Der Fall

Einbrecher in Kinderschuhen

Mit Chauffeuren krimineller Gruppen touren teils Kinder durch ganz Europa und brechen in Häuser und Wohnungen ein. Als Beute bevorzugen die Tätergruppen Bargeld und Schmuck.

Sie beginnen teilweise mit zehn Jahren und zählen zum alten Eisen spätestens, wenn sie vierundzwanzig sind. Sie beherrschen die Kunst des Einbrechens zumindest so weit, dass sie fast jede Tür bezwingen –und sei es durch Herausbrechen der Türfüllung. Sie versuchen ihr Glück an Fenstern und Terrassentüren, Eingangstüren und Dachluken. Sie sind wendig und klettern mitunter auf Fassaden.
„2015 sind die ersten unmündigen Burschen und Mädchen in Wien vermehrt als Einbrecher angefallen“, erinnert sich Andreas Lang, Gruppenführer einer Einbruchsermittlungsgruppe im Landeskriminalamt, Außenstelle (LKA-Ast) Zentrum/Ost. „Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, die Bearbeitung dieser Fälle zentral für Wien zu übernehmen und zu bearbeiten.“ Die Gruppe ist somit Zentralstelle für mobile organisierte Gruppen („Mobile Organised Crime Groups“).
Für das Erwischtwerden ist vorgesorgt: „Wenn zwei Täter auf frischer Tat ertappt werden und flüchten, versucht der Ältere davonzukommen, der Jüngere ist meist unter 14 oder behauptet es zumindest“, erklärt Lang. Wird der Unmündige auf der Flucht festgenommen, passiert ihm nichts. Er wird in die „Drehscheibe“ des Jugendmagistrats gebracht und türmt von dort recht bald.“
Die Kriminalisten der LKA-Außenstelle Zentrum/Ost haben sich seit 2017 auf die Bekämpfung dieses Einbruchszweigs spezialisiert. Sie haben bisher über 160 Akten angelegt mit über 50 Fakten und einer Gesamtschadenliste von 800.000 Euro. Derzeit sind 55 Täter bekannt, 27 davon wurden verhaftet, auf mehr als 130 weitere gibt es Hinweise, aber noch keine Identität.
Die Gruppe Lang bestand in der Zeit von Juli 2018 bis Dezember 2018 aus drei Kriminalisten, seit Jänner 2019 sind sie zu fünft: Andreas Lang, Thomas Eichhorn, Sandra Kreuz, Stefan Krusek und Alexander Sulzer.

Namen wie Hemden. „Die namentliche Ausforschung einer oder eines Verdächtigen hilft oft nicht viel“, erklärt Thomas Eichhorn. In Serbien und anderen Balkanstaaten – die häufigste Herkunft – ist es recht einfach, die Namen zu wechseln wie die Hemden. „Die Personalnummer ändert sich aber nicht“, sagt Eichhorn. Die Wiener Kriminalisten nützen den Vorteil und suchen seit einiger Zeit mit der jedem Staatsbürger in Serbien zugeordneten Identifizierungszahl.
Die Beamten der LKA-Außenstelle Zentrum/Ost haben eine Fahndungsmappe herausgegeben. Sie erweitern sie regelmäßig. In Schulungen erläutern sie den Kolleginnen und Kollegen der Stadtpolizeikommanden die Arbeitsweise der Täterinnen und Täter. Sie weisen auf Anhaltspunkte hin, die bei Fahndungen und Ermittlungen hilfreich sind. Das trägt Früchte: Immer wieder kommen „Wahrnehmungsmeldungen“ mit Hinweisen auf verdächtige Unmündige und Minderjährige, auf die das Fahndungsmuster zutrifft.

