StoP

Stadtteil ohne Partnergewalt

Nachbarn haben Möglichkeiten, häusliche Gewalt zu verhindern. Wie das gelingen kann, wird derzeit bei einem Pilotprojekt in Margareten erprobt.

Erster April 2019: Im Reumannhof im 5. Wiener Gemeindebezirk findet das erste Frauentisch-Treffen des Projekts „STOP Partnergewalt“ (StoP) statt. Mag. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), und Miriam Jutz, MA, Projektkoordination und -assistenz von StoP, erklären, worum es bei dem Projekt geht. Außer den beiden sitzen noch zehn weitere Frauen um den großen Tisch im Lokal von „wohnpartner“, der Betreuung für Wiener Gemeindebaumieter.
Schon bei der Vorstellungsrunde reden die Frauen überraschend offen über häusliche Gewalt. Das Erzählte, so wird vereinbart, soll innerhalb dieses geschützten Rahmens bleiben. Gegenseitiges Vertrauen ist die Grundlage für den Austausch bei den Frauentisch-Gesprächsrunden, die in Zukunft jeden Montag Abend alle zwei Wochen stattfinden sollen.
So viel aber darf verraten werden: Es sind Frauen aller Altersgruppen vertreten, mit und ohne Migrationshintergrund. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie Nachbarinnen sein sollten und dass Gewalt in der Privatsphäre für sie ein interessantes Thema ist, über das sie sich austauschen wollen. Einige, weil sie selbst oder Personen in ihrem Umfeld betroffen sind bzw. waren, andere haben beruflich mit Gewaltopfern zu tun. Diese findet man ebenso wenig nur in bestimmten sozialen Schichten, wie es den „typischen“ Täter“ gibt.
Im Laufe des Abends kommen unterschiedliche Themen zur Sprache, und auch Fragen tauchen auf: Was kann ich tun, wenn ich Zeugin häuslicher Gewalt werde? In welchen Fällen soll ich die Polizei rufen? Wie spreche ich eine Betroffene an, die das Geschehene zu verheimlichen versucht? Können Nachbarn Gewalt in der Familie überhaupt verhindern?

Lebensrettend.Ja, das ist möglich, behauptet Prof.in Dr.in Sabine Stövesand von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, Department Soziale Arbeit, die StoP vor 15 Jahren in Hamburg initiiert hat. Die Soziologin beruft sich auf Studien, die nachweisen, dass „eine aufgeklärte und handlungswillige Nachbarschaft, in der Partnergewalt nicht als Privatproblem angesehen wird, de facto lebensrettend und gewaltreduzierend“ wirkt. Die Fallzahlen bei schwerer bzw. tödlicher Partnergewalt seien geringer als in Gegenden ohne diese nachbarschaftliche Unterstützung.
Als konkretes Beispiel führt Stövesand den Fall von Frau A. an, einer berufstätigen Mutter von vier Kindern, die von ihrem Mann misshandelt wurde. Mit A.s Zustimmung organisierte eine Sozialarbeiterin eine Nachbarschaftsinitiative; auch die Sozialen Dienste und die Polizei wurden informiert. Ein in der Nachbarschaft wohnender Tischler verstärkte die Wohnungstür von A., um zu verhindern, dass ihr Mann die Tür eintrat. Die Nachbarn organisierten eine Telefonkette mit nächtlichem Bereitschaftsdienst, damit A. jederzeit Hilfe holen konnte, wenn ihr Mann gewalttätig wurde. Nachdem die Angriffe ihres Mannes nicht aufhörten, flüchtete A. mit ihren Kindern in ein Frauenhaus, wollte jedoch wieder in ihre Wohnung zurückkehren. Diese hatte ihr Mann in der Zwischenzeit verwüstet, doch die Nachbarn renovierten sie. Auch danach tauchte A.s Mann eine Zeit lang immer wieder auf und bedrohte seine Frau, bis er angesichts der Präsenz der Nachbarn kapitulierte. A.s Geschichte sprach sich im Stadtteil herum und ermutigte eine andere gewaltbetroffene Frau, Hilfe zu holen und gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Paartherapie zu beginnen. Ein weiterer Mann besuchte von sich aus ein Anti-Gewalt-Training.

