Serienmörder (9)

2 Brüder als 4fachmörder

Der 20-jährige Franz Petz und sein 13-jähriger Bruder Heinrich aus Obdach in der Steiermark erschossen vier Menschen. Mit dem bei den Überfällen erbeuteten Geld wollten die Brüder auf eine Ozeaninsel auswandern.

Der Autofahrer musste seinen Pkw am 15. November 1938 vor dem Obdacher Sattel in der Steiermark abbremsen, weil ein mehr als sechs Meter langer Fichtenstamm quer auf der Fahrbahn lag. Als der Lenker und sein Beifahrer, ein Handelsvertreter aus Wien, aussteigen wollten, liefen zwei Burschen auf das Auto zu, bedrohten die Insassen mit Faustfeuerwaffen und zwangen sie, auszusteigen. Dann raubten die Unbekannten das Fahrzeug und fuhren nach Twimberg in Kärnten, wo sie das Auto abstellten.
Drei Tage später, am 18. November 1938, befand sich Lorenz Wehrstein, Leiter der Klagenfurter Zweigstelle der Internationalen Unfall- und Schadenversicherungsgesellschaft, auf der Heimfahrt nach St. Martin bei Klagenfurt, als er sein Auto in der Nähe von Hüttenberg abbremsen musste, weil ein Baumstamm auf der Straße lag. Als der 40-jährige Versicherungsangestellte ausstieg, schoss einer der Burschen zweimal auf ihn. Die Schüsse in die Brust waren tödlich. Die Raubmörder warfen die Leiche in einen Bach und fuhren mit dem Auto davon. In Mühlen ließen sie den Wagen stehen.
Die Kriminalpolizei warnte über Rundfunk vor den Gewalttätern. Für Hinweise zur Ergreifung der Raubmörder wurde eine Belohnung von 500 Reichsmark ausgesetzt.
Am selben Tag gegen 19:15 Uhr musste der Lenker eines Autos des Arbeitsamtes Judenburg beim Perchauer Sattel anhalten, weil ein Baumstamm auf der Fahrbahn lag. Die drei Insassen, Angestellte des Arbeitsamtes Judenburg, stiegen aus, um das Hindernis zu beseitigen. In diesem Moment wurden sie von den beiden Gewalttätern überfallen. Einer von ihnen feuerte auf den Autolenker Reinhard Zöhrer und tötete ihn mit Schüssen in die Brust. Die Täter zwangen einen der beiden Angestellten, in das Auto zu steigen. Dem zweiten Opfer gelang die Flucht in den Wald. Die Räuber rasten mit ihrer Geisel durch Unzmarkt und stießen außerhalb des Ortes mit dem Auto gegen einen Brückenpfeiler. Der Pkw stürzte bei einer Baustelle in den Graben, überschlug sich und die Insassen wurden aus dem Auto geschleudert. Die Räuber flüchteten zu Fuß weiter.

Drei Tote bei der Verfolgungsjagd. Gendarmeriebeamte und SA-Leute nahmen die Verfolgung der Mörder auf. Eine SA-Streife entdeckte die Gesuchten in der Nähe des Bahnhofes Unzmarkt. Es kam zu einer Schießerei, bei der SA-Sturmführer Franz Hebenstreit und der SA-Mann Fritz Zeiler getötet wurden. Hebenstreit, ein Tischlermeister in Unzmarkt, hatte kurz davor geheiratet, die Witwe erwartete ein Kind.
Nach einer weiteren Verfolgung konnten die beiden Raubmörder bei der Schwarzenberg-Säge in Unzmarkt gefasst werden. Es handelte sich um den 20-jährigen Franz Petz und seinen 13-jährigen Bruder Heinrich aus Obdach. Ihr Vater war Kurschmied und von Juni 1936 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme im März 1938 Bürgermeister von Obdach.
Die Sicherheitskräfte stellten bei den beiden Burschen einen Trommelrevolver, eine Kleinkaliberpistole und einen Rucksack mit Munition sicher.
Franz Petz, der bei der Schießerei schwer verletzt worden war, starb am nächsten Tag im Krankenhaus Knittelfeld; sein leicht verletzter Bruder gab im Krankenhaus Leoben den Ermittlern als Motiv für die Gewalttaten eine abenteuerliche Version an: Sein Bruder habe ein Buch gelesen, in dem eine unbewohnte Insel im Ozean beschrieben worden sei. Auf diese Insel hätten sie auswandern wollen. Deshalb hätten sie beschlossen, ein Auto zu rauben, mit drei Geiseln in die Schweiz zu fahren und von der Regierung Lösegeld zu verlangen. Mit dem erpressten Geld hätten sie ein Segelboot kaufen wollen, um damit zur Insel zu gelangen. Die Faustfeuerwaffen und die Munition hätte sein Bruder von Bekannten erhalten.

