Frauensicherheit

Von Frauen für Frauen

Eine Ex-Polizistin und eine ehemalige Rettungssanitäterin haben das einzige von Frauen geführte österreichische Unternehmen im Bereich Sicherheit gegründet.

Mein Chef schikaniert mich!“ Mit diesem Problem wandte sich eine Sekretärin an den berühmten Kommunikationswissenschafter und Psychotherapeuten Paul Watzlawick. Was sollte sie tun, wenn ihr Vorgesetzter sie anschrie oder sogar mit Aktenordnern warf? Nach zwei Wochen Therapie wusste sie es. Gestärkt kehrte sie ins Büro zurück, bereit, dem Tyrannen beim nächsten Angriff die Stirn zu bieten. Doch dieser kam nicht – stattdessen brachte ihr der plötzlich freundlich gewordene Chef sogar einen Kaffee. „Wer war jetzt in Therapie – er oder ich?“, fragte sich die Sekretärin verwundert.
Mit dieser Anekdote eröffnet Michaela Eisold-Pernthaller, MSc, den „Schnupperworkshop“ der EP&M Frauensicherheit GmbH, die sie 2016 gemeinsam mit Dipl.-Ing. Christine Malina gegründet hat und leitet. Das Unternehmen ist das erste und bislang einzige von Frauen geführte im Bereich Sicherheit in Österreich. Erfahrungen in Situationen, in denen eine rasche und richtige Reaktion darüber entscheidet, wie sicher man sie übersteht, haben die zwei Frauen in ihren früheren Jobs gesammelt: Malina als Rettungssanitäterin, Eisold-Pernthaller in 15 Jahren Polizeidienst bei der LPD Wien. Darüber hinaus sind beide diplomierte Lebens- und Sozialberaterinnen.
Was es mit der Sekretärin und ihrem rabiaten Chef auf sich hat, klärt Eisold-Pernthaller gleich auf: Oft muss man sich gar nicht mit Worten oder körperlich zur Wehr setzen, sondern vermeidet schon durch sein Auftreten, belästigt, gemobbt oder attackiert zu werden. Falls das nicht funktioniert, sollte man sich – z. B. in den Frauensicherheits-Workshops – die richtigen Taktiken und Techniken zulegen, um auf Über- und Angriffe entsprechend reagieren zu können.

Notwehr. Bevor praktisch anwendbare Tricks gezeigt werden, gibt es erst einmal Theorie. Die ist alles andere als grau, sondern beantwortet ganz konkret einige der Fragen, die die Teilnehmerinnen gestellt haben. Zum Beispiel nach der rechtlichen Situation. Eisold-Pernthaller zählt die Situationen auf, in denen auch eine Privatperson angemessene Gewalt anwenden darf: zur Durchsetzung des Hausrechts und im Rahmen des Allgemeinen Selbsthilferechts, bei Notwehr oder Nothilfe, in Notstands- und Rettungssituationen sowie bei Beobachtung einer Straftat durch Anhaltung.
Für Frauen besonders relevant ist Notwehr bei Angriffen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung. „Dazu zählt seit 2017 auch sexuelle Belästigung“, weist Eisold-Pernthaller auf den vor zwei Jahren eingeführten sogenannten „Grapscherparagrafen“ hin. Vielen Frauen sei nicht klar, wann sie sich körperlich verteidigen dürften. Eine Drohung berechtige nicht zu Notwehr, ein Griff zwischen die Beine schon, erklärt Eisold-Pernthaller.
Wehren dürfe man sich auch bei einem Angriff auf das Vermögen, ratsam sei es aber nicht. Hat es ein Räuber auf die Handtasche oder das Handy abgesehen, sollte man sich lieber davon trennen, statt eine möglicherweise schwere Verletzung zu riskieren, empfiehlt die Ex-Polizistin. Wie das aussehen kann, zeigt sie mit ihrer Partnerin, die den Räuber mimt, vor: Eisold-Pernthaller schleudert der „Angreiferin“ ihre Umhängetasche schwungvoll entgegen und nützt deren Überraschungsmoment, um einen schnellen Sprint hinzulegen.

