Wiener Polizeimuseum

Frischer Wind im Museum

Neue Exponate und eine interessant gestaltete Führung machen den Besuch im Polizeimuseum zu einem spannenden Ausflug in die Geschichte der Wiener Polizei.

Wissen Sie, dass in der Marokkanerkaserne die beste Verschlüsselungsmaschine der Welt steht? Können Sie die Handgelenke einer festgenommenen Person in Sekundenschnelle mit einer Schließkette fixieren? Haben Sie schon einmal zugesehen, wie sich Polizisten ausgelassen wie Kinder im Kasernenhof eine Schneeballschlacht liefern? Mit „ja“ beantworten lassen sich diese Fragen nach einem Besuch im Polizeimuseum, das im dritten Stock der Kaserne untergebracht ist. Museumsdirektor Werner Sabitzer, MSc, führt durch die Sammlung und erweckt die Exponate mit detailreichen Schilderungen zum Leben.

Enigma. Zum Beispiel die Chiffriermaschine „Enigma“, deren Verschlüsselung im Zweiten Weltkrieg lange Zeit als „unknackbar“ galt. Heute kann sich jedes Museum glücklich schätzen, das eines der seltenen Exemplare zu seinen Exponaten zählt. Im Wiener Polizeimuseum gibt es seit Kurzem sogar zwei Stück davon. „Ich habe erfahren, dass die ehemalige Fernmeldeabteilung in der Rossauer Kaserne historische Geräte gesammelt hat: Funkgeräte, Fernmeldegeräte, Telefonapparate – und einige Enigma-Maschinen“, so Sabitzer. Das BMI als Besitzer der historischen Stücke stimmte einer Übersiedlung der beiden Verschlüsselungsmaschinen, die in der NS-Zeit von der Polizei verwendet worden waren, und einiger anderer Geräte zu.
Seither können Besucher das technische Wunderwerk, das einer mit Walzen und Steckbrett versehenen alten Schreibmaschine ähnelt, aus der Nähe betrachten. Das Besondere an dem damals weltbesten Verschlüsselungssystem: Mit jedem Tastenanschlag änderte sich der Schlüssel. Eine Herausforderung für ausländische Nachrichten­diens­te, die jahrelang erfolglos versuchten, den Code zu knacken. Schließlich gelang es den in einer britischen „Dechiffrierfabrik“ versammelten Kryptoanalytikern, Mathematikern, Sprachwissenschaftern und Schachmeistern doch, mit Engima-Geräten codierte Nachrichten zu entziffern.
Mehrere historische Telekommunikationsgeräte im Polizeimuseum erzählen die Geschichte der Telekommunikation bei der Wiener Polizei, die 1871 mit der Einrichtung einer Telegrafenschule und vier Telegrafenstationen begann. Die ersten Telefone standen der Polizei bereits 1882, kurz nach der Erfindung der Telefonie, zur Verfügung. Ab 1884 konnten sich die Beamten per „Straßentaster“ mittels Morsezeichen mit der Zentrale verständigen. 1927 nahm die Wiener Polizei die erste Kurzwellenstation in Betrieb, die von speziell ausgebildeten „Gehörlesern“ bedient wurde.

Grüner Heinrich. Zu dieser Zeit waren sie schon Geschichte, die von Pferden gezogenen Arrestantenwagen der Wiener Polizei. Schon bald nach ihrer Gründung im Jahr 1869 hatte die Wiener Sicherheitswache geschlossene Holzwagen für den Häftlingstransport angeschafft. Aufgrund ihrer grünen Farbe wurden die Wägen im Volksmund „grüner Heinrich“ genannt. 1925 ersetzte man die letzten der Holzwagen durch mit einem Benzinmotor ausgestattete Kleintransporter. Die Farbe blieb die gleiche – und mit ihr auch der Spitzname. Ein Modell der zweiachsigen, fensterlosen Pferdewagen steht im Polizeimuseum.
Ein anderes, aus dem 19. Jahrhundert stammendes Modell kann man dort ebenfalls bewundern: einen in mühevoller Kleinarbeit nachgebildeten Amtsraum samt dem in einem Biedermeier-Fauteuil sitzenden Justizwachebeamten. Dieses Exponat ist aus zwei Gründen ungewöhnlich. Zum einen, weil es sich bei seinem Schöpfer um einen Häftling handelte. Andererseits aufgrund des Materials: Papier, Karton und – um es besser formen zu können – gekautes Brot. Der künstlerisch begabte Häftling schenkte sein Werk einem Justizbeamten, den er besonders schätzte: „Dem Menschenfreund Fried­rich Schlögel!“

