Porträt

Die Geldwäscheexpertin

Die ehemalige Leiterin der Geldwäsche-Meldestelle im Bundeskriminalamt, Elena Scherschneva, hat Österreichs erste Anti-Money-Laundering-Plattform gegründet.

Sie war die Expertin für Geldwäsche im Bundeskriminalamt, bevor sie sich Ende letzten Jahres als Beraterin selbstständig gemacht hat: Dr. Elena Scherschneva – Juristin, Master der Kriminologie sowie Sachverständige für Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung. Mit der AML-Akademie hat sie gemeinsam mit den führenden Anti-Geldwäsche-Experten Österreichs die erste österreichische Expertenplattform zur Bekämpfung von Geldwäsche initiiert. Diese soll nicht nur dem Erfahrungsaustausch dienen, sondern verfolgt darüber hinaus das ehrgeizige Ziel, die Lücken zu füllen, die das staatliche System nicht abdecken kann.
Persönlich in Kontakt treten die Mitglieder der AML-Akademie – die Abkürzung „AML“ steht für „Anti Money Laundering“ – beim vierteljährlich stattfindenden AML-Café. Ein Lokalaugenschein bei dem im Februar 2019 zum zweiten Mal stattfindenden Treffen zeigt folgendes Bild: Die Veranstaltung im Extrazimmer des Innenstadt-Cafés ist gut besucht. Die Teilnehmerliste liest sich wie das Who-is-who des heimischen Bankensektors; Geldwäschebeauftragte der heimischen Großbanken sind ebenso vertreten wie Investmentbanker und Unternehmensberater.

Wirtschaftlicher Eigentümer. Das Thema des Tages lautet „Feststellung des wirtschaftlichen Eigentümers“. Bei einem wirtschaftlichen Eigentümer handelt es sich um eine natürliche Person, in deren Eigentum oder unter deren Kontrolle ein Rechtsträger – eine Gesellschaft, ein Trust oder eine Stiftung – steht. Bestimmte Gewerbetreibende sind verpflichtet, Maßnahmen zur Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu ergreifen, wozu auch die Feststellung der Identität des wirtschaftlichen Eigentümers zählt.
Wer den Impulsreferaten zu diesem Themenschwerpunkt folgen möchte, braucht fundiertes juristisches und wirtschaftliches Fachwissen. Das ist bei den Teilnehmern zweifellos vorhanden – und trotzdem gibt es für die aufmerksamen Zuhörer, die sich zum Teil Notizen machen und Fragen stellen, offensichtlich einiges Neues. Hier geht es um sehr konkrete, für die Praxis relevante Punkte – etwa darum, wie man mit einem Einmalkunden umgeht, damit dieser seine Eigentumsstruktur überprüfen lässt. Oder um die Frage, wann eine Selbstauskunft ausreicht und wann man in die entsprechenden Dokumente Einsicht nehmen muss.
Scherschneva, die an diesem Tag selbst kein Referat hält, kommentiert und ergänzt das Gesagte mitunter. Da hört man nicht nur fachliche Expertise und praktische Erfahrung heraus, sondern auch Interesse und Leidenschaft für das Thema Geldwäschebekämpfung. Kaum zu glauben, dass sie bei diesem rein zufällig „gelandet“ ist, ebenso wie bei der Kriminalpolizei. Wobei die Polizei bei der Berufswahl ursprünglich ohnehin nur an zweiter