Kinder im Stiegenhaus. „Normalerweise denkt sich selten jemand etwas dabei, wenn sich zwei Kinder oder Minderjährige in einem Wohnhauspark oder in einem Stiegenhaus aufhalten“, schildert der Kriminalbeamte Alexander Sulzer. „Werden sie von Bewohnern gefragt, was sie hier suchen, antworten sie einfach mit „nichts“ und gehen davon.“ Kaum jemand rechnet damit, dass es sich bei einem Zehnjährigen oder einem Jugendlichen um einen Einbrecher handeln könnte.
Manchmal erfahren die Kriminalbeamten im Nachhinein bei Hausbefragungen, dass Kinder im Stiegenhaus aufgefallen sind, aber sich die Bewohner nichts dabei dachten.
In einem Fall im Mai 2017 jedoch meldete ein Hausbewohner der Polizei, dass sich ein 13-Jähriger in einem Stiegenhaus verdächtig benahm. Polizisten brachten den Buben und ein 18-jähriges Mädchen in ihre Polizeiinspektion im 5. Wiener Bezirk, nahmen ihre Daten und Fingerabdrücke zur Identifikation und verständigten die Beamten der Gruppe Lang.
Andreas Lang und Thomas Eichhorn fuhren in die Margaretener Dienststelle und befragten das Duo. „Wir sind damals noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen gestanden“, erzählt Lang. Beide wurden nach ihrer Entlassung observiert.
Der Bursch und das Mädchen gaben an, sie seien in Italien geboren. Sie sprachen Italienisch, unterhielten sich aber auf Kroatisch. Nachdem die beiden aus der Polizeiinspektion entlassen worden waren, spazierten sie eine Weile in Wien herum. Am Abend nahmen sie sich in Wien-Erdberg ein Taxi und fuhren damit über den Grenzübergang Kittsee nach Bratislava.
Wenige Tage nach dem Abtauchen der beiden aus Wien kam ihre wahre Identität ans Licht. Ihre biometrischen Daten stimmten mit Tatortspuren überein. Das 18-jährige Mädchen wurde in einem Campingwagen angehalten und festgenommen, nachdem die Verständigung durch das Sirene-Büro im Bundeskriminalamt gekommen war. Die Grenzkontrollstellen waren von Kriminalbeamten der Gruppe Lang über den Campingwagen informiert worden. Die junge Frau wurde wegen Einbruchs zu 18 Monaten Haft verurteilt.

Streng ins Gericht. „Mittlerweile gehen die Gerichte des Öfteren strenger mit den Verdächtigen um“, berichtet Sandra Kreuz von der Gruppe Lang. Serieneinbrüche in Europa und arbeitsteilige Taten werden berücksichtigt und der organisierten Kriminalität zugeordnet. Im Februar 2019 wurden zwei Mädchen wegen der Begehung von Einbrüchen im Rahmen einer kriminellen Organisation zu 9 Monaten Haft unbedingt verurteilt. Gegen sie war eineinhalb Jahre lang europaweit ermittelt worden. Sie hatten 16 Mittäterinnen und -täter in der gesamten EU und begingen 30 Wohnungs- und Wohnhauseinbrüche.
Diese beiden Schwestern wurden am 18. Oktober 2017 bei einem Einbruchsversuch im 19. Bezirk festgenommen. Sie waren 15 und 17 – nach ihrer Verhaftung behaupteten sie, sie seien 12 und 13 Jahre alt. Drei Tage nach ihrer Entlassung in Wien verübten sie einen Wohnungseinbruch in Belgien. Beide wurden im Mai 2018 nach einem Wohnungseinbruch in Gelsenkirchen (Deutschland) verhaftet. Das Geschwisterpaar wurde im Oktober 2018 nach Österreich ausgeliefert – aufgrund eines EU-Haftbefehls, den die Kriminalisten der Zentralstelle für MOCG erwirkt worden war. Auch ihr Bruder und ihr Vater wurden im Frühjahr 2019 in Belgien verhaftet.

