Serienmörder (8)

Lust am Töten

Der Sexualverbrecher Christian Voigt ermordete in Bayern und Österreich mindestens zwei junge Frauen. Ein weiteres Mädchen und ein Handwerker überlebten seine Attacken.

Die halbnackte Leiche der jungen Frau war blutüberströmt. Der Unterleib war aufgeschlitzt und Teile des Körperinneren waren herausgerissen, die Brüste waren fast abgeschnitten. Für die spielenden Kinder, die die Leiche am 14. Juli 1910 in einem Gebüsch in der Binder-Au am Dürnkrutplatz im zweiten Bezirk in Wien fanden, war es ein gewaltiger Schock. Die Gerichtsmediziner stellten 30 bis 40 Messerstiche fest. An der blutigen Leiche wurde ein Abdruck eines Handballens festgestellt. Diese Spur wurde vom Erkennungsdienst der Wiener Polizei fotografiert.
Beim Mordopfer handelte es sich um Josefine Peer, geboren am 13. April 1890 in der Steiermark. Die junge Frau arbeitete in Wien als Dienstmädchen und verdiente sich als Gelegenheitsprostituierte etwas Geld dazu. Sie wohnte in einer Wohnung in der Klosterneuburger Straße 43, im 20. Bezirk, und hielt fallweise in Lokalen und in den Donauauen Ausschau nach Freiern.
Bei den Ermittlungen stießen die Kriminalisten des Sicherheitsbüros auf den 32-jährigen Christian Voigt, der in der Nähe des Opfers wohnte. Voigt, geboren am 22. Jänner 1878, als Sohn eines Schuhmachers in Tettau in Oberfranken, hatte eine schwierige Kindheit hinter sich. Schon als Sechsjähriger musste er bei einem Bauern arbeiten. Sein Vater war Säufer und starb früh, zu seiner Mutter hatte er kaum Kontakt. Eine Zimmererlehre brach Christian Voigt nach einem Streit mit seinem Lehrherrn ab. Er wurde mehrmals wegen Gewalttätigkeit verurteilt. Voigt zog durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und wurde mehrmals wegen Bettelei und Landstreicherei festgenommen. Am 1. Juni 1897 stach er einen Zimmermann nieder, behauptete aber, er hätte in Notwehr gehandelt, weil er von drei Männern angegriffen worden sei. Er wurde zu neun Monaten Kerker verurteilt. Im Oktober 1898 begann er mit dem Militärdienst, wurde aber nach sechs Wochen wegen Untauglichkeit entlassen – die Militärärzte hatten ihn für krank befunden.
Am 2. März 1902 überfiel Voigt auf einem Feld in Bayern eine 22-jährige Frau, schlug sie zusammen, würgte sie und stopfte ihr Erde in den Mund, um sie am Schreien zu hindern. Als sich einige Männer näherten, ließ Voigt von seinem Opfer ab. Er wurde in die Irrenanstalt Hildburghausen eingeliefert und im Mai 1902 in die Irrenanstalt Bayreuth gebracht. Von dort flüchtete er im Juni 1902. Am 4. September 1902 überfiel er die 17-jährige Ella Protowsky und brachte sie durch Stiche in den Hals um. Gerichtspsychiater bescheinigten ihm eine Geisteskrankheit. Deshalb wurde Voigt wieder in die Irrenanstalt Bayreuth eingewiesen. Nach einer neuerlichen Flucht im April 1906 kam er nach Wien, wo er im August 1906 aufgegriffen und in die Irrenanstalt Bayreuth zurückgebracht wurde. Er wurde im Oktober 1909 aus der Anstalt als „geheilt“ entlassen. Er zog nach Wien, wo er als Zimmerergehilfe arbeitete.

Sachbeweis Handballenabdruck. Bei der Einvernahme im Wiener Sicherheitsbüro stritt Voigt ab, Josefine Peer getötet zu haben. Ein Vergleich des Abdrucks seines Handballens mit den Spuren auf der Leiche ergab aber eine Übereinstimmung. Über Löcker wurde daraufhin am 17. August 1910 die Untersuchungshaft verhängt. Als man ihm den Sachbeweis vorhielt, gestand er die Tat: Er habe Josefine Peer aus Lokalen im 20. Bezirk gekannt und mehrmals ihre Liebesdienste in Anspruch genommen. Am 13. Juli habe er sich mit ihr am Abend auf einem Sportplatz getroffen. Dort sei es, wie er sagte, „über mich gekommen“. An das, was danach passiert sei, könne er sich nicht mehr erinnern. Er habe die blutige Leiche zur Binder-Au geschleppt und im Gebüsch abgelegt.
Voigt versuchte, seinem Opfer eine „Mitschuld“ an der Tat zu geben. In der „Arbeiterzeitung“ vom 8. Oktober 1910 wird aus dem Gerichtsakt zitiert: „Ich hatte während dieser ganzen Zeit unseres Zusammentreffens bis zum Moment der Tat nicht einen Funken Absicht, das Frauenzimmer zu töten, oder nur zu verletzen, sondern der Akt ist ein Gesamtprodukt mehrerer Umstände, in erster Linie durch die hartnäckige Verfolgung des unglücklichen Opfers selbst. Weil ich nicht die Absicht hatte, das Frauenzimmer zu töten, muss ich protestieren gegen die Anklage des Mordes. Ich kenne keinen großen Unterschied zwischen Totschlag und Mord. Da aber einmal Gesetz Gesetz ist, muss das richtig ausgelegt werden.“
Die Ermittler vermuteten, dass Voigt noch weitere Frauen ermordet haben könnte. Der Verdächtigte bestritt aber weitere Morde.

Todesurteil und „Resozialisierung“. Ärzte der medizinischen Fakultät der Universität Wien begutachteten den Angeklagten und erkannten ihn für voll schuldfähig. Christian Voigt, verteidigt vom bekannten Rechtsanwalt Dr. Hugo Schönbrunn, wurde am 21. Oktober 1911 vom Geschworenengericht von den zwölf Geschworenen einstimmig des Mordes schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein Verteidiger versuchte, die Hinrichtung wegen Geisteskrankheit aussetzen zu lassen. Durch einen Gnadenakt des Kaisers Franz Josef wurde die Todesstrafe am 19. Februar 1912 in eine lebenslange, verschärfte Kerkerstrafe umgewandelt. Der Verurteilte wurde in das Zuchthaus Garsten in Oberösterreich gebracht und nach 20 Jahren Kerker am 22. Dezember 1930 von Bundespräsident Wilhelm Miklas begnadigt.
Nach seiner Freilassung zog Christian Voigt nach Bayern zurück, heiratete 1934 in Nürnberg die Tochter eines Kaufmanns und arbeitete im Geschäft seines Schwiegervaters. Er unterstützte die NSDAP. Sein Ansuchen, Mitglied zu werden, wurde aber abgelehnt. Der Lustmörder Christian Voigt starb 1938 „resozialisiert“ in Nürnberg.
In Robert Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ kommt der Sexualmörder Moosbrugger vor, ein von Wahnvorstellungen getriebener, inhaftierter Prostituiertenmörder. Musil-Biograf Karl Corino wies 1984 nach, dass sich Musil mit dieser Figur an den Lustmörder Christian Voigt angelehnt und zum Teil wörtlich aus Zeitungsberichten zitiert hatte.
Werner Sabitzer