Acht Schritte. Bis die nachbarschaftliche Unterstützung für Gewaltbetroffene so gut funktioniert wie in A.s Fall, ist viel Arbeit nötig. Diese erfolgt in dem von Stövesand entworfenen Konzept in acht aufeinander aufbauenden Handlungsschritten mit unterschiedlichen Teilzielen: Zuerst muss eine Stadtteileinrichtung gefunden werden, die Personal, Räumlichkeiten und Finanzmittel zur Verfügung stellt. In Hamburg war ein Familienzentrum der Projektträger. Beim StoP-Projekt in Margareten übernimmt der Verein AÖF die Projektkoordination. Gastgeber für die Frauentische sind die wohnpartner; die Männertische finden im neunerhaus café statt. Mehrere Projektpartner, darunter die Grätzlpolizei des 5. Bezirks und die Kriminalprävention, unterstützen die Initiative.
Anschließend holt das Projektteam Informationen über die Bewohner ein. Rösslhumer ist selbst mit einem standardisierten Fragebogen im Reumannhof von Tür zu Tür gegangen, um von den Mietern zu erfahren, wie lange sie schon hier wohnen, was sie über häusliche Gewalt denken, ob sie derartige Fälle mitbekommen und etwas unternommen haben. Und ob sie sich vorstellen können, beim StoP-Projekt mitzumachen. „Diejenigen, die mit uns gesprochen haben, waren sehr offen“, zieht die Projektkoordinatorin eine positive Bilanz. Allerdings sind auch Vorurteile über Gewalt in der Privatsphäre sehr verbreitet – etwa, dass diese nur in migrantischen und bildungsfernen Familien vorkommen.
Der dritte Schritt sieht die Gründung von Gruppen vor, die sich mit dem Thema Partnergewalt auseinandersetzen. Diese gibt es im 5. Bezirk mit dem Frauen- und einem Männertisch bereits. „Frauen tun sich leichter, über ihre Erfahrungen zu reden“, erklärt Rösslhumer die höhere Beteiligung an den Frauen-Gesprächsrunden. „Männer sagen: 'Ich bin eh kein Gewalttäter.' Diejenigen Männer, die selbst Gewalt ausüben, wollen sich schon gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen.“ Ab Oktober ist ein weiterer Tisch für Jugendliche ab 14 Jahren geplant.

Netzwerk. Haben sich die Gruppen etabliert, sollen sie von sich aus weitere Kontakte knüpfen, damit in der Nachbarschaft ein Netzwerk entsteht. Besonders geeignet dazu sind Veranstaltungen, bei denen bereits aktive Bewohner das Projekt präsentieren können. Im 5. Bezirk ist StoP z. B. beim Nachbarschaftstag am 24. Mai und dem Margaretner Fest für Kunst und Kultur am 25. Mai vertreten.
Als fünfter Schritt ist eine Ausweitung des Netzwerks innerhalb des Stadtteils vorgesehen. Kontakte zu anderen Einrichtungen, die sich mit dem Thema Gewalt befassen, helfen, Ressourcen zu bündeln. Durch ein gemeinsames Auftreten kann man sich auch bei Behörden und Politik besser Gehör verschaffen, wie die Erfahrungen aus Deutschland zeigen.
In diesem Stadium sollte das Projekt schon so bekannt geworden sein, dass sich Gewaltbetroffene – aber auch Gewaltausübende, die ihr Verhalten ändern wollen – an das StoP-Team wenden. Dieses kann je nach Kapazität und Bedarf entweder selbst Beratungen anbieten oder die Ratsuchenden an andere Organisationen weiterverweisen.
Der Fokus des vorletzten Schritts liegt auf der Erhaltung und dem Ausbau der bereits bestehenden Strukturen. StoP sollte nun in der Lage sein, Forderungen an die Politik zu stellen. Damit hat sich das Projekt von einer reinen Nachbarschaftsinitiative zu einem gesellschaftspolitischen Akteur entwickelt.
Dieser kann im achten und letzten Schritt Bündnisse schließen, um Forderungen durchzusetzen. Dabei ist für die StoP-Aktivistinnen und Aktivisten auch die Gleichstellung der Geschlechter ein Thema, da mit dieser Fortschritte in der Prävention und dem Abbau von Gewalt in Zusammenhang stehen.

