Gerichtsmedizin

Beweismittel Leichnam

Bekannt ist die Gerichtsmedizin wohl jedem, doch den Blick in ihre Labors werfen nur die wenigsten. Die Realität sieht jedenfalls anders aus, als die in den Medien vermittelte.

Singende Gerichtsmediziner, die täglich Leichen sezieren und damit scheinbar im Fluge die komplexesten Kriminalfälle lösen, kennen wir aus den unterschiedlichsten TV-Serien. Mit der Realität des Berufsbildes Gerichtsmediziner haben diese Darstellungen allerdings nur wenig zu tun, erklärt a. Univ.-Prof. Dr.med. Walter Rabl, MME (Bern) vom Institut für Gerichtliche Medizin Innsbruck.
Kriminalpolizei: TV-Serien rund um Gerichtsmedizin boomen – sind sie wirklich nahe an der Realität?
Walter Rabl: Die TV-Serien stellen den Beruf des Gerichtsmediziners sehr einseitig und idealistisch dar. Die Arbeit am Seziertisch umfasst etwa 5 % der tatsächlichen Tätigkeit. In Tirol und Vorarlberg sind Einsätze an nur wenigen Tatorten notwendig – geschätzt etwa 10 bis 15 Fälle pro Jahr – natürlich nicht nur Todesfälle. Der größte Bereich der Tätigkeit ist die Arbeit am Schreibtisch.
Wie sieht er nun aus, der reale Arbeitstag in der Gerichtsmedizin?
Rabl: Obduktionsgutachten, molekularbiologische oder toxikologische Prüfberichte und Verletzungsbegutachtungen müssen diktiert, Verhandlungsvorbereitungen erstellt und Referate oder Vorlesungen ausgearbeitet werden. Täglich um 08.00 Uhr ist die Frühbesprechung, bei der die Fälle vom Vortag besprochen werden. Hier werden etwa auch aktuelle Fälle vom Vortag im Seziersaal anhand der Fotodokumentation von Tatort, Seziertisch oder Verletzungen auf einem Großbildschirm in 4K-Qualität demons­triert. Zudem erfolgt die Planung des Tages anhand der zwischenzeitlich eingelangten Aufträge. Der weitere Tagesablauf ist äußerst vielseitig und um­fasst regelmäßige Vorlesungen, Praktika, Seminare, Untersuchungen in der Klinik, Kontrolluntersuchungen in der Ordination im eigenen Haus z.B. für Gerichtsgutachten, Obduktionen, Gerichtsverhandlungen oder regelmäßige Teambesprechungen. Neben den universitären Aufgaben Lehre und Forschung arbeite ich an universitären Drittmittelprojekten mit. Dazu zählen z.B. die Nationale DNA-Datenbank des Innenministeriums und das Projekt Routine und Befundung zu den Themenblöcken Toxikologie, Morphologie und Begutachtungen.
Stichwort DNA-Datenbank: Was hat es damit auf sich?
Rabl: Mitte der 90er-Jahre wurde der Fachbereich Molekularbiologie des Innsbrucker Instituts ein wesentlicher Partner des Österreichischen Innenministeriums bei der Etablierung der Nationalen DNA-Datenbank. Sie wurde am 1. Oktober 1997 als damals dritte nationale Datenbank in Europa gegründet und ist vom Datenbestand eine der größten DNA-Datenbanken der Welt. Seit 1997 fungiert das Institut als „Österreichisches DNA-Zentrallabor“ der Österreichischen Nationalen DNA-Datenbank. Das Institut typisiert jährlich ca. 12.000 Mundhöhlenabstriche und bis zu 4.000 Spuren für die Nationale DNA Datenbank. Darüber hinaus werden jährlich mehrere tausend Mundhöhlenabstriche und in geringerem Umfang auch Spuren für ausländische Auftraggeber typisiert. Heute umfasst die nationale Datenbank insgesamt rund 216.000 Personen-Datensätze. Zudem sind circa 211.000 Datensätze von biologischen Tatortspuren gespeichert.
