Interview

„Mit justiziellem Druck erreicht man die Betroffenen früher“

Mit ihrem Buch „Drogen. Vorurteile, Mythen, Fakten“ will Mag. Dr. Barbara Gegenhuber, MA, Geschäftsführerin des Schweizer Haus Hadersdorf SHH, zur Entstigmatisierung von Suchtkranken beitragen.

Kriminalpolizei: Frau Dr. Gegenhuber, im September 2019 ist Ihr Buch „Drogen. Vorurteile, Mythen, Fakten“ erschienen. Auf twitter schreiben Sie, dass darin „viel Arbeit und viel Herzblut“ steckt. Was waren Ihre Beweggründe, dieses Buch zu verfassen, und was unterscheidet es von den vielen anderen Publikationen zum Thema Drogen?
Barbara Gegenhuber: Es war tatsächlich viel Arbeit, aber ich bin froh, es geschrieben zu haben. Ich war zehn Jahre lang in der Justizanstalt Favoriten in der Betreuung suchtkranker Häftlinge tätig, seit 2011 bin ich im Schweizer Haus Hadersdorf. In dieser Zeit hat sich einiges verändert, nur was sich nicht geändert hat, sind die Vorurteile gegenüber Suchtkranken. Mit diesem Buch möchte ich zur Entstigmatisierung beitragen. Gleichzeitig habe ich einen wissenschaftlichen Ansatz – ich bin auch auf der Uni tätig. Diese Kombination ist es, die das Buch zu etwas Besonderem macht.
Was sind die verbreitetsten Vorurteile gegenüber Suchtkranken?
Gegenhuber: Ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält, ist: Wer einmal abhängig war, darf nie wieder etwas konsumieren, sonst wird er sofort rückfällig, bei Alkoholabhängigkeit z. B. nicht einmal mehr ein Punschkrapferl. Das glauben auch die Betroffenen selbst.
Ein weiteres Vorurteil betrifft Cannabis als Einstiegsdroge. Die Theorie, dass es Einstiegsdrogen gibt, die zum Konsum härterer Drogen führen, ist mittlerweile veraltet. Es gibt auch keine Substanzen, die sofort süchtig machen, wenn man sie nur ein einziges Mal nimmt.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass entgegen einer verbreiteten Annahme körperliche Abhängigkeit leichter zu behandeln ist als psychische. Was bedeutet das für die Therapie – und existiert rein körperliche Abhängigkeit überhaupt?
Gegenhuber: Nach der ICD 10, der internationalen Klassifikation von Krankheiten, gibt es sechs Diagnosekriterien für Abhängigkeit, von denen mindestens drei erfüllt sein müssen. Da nur zwei Kriterien körperliche Phänomene betreffen, muss immer auch eine psychische Komponente dabei sein.
Zur Behandlung körperlicher Abhängigkeit gibt es medikamentöse Subs­titution und Medikamente, die den Entzug erleichtern und zur Stabilisierung beitragen, das gibt es für die psychische Abhängigkeit nicht. Auch das ist ein Vorurteil: Man macht einen körperlichen Entzug, und dann ist alles erledigt. Man muss auch etwas gegen die psychische Abhängigkeit und die sozialen Probleme tun. Suchtkranke stehen nach der Behandlung oft ohne Arbeit, ohne Wohnung und mit Schulden da. Da braucht man sich nicht wundern, wenn sie wieder zu Drogen greifen.
Bei einer Therapie, z. B. hier im Schweizer Haus Hadersdorf, werden körperliche und psychische Abhängigkeit behandelt, aber die sozialen Probleme bleiben ja trotzdem bestehen, wenn die Patienten das Haus verlassen. Wo finden sie dann Unterstützung?
Gegenhuber: Wir kümmern uns auch um die soziale Integration, die ist für die Beibehaltung der Stabilität wichtig. Wir entlassen niemanden, der keine Wohnung und keine geregelte Tagesstruktur hat.
Gerade in Wien ist es ja sogar für Menschen, die eine Arbeit haben und nicht abhängig sind, schwierig, eine Wohnung zu finden. Wie sollen Suchtkranke das schaffen?
Gegenhuber: Wir haben eine WG, wo man nach der stationären Behandlung wohnen kann, bis man eine eigene Wohnung gefunden hat. Außerdem gibt es von der Stadt Wien Angebote zu betreutem Wohnen, Übergangswohnen und ähnlichem.
Sie unterscheiden zwischen Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit. Was sind die Merkmale der einzelnen Stadien?
Gegenhuber: Beim Gebrauch wird zum Genuss konsumiert, z. B. ein kühles Bier an einem heißen Sommertag oder ein Glas Sekt, um bei einer Feier anzustoßen. Es geht primär darum, ein angenehmes Gefühl herzustellen.
