Bundesstelle für Sektenfragen

Absolute Wahrheit?

Die Bundesstelle für Sekten­fragen warnt vor Gruppen, die für komplexe Probleme einfache Lösungen anbieten.

Frust im Job, in der Beziehung läuft es auch nicht so gut und die weltpolitische Lage verursacht Kopfschmerzen. Zum Glück gibt es da ein Mittel, das gegen kleine Wehwehchen ebenso hilft wie gegen große, eine Methode, die Erfolg im Beruf und im Privatleben garantiert – und die Erklärung dafür, wer daran schuld ist, dass man bisher nicht bekommen hat, was man verdient. Schön, wenn sich alle Probleme so leicht lösen lassen. Zu schön, um wahr zu sein!
„Selber schuld, wer auf solche Lügenmärchen hereinfällt“, denkt man sich da als Realist, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität steht. Allerdings kann einem dieser durch Jobverlust, eine schwere Krankheit oder andere traumatische Ereignisse sehr schnell unter den Füßen weggezogen werden. „Es gibt keine speziell sektengefährdeten Menschen. Die Anfälligkeit hängt von der Lebenssituation ab“, erklärt die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen Mag. Sylvia Neuberger, die auch in eigener Praxis und als Lehrtherapeutin tätig ist.
Neuberger gehört der Bundesstelle seit deren Gründung 1998 an. Der Name der staatlichen Einrichtung ist bis heute gleich geblieben; bei den Gruppierungen, wegen derer sich Ratsuchende an die Servicestelle wenden, hat sich dagegen einiges verändert. Der Begriff „Sekte“ hilft, obwohl er kontroversiell diskutiert wird, die Bundesstelle im Internet zu finden. Neuberger und ihre Kolleginnen ersetzen ihn lieber durch Bezeichnungen wie „vereinnahmende weltanschauliche Gemeinschaften“.
Um „Sekten“ im eigentlichen Sinn handelt es sich nur bei einem Teil der angefragten Gruppierungen – allerdings hilft das von Neuberger und ihren Kollegen oft durch den Begriff „vereinnahmende weltanschauliche Gruppen“ ersetzte Wort dabei, die Bundesstelle im Internet zu finden.

„Sekten“ erkennen. Was zeichnet nun diese „vereinnahmenden“ weltanschaulichen Gruppierungen im negativen Sinn aus? Das wollen oft auch Medienvertreter wissen, für deren Betreuung Mag. Ulrike Schiesser neben ihrer Recherche- und Beratungstätigkeit zuständig ist. Die Psychologin und Psychotherapeutin, ebenfalls mit eigener Praxis und seit zehn Jahren für die Bundesstelle für Sektenfragen tätig, hat folgende Erklärung: „Ich achte auf fünf Merkmale, die in unterschiedlicher Ausprägung vorkommen können. Je stärker sie sind, umso problematischer ist die Gruppierung.“
Werden in einer Gruppierung nur eine Führungspersönlichkeit und eine Wahrheit anerkannt, sollten die Alarmglocken läuten. Ebenso, wenn sich die Gruppe abkapselt und versucht, Freundschaften mit Außenstehenden zu unterbinden. Wer Kritik äußert, wird angefeindet, manchmal sogar „persönlich vernichtet“ – oder man negiert seine Meinung durch Aussagen wie „Aus dir spricht Satan, das kommt nicht von dir.“ Alles wird in ein starres Schwarz-weiß-Schema eingeordnet, für komplexe Probleme bietet man einfache Lösungen an. Zu den typischen Merkmalen zählt auch eine starke Auswirkung auf das alltägliche Leben, das z. B. durch Beten und Meditieren oder durch Essensvorschriften streng reglementiert wird.
„Der wesentliche Punkt ist die Anerkennung der Führungspersönlichkeit als absolute Autorität – und als logische Folge, dass die Lehre als absolute Wahrheit angesehen wird“, ergänzt Neuberger. Diese Merkmale treffen auf unterschiedlichste Gruppen zu. „Jeder Anglerverein kann solche Strukturen entwickeln“, formuliert es die Psychotherapeutin pointiert. Nach außen präsentieren sich derartige Gruppen meist höchst professionell, offen und attraktiv, etwa auf der Web-Site.

