Porträt

Mit Herz und Hirn

Chefinspektor Eduard Pöltl von der LKA-Außenstelle Mitte wurde für sein Lebenswerk geehrt.

Ein Kriminalbeamter „mit Hirn und Herz“, „eines der letzten Urgesteine des typischen Kiberers“, aber ebenso jemand, der „mit Bravour den Spagat zum modernen Kriminalbeamten geschafft“ hat – so charakterisierte Oberstleutnant Günter Steinwendtner, BA, in seiner Laudatio Chefinspektor Eduard Pöltl von der LKA-Außenstelle Mitte. Pöltl wurde im Oktober 2019 von der Vereinigung österreichischer Kriminalisten mit dem Ernst-Hinterberger-Preis für das kriminalistische Lebenswerk ausgezeichnet – nach 46 Dienstjahren, davon stolze 42 Jahre bei der Kriminalpolizei.
„Kriminalpolizist zu werden war ein Kindheitstraum von mir“, erinnert sich Pöltl, der nach nur vier Jahren Dienst in der Uniform 1978 die erste Gelegenheit nutzte, zur Kriminalpolizei zu gehen. Nach Absolvierung des Kriminalbeamtenkurses wurde er der Kriminalbeamtenabteilung beim Bezirkspolizeikommissariat Josefstadt dienstzugeteilt. Prägend waren für ihn damals sein Gruppenführer und seine älteren Kollegen, von denen er lernte, kriminalistisch zu arbeiten. Mit Erfolg – in nur einem Jahr gelang es ihm, über hundert Täter bis zur Festnahme auszuforschen.

Für alles zuständig. Auch wenn die Kriminalität früher wesentlich geringer gewesen sei als heute, habe es für ihn und seine Kollegen immer viel zu tun gegeben, so Pöltl – was vor allem daran lag, dass wesentlich mehr Delikte in die Zuständigkeit der Kriminalbeamten fielen. Pöltl nennt einige Beispiele: „Ich war auch für die Ausforschung von Fahrerflüchtigen verantwortlich, obwohl das eine Verwaltungssache ist. Die uniformierten Kollegen haben mich angerufen, wenn bei einem Auto ein Spiegel abgebrochen oder die Luft aus einem Reifen ausgelassen war. Ich habe alle Anzeigen aufgenommen, z. B. wegen Einbruchsdiebstahls, und die Tatortarbeit selbst gemacht.“
Pöltl wurde bekannt für seine genauen Ermittlungen und dafür, jede noch so kleine Spur zu verfolgen, auch über Rayons- und Bezirksgrenzen hinweg. So gelang es ihm etwa, in der Leopoldstadt eine Gruppe von 14 Ladendieben und ihre Hehler dingfest zu machen. Ein im 12. Bezirk wegen eines anderen Delikts Festgenommener gestand bei der Vernehmung sechs Jahre zurückliegende Banküberfälle. „In seiner Wohnung waren unter einem Fußbodenbrett eine Pistole, ein falscher Bart und ein Teil der Beute versteckt. Das hat er uns gezeigt, sonst hätten wir das Versteck nie gefunden“, erzählt Pöltl.
Sein Geschick im Umgang mit Menschen bewies Pöltl nicht nur bei Vernehmungen, sondern auch, wenn es darum ging, jahrelang einen guten Kontakt mit einem „Zund“ aufrecht zu erhalten. So erfuhr er von einem seiner Informanten, wenn wieder einmal jemand mit einem gefälschten italienischen Visum unterwegs war. Die Fälscher verfügten laut Pöltl offensichtlich über bessere Sprachkenntnisse als die italienischen Behörden: „Wir haben die falschen italienischen Aufenthaltsbewilligungen daran erkannt, dass der Text richtig geschrieben war. Das Original hat nämlich einen Rechtschreibfehler gehabt.“