Will man nicht auch beim Miss­brauch ein angenehmes Gefühl haben?
Gegenhuber: Ja, aber man will vor allem unangenehme Gefühle ausschalten. Jemand hat Ärger in der Arbeit gehabt und trinkt, um das zu vergessen. Daneben spielt natürlich auch die Menge eine Rolle. Und man fängt an, negative Folgen in Kauf zu nehmen. Man trinkt z. B., obwohl man weiß, dass man noch Auto fahren muss.
Und bei der Abhängigkeit?
Gegenhuber: Da kommt die Toleranzentwicklung dazu, man braucht immer mehr. Abhängige verspüren einen Zwang zum Konsumieren, vernachlässigen alles andere, haben Entzugserscheinungen, wenn sie die Substanz nicht bekommen. Der Übergang von Gebrauch über Miss­brauch zur Abhängigkeit ist schleichend, Betroffene merken oft gar nicht, dass sie schon abhängig sind.
Zur Erklärung, warum manche Menschen eine Abhängigkeit entwickeln und andere nicht, ziehen Sie das biopsychosoziale Modell heran. Was sagt das aus?
Gegenhuber: Das Modell berücksichtigt, dass Suchterkrankungen komplexe Entstehungsbedingungen haben. Ein Faktor ist die Substanz, welche Wirkung sie auf eine Person hat. Der zweite Faktor betrifft die Person selbst: Genetik, Eigenschaften und Erfahrungen wie Traumatisierungen. Der dritte Faktor ist das soziale Umfeld: Familie, Schule, aber auch die Gesellschaft, wie sie mit einer Substanz umgeht und wie leicht diese verfügbar ist.
In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Männer und Frauen auf unterschiedliche Art süchtig sind. Der Mann trinkt, die Frau schluckt Beruhigungstabletten, die ihr der Arzt verschrieben hat. Worauf führen Sie das zurück?
Gegenhuber: Das ist eine Frage der Sozialisation. Früher sind die Männer weggegangen und haben getrunken, die Frauen haben zu Hause sein und sich um die Kinder kümmern müssen. Weibliche Sucht ist tabuisierter und heimlicher. Auch bei der Entstehung von Sucht gibt es Unterschiede. Weibliche Süchtige sind häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch, auch von sexuellem Missbrauch. In einer Partnerschaft, in der beide süchtig sind, ist sie oft für die Versorgung zuständig, finanziert die Drogen z. B. durch Prostitution.
Nicht süchtigen Angehörigen von Suchtkranken ist früher der Vorwurf gemacht worden, dass sie co-abhängig sind, wenn sie Geld hergeben und damit den Kauf von Drogen finanzieren. Was würden Sie Angehörigen raten?
Gegenhuber: Wichtig ist, dass sie sich über Sucht informieren, damit sie verstehen, warum jemand süchtig wird. Die Angehörigen leben in ständiger Angst und brauchen selbst Unterstützung, z. B. durch professionelle Hilfe oder durch den Austausch in Selbsthilfegruppen. Sie sollen sich von schädlichem Konsumverhalten distanzieren, nicht aber von der suchtkranken Person, und Spielregeln vereinbaren, z. B.: Wenn du nüchtern bist, dann gehen wir gemeinsam Pizza essen.
Sie schreiben, dass Süchtige unter Druck stehen, weil sie ihre Familie nicht enttäuschen wollen, weil sie eine Therapieanweisung der Justiz haben oder Angst, im Gefängnis zu landen. Ihrer Ansicht nach ist dieser Druck aber nicht unbedingt negativ, da er auch eine Motivation sein kann, den Drogenkonsum zu reduzieren oder ganz aufzugeben. Wie motiviert muss ein Suchtkranker sein, damit eine Behandlung überhaupt zum Erfolg führt?
Gegenhuber: Man geht von zwei Arten der Motivation aus: von intrinsischer, also innerer, und von extrinsischer durch Verstärker von außen. Früher hat man gesagt, eine Behandlung bringt nichts, wenn sie jemand nicht von sich aus will. Ich sage, der Betroffene muss auch in der Behandlung motiviert werden. Die meisten, die herkommen, sind ambivalent, da muss man die Motivation stärken, z. B. durch Ansätze der Gesprächsführung.