Leere Versprechungen. Die Web-Site verrät einiges, so Neuberger. Charakteristisch seien Versprechungen, die – realistisch betrachtet – nicht einlösbar sind, im gesundheitlichen Bereich etwa Heilung „von Fußpilz bis zu Krebs“. Eine medizinische Qualifikation des Anbieters sucht man allerdings oft vergeblich. Es kann aber auch vorkommen, dass ein selbsternannter Guru tatsächlich ein Medizinstudium oder eine Psychotherapeuten-Ausbildung absolviert hat. Begriffe wie „Heilung“ werden häufig umschrieben, um rechtliche Probleme zu vermeiden.
Auch sonst sind sogenannte „Sekten“ recht geschickt darin, das Internet zur Verbreitung ihrer Ideologien zu nutzen und Kritiker online mundtot zu machen. Äußert sich jemand negativ über die Gruppierung, schüchtert man ihn mit der Drohung ein, ihn wegen Ruf- oder Kreditschädigung anzuzeigen, oder man schickt ihm gleich einen Anwaltsbrief. Das betrifft auch Foren-Betreiber, die negative Kommentare dann meist löschen, um nicht geklagt zu werden. Manche Gruppierungen machen es laut Schiesser ganz raffiniert: Sie stellen „neutrale“ Informationsseiten über Sekten ins Netz, auf denen sie selbst natürlich nicht als Sekte eingestuft werden.

Heilung und Gesundheit. Die Bundesstelle für Sektenfragen wird zu einer Reihe von Gruppierungen angefragt, die man landläufig nicht unbedingt dem Bereich Sekten zuordnen würde. Der Löwenanteil der Anfragen entfällt auf den Bereich Esoterik. Als Haupttrend nennt Schiesser „Heilung und Gesundheit“, wobei viele Eso-Jünger nicht mehr nach Indien pilgern, um dort ihr Ashram zu finden. Stattdessen besinnt man sich vermehrt auf die europäischen Wurzeln, von Kelten und Germanen bis zu Hildegard von Bingen. Auf diesem Trip begegnet Suchenden neben Esoterik-Hokuspokus auch rechtes und linkes Gedankengut – laut Schiesser trotz diametral verschiedener Ansichten durch gewisse Begrifflichkeiten verbunden.
Dass der Schamanismus auch wieder im Kommen ist, hat nicht nur mit der Begeisterung für indianische Mythologie zu tun. Manche lockt der Gedanke, sich in Ritualen mit Hilfe von bewusstseinserweiternden Substanzen auf die Reise zu begeben – etwa mittels Ayahuasca, eines aus südamerikanischen Lianen gebrauten Tees, der neben Erbrechen und Durchfall Halluzinationen hervorruft. Manchmal auch Panikattacken und psychotische Zustande, was die Telefone bei Beratungseinrichtungen klingeln lässt. Schiessers Nachfragen bei der Polizei haben ergeben, dass man die Zutaten für den Tee in Österreich legal kaufen und ihn im Rahmen einer religiösen Zeremonie konsumieren darf.

Geld machen. Den zweiten großen Trend fasst Schiesser mit „Geld machen“ zusammen. Dazu bemühen etliche Gruppen übernatürliche Hilfsmittel wie Geldbörsen, die dank des darin befindlichen Reichtumssymbols ihren Inhalt vermehren sollen. Wie gut Zaster und Zauber zusammenpassen, zeigt ein Fall, der letztes Jahr zu Schlagzeilen und in der Folge zu vermehrten Anfragen bei der Bundesstelle für Sektenfragen geführt hat: der um das Krankenhaus Nord von Christian Fasching gelegte „Energiering“. Fasching, für Schiesser ein alter Bekannter, sagte anhand des Maya-Kalenders für 2012 den Weltuntergang voraus, der – wie in unzähligen anderen Apokalypse-Szenarien – dann bekanntlich ja doch nicht stattfand.
Weniger esoterisch gehen es Möchtegern-Millionäre beim sogenannten Multi-Level-Marketing an. Dieses System, das auch sektenartige Strukturen annehmen kann, sieht vor, dass Kunden als selbstständige Vertriebspartner weitere Kunden anwerben. Dafür müssen sie vorerst einmal eine Einstiegsgebühr bezahlen, Seminare besuchen bzw. – überteuerte – Waren erwerben. Wenn nachgewiesen werden kann, dass es sich um ein Pyramidenspiel bzw. Schneeballsys­tem handelt, fällt das Geschäftsmodell in die Kategorie Strafrecht und ist somit verboten. Im Unterschied zur weiblich dominierten Esoterik-Szene sind es hier meist junge Männer, die zum Teil sogar ihre Ausbildung abbrechen und alles in das System setzen.

