Gewalt II

Unsichtbare Gewalt

Auch betagte Frauen können, meist unbemerkt von ihrem Umfeld, Opfer sexueller Übergriffe werden.

Die Frau ist schuld! Sie war zu spät allein unterwegs, zu aufreizend angezogen, hat zu missverständliche Signale ausgesandt ... Selbst wer diese irrigen Ansichten nicht teilt, hat beim Stichwort „sexuelle Gewalt“ ein Bild im Kopf. Und das ist sicher nicht das einer betagten Frau, die sich weder „verführerisch“ verhält, noch körperbetonende Kleidung trägt und ohne fremde Hilfe vielleicht nicht einmal mehr das Haus verlassen kann.
Dass auch eine alte Frau, deren Aussehen mit dem herrschenden Schönheitsideal nur wenig gemeinsam hat, Opfer sexueller Gewalt werden kann, ist für viele Menschen schlichtweg undenkbar. Hinweise auf nicht einvernehmliche sexuelle Handlungen werden daher leicht übersehen oder falsch gedeutet, Täter nicht zur Verantwortung gezogen und Opfer alleine gelassen.
Auch diese Art der Gewalt sichtbar zu machen, setzte sich die Interdisziplinäre Ringvorlesung „Eine von fünf: (Un-)Sichtbare Gewalt gegen ältere Frauen“ im Zentrum für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien zum Ziel. Die für alle Interessierten zugängliche Lehrveranstaltung wurde im Dezember 2019 im Rahmen der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ abgehalten.

Machtausübung. „Bei sexuellen Übergriffen auf alte Frauen geht es vornehmlich um aggressive Impulse, um Machtausübung und Kontrolle, nicht um Triebstau“, erklärte DSA Ursula Kussyk von der Beratungsstelle Verein Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. Unter diesem Gesichtspunkt muss man auch die Fälle betrachten, die die Sozialarbeiterin ihren Zuhörern präsentierte:
• In einer betreuten Wohnung wurde eine 80-jährige Frau von einem Bekannten vergewaltigt und mit dem Messer bedroht. Aus Angst rief sie nicht um Hilfe.
• Ein Mann drang in die Wohnung einer seh- und gehbehinderten 82-Jährigen ein und raubte ihr nach vier Vergewaltigungen und einem Vergewaltigungsversuch hundert Euro aus der Geldbörse.
• Auf dem Heimweg von der Kirche wurde eine betagte Frau von einem 19-Jährigen vergewaltigt. Er verletzte sie dabei schwer, durchwühlte ihre Handtasche und nahm ihren Haustorschlüssel an sich.
Meist handelt es sich bei betagten Opfern jedoch um häusliche Gewalt – auch, weil ältere Frauen seltener in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung war bei von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen in knapp 30 Prozent der Fälle der aktuelle oder ein früherer Partner der Täter, bei Frauen zwischen 50 und 60 Jahren lag der Anteil bei 40 Prozent.