Wie hat sich der Bereich der Gerichtsmedizin denn generell geschichtlich entwickelt?
Rabl: Nach einer wechselhaften Geschichte kam es in Innsbruck im April 1869 zur dritten Wiedergründung der medizinischen Fakultät, die dann ab 2004 als eigenständige Medizinische Universität weitergeführt wurde. Bei dieser Wiedererrichtung wurde nach dem Vorbild der Wiener Fakultät auch eine Lehrkanzel für „Staatsarzneykunde“ eingerichtet, die damals neben der Gerichtlichen Medizin auch die Hygiene umfasste.
Der erste Inhaber dieser Lehrkanzel war Eduard von Hoffmann. Seinen wissenschaftlichen Leistungen ist es zu verdanken, dass die österreichische Gerichtsmedizin zu dieser Zeit weltweit eine Führungsrolle einnahm. Von Hoffmann folgte im Jahre 1875 einem Ruf nach Wien. Er gilt als der Begründer der „Wiener Schule“ der gerichtlichen Medizin. Sein „Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin“, das erstmals 1878 erschien, gilt als Standardwerk und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Mitte der 90iger Jahre wurde die Entwicklung des Fachbereichs Molekularbiologie forciert. Das Institut wurde der wesentliche Partner des Österreichischen Innenministeriums bei der Etablierung der Nationalen DNA-Datenbank, die als dritte Datenbank in Europa ihre Tätigkeit aufnahm. Seit 1997 fungiert das Institut als „Österreichisches DNA-Zentrallabor“ der Österreichischen Nationalen DNA-Datenbank. Ferner ist das Labor als internationales DNA-Referenzlabor anerkannt. Mitglieder des Instituts sind in den beiden entscheidenden einschlägigen europäischen Fachorganisationen vertreten, nämlich die EDNAP Gruppe (European DNA Profiling Group), die vor allem wissenschaftlich orientiert ist, sowie die ENFSI DNA Working Group (European Network of Forensic Science Institutes), die ihre Schwerpunkte in der Polizeiarbeit, der Entwicklung und der Qualitätssicherung hat.
Welche Ausbildung durchlaufen angehende Gerichtsmediziner?
Rabl: Voraussetzungen sind das Studium der Humanmedizin (6 Jahre), die Facharztausbildung im Sonderfach Gerichtsmedizin (6 Jahre) und an­schließend weitere 5 Jahre eigenverantwortlicher Tätigkeit, um als Sachverständiger allgemein beeidet und gerichtlich zertifiziert zu werden.
Wird man auf den Umgang mit dem Tod vorbereitet?
Rabl: In eingeschränkter Art und Weise. Im Rahmen des Studiums hat man nur wenig Kontakt mit Verstorbenen. Auch sehr viele Ärzte haben ein gestörtes emotionales Verhältnis zu Tod und Sterben. Daher rühren auch die typischen Vorurteile gegenüber der Arbeit von Pathologen oder Gerichtsmedizinern – ich denke hier an die Stichworte Geruchsbelastung oder Infektionsgefahr.
Wie gehen Sie persönlich mit dem Thema Tod um?
Rabl: Als Gerichtsmediziner bekommt man ein natürlicheres Verhältnis zu Tod und Sterben. Diejenigen Dinge, die einen Menschen ausmachen, sind bei einem Verstorbenen nicht mehr da. Der Leichnam ist ein Beweismittel, dessen Untersuchung möglichst viel an Informationen für verschiedenste Fragestellungen erbringen sollte. Mit dem ursprünglichen Menschen hat der Leichnam nicht mehr viel zu tun.
Was sind die größten Herausforderungen in Ihrem Beruf?
Rabl: Als Gerichtsmediziner ist es absolut wichtig, immer unvoreingenommen an die Fälle heranzugehen und sich die notwendige Selbstkritik zu bewahren. Zudem ist es notwendig, die aktuellen Entwicklungen in allen Fachbereichen im Auge zu behalten, um am aktuellen Stand der Wissenschaft zu bleiben.