Einsperren. „Anhaltung bei Beobachtung einer Straftat“ klingt zwar nicht nach einer Aktion, die man als Privatperson im Alltag anwenden kann, ist aber gar nicht so unwahrscheinlich. Da geht es nicht nur darum, einen Täter festzuhalten, man darf ihn auch einsperren, sofern man danach sofort die Polizei verständigt. Eisold-Pernthaller erläutert das an einem Beispiel: Eine Frau beobachtet, wie ein Einbrecher in ihr Haus eindringt. Es gelingt ihr, den Mann in einem Raum einzuschließen. Sie verlässt rasch das Haus und wählt den Polizei-Notruf.
Natürlich wird auch die obligatorische Frage nach Waffen zur Selbstverteidigung gestellt. „Wir raten davon ab, Waffen zu verwenden, in deren Umgang man nicht geübt ist“, antwortet Malina. Das gilt auch für Pfefferspray, ergänzt ihre Kollegin. Der ist zwar erlaubt, allerdings kann es im wahrsten Sinn des Wortes ganz schön ins Auge gehen, wenn man in einem geschlossenen Raum oder gegen den Wind sprüht. Meist ist ein akustischer Alarm empfehlenswerter – aber wenn eine Frau z. B. allein im Wald joggen geht, könnte sie sich schon überlegen, einen Pfefferspray mitzunehmen. Für solche Fälle empfehlen beide eine spezielle Ausbildung.
Hat sich eine Frau erfolgreich, aber mehr als angemessen gewehrt, kann das als Notwehrüberschreitung gewertet werden – außer, die Aktion ist aus „Bestürzung, Furcht oder Schrecken“ gesetzt worden. Da kann die Überschreitung möglicherweise als Fahrlässigkeit strafmildernd sein. Ob man wegen Körperverletzung angeklagt wird, hängt auch davon ab, was man bei der Polizei zu Protokoll gibt. „Ich habe mich bedroht gefühlt“ reiche als Rechtfertigung nicht aus, erklärt Eisold-Pernthaller. Sie empfiehlt, nicht unmittelbar nach einer Notwehrsituation eine Aussage zu machen, da es zu Wahrnehmungsverzerrungen kommen könne und einem – für die Polizei wichtige – Details oft erst später wieder einfallen würden. „Darüber schlafen“ und eine Begleitperson mitnehmen sei eine gute Idee.

Überlebensreflexe. Mit der Psyche des Täters befasst sich Malina. Was geht in einem Menschen vor, bevor er zuschlägt oder eine andere aggressive Handlung setzt? Wenn man das weiß, gelingt es eher, die Situation zu deeskalieren. Die Vortragende skizziert auf dem Flipchart ein menschliches Gehirn. Im ältesten Teil sind die Überlebensreflexe Kampf, Flucht und Totstellen verankert. Damit der Mensch in größeren Gruppen zusammenleben kann, muss er allerdings erst lernen, sich sozial verträglich zu verhalten – und das geht nur, wenn er lernt, die Reaktion auf die Überlebensreflexe zu kontrollieren, um diese im Notfall zu dämpfen. Das Problem an der Sache: Bekommt das Gehirn jedoch „Lebensgefahr!“ signalisiert, schaltet sich im schlimmsten Fall die Kontrollinstanz ganz aus.
Der Grund, warum sich manche Menschen schon bei Kleinigkeiten angegriffen fühlen und ausrasten, liege in der persönlichen Lebensgeschichte, oft in der Kindheit, so Malina: „Wenn jemand als Kind keine stabilen Beziehungen erlebt, kann sich sein Kontrollzentrum nicht voll entwickeln.“ Zusätzlich wirken sich auch traumatische Erlebnisse wie Missbrauch oder das Aufwachsen in einem Kriegsgebiet reaktionsverstärkend aus. Als Auslöser für eine aggressive Reaktion reicht dann schon eine falsche Bemerkung, die dem Betroffenen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören oder nicht anerkannt zu werden. Die Reaktion des Gehirns auf den dadurch ausgelösten psychischen Schmerz ist nämlich die gleiche wie auf körperlichen Schmerz – kein Wunder, da Ausschluss aus der Gemeinschaft in der Entwicklung des Menschen fast immer einem Todesurteil gleichzusetzen war.

