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Theorien und Phantasien

Ich bin ein eifriger Leser der Zeitschrift „Kriminalpolizei“. Heute begann ich den Artikel auf Seite 12 interessiert zu lesen. Dr. Reinhard Kreissl äußerte sich über das subjektive Sicherheitsgefühl, das Versagen der Politik, wie er es nennt und die wahren Probleme der Österreicherinnen und Österreicher.
Herr Kreissl mag ein renommierter Sozialwissenschaftler sein, dem gerne Gehör geschenkt wird. Ob die Polizei das richtige Parkett für ihn ist, wage ich nach diesem Artikel zu bezweifeln.
Ich bin seit 1997 Polizist in Wien und habe bei ganz unterschiedlichen Dienststellen meinen Dienst versehen. Von der Inneren Stadt zu Floridsdorf, vom Donaudienst zur EGS und nunmehr seit gut 10 Jahren im Landeskriminalamt Wien. Ich mag nicht alles gesehen haben, aber ich würde sagen, dass ich schon einige Bereiche kennengelernt habe.
Die Behauptung, dass die letzte Regierung systematisch für Verunsicherung gesorgt hat, ist schlichtweg falsch. Woher hat er diese Information? Es wurden Fakten dargelegt und prompt reagiert. Die „Aktion scharf“ an den österreichischen Grenzen – wie er es nennt – mögen kein Allheilmittel und wenn man in den Urlaub fährt nicht ideal sein, aber sie waren dringend notwendig, wie man sieht. Seit den Grenzkontrollen sind z. B. Einbrüche merklich zurückgegangen.
Als nächstes möchte ich etwas zu seiner Theorie „keiner will nach Wien“ sagen. Es mag schon sein, dass ein „Landpolizist“ (und das ist keinesfalls abwertend gemeint) mehr Lebensqualität hat, bei gleicher Bezahlung. Aber ich kenne genügend Kolleginnen und Kollegen, die sehr gerne in Wien Dienst machen. Man sollte nicht vergessen, dass ein Polizist in Wien schneller lernt (weil mehr passiert) als jemand am Land. Das ist einfach so. Woher Herr Kreissl die Information hat, dass viele Junge am Land ihr Haus gebaut haben und auch das ein Grund sei, nicht in Wien Dienst machen zu wollen, frage ich mich auch.
Die Werbekampagne der Türkis-Blauen Regierung war vorbildlich. Da ging was weiter. Es gab genügend Bewerber. Es wurden exotische Fahrzeuge unentgeltlich zur Verfügung gestellt (gab es auch schon mit dem Porsche vor langer Zeit) und es gab bzw. gibt eine zentrale Webseite, wo man sich alle Infos holen kann. Warum wird das von Kreissl kritisiert? Kann es sein, dass hier nur seine Abneigung gegen Türkis/Blau durchgekommen ist und seine Beurteilung eher subjektiv war, als sozialwissenschaftlich beleuchtet?
Über die Qualität der Bewerber lässt sich streiten. Da hört man alles mögliche. Tatsache ist, dass das davor niemand zusammengebracht hat. Dass man Polizisten vor schnellen Autos darstellt, finde ich durchaus OK für eine Werbekampagne. Wie der Job wirklich ist, sieht man ohnehin erst, wenn man ihn macht. Werbung ist eben Werbung. Egal in welchem Bereich.
Über den Vorfall bei der Klimademo hat sich Herr Kreissl vor dem Interview offenbar auch nicht ausreichend informiert, da der Kopf des Demonstranten zu keinem Zeitpunkt unter dem Fahrzeuge war. Vielleicht sollte er so einen Einsatz einmal mitmachen, als Zuseher.
Etwas schmunzeln musste ich bei seiner Beurteilung zur Einsatztaktik und dem Vorwurf, nicht professionell zu handeln. Ich glaube, dass im GSOD erfahrene Polizeioffiziere weit mehr Ahnung haben von diesem Geschäft, als ein Sozialwissenschaftler. In welcher Art seine Feldstudien ablaufen, würde mich sehr interessieren? Wie kann er sich anmaßen zu behaupten, dass ein VW-Bus der Polizei schlecht oder ungünstig in einer Sackgasse stand? Woher glaubt er sich da auszukennen?
Weiters kritisierte er, dass Einsatzkräfte aus Oberösterreich keine Ortskenntnis haben. Na dann sollte er uns Vorschläge unterbreiten, wie man das ändern kann – wenn er es kritisiert. Keine Einsatz­einheit wird vor einer Demo die Stadtpläne auswendig lernen. Das ist weder machbar noch notwendig.
Doch weiter im Text. Dass die Londoner Polizisten unbewaffnet sind ist falsch. Es gibt dort rund 30.000 Polizis­ten. 6500 sind bewaffnet (sogenannte „authorized firearmes officer“). Weiters gibt es noch die SGO (Specialist Crime and Operations), die Männer fürs Grobe. Also von einer unbewaffneten Londoner Polizei zu schwärmen ist Fantas­terei.
Kreissl wirft uns in diesem Artikel vor, keine Menschenrechtsorganisation zu sein. Das empfinde ich als eine Beleidung. Dazu kann ich nur sagen, dass es z. B. Häftlingen offenbar nirgends so gut geht wie in Österreich. Dies wird mir im dienstlichen Alltag immer wieder von unserem Klientel bestätigt. Egal ob es Tschetschenen, Afghanen, Syrer oder sonstige Ausländer sind. Dass einem Asylwerber Lebensbedingungen weggenommen werden, sehe ich nicht. Wenn ich mir die finanziellen Mittel ansehe, die nach eigenen Aussagen ausgegeben werden, muss man sich hier wenig Sorgen machen. Von den Sozialleistungen ganz zu schweigen.
Alles in allem ein entbehrlicher Artikel, der von Anfang bis Ende nur Theorien und Fantasien eines Sozialwissenschaftlers wiedergibt, der glaubt, aus sozialwissenschaftlicher Sicht viel über die Polizei zu wissen. Tut er aber nicht. Ganz offensichtlich.
Name der Redaktion bekannt