Gibt es auch die Erfolgsgeschichte aus Ihrer Arbeit?
Rabl: Meistens sind es die kleinen Dinge, die die tägliche Arbeit wertvoll erscheinen lassen. Beispielsweise, wenn eine unklare Verletzung vernünftig erklärt werden kann, oder auch eine falsche Beschuldigung richtig gestellt werden kann. Die größten Fortschritte gab es im Bereich der Molekularbiologie und Spurenkunde durch die Etablierung der nationalen DNA-Datenbanken und des internationalen Datenabgleichs. Auch die Toxikologie hat sich beständig weiter entwickelt, sodass die Methoden erheblich aussagekräftiger und wesentlich empfindlicher geworden sind. Heutzutage können z.B. anhand von Abwasseranalysen großer Kläranlagen fundierte Aussagen zum Drogen- und Medikamentenkonsum der Bevölkerung gemacht werden.
Wie werden Sie aktiv?
Rabl: In Innsbruck gibt es einen freiwilligen und nicht extra honorierten Telefonbereitschaftsdienst. Die Alarmierung erfolgt in dringenden Fällen über die Landeskriminalämter Tirol oder Vorarlberg.
Wie viele Gerichtsmediziner gibt es in Österreich?
Rabl: Viel zu wenige! In der Sachverständigenliste sind 22 Gerichtsmediziner eingetragen, davon bereits viele im Ruhestand. Aktuell in Ausbildung sind in ganz Österreich etwa eine Hand voll ÄrztInnen; in Wien werden bereits seit Jahren keine Ärzte mehr im Sonderfach Gerichtsmedizin ausgebildet.
Und wie viele Leichen werden jährlich seziert?
Rabl: In Österreich werden jährlich insgesamt etwa 9.000 Verstorbene von Pathologen und Gerichtsmedizinern zusammen gerechnet seziert. Etwa 1300 Obduktionen davon erfolgen durch Gerichtsmediziner. Und um auch ein gängiges Missverständnis in der Bevölkerung zu klären, was Pathologie und Gerichtsmedizin betrifft: Diese beiden Sonderfächer werden häufig verwechselt und/oder synonym verwendet. Pathologie ist aber die Lehre der Krankheiten und ein eigenständiges Sonderfach der Medizin (ebenfalls mit 6 Jahren Ausbildung), das völlig andere Inhalte hat als die Gerichtsmedizin. Der Pathologe diagnostiziert Erkrankungen und typisiert Tumorgeschehen zB. auch Schnellschnitte während einer Operation um festzustellen, ob der gesamte Tumor entfernt wurde. Pathologen obduzieren an Krankenanstalten Verstorbene zur Erforschung des Krankheitsprozesses. Alles was mit plötzlichem Tod, Unfällen, Verletzungen oder Vergiftungen zu tun hat, gehört ins Fachgebiet der Gerichtsmedizin.
Wie sehen Sie die Gerichtsmedizin in der Zukunft?
Rabl: Ich persönlich sehe leider schwarz. In den nächsten Jahren werden viele weitere Gerichtsmediziner in den Ruhestand treten. Gleichzeitig werden viel zu wenige Gerichtsmediziner ausgebildet, was mit geringem Einkommen (z.B. an den Universitäten in Facharztausbildung brutto 2.400 Euro – ohne Möglichkeit von Nachtdiens­ten, Wochenenddiensten oder Bereitschaften) und der fehlenden Perspektive (nach Abschluss der Ausbildung keine Möglichkeit zur Weiterbeschäftigung) zu tun hat. Auf diese Problematik hat der Wissenschaftsrat bereits vor einigen Jahren – genauso wie die Fachgesellschaft ÖGGM – hingewiesen, was allerdings zu keinen nennenswerten Bemühungen geführt hat, die Situation zu verbessern.
Interview: Herbert Zwickl