Neue Kriminalitätsformen. Die Polizeireform bedeutete auch für Pöltl eine Neuorientierung. Er wurde mit der Führung einer Gruppe im Bereich der Eigentumskriminalität im Kriminalkommissariat Mitte, das auch für die Josefstadt zuständig war, betraut. Eine Herausforderung stellte diese neue Aufgabe einerseits aufgrund interner organisatorischer und personeller Veränderungen dar, andererseits hatten die Straftaten im Eigentumsbereich einen Höchststand erreicht. Neue Kriminalitätsformen und Tätergruppierungen – organisierte Banden aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks und der Sowjetunion – forderten von der Polizei eine andere Vorgehensweise.
„Ich war ein Kiberer vom alten Schlag, ein Generalist, wie er damals gefragt war. Dann hat es plötzlich geheißen: 'Wir brauchen Spezialisten.' Im ersten Moment war ich skeptisch wie viele Kollegen in meinem Alter. Die haben dann den Hut draufgehaut und sind früher in den Ruhestand gegangen“, schildert Pöltl die damalige Situation. Er entschied sich dafür, zu bleiben und sich mit den neuen Ermittlungsmethoden wie professionelle Observation, Telefonüberwachung und elektronische Datenerfassung vertraut zu machen. Die Kombination von „altem“ kriminalistischem Gespür und neuen Errungenschaften der Technik bescherten dem Kriminalkommissariat Mitte eine beachtliche Steigerung der Aufklärungsquote.
Die von Pöltl und seiner Gruppe erzielten Erfolge wurden 2004 von der Vereinigung österreichischer Krimina­lis­ten mit der Auszeichnung „Kriminalist des Jahres“ gewürdigt. Seine Gruppe forschte zwischen Dezember 2003 und Herbst 2004 mehr als 115 Verdächtige aus und klärte dabei über 1.300 Straftaten mit einer Schadenssumme von insgesamt mehr als 1,8 Millionen Euro auf, vor allem Einbrüche organisierter Tätergruppen. „Ich habe gute Leute gehabt, die gut zusammengearbeitet haben“, betont Pöltl den Stellenwert von Teamwork in der Polizeiarbeit.

Theatereinbrüche. Sechs Jahre später machte Pöltls Gruppe mit einem besonders spektakulären Fall Schlagzeilen: Es gelang, eine moldawische Tätergruppe auszuforschen, die darauf spezialisiert war, in Theater und Konzerthäuser einzudringen und Tresore aufzuschneiden. „Der erste Tatort war das Theater Akzent im 4. Bezirk. Als die Serie losgegangen ist, hat uns die LPD mit den Ermittlungen zu allen Einbrüchen in Opernhäuser und Theater in ganz Wien betraut“, berichtet Pöltl. Mit verstärkten Streifen und Alarmkoffern in mehreren Theatern hoffte man, den Tätern auf die Schliche zu kommen.
Der Durchbruch wurde erzielt, als eine Überwachungskamera beim Volkstheater eine Aufnahme von einem der Täter lieferte, auf der zu sehen war, wie der Mann mit einem Handy telefonierte. Offensichtlich kommunizierten die Bandenmitglieder außerhalb des Gebäudes mit jenen, die in das Theater eingedrungen waren. Durch Funkzellenauswertung und Rufdatenrückerfassung konnten vier Telefonnummern herausgefunden werden. Mobiltelefone mit denselben Nummern wurden auch bei weiteren Einbrüchen verwendet.
Die Einbruchsserie setze sich fort; die Staatsoper im 1. und das Akademietheater im 3. Bezirk zählten ebenso zu den Tatorten wie später Büros, Schulen und Parteizentralen. Die Einbrüche ereigneten sich in Wien, dann auch im Burgenland, in Nieder- und Oberösterreich. Fanden die Täter einen Tresor, machten sie sich mit Flex und Winkelschleifer ans Werk – eine brachiale Methode, die zu dieser Zeit bereits eher die Ausnahme als die Regel darstellte.
Drei der Täter konnten schließlich bei einem Einbruch ins Burgkino am Opernring auf frischer Tat ertappt werden. Die Zuführung erfolgte durch eine Observationsgruppe des BMI, der Zugriff durch die Cobra. Dann ging es Schlag auf Schlag: vier Festgenommene beim Büro der MA 39 im 10. Bezirk, vier weitere in einer Schule im 5. Bezirk, drei im 2. Bezirk nach einem Einbruch in ein Architektenbüro, zwei Bandenmitglieder konnten über DNA-Treffer ausgeforscht werden. Den Tätern, von denen der jüngste erst 14 Jahre alt war, konnten 55 Fakten mit einer Gesamtschadenssumme in der Höhe von über 300.000 Euro zugeordnet werden. „Das war die größte Amtshandlung meiner Gruppe“, stellt Pöltl fest.