Generationenübergreifend. „Die Kinder sind natürlich nicht nur Täter, sondern gleichzeitig Opfer“, sagt Kriminalist Stefan Krusek. Hinter ihnen stehen Organisationen – meist Familienclans – mit gut aufgestellter Logis­tik. Bandenmitglieder am unteren Rand der Hierarchiepyramide chauffieren die Kinder und Jugendlichen zu den Tatorten, lassen sie aussteigen und von nun an unbetreut. Die Fahrer sind meist mit Mietautos oder Campingfahrzeugen unterwegs, versehen mit gestohlenen Kennzeichentafeln. Oft sind die Chauffeure von heute die aus den „Kinderschuhen“ herausgewachsenen Kindereinbrecher von gestern. Thomas Eichhorn ermittelte beispielsweise 2011 gegen eine Minderjährige, die 2019 als Mutter eines einbrechenden Mädchens dessen „Betreuerin“ auf ihren Beutezügen war. „Sie geben ihr Handwerk Generation für Generation weiter“, sagt Eichhorn.
Gesucht wird bei den Einbrüchen meist nach einfach abzusetzenden Wertsachen und nach Gegenständen, die die jungen Einbrecherinnen und Einbrecher selbst verwenden können: nach Bargeld, Schmuck, Parfum, Schokolade und Unterwäsche. Die Beute kommt auf verschlungenen Wegen zu den Haupttätern, meist über die Chauffeure, die die Kinder zu den Tatorten bringen. Die Einbruchsorte befinden sich meist entlang von öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ergab die Analyse des Bundeskriminalamts. Die Kriminalisten vermuten, dass eine geringe Absicherung der Wohnungen und Häuser das Hauptkriterium ist, da die jungen Täter nur mit Schraubenzieher und Zangen ausgerüstet sind und meist mit Brachialgewalt vorgehen.
Sie horchen an Wohnungstüren, ob die Bewohner zu Hause sind, um nicht überrascht zu werden. Für die Kriminalpolizei ergeben sich dadurch mitunter Chancen auf die Auffindung von Spuren. Oft verwenden die jungen Einbrecher Tatwerkzeuge, die sie an den Tatorten finden – etwa Gartenscheren oder Kleinwerkzeug wie Schraubenzieher. Das Kleinwerkzeug verstecken Mädchen mitunter im BH, wo es bei oberflächlicher Durchsuchung nicht gefunden wird.
Ihre Heimatländer – meist Serbien oder Kroatien – sind ihre Rückzugsgebiete. „Dort machen sie Urlaub oder ziehen sich zurück, wenn der Boden für sie zu heiß wird“, erläutert Andreas Lang.

Einschulung von 10-Jährigem. Das Handwerk des Einbrechers lernen die Kinder voneinander. In einem Fall brachte ein 10-Jähriger seinem 17-jährigen Komplizen bei, wie er Fenster am besten knackt. Die beiden waren am Samstag in Wien angekommen. Am Tag darauf wurden sie „aktiv“ und bei einem Einbruchsversuch im 23. Bezirk erwischt. Sie hatten sich als „Fassadenkletterer“ betätigt, wurden festgenommen und in die „Drehscheibe“ des Wiener Jugendmagistrats gebracht. Bald darauf suchten sie das Weite. Sie kamen in einer Pension im 23. Bezirk unter und fuhren einen Tag später nach Graz. Bis Donnerstag begingen sie insgesamt 30 Einbrüche und Einbruchsversuche in Wien und Graz. Nach ihrem letzten Einbruchsversuch dieser Serie wurden sie neuerlich erwischt. Die Ermittlungen dauern noch immer an.
Wenig bekannt ist über die Drahtzieher in Serbien, Kroatien, Slowenien, Italien, aber auch Belgien und Frankreich. „Auf jeden Fall sind sie über ganz Europa verstreut“, sagt Andreas Lang. Er hat 2018 Europol-Treffen initiiert und in Wien organisiert. „Beim ersten Treffen im Juli 2018 waren zehn Kriminalpolizisten aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und von Europol dabei, beim zweiten Treffen im Oktober 2018 waren es achtzehn Kriminalpolizisten aus diesen Ländern plus Frankreich, Belgien und Serbien.“

Telefonnummer im Kopf. Vor allem die quer durch die EU reisenden Kinder erfahren wenig über ihre Hintermänner und Hinterfrauen. Sie werden mit simplen Handys ausgestattet, auf denen selten Nummern gespeichert sind, wenn dann nur von unverdächtigen Freundinnen und Freunden. „Sie bekommen meistens nur eine Telefonnummer bekannt gegeben, die sie sich nicht aufschreiben, sondern nur merken dürfen“, berichtet Thomas Eichhorn. In einem Fall kamen die Kriminalisten auf eine Spur der Hintermänner in Belgien, nachdem zwei observierte Mädchen von einer Telefonzelle aus eine belgische Nummer angerufen hatten.
Die Kriminalisten in der LKA-Außenstelle Zentrum/Ost bauen seit einiger Zeit auf eigene Observationskräfte. „Wir haben achtzehn Kolleginnen und Kollegen, die rasch abrufbar sind und bis zu fünf Observationsfahrzeuge auf den Weg bringen“, berichtet Andreas Lang. Er betont die „ausgezeichnete Zusammenarbeit“ mit den TOP-Teams (Tatort-und-Opfer-Teams), den Kollegen des Bundeskriminalamts (Wohnungseinbruch, Analysebüro und Verbindungsbüro bei Europol – Hans-Peter Seidl, Michael Fila, Martina Sax und Norbert Zeiner. Mit Hilfe der Geoanalyse erstellten die Kriminalisten Bewegungsprofile und analysierten Tatbegehungsformen.