NS-Sondergerichte. Der Fall des mordenden Brüderpaars gibt auch einen Einblick in das Justizsystem der Nationalsozialisten, die im März 1938 in Österreich die Macht übernommen hatten. Die neuen Machthaber nahmen die Morde in der Steiermark und in Kärnten sowie weitere Fälle von Autoraub zum Anlass, eine Justizreform vorzuziehen: Reichsjustizminister Franz Gürtner ließ am 20. November 1938 im Reichsgesetzblatt die „Verordnung über die Erweiterung der Zuständigkeit der Sondergerichte“ verlautbaren. Mit der Verordnung wurden bei den Oberlandesgerichten Innsbruck, Graz und Wien Sondergerichte eingerichtet. Im „Altreich“ bestanden NS-Sondergerichte seit März 1933. Nach einer weiteren Justizreform bestanden Sondergerichte bei den Landgerichten Feldkirch, Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz, Leoben und Wien – mit Außenstellen in Znaim, St. Pölten und Krems.
Die Anklagebehörde konnte bei Verbrechen, die der Zuständigkeit des Schwurgerichts oder eines niedrigeren Gerichts unterlagen, Anklage vor dem Sondergericht erheben, „wenn sie der Auffassung ist, dass mit Rücksicht auf die Schwere oder die Verwerflichkeit der Tat oder die in der Öffentlichkeit hervorgerufene Erregung die sofortige Aburteilung durch das Sondergericht geboten ist“ (§ 14 der Verordnung über die Zuständigkeit der Strafgerichte, die Sondergerichte und sonstige strafverfahrensrechtliche Vorschriften vom 21. Februar 1940).
Zuständig waren die Sondergerichte unter anderem für die Verfolgung von Verbrechen nach dem „Gesetz gegen Straßenraub mittels Autofallen“ vom 22. Juni 1938. Eine Verurteilung durch das Sondergericht wegen Raubmordes endete meist mit der Todesstrafe.

Ermordeter Mörder. Heinrich Petz war zum Zeitpunkt der Raubüberfälle erst 13 Jahre alt und deshalb noch nicht strafmündig. Mit Beschluss des Amtsgerichtes Judenburg vom 8. Februar 1939 wurde er in ein „Heim für Erziehungsbedürftige“ eingewiesen. Bald darauf wurde er in den Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen nördlich von Berlin gebracht. Der Zellenbau war ein berüchtigtes Lager- und Gestapogefängnis, in dem Häftlinge schwer misshandelt wurden; hier gab es auch Hinrichtungen durch Erhängen. Heinrich Petz wurde am 22. November 1939 zu einem vermeintlichen Hofgang geführt und vor dem Zaun hinterrücks erschossen, ohne dass er gerichtlich verurteilt worden war. Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, soll die Tötung nach einem Besuch im Zellenbau angeordnet haben. Die SS tarnte die Erschießung als Tod bei einem „missglückten Fluchtversuch“.
Wegen der Tötung des jungen Österreichers wurden zwei Beteiligte 1969 in München vor Gericht gestellt. Der ehemalige SS-Hauptscharführer Kaspar Drexel und der ehemalige stellvertretende Leiter des Zellenbaus, SS-Mann Kurt Eccarius, wurden wegen Beihilfe zum Mord zu vier bzw. fünf Jahren Haft verurteilt, aber schon nach zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen.
Werner Sabitzer



Quellen/Literatur:
Form, Wolfgang; Schwarz, Ursula: Österreichische Opfer der NS-Justiz. http://www.doew.at/cms/download/e1o6m/form_schwarz_ns-justiz-6.pdf
Klee, Ernst: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main, 2007.
Müllner, Christian: Schwarzhörer und Denunzianten. Vergehen nach §§ 1 und 2 der Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen vor dem Sondergericht Wien. Phil. Diss., Universität Wien, 2011.
Von Münch, Ingo (Hg): Gesetze des NS-Staates. Dokumente eines Unrechtssystems. Zusammengestellt von Uwe Brodersen. 3. Auflage, UTB für Wissenschaft/Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich, 1994.
Pasquale, Sylvia de: Der „Zellenbau“ von Sachsenhausen. Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Zellenbau der Gedenkstätte Sachsenhausen; in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 93 (2000); S. 7-15.
„Das Kleine Blatt“, Ausgaben vom 19., 20. und 21. November 1938.
„Raubmord bei Hüttenberg in Kärnten“; in: „Völkischer Beobachter“, Wiener Ausgabe vom 19. November 1938, Nr. 247, S. 2.
„Wie die jugendlichen Autobanditen von Unzmarkt und Hüttenberg ihre Mordtaten ausführten“; in: „Völkischer Beobachter“, Wiener Ausgabe vom 20. November 1938, Nr. 248, S. 7.
„Die Mordtaten der Kärntner Autobanditen“; in: „Neues Wiener Tagblatt“, vom 20. November 1938, S. 13.
„Der Mörder Franz Petz seinen Verletzungen erlegen“; in: „Vorarlberger Tagblatt“, vom 21. November 1938, S. 4.