Es gab vor zehn Jahren zu dieser Frage ein großes europäisches Forschungsprojekt der University of Kent, bei dem sich gezeigt hat, dass Druck durch die Justiz eigentlich sehr viel bringt. Ohne Druck gehen vor allem Menschen in Behandlung, die schon sehr krank sind, mit justiziellem Druck erreicht man die Betroffenen früher. Die Personen mit Therapieanweisung bleiben im Schnitt sogar länger in der Therapie, was sich günstig auf den Behandlungserfolg auswirkt. Ich habe den österreichischen Teil des Projektes geleitet, und darauf baut auch einiges im Schweizer Haus Hadersdorf auf.
Wie lange dauert eine Therapie im SHH?
Gegenhuber: Sechs Monate stationär, dann sechs Monate im Tageszentrum zur Resozialisierung: Wohnung und Arbeit finden. Die meisten Abbrüche passieren in den ersten vier bis sechs Wochen, danach entwickelt sich die Motivation. Wenn jemand ein Jahr lang in Therapie war, dann hat sich bei ihm etwas getan, auch wenn er einen Rückfall hat, der ist dann meis­tens nicht so schwerwiegend. Oft kommt der Betroffene dann von selbst wieder zu uns.
Nach Ihrer Schätzung „ein Drittel schafft es gleich, ein Drittel schafft es später und ein Drittel schafft es nie“ ist die Erfolgsrate nicht besonders hoch.
Gegenhuber: Mit „schaffen“ ist Abstinenz gemeint. Wenn man diejenigen dazurechnet, denen es gelingt, einen kontrollierten Konsum zu haben, sind das wesentlich mehr, vermutlich zwei Drittel.
In Ihrem Buch zitieren Sie eine britische Studie, in der legale und illegale Drogen in Bezug auf ihre Gefährlichkeit verglichen werden. Der Studienautor kommt zu dem Schluss, dass hinsichtlich der Schäden für den Konsumenten selbst und für andere Personen Alkohol die gefährlichste Substanz ist, gefolgt von Heroin, Crack und Methamphetamin. Bestätigen Ihre Erfahrungen diese Reihung?
Gegenhuber: Ja, ich teile diese Anschauung. Der Psychiater, der diese Studie verfasst hat, schlüsselt die Gefährdungen genau auf. Unter die Gefahren für den Konsumenten selbst fallen verschiedene Arten der Mortalität durch die Substanz oder durch Verunreinigungen, aber auch Verkehrsunfälle aufgrund der Beeinträchtigung durch die Substanz. Schäden für andere sind z. B. die ökonomischen Folgekosten.
Die Gefährlichkeit von Alkohol ergibt sich vor allem daraus, dass er enthemmt und aggressiv macht. Das trifft auf Cannabis, Opiate und Benzodiazepine nicht zu. Bei illegalen Substanzen sind die unterschiedlich hohe Konzentration, die Verunreinigungen und die Beschaffungskriminalität ein Problem. Das könnte man auch durch Programme entschärfen wie in der Schweiz oder in Deutschland, wo sich Suchtkranke in speziellen Abgabestellen reines Diamorphin injizieren können.
Würde dann nicht die Gefahr bestehen, dass mehr Menschen illegale Drogen konsumieren?
Gegenhuber: Ich bin nicht dafür, dass man alle Drogen legalisiert, das würde signalisieren, dass Drogenkonsum harmlos ist, und das ist er de facto nicht. Legalisierung ist etwas anderes als Straffreiheit und Regulierung. In Portugal wird z. B. versucht, eine Grenze zwischen reinen Konsumenten und Händlern zu ziehen. Der Besitz einer Eigenbedarfsmenge ist straffrei. In Österreich dagegen gibt es keine erlaubte Menge, auch wenn bei Cannabis vieles abseits des Strafbaren geregelt wird.
Wobei könnte sich Österreich an Portugal ein Beispiel nehmen?
Gegenhuber: Es gibt eine Vorauswahl, bei wem eine Behandlung Sinn macht, und da fallen gerade schwer Abhängige, also die am schwersten Erkrankten, heraus. Österreich hat an sich ein gutes System, nur die Begutachtungspraxis für Therapie statt Strafe nach § 39 SMG ist optimierbar.
Wie sieht es mit der Arbeit der Polizei aus?
Gegenhuber: Wien geht einen gu­ten Weg durch das Zusammenspiel von Polizei und Sozialarbeitern. Mit Verboten allein erreicht man nichts. Es finden sich immer Mittel und Wege, an Substanzen zu kommen, etwa im Darknet, das schwerer zu kontrollieren ist. Eine Großstadt ohne Probleme durch Alkohol und Drogen gibt es nicht. Angehen kann man die Probleme nur durch eine Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen: Polizei, Betreuung und Behandlung sowie Prävention.
Interview: Rosemarie Pexa

Barbara Gegenhuber, Drogen – Vorurteile, Mythen, Fakten, 304 Seiten, € 24,90, Falter Verlag, 2019.