Schwurkreuz. Ein Original ist das Schwurkreuz der Wiener Sicherheitswache. Von deren Gründung bis zum Ende der Monarchie musste jeder angehende Sicherheitswachebedienstete vor einem Schwurkreuz den Diensteid ablegen. In der dabei verlesenen Eidesformel wurde vom Polizeianwärter Treue und Gehorsam gegenüber „Seiner Majestät dem Allerdurchlauchtigs­ten Fürsten und Herrn Franz Josef dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich und apostol. Könige von Ungarn etc. etc. etc.“ verlangt. Weitere Punkte waren die Einhaltung der Staatsgrundgesetze, Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, Amtsverschwiegenheit, Unbestechlichkeit und das Verbot, einer „politische Zwecke verfolgenden Gesellschaft“ beizutreten.
Zu Sabitzers Lieblingsstücken zählt eine Uniformkappe des Republikanischen Schutzbundes. Der Museumsdirektor schildert, wie die Kappe in den Besitz der Polizei gekommen ist: „Sie wurde am 10. Februar 1934, zwei Tage vor dem Beginn des sozialdemokratischen Putschversuchs, beim 32-jährigen Friseurgehilfen Wilhelm E. in Wien sichergestellt, ebenso Flugzettel, in denen zum bewaffneten Kampf gegen die Regierung und die Heimwehr aufgerufen wurde. E. wurde nach 17-tägiger U-Haft entlassen, das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.“
K. k. Polizeimuseum. Der Großteil der Exponate stammt aus den Beständen des 1899 eingerichteten k. k. Polizeimuseums. Ursprünglich war geplant gewesen, Verbrecherwerkzeuge, Tatortspuren und andere Objekte nur im Rahmen einer Polizeiausstellung anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums von Kaiser Franz Josef I. im Jahr 1898 zu zeigen. Nachdem diese von den Wienern förmlich gestürmt worden war und der Kaiser den Wunsch geäußert hatte, die Schau weiterhin öffentlich zugänglich zu machen, richtete man eine dauerhafte Sammlung im damaligen Polizeidirektionsgebäude am Schottenring ein.
Nach der Errichtung des neuen Polizeigebäudes 1904 an der heutigen Rossauer Lände übersiedelte das Museum. Ein Teil der Exponate, die 1938 die Aufteilung auf mehrere Amtsgebäude und anschließend die Wirren des Zweiten Weltkriegs überstanden hatten, fand 1965 in der Marokkanerkaserne eine neue Heimat. Viele weitere Exponate befinden sich im 1991 eröffneten Wiener Kriminalmuseum in der Großen Sperlgasse.

Neuerwerbungen. Seit Sabitzer 2018 die Leitung des Polizeimuseums übernommen hat, wächst die Sammlung stetig. „Durch meinen Job als Chefredakteur habe ich ein mir großes Netz aufgebaut und weiß, wer interessante Gegenstände haben könnte. Manchmal werde ich auch angesprochen – zum Beispiel von jemandem, der den Säbel seines Großvaters, eines früheren Gendarmen, im Nachlass gefunden hat“, so der Museumsdirektor, der 30 Jahre lang Chefredakteur des Magazins „Öffentliche Sicherheit“ des Innenministeriums war. Durch die Sachbücher „Polizeilexikon Österreich“ und „Land der Hemma – Das Gurktal – Geschichten und Geschichte“ sowie durch zahlreiche Artikel ist Sabitzer als Experte, insbesondere für Polizei- und Kriminalgeschichte, bekannt. Seine jüngsten Neuerwerbungen gehen auf die Anregung eines Besuchers zurück, der von den Ausstellungsstücken höchst angetan war, aber zwei Dinge vermisste. Eines davon waren früher gebräuchliche Schließketten. Mit ein bisschen Übung kann man die Handgelenke eines Gesetzesbrechers damit schnell fixieren, wie Sabitzer auf Wunsch demonstriert.
Der zweite Punkt betraf Uniformen für Polizistinnen. Vier Uniformen von Polizei- und Gendarmeriebeamtinnen hat Sabitzer bereits organisiert, derzeit stellt er eine Informationswand über die Geschichte von Frauen in der Polizei zusammen – mit Bildern, Dokumenten und erklärenden Texten. Im nächsten Jahr fallen zwei Jubiläen zusammen: 50 Jahre Politessen sowie 30 Jahre gleiche Polizeiausbildung für Männer und Frauen. Und vor 55 Jahren wurden erstmals Frauen in den Sicherheitswachdienst aufgenommen – aufgrund des Personalmangels. Zwei der damaligen Absolventinnen, die als „provisorische Polizeiwachmänner“ zur Überwachung des ruhenden Verkehrs und im Innendienst eingesetzt waren, haben dem Museum ihre Uniformen zur Verfügung gestellt.

