, ich verspreche ihnen, ich werde eine ernsthafte Therapie machen, ich werde es schaffen.“ Wenige Tage später meldete sich ein älterer, freundlich aussehender Herr und stellte sich als Mitglied einer burgenländischen Selbsthilfegruppe von Spielern vor und erklärte mir, dass er Matthias G. betreuen werde. Ich bat ihn, mich über Erfolg oder Misserfolg zu informieren.
Ich habe dann nichts mehr von Matthias G. gehört. Vor etwa einem halben Jahr habe ich ihn in einem Supermarkt getroffen. Er hat mich freudig begrüßt und mir erzählt, dass er wieder mit seiner Frau gut zusammenlebt, die Kinder seien bereits erwachsen, sein Sohn studiert Rechtswissenschaften und möchte Richter werden. Seine Tochter hat Uhrmacherin gelernt und arbeitet bei einem Juwelier. Seine Eltern seien bereits verstorben. Seine Frau und er hätten sie bis zu ihrem Tode gepflegt. „Wenigstens so konnte ich mich dafür bedanken, dass sie trotz meines undankbaren Verhaltens immer zu mir gehalten haben. Und Ihnen, Herr Rat, bin ich bis an mein Lebensende dankbar. Nur durch ihre Strafen und die Hilfe meiner Freunde von der Selbsthilfegruppe und selbstverständlich durch meine Frau, die mir Halt gegeben hat, habe ich meine Sucht besiegt und habe es zurück in ein normales Leben geschafft“. Er erzählte mir noch, dass er wieder seinen erlernten Beruf als Tischler ausübt und gab mir seine Visitenkarte mit dem Bemerken, dass er sehr gerne für mich arbeiten würde.
Nicht allzu oft trifft man einen derart „resozialisierten“ Straftäter und noch seltener trifft man einen Verurteilten, der für seine Verurteilung dankbar ist. Ich habe ein paar Türen zu reparieren, ich werde ihn anrufen.
Alfred Ellinger