Mythen. Bis dahin ist es in Wien allerdings noch ein weiter Weg. Derzeit geht es darum, die Teilnehmenden am Frauen- und am Männertisch die notwendigen Informationen zu vermitteln, wie man Partnergewalt erkennt und was man als Nachbar dagegen tun kann. Dazu soll bei jedem Treffen ein anderes Thema besprochen werden. Beim Frauentisch hat Rösslhumer damit begonnen, mit so verbreiteten wie falschen Mythen über häusliche Gewalt aufzuräumen – etwa mit der Annahme, dass Gewaltbetroffene, die ein Unterstützungsangebot ablehnen, nicht zu helfen sei.
„Frauen, die misshandelt werden, müssen das wollen, sonst würden sie weggehen“, glauben laut Rösslhumer viele. Dabei verkennen sie die Dynamik einer Gewaltbeziehung: Der Täter täuscht vor, sich zu schämen, verspricht, sich zu bessern, und behandelt seine Partnerin kurze Zeit hindurch zuvorkommend. Das Opfer hofft auf dauerhafte Besserung, doch schon bald zieht sich der Täter wieder zurück, redet nicht über seine Probleme – und der Teufelskreis beginnt von neuem. Viele Frauen geben ihrem gewalttätigen Partner mehrere Chancen, wodurch sie nach außen hin ambivalent wirken.
Spricht jemand aus der Nachbarschaft nun die Frau an, kann es sein, dass sie abblockt. Weil sie die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt noch nicht aufgegeben hat, aus Scham, um die „Schande“ zu verbergen, oder auch aus Angst, dass sich ihre Situation weiter verschlimmert, z. B. wenn Anzeige erstattet wird. Beim potentiellen Helfer erzeugt das Unsicherheit; meist riskiert er nicht, ein weiteres Mal abgewiesen zu werden.

Zeit geben. „Man muss Betroffenen Zeit geben und sie nicht dafür verurteilen, dass sie so lange in der Gewaltbeziehung bleiben“, erklärt Rösslhumer. Für unterstützungswillige Nachbarn sei es wichtig, das Opfer nicht zu drängen, sondern ihm zu vermitteln: „Wir sind da, wenn du uns brauchst.“ Erste Schritte können auch sein, der Betroffenen Informationen zu geben, wohin sie sich wenden kann: an Beratungsstellen wie die zentrale und kostenlose Anlaufstelle, die Frauen­Helpline gegen Gewalt 0800/222 555, an ein Frauenhaus oder die Polizei.
Vertreter dieser Institutionen werden auch eingeladen, um beim Frauen- und beim Männertisch Vorträge zu halten und Fragen zu beantworten. Unklarheit herrsche oft darüber, was geschieht, wenn die Polizei verständigt wird, so Rösslhumer. Kann es sein, dass die Polizisten wegfahren, ohne etwas zu tun? Wann sprechen sie eine Wegweisung aus? Was passiert nach einer Anzeige? Neben den Möglichkeiten werden auch die Grenzen nachbarschaftlicher Unterstützung aufgezeigt – etwa, wenn engagierte Nachbarn ebenfalls bedroht werden, oder wenn es zu einem Gerichtsverfahren kommt und das Opfer Prozessbegleitung braucht.
Rosemarie Pexa



Kontakt: StoP Partnergewalt:
www.stop-partnergewalt.at
Wer sich beteiligen möchte, kann sich an margareten@stop-partnergewalt.at wenden.