Justiz

Flucht ohne Folgen

Österreichs Gefängnisse gelten weithin und im internationalen Vergleich als sicher. Trotzdem gelingt immer wieder dem einen oder anderen Insassen die Flucht – eine in Österreich an sich nicht strafbare Handlung.

Der jüngste Ausbruch: Gars­ten, am 28. Juni 2019. Die beiden Tschetschenen dürften die Flucht genau geplant haben. So frästen sie mit Elektrowerkzeug, das eigentlich für Haftraumarbeit zur freiwilligen Beschäftigung der Insassen in ihrer Freizeit zur Verfügung steht und mit manipulierten Werkmaterialien ein rund 20 mal 30 Zentimeter großes Loch in die Holz- und Betondecke ihrer Zelle im dritten Stock. In der Nacht zwängten sie sich eingeseift durch, gelangten auf den Dachboden, wo sie eine Wäsche­leine anbanden und sich abseilten. Die Flucht des Duos wurde erst am nächs­ten Tag gegen 7 Uhr früh bemerkt. Möglich wurde die Flucht laut Justizministerium unter anderem aufgrund des Denkmalschutzes. Die Haftanstalt Garsten befindet sich in einem ehemaligen Benediktinerkloster, einem der führenden Barockbauten Oberösterreichs. Maßnahmen, die einen solchen Ausbruch verhindern würden, seien in den historischen Gemäuern denkunmöglich.
Nach drei Monaten in Freiheit klickten für die beiden am 18. September erneut die Handschellen. Vom Einsatzkommando Cobra konnten sie in Wien festgenommen werden.

Straffreie Flucht. Auch wenn es selten vorkommt, dass in Österreich Straftäter aus dem Gefängnis entkommen, so passiert es doch immer wieder. Laut Mag. Christina Ratz, LL.M. (WU) vom Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz, gelingt pro Jahr durchschnittlich drei Häftlingen der Ausbruch. Nur in den seltensten Fällen aber für immer. Statistisch gesehen werden zwei der drei Geflohenen innerhalb weniger Tage gefasst und wieder inhaftiert.
Und es mag für den Laien kurios anmuten, aber es ist gültiges Recht: In Österreich ist es nicht verboten, aus dem Gefängnis auszubrechen. Man will den „Freiheitsdrang“ respektieren. Dennoch haben Häftlinge nicht ohne Grund Haftstrafen zu verbüßen, daher setzen Polizei und Justiz trotzdem alles daran, die Person wieder zu inhaftieren. Außerdem reihen sich an den somit straffreien Ausbruch aber meist gleich mehrere andere Delikte, für die man dann sehr wohl eine Strafe bekommt: Sei es Sachbeschädigung aufgrund einer aufgebrochenen Türe, Diebstahl wegen dem entwendeten Schlüssel oder schwere Körperverletzung, wenn eine Wache niedergeschlagen wurde. Während der Ausbruch aus dem Gefängnis zwar nicht verboten ist, gilt das aber nicht für die „Befreiung von Gefangenen“. Laut § 300 StGB ist dies mit zwei Jahren Freiheitsstrafe zu ahnden. Aber nur bei Hilfe von außen. Unterstützung anderer Insassen schaut schon wieder anders aus... Österreich ist mit dieser Regulierung übrigens nicht alleine. Auch in Deutschland, Belgien und Mexiko ist ein Gefängnisausbruch nicht unter Strafe gestellt.