Kupferkabeldiebe. Von September 2012 bis Juli 2013 ermittelte seine Gruppe zu Kupferkabeldiebstählen auf Baustellen, unter anderem auf dem Gelände des Wiener Hauptbahnhofs und des Campus der Wirtschaftsuniversität im Prater. Aufgrund eines Hinweises wurde zuerst gegen einen der Täter ermittelt, der seine Drogensucht mit dem Verkauf des Diebsguts finanzierte. „Die Täter haben die Kabelrollen im Keller gebunkert, dann abgemantelt und an Schrotthändler verkauft – Kupfer hat damals einen hohen Kilopreis gehabt“, erklärt Pöltl.
Die Bande weitere ihr Betätigungsfeld aus; weitere Kupferkabeldiebstähle sowie Einbrüche in Einfamilienhäuser und Kleingartenanlagen in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland gingen auf ihr Konto. Auch in diesem Fall trug Telekommunikationsüberwachung dazu bei, dass die aus Serben, Bosniern und Montenegrinern bestehende Tätergruppe ausgehoben werden konnte. Der Gesamtschaden betrug 130.000 Euro, 19 Personen wurden bei der Staatsanwaltschaft Wien angezeigt.

Respekt. „Die Zahl der Einbrüche in Wien ist zurückgegangen, früher hat es in einer Nacht drei bis vier Einbrüche gegeben“, skizziert Pöltl eine positive Entwicklung. Während es sich nach der Öffnung des Ostblocks zum Großteil um Serben und Rumänen handelte, war man später zunehmend auch mit Moldawiern und dann mit Tschetschenen konfrontiert. Im Vergleich mit der „guten alten Zeit“ fällt laut Pöltl aber auch etwas negativ auf. Zeigten die „richtigen Pülcher“ noch einen gewissen Respekt vor der Polizei, fehle dieser insbesondere bei jungen Straftätern: „Heute legt ein Junger bei der Vernehmung die Füße auf den Tisch, aber für sich fordert er Respekt.“
Auch wenn es unter diesen Umständen manchmal schwer fallen mag, müsse ein Polizist sein Gegenüber immer respektvoll behandeln, davon ist Pöltl überzeugt. Jemand, der „Django spielen“ möchte, sei bei der Polizei am falschen Platz. Als wesentliche Anforderungen für diesen Beruf nennt Pöltl, ein Rechtsempfinden zu haben und sozial zu denken. Die richtigen Worte zu finden sei nicht nur im Kontakt mit Tätern, sondern auch mit Opfern und Angehörigen wichtig – beispielsweise beim Überbringen einer Todesnachricht.
In Summe überwiege das Positive, er bereue es nicht, bis 65 geblieben zu sein, zieht Pöltl nach 46 Dienstjahren Bilanz. Auch im wohlverdienten Ruhestand plant er, langjährige Gewohnheiten beizubehalten – etwa, einmal im Jahr mit dem Wohnwagen für vier Wochen nach Griechenland zu fahren. Sportliche Betätigung muss ebenfalls sein: Waren es bisher je zehn Kilometer zu Fuß von seiner Wiener Wohnung zur Dienststelle und wieder zurück, steht jetzt Bewegung an der frischen Luft in seiner Heimatgemeinde bei Hartberg in der Steiermark auf dem Programm.
Dass es ihm in der Pension nicht langweilig wird, hat noch einen anderen Grund, wie Pöltl verrät: „Ich bin vor kurzem Opa geworden.“
Rosemarie Pexa