Autoritäre Systeme. Weitere Trends hängen laut Schiesser mit dem wachsenden Misstrauen gegenüber herkömmlichen Institutionen zusammen; Zweifel und Verunsicherung bilden einen idealen Nährboden für Verschwörungstheorien jeglicher Art. „Das Vertrauen in Politik und Wissenschaft ist verloren gegangen. Viele Menschen haben Sehnsucht nach Leitung und Führung durch eine authentische und wahrhaftige Person. Die Suche nach etwas, auf das man sich verlassen kann, führt zu einem verstärkten Zulauf zu autoritären Leitfiguren“, so Schiesser.
Wem jetzt die Staatsverweigerer als sektenartig strukturierte Gruppierung einfallen, hat recht – auch sie stehen auf der Task-Liste der Bundesstelle für Sektenfragen. Der Prozess gegen 14 Mitglieder des „Staatenbunds Österreich“ Anfang des Jahres endete – erstmalig in der Geschichte der Zweiten Republik – mit einer Verurteilung wegen Hochverrats. Die Frage, ob es sich bei dieser Gruppierung um eine illegale Vereinigung handelt, ist damit beantwortet. Nach der Glaubwürdigkeit der Staatsverweigerer gefragt, meint Neuberger: „Sie lehnen den Staat ab, viele sind aber als Sozialhilfeempfänger seine Nutznießer.“
Vom Staat bzw. zumindest von seinem Bildungssystem halten auch diejenigen nicht viel, die es vorziehen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Auch wenn es darunter engagierte Pädagogen geben mag, deren Nachwuchs sich daheim den Lehrstoff motiviert und selbstständig aneignet – das soziale Lernen in der Klassengemeinschaft fehlt. Was die Mitarbeiter der Bundesstelle für Sektenfragen auf den Plan ruft, ist aber etwas anderes: die Verbreitung orthodox religiösen oder esoterischen Gedankenguts unter den Anhängern von Konzepten wie Lais, Freilerner, Unschooler oder Homeschooler. Ob eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt, wird in Einzelfällen mit Kinder- und Jugendschutzeinrichtungen sowie mit Bildungsexperten besprochen.
Dass sich Jugendliche gegen das Sys­tem auflehnen, ist nicht Neues. In welcher Form sie es tun, dagegen schon. „IS-Anhänger sind manchmal die neuen Punks“, bringt es Schiesser auf den Punkt. Sie ist der Ansicht, dass es oft vom Zufall abhängt, bei welcher extremistischen Gruppe ein junger Mensch landet. Auch Eltern jugendlicher IS-Anhänger wenden sich mitunter Rat suchend an die Bundesstelle für Sektenfragen. Schiesser und ihre Kollegen kooperieren daher auch mit österreichischen und europäischen Deradikalisierungs-Netzwerken.

Größte Gefahr. Anhänger einer Terrororganisation, hochverräterische Staatsverweigerer, Pyramidenspiel-Betrüger, selbsternannte Wunderheiler – von welcher Gruppierung geht nun die größte Gefahr aus? „Alles, was zur Ablehnung einer notwendigen medizinischen Versorgung führt, ist gefährlich, z. B. wenn man glaubt, Krebsärzte wollen einen vergiften“, bezieht sich Schiesser auf eine Verschwörungstheorie, die schon Todesopfer gefordert hat. Auch radikale Impfgegner argumentieren ähnlich.
Statt auf wissenschaftlich anerkannte medizinische Prophylaxe und Therapie wird auf Wundermittelchen gesetzt, etwa auf das „Miracle Mineral Supplement“ (MMS), das böse Bakterien abtöten soll. Tatsächlich nehmen die Patienten das üblicherweise als Bleichmittel verwendete giftige Chlordioxid zu sich. Um Autismus zu heilen, wird MMS in Form eines Einlaufs verabreicht. Bei der Giftnotrufzentrale weiß man von den Folgen solcher Heilungsversuche, von Erbrechen bis zu Atemstörungen und Verätzungen.
Neuberger beantwortet die Frage nach der größten Gefahr folgendermaßen: „Ist es gefährlich, wenn einem eine schwarze Katze über den Weg läuft? Kommt darauf an, ob man eine Maus ist oder ein Mensch.“ Auf welches ideologische Angebot jemand anspricht, ist von Person zu Person verschieden und auch von der jeweiligen Lebenssituation abhängig. Die Psychotherapeutin sieht von sektenartigen Gruppen gepredigte Irrationalität generell als Gefahr, da Betroffene vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich sind – eine Bedrohung für den einzelnen, aber auch für das demokratische System.