Ein Blick zurück in die Geschichte der kuriosesten und spektakulärsten Ausbrüche in Österreichs Haftanstalten: Die Flucht ist immer wieder gelungen – beim Arztbesuch, beim Freigang oder schlicht bei einem vorgetäuschten Toilettengang. In Summe ist es immer ein Moment der Unachtsamkeit, oder die Gunst der Sekunde.
Anfang August 2011 gelang etwa zwei Häftlingen die Flucht aus dem Landesgericht Eisenstadt, weil sie bei der Essensausgabe kurz alleine in der Küche beschäftigt waren. Diesen Augenblick nützen sie, um durch ein manipuliertes Fenstergitter zu entkommen.
Ende Februar 2009 flieht ein Häftling aus der Justizanstalt Josefstadt in Wien bei Elektrikerarbeiten außerhalb des Gefangenenhauses. Vier Tage später endet seine Flucht. Auf einem Feld im niederösterreichischen Ort Gaming (Bezirk Scheibbs) klicken für den Mann nach einer Verfolgungsjagd über Wald, Wiese und Bach neuerlich die Handschellen.
Anfang Juli 2005 konnte die Flucht zweier Häftlinge aus der Justizanstalt Graz-Karlau gerade noch vereitelt werden. Die beiden Männer wollten mit einer aus Metall und Holz selbst zusammengebauten Leiter über eine Mauer entkommen.
Mitte April 2005 spazierte ein als Anwalt verkleideter Mann in die Justizanstalt Wien-Josefstadt und lässt sich einen überführten Geldfälscher vorführen. Diesem übergibt er einen in einem Pilotenkoffer mitgebrachten Anzug, Schuhe und eine Brille und verlässt mit dem Häftling nach Vornahme des Kleiderwechsels seelenruhig und unbehelligt das Gefängnis. Dass es soweit kommen konnte, soll ein Wiener Rechtsanwalt ermöglicht haben, der dem eigentlichen Fluchthelfer seinen Anwaltsausweis überlassen hat, den dieser unter Verwendung eines erfundenen Namens und eines Fotos verfälschte.
Ende März 2003 flieht ein Häftling mit einem Traktor aus der Justizanstalt Hirtenberg, Außenstelle Münchendorf. Beamte finden den schwer alkoholisierten Mann im Zuge einer Sofortfahndung bald in einer Wiese – neben dem Traktor liegend.