Pflegende als Täter. Wie sexuelle Gewalt gegen eine alte Frau durch den eigenen Partner aussehen kann, beschreibt eine Pflegerin in dem bei der Ringvorlesung gezeigten Video „Schrittweise. Wege aus der Gewalt, Folge 4: Unsichtbare Gewalt an älteren Frauen“. Dieses wurde vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz erstellt.
Dem Ehemann von „Frau M.“ sei es „gar nicht recht“ gewesen, dass sie seine Frau gepflegt habe, so die Pflegerin. Frau M., die nach einem Schlaganfall in ihren Bewegungen sehr eingeschränkt war und nicht mehr sprechen konnte, habe sich mit ihr durch Kopfnicken und -schütteln verständigt. Als die Pflegerin einmal zu früh ins Haus kam, entdeckte sie Frau M. völlig verstört und spärlich bekleidet im Badezimmer. Auf den Oberschenkeln hatte sie Blutergüsse.
Die Frage der Pflegerin, ob sie mit ihrem Mann Sex gehabt habe, beantwortete Frau M. mit einem Kopfnicken, verneinte jedoch eindeutig, dass ihr das angenehm gewesen sei. Bei jemandem, der körperlich und sprachlich so stark beeinträchtigt sei, könne es „passieren, dass er das unfreiwillig macht“, so die Pflegerin. „Und das ist dann auch Vergewaltigung, auch unter Ehepartnern.“ Viele ältere Herren hätten immer noch die Vorstellung, dass die Frau ihnen gehöre.
Eheliche Pflichten. Das bestätigte auch DSA Barbara Ille von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: „Wie rede ich mit einem 70-, 80-jährigen Mann, der so aufgewachsen ist, dass er glaubt, es sei sein Recht, Sex zu haben, wann er will, und die Frau muss gefügig sein?“ Aber nicht nur den Tätern, auch den Opfern sei oft schwer zu erklären, dass es heute nicht mehr zu den Aufgaben einer „guten Ehefrau“ gehöre, die sexuellen Wünsche ihres Mannes ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.
Kussyk fasste zusammen, was sich rechtlich in Bezug auf „eheliche Pflichten“ und generell bei Sexualdelikten getan hat: Seit 1987 haben Opfer von Sexualdelikten das Recht auf die Anwesenheit einer Vertrauensperson bei der Einvernahme. 1989 wurde die Widerstandsunfähigkeit des Opfers als Voraussetzung für den Tatbestand einer Vergewaltigung gestrichen und Vergewaltigung in der Ehe als Antragsdelikt unter Strafe gestellt. Seit 1993 gibt es die schonende Vernehmung, seit 1998 die Befragung mittels Videos in einem Nebenraum. 2004 wurde die Vergewaltigung in einer Ehe oder Lebensgemeinschaft der außerhalb der Ehe gleichgestellt.
In der Praxis habe es allerdings länger gedauert, bis die gesetzlichen Änderungen entsprechend berücksichtigt wurden, so Kussyk: „Auch in den 1990er-Jahren mussten Frauen vor Gericht oft noch beweisen, dass sie 'anständige Frauen' waren, obwohl Fragen nach dem Sexualleben nicht mehr gestellt werden durften.“ Die Sozialarbeiterin sieht in der Sozialisation älterer Frauen ein Hindernis dafür, dass diese bei Sexualdelikten Anzeige erstatten: „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Bei uns gibt es kaum Klientinnen über 50 Jahren.“

Fehlende Worte. Überwindet sich eine ältere Frau dazu, Anzeige zu erstatten, fällt ihr die Schilderung des Erlebten oft schwerer als einem jungen Opfer. Wie herausfordernd es sein kann, sogar über eine nicht traumatische sexuelle Erfahrung zu sprechen, versucht Ille angehenden Polizisten in der Grundausbildung zu vermitteln. Die Aufgabe ist, einem Teilnehmer des anderen Geschlechts von einem – auch erfundenen – sexuellen Erlebnis zu erzählen, der Gesprächspartner soll Fragen dazu stellen. Dabei würde den Polizeischülern das Problem, die passenden Worte zu finden, bewusst werden, so Ille.
Polizisten für das richtige Verhalten bei häuslicher Gewalt insbesondere gegen ältere Frauen zu sensibilisieren, ist auch Bezirksinspektor Michael Felsberger vom Landeskriminalamt der Landespolizeidirektion Wien ein Anliegen: „Wir nehmen an Arbeitsgruppen teil, die sich unter anderem mit Gewalt gegen ältere Frauen befassen, und überlegen, wie ein Einschreiten der Polizei aussehen sollte.“
Wichtig dabei sei, nicht durch Stereotype ein falsches Bild von der Situation zu bekommen, so Felsberger: „Jeder kann ein Gefährder sein, vom 13- oder 14-Jährigen bis zum Hochbetagten, der Partner ebenso wie Kinder oder Enkelkinder.“ Gewalt gehe auch von pflegenden Personen aus, wobei Pflegeüberforderung oft eine Rolle spiele.