Schwer beweisbar. Das heißt aber nicht unbedingt, dass diese Gruppierungen gegen Rechtsvorschriften verstoßen bzw. Gesetzesbrüche nachzuweisen sind. „Es gibt wenig, das man tatsächlich anzeigen könnte, z. B. nach dem Kurpfuscher-Paragraphen“, so Schiesser. Der Paragraph kommt zur Anwendung, wenn eine Ärzten vorbehaltene Tätigkeit gewerbsmäßig ausgeübt wird. Auch andere Delikte, wie Betrügereien, sind schwer zu beweisen, weil die Mitglieder sektenartiger Gemeinschaften zusammenhalten und Aussteiger oft aus Angst schweigen.
Erfolge – z. B., weil nach einer Anzeige einer dubiosen Gruppe das Handwerk gelegt werden kann oder sich jemand von ihr abwendet – lassen sich dann erzielen, wenn die Betroffenen mitwirken. Manchmal gelingt es, einem Anrufer schon in einer telefonischen Beratung die Augen zu öffnen, dann wieder braucht es mehrere persönliche Treffen oder bei Aussteigern eine monatelange Begleitung. Häufig ist es nicht der primär Betroffene – also derjenige, der sich einer zweifelhaften Gemeinschaft angeschlossen hat –, sondern ein sekundär Betroffener, ein Familienmitglied oder Freund, der sich an die Bundesstelle für Sektenfragen wendet. Dann geht es vor allem darum, den Kontakt zum primär Betroffenen nicht abreißen zu lassen.

Erfolgsgeschichten. Das gelang im Fall eines jungen Mannes, der sich einer Gruppe im Ausland angeschlossen hatte, von der er lernen wollte, ohne Nahrungsaufnahme, nur von Licht zu leben. Seine Eltern wandten sich besorgt an die Bundesstelle, da sie von durch Verhungern gestorbenen sogenannten „Lichtessern“ gehört hatten. Die Beraterinnen unterstützten die Familie dabei, den Kontakt zum Sohn langsam wieder zu intensivieren. Dieser zog zurück ins Elternhaus, normalisierte seine Essgewohnheiten und begann eine Berufsausbildung.
Erfolgreich verlief auch die Arbeit mit einem Mädchen, das in einer hierarchischen Glaubensgemeinschaft mit strengen Regeln aufgewachsen war. Als die Jugendliche in der Schule eine andere Lebensweise kennenlernte, distanzierte sie sich von der Gemeinschaft, woraufhin sie von dieser isoliert wurde. Als Stütze fungierten neben den Beraterinnen der Bundesstelle Verwandte außerhalb der Gemeinschaft. Die inzwischen erwachsene junge Frau besucht die Universität und hat sich einen eigenen Freundeskreis aufgebaut. Sie kann mittlerweile auch besser damit umgehen, dass ihre Vergangenheit Spuren hinterlassen hat – etwa, wenn auf einen „Verstoß“ gegen eine der früheren Glaubensregeln eine Panikattacke folgt.
Manchmal rufen Arbeitgeber bei der Bundesstelle für Sektenfragen an, etwa im Fall einer Privatklinik, die mit negativen Kommentaren in Ärzte-Bewertungsportalen konfrontiert war. Eine Ärztin hatte ihre Funktion angeblich missbraucht, um für eine spirituelle Gemeinschaft zu werben. Die Ärztin erklärte die negativen Bewertungen mit dem Racheakt einer Person, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden war. Nach Beratung durch die Bundesstelle bot der Arbeitgeber der Ärztin den Verbleib an der Klinik unter gewissen Bedingungen an, sie entschloss sich jedoch schließlich, selbst zu kündigen.
Ebenfalls um seinen guten Ruf fürchtete ein Hausbesitzer, als er aus den Medien von Missbrauchsvorwürfen gegen eine bei ihm eingemietete spirituelle Gemeinschaft erfuhr. „Der Vermieter wollte von uns eine Bestätigung, dass es sich bei der Gemeinschaft um eine Sekte handelte, um den Mietvertrag kündigen zu können. Wir haben ihm gesagt, dass er eine andere Möglichkeit finden muss, was ihm dann auch gelungen ist. Eine 'Sekte' zu sein ist kein Delikt“, so Schiesser.
Sie und ihre Kollegen legen größten Wert darauf, sich in Gesprächen mit primär oder sekundär Betroffenen möglichst vorurteilsfrei und objektiv über die angefragten Gemeinschaften zu äußern. Ein hierarchischer Aufbau und starre Regeln können dazu führen, dass Mitglieder ihre Verantwortung an die Gruppe abgeben und sich ihre Persönlichkeit negativ verändert. Manchen Menschen geben strenge Strukturen in einer bestimmten Lebenssituation, etwa nach einer Suchterkrankung, aber auch den nötigen Halt – zumindest bis der Betroffene für alternative Handlungsmöglichkeiten bereit ist.
Rosemarie Pexa