Bekannteste Ausbrüche. Diese Lis­te an Kuriositäten ließe sich wohl noch um einiges verlängern, geflohen sind aber auch wirklich gefährliche Straftäter. Die Täter selbst sind vielen nicht mehr bekannt, aber ihre Straftaten kennt man Jahrzehnte danach noch fast bis ins Detail.
Der bekannteste Gefängnisausbruch Österreichs ereignete sich Anfang November 1971: Drei zu langen Strafen verurteilte Insassen der Strafanstalt Stein bei Krems nehmen zwei Personen als Geiseln und machen sich auf die Flucht. Adolf Schandl bemächtigt sich gemeinsam mit seinen Haftgenossen Walter Schubirsch und Alfred Nejedly bei einer Einvernahme in Stein der Waffen ihrer Bewacher und nehmen eine Schriftführerin sowie eine Untersuchungsrichterin als Geiseln. Freiwillig lassen sich der Polizeichef von Krems und ein Untersuchungsrichter gegen die beiden Frauen austauschen. Mit den Männern als Geiseln verlassen die drei Täter in einem Auto die Strafanstalt. Mit wechselnden Geiseln fahren sie im Raum der Bundeshauptstadt herum, ehe sich Schubirsch und Nejedly am 6. November – total erschöpft – in Wien-Donaustadt ergeben. Schandl, der sich am Tag zuvor von seinen Komplizen getrennt hatte, wird erst am 20. November in Wien-Hernals gefasst.
Bei unserem nächsten Fall ist die Flucht selbst wenig spektakulär, aber die Straftat, für die der Ausbrecher lebenslang hinter Gitter musste. Tawfik Ben Ahmed Chaovali gilt als einer der gefährlichsten Straftäter Österreichs. Ende Dezember 1985 verübte er mit zwei Komplizen einen Terroranschlag am Flughafen Schwechat. Ziel der Männer soll es gewesen sein, eine israelische Maschine zu entführen, wobei die Angreifer jedoch bereits an den Flugschaltern von österreichischen Polizisten und israelischen Sicherheitsleuten in einen Schusswechsel verwickelt wurden und die Flucht antreten muss­ten. Bei der Schießerei waren zwei Österreicher und ein Israeli getötet, sowie etwa 40 weitere Personen verletzt worden. Am 21. Mai 1987 wurde Chaovali wegen zweifachen Mordes, zwölffachen Mordversuchs und Vergehen nach dem Waffengesetz schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt.
Im Mai 1995 brach der Libanese durch die Oberlichte der Anstaltstischlerei der Justizanstalt Garsten aus, wurde jedoch rund zwei Stunden später im Keller eines Wohnhauses in Steyr wieder verhaftet. Folglich wurde er in die Justizanstalt Graz-Karlau überstellt, wo er auf den bereits zitierten Adolf Schandl traf. Mit ihm gemeinsam und dem verurteilten Mörder Peter G. unternahm er im November 1996 einen erneuten Fluchtversuch. Während eines gemeinsamen Besuchs des Anstaltsgeschäftes überwältigte Chaovali zwei Wachbeamte mit einer Stichwaffe und nahm zusammen mit seinen Komplizen drei weibliche Angestellte als Geiseln. Chaovali band den Frauen anschließend selbstgebastelte Flaschenbomben um den Körper. Die dafür notwendige Nitroverdünnung hatte er aus der Gefängniswerkstätte entwendet. Chaovali und seine Komplizen forderten Lösegeld und einen Hubschrauber, wurden jedoch nach rund neunstündigen Verhandlungen vom EKO Cobra überwältigt. Im Dezember 1997 wurde Chaovali für seine Tatbeteiligung wegen erpresserischer Entführung, schwerer Nötigung und schwerer Körperverletzung zu weiteren 19 Jahren Haft verurteilt.
Im September 2016 wurde Chaovali wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu vier Monaten Haft verurteilt, nachdem er sich als IS-Mitglied ausgegeben und Wachebeamte bedroht hatte. Ein inzwischen von seinem Halbbruder eingereichter Antrag auf bedingte Entlassung und Ausreise nach Jordanien wurde daraufhin abgewiesen...
Und Ende Mai 1983 wollten zwei Häftlinge quasi mit Gottes Hilfe ihre Flucht bestreiten. Über die barocke Stiftskirche der Haftanstalt Garsten in Oberösterreich bahnten sie ihren Fluchtweg, der schließlich auf dem Kirchendach endete – 33 Stunden bei glühender Hitze verharrten die beiden dort. Sie wollten ein Gespräch mit dem damaligen Justizminister Harald Ofner erpressen und eine Verlegung in eine andere Haftanstalt erwirken. Verhandelt wurde, aber schließlich haben die beiden Häftlinge unter dem Einfluss der gleißenden Sonne und entnervt aufgegeben.
Tibor Foco nützte im April 1995 einen Studienausgang zur Flucht. Foco steht im Verdacht, im März 1986 eine Prostituierte ermordet zu haben. Seither wird nach ihm gefahndet. Auf der BM.I-Homepage wird Tibor Foco als „Austria`s Most Wanted Person“ geführt.
Mit Stichtag 15. Juli 2019 befinden sich laut Christina Ratz 9.386 Personen österreichweit in Haft (inklusive Untersuchungshaften und Unterbringungen). Am öftesten ereigneten sich Fluchten bzw. kehrten Inhaftierte nicht mehr zurück in den Justizvollzugsanstalten Wien Simmering, Klagenfurt, Salzburg, Graz-Jakomini und Innsbruck. Etwa 80 Prozent der Entflohenen haben es aber wieder zurück in die Zelle geschafft – die meisten nicht freiwillig, manche reumütig, manche ganz von alleine. Zweiteres passierte im April 2019 in Salzburg: Ein 64-Jähriger stellte sich nach elf Jahren auf der Flucht den Behörden. Nach zwei Jahren auf Teneriffa soll er beschlossen haben, wieder nach Österreich zurückzukehren, weil die kanarische Insel nicht mehr so schön sei, wie früher...
Julia Riegler/Herbert Zwickl