Lieber Herbert
Windwarder,


ich habe deinen Beitrag „Kiberer Blues“ in der „Kriminalpolizei“, Ausgabe August/September 2019, sehr aufmerksam gelesen. Bin auch der Meinung, dass Sicherheit Geld kostet. Auch verstehe ich aus deiner Sicht die Forderung nach besserer Ausstattung der verdeckten Ermittler im Kampf gegen die Drogenkriminalität. Ob weitere zwei VE das Drogenproblem in Österreich lösen, lasse ich einmal offen. Anscheinend geht es wieder um Erfolge und viele europäische Kollegen beneiden euch um die effizient und flexibel arbeitenden Teams. Jede Änderung bringt hier das große Risiko (welches Risiko?) einer Verschlechterung.
Franz oder Sepp kommen ja als VE nicht in Frage. Die Voraussetzungen, die ein VE für den schwierigen Job mitbringen sollte, als Verbrecher von Verbrechern anerkannt zu werden, sagt alles.
Aus meiner Sicht ist das nicht der richtige Weg. Es gibt schon viele Menschen aus den internationalen Strafverfolgungsbehörden, die sich aktiv dafür einsetzen, den weltweiten Kampf gegen die Drogen zu beenden.
Der aktuelle weltweite Drogenkrieg hat sich in eine immer destruktivere Spirale verwandelt. Die Prinzipien, auf die sich die Drogenprohibition beruft, haben sich als ein politisches und humanitäres Fiasko erwiesen. Das ist der Einleitungssatz des „Berliner Aufruf für eine menschliche Drogenpolitik“, der ja der Redaktion bereits vorliegt. https://berlindokumet.org
Verweise auf den Newsletter von LEAP Deutschland. Law Enforcement Against Prohibition Deutschland – Polizisten, Richter und Staatsanwälte für eine fortschrittliche Drogenpolitik. www.leap-deutschland.de Bin dieser Organisation 2017 beigetreten und scheine inzwischen auch auf der Sprecherliste für LEAP auf. Auch LEAP-Deutschland hat den „Berliner Aufruf“, sowie über hundert andere weltweite Organisationen, bereits unterzeichnet.
Abschließend darf ich auf eine parlamentarische Bürgerinitiative für eine menschliche Drogenpolitik in Österreich verweisen. Wir sammeln seit dem Weltdrogentag am 26. Juni 2019 Unterstützungsunterschriften und werden diese im Parlament einbringen. Einen Abgabetermin haben wir noch nicht festgelegt. Als Erstunterzeichner würde ich mich über eine eventuelle Unterstützung sehr freuen.
Josef Rohaczek, CI i.R.



Lieber Josef Rohaczek,

die Kriminalistenvereinigung verfolgt und schätzt deine unermüdliche Arbeit im Elternkreis, der sich für die Eltern dorgensüchtiger Kinder einsetzt. Wir wissen deshalb, dass Du die Drogenproblematik aus der Praxis und nicht aus schlauen Büchern kennst.
Ich bin gespannt, wohin die Drogenpolitik nach der nächsten Wahl gehen wird. Strenger, so wie es im vorigen Regierungsprogramm vor allem für die Samen und Setzlinge von Cannabispflanzen geplant war, oder liberaler, wie es in einigen europäischen und US-amerikanischen Staaten gehandhabt wird? Ich bin auch gespannt, wohin sich die EU in diesem Punkt bewegen wird, da Einzellösungen von Staaten oft zu einer Sogwirkung geführt haben.
Die große Problematik ist die Abgenzung zwischen Konsum und Sucht. Wenn sich ein Erwachsener alle zwei Wochen am Abend statt einem Glas Wein einen Joint genießt, haben weder er noch die Gesellschaft ein Problem. Andererseits hat die Sucht schon viele Existenzen zerstört. Und die Probleme heißen: zu jung, zu oft und zu viel. Der verantwortungsbewusste Umgang mit Drogen, auch mit Alkohol und Nikotin, muss – wie alles im Leben – gelernt werden. Aber sind die Eltern ein gutes Vorbild? Sollte man im Ethikunterricht darüber reden?
Ein spannendes Thema, das uns sicher noch viele Jahre beschäftigen wird! Herbert Windwarder
Redaktion