Stopp! Nach diesen grundlegenden Informationen zeigen Eisold-Pernthaller und Malina vor, wie man auf einen Angriff reagieren kann. Da darf die klassische Abwehrhaltung, bei dem man dem Aggressor eine Handfläche entgegenstreckt und laut „Stopp!“ sagt, natürlich nicht fehlen. Und wenn einen jemand an den Schultern packt und versucht, gegen die Wand zu drücken? Eisold-Pernthaller legt ihre offenen Hände von unten an die Ellbogen von Angreiferin Malina und hebt deren Arme an. Die Energie wird umgelenkt und die Hände lösen sich von den Schultern.
Die beiden Trainerinnen demons­trieren noch weitere Selbstbehauptungs- und Befreiungstechniken, die auch ohne viel Kraftaufwand funktionieren. Eisold-Pernthaller warnt allerdings davor, sich nach dem Besuch eines Selbstverteidigungskurses zu überschätzen. Bei den Angeboten der EP&M Frauensicherheit GmbH liege der Fokus nicht auf Selbstverteidigung, sondern auf der Förderung des Selbstbewusstseins und dem Erkennen und Vermeiden riskanter Situationen. Zum Abschluss des Schnupperworkshops gibt Malina den Teilnehmerinnen daher folgende „Hausaufgabe“: „Geht einmal mit offenen Augen über den Praterstern und versucht einzuschätzen, ob eine Situation gefährlich werden könnte.“

Unterschiede. Im Zuge ihrer langjährigen Trainertätigkeit hat Eisold-Pernthaller beobachtet, wie sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen – auch abgesehen von der reinen Körperkraft – in der Selbstverteidigung auswirken, etwa bei der Kräfteverteilung: „Frauen haben vergleichsweise mehr Kraft in den Beinen als im Oberkörper. Sie haben schmälere Handgelenke und kleinere Hände, dadurch sind Befreiungen und Hebel schwieriger.“ Das müsse man auch bei der Auswahl der Techniken beachten, betont Eisold-Pernthaller, die den zweiten Dan in Jiu Jitsu sowie in Goshindo besitzt und auch bei der Polizei Selbstverteidigungstrainings geleitet hat.
Die Unterschiede sind aber nicht nur rein körperlicher Natur. So ist z. B. die Bereitschaft, jemandem in Notwehr Schmerzen zuzufügen, bei den meisten Frauen weniger ausgeprägt als bei Männern. Umso wichtiger sei es für Frauen, gefährliche Situationen durch Aufmerksamkeit und Vertrauen in das eigene Gefühl rechtzeitig zu erkennen, so die Ex-Polizistin. In der Regel gibt es Alarmsignale, bevor ein Übergriff stattfindet. Schrillen innerlich die Alarmglocken – z. B., wenn man eine neue Bekanntschaft gemacht hat und einem bei dieser etwas „komisch“ vorkommt – dann sollte man das nicht ignorieren.

Erfolgserlebnisse. Ihre Erfahrungen bei Beratungen, Trainings und Seminaren in den Bereichen Opferschutz, Gewaltprävention, Selbstverteidigung, Stalking und Gewalt in der Familie kommen Eisold-Pernthaller insbesondere im Kontakt mit Teilnehmerinnen zugute, die Traumatisches erlebt haben. „Menschen, die selbst Opfer geworden sind, brauchen kleine Erfolgserlebnisse, z. B. sich zum ersten Mal trauen, in den Schlagpolster zu schlagen“, erklärt Eisold-Pernthaller. Dabei müsse man als Trainerin ein „Gespür“ dafür haben, was man den Teilnehmerinnen zumuten kann – denn sogar durch von anderen vorgezeigte Übungen, z. B. Abwehr in der Bodenlage, sei eine Retraumatisierung möglich.
Selbst hat sich Eisold-Pernthaller – abgesehen von Amtshandlungen im Polizeidienst – noch nie körperlich gegen einen Angreifer zur Wehr setzen müssen. Was die Selbstbehauptung angeht, hat sie bei der Polizei einiges gelernt: „Als ich 1991 angefangen habe, war ich eine der ersten Frauen bei der Polizei. Da haben schon einige hinter meinem Rücken gelacht. Ich habe mir damals überlegt: 'Nehme ich das persönlich oder sehe ich es sachlich?'“ Sie hat sich für zweiteres entschieden und ist zu dem Schluss gekommen, dass man sich Respekt erarbeiten muss – am besten, indem man auch dem anderen respektvoll begegnet.
Rosemarie Pexa

Kontakt – EP&M Frauensicherheit GmbH
www.frauensicherheit.at