Beeindruckend. Das Angebot, das Museum zu unterstützen, kommt mitunter auch von Besuchern, wie einer Eintragung ins Gästebuch zu entnehmen ist: „Am 26.02.2019, nach 11-jähriger Dienstzeit bei der 'Wiener Polizei', absolvierte ich meinen 1. Besuch im Polizeimuseum. Ich war beeindruckt. Vielleicht kann ich einen Beitrag zur Erhaltung/Gestaltung/Erweiterung beitragen. Ich danke Koll. Sabitzer für die Führung!“ Zu den Besuchern zählen Polizeischulklassen ebenso wie ausländische Polizeidelegationen oder Polizeihistoriker. Nicht nur Polizisten, auch interessierte Privatpersonen können nach Anmeldung die Exponate besichtigen.
Durch die Sammlung führt der Museumsdirektor höchstpersönlich. „Ich versuche, dabei immer auch einen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Wenn man die Geschichte kennt, hat man einen anderen Zugang zur Polizei, das hat mit der Identität zu tun“, erklärt Sabitzer. Die Bedeutung von „Exekutivgeschichte und Traditionspflege“, wie es offiziell heißt, wurde auch im Innenministerium erkannt und fällt seit zwei Jahren in die Zuständigkeit der Abteilung I/8 (Protokoll und Veranstaltungsmanagement).

Filmstars. Die ausgestellten Uniformen und andere Gegenstände machen neugierig darauf, wie es ausgesehen hat, wenn diese tatsächlich im Einsatz waren. Ein Zusammenschnitt von Stummfilmen über die Wiener Polizei bietet einen Einblick in die 1920er- und 1930er-Jahre – und in die Schwerpunktsetzung der damals für Medien im Polizeibereich Zuständigen. Paraden mit Fahnenweihe und Polizeimusik zählen ebenso zu den beliebtesten Motiven wie Polizisten bei sportlicher Betätigung. Diese reicht von rhythmischer Morgengymnastik über Schwimmen und Turmspringen bis zu Skifahren und der eingangs erwähnten Schneeballschlacht im Hof der Polizeikaserne.
Eine weitere filmische Dokumentation ist zehn Polizisten aus China gewidmet, die ab Jänner 1931 in der Marokkanerkaserne die zweijährige Polizeiausbildung absolvierten – und das mit Begeisterung.
Einer von ihnen, Leutnant Yu, nahm in der Folge sogar den Namen des Wiener Polizeipräsidenten an und nannte sich fortan „Schobern Yu“. Er wurde später stellvertretender Polizeichef in Shanghai, setzte sich nach der Machtübernahme der Kommunisten nach Taiwan ab und kehrte in den 1960er-Jahren als Vertreter Taiwans bei einer UN-Organisationen nach Wien zurück.
Manchmal gehen auch Exponate des Polizeimuseums auf Reisen. Gibt es in Österreich eine Ausstellung oder eine andere Veranstaltung, bei der die Geschichte mit historischen Objekten illustriert werden soll, hilft Sabitzer gern mit Leihgaben aus.
So ist noch bis Oktober in Schattendorf im Burgenland die Ausstellung „15. JULI 27: Ursachen – Ereignis – Folgen“ zu sehen.
Und wer sich für die Gendarmerie interessiert, sollte sich die – ebenfalls vom Polizeimuseum unterstützte – Sonderausstellung „170 Jahre Gendarmerie“ im Schlossmuseum Freistadt von 20. September bis 17. November 2019 nicht entgehen lassen.
Rosemarie Pexa



Polizeimuseum, 1030 Wien, Marokkanergasse 4, Anmeldung für Führungen: werner.sabitzer@bmi.gv.at, +43-664-8131951