Gewaltbeziehungen. Opfer von Gewalttaten zu werden, kann laut Felsberger ebenfalls jedem passieren; Betroffene häuslicher Gewalt sind allerdings zu rund 90 Prozent weiblich. Handelt es sich um ältere Frauen, dann geht der Tat, die zu einem Einschreiten der Polizei geführt hat, oft eine jahrelange Gewaltbeziehung voraus. „Über 60-Jährige halten die Gewalt oft so lange aus, weil sie ein Stück weit Teil ihres Lebens geworden ist, sie sprechen nicht darüber“, beantwortete Felsberger die oft gestellte Frage, warum sich das Opfer nicht schon früher an die Polizei gewandt und niemand etwas bemerkt habe.
Bei einer Amtshandlung mit Verdacht auf häusliche Gewalt müssen sich die Polizisten binnen kürzester Zeit einen Überblick über die Situation verschaffen. Wie ist die Stimmung? Gibt es Spuren, etwa eine blutige Lippe? Ist das Opfer pflegebedürftig, ist allerdings wesentlich mehr zu klären. In der Regel übernimmt der gewalttätige Angehörige ja zumindest einen Teil der Pflege, fällt aber aus, wenn ein Betretungsverbot ausgesprochen wird.
Das trifft auch in dem – hypothetischen – Fall zu, den Felsberger schilderte: „Die Frau ist 75 Jahre alt, dement, bettlägrig, ihr Mann 63 Jahre. Den einschreitenden Polizisten stellt sich folgendes Problem: Für welche Aufgaben war der Gefährder verantwortlich und welche Einrichtungen können diese übernehmen? Brauchen wir die Rettung, damit sie die Frau in eine Pflegeeinrichtung bringt?“
Da die meisten Notrufe wegen häuslicher Gewalt in der Nacht erfolgen, sind die in Frage kommenden Pflegeeinrichtungen in der Regel nicht gleich erreichbar. Dann springen oft die Johanniter für eine Kurzzeitpflege ein. „Wenn alle Stricke reißen, kommt das Opfer für eine Nacht in ein Krankenhaus. Für den nächsten Tag sucht man eine andere Lösung“, erklärte Felsberger. Komplizierter wird eine Unterbringung, wenn das Opfer Sauerstoff braucht oder im Rollstuhl sitzt.
Ist nach einem Betretungsverbot die Pflege organisiert oder keine erforderlich, wird das Opfer auf das Leben nach der Tat vorbereitet. Die Mitarbeiterinnen der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie sind – neben der Polizei – oft die ersten, die Kontakt mit dem Opfer aufnehmen, so Ille: „Das Besondere an unserer Einrichtung ist, dass wir per E-Mail die Meldungen der Polizei bekommen und proaktiv Unterstützung anbieten können.“

Vertrauensaufbau. Für den Aufbau von Vertrauen brauche man bei alten Menschen besonders viel Zeit, betonte die Sozialarbeiterin. Der Alters­unterschied zur Beraterin stelle für viele Opfer eine Hürde dar, die erst überwunden werden müsse. „Wie soll mich Ihre Kollegin, die so alt ist wie meine Enkeltochter, verstehen?“ oder: „Ich möchte Ihre jungen Kolleginnen nicht belasten“, hat Ille da schon zu hören bekommen.
Typisch für ältere weibliche Gewaltopfer sind auch ihr größeres Schamgefühl, die aufgrund fehlender eigener Pensionsansprüche finanzielle Abhängigkeit vom – gewalttätigen – Ehemann und die Wissenslücken in Bezug auf die rechtlichen Möglichkeiten. Gesundheitliche Einschränkungen und die damit verbundene geringere Mobilität kommen erschwerend dazu.
Manchmal überraschen betagte Opfer ihr Umfeld aber auch durch ihre Aktivität und Entschlossenheit. So antwortete eine Frau laut Ille auf die Frage des Richters, warum sie sich nach so vielen Jahren in einer Gewaltbeziehung für die Scheidung entschieden habe, sie wolle nicht, dass ihr gewalttätiger Mann einmal an ihrem Grab stehe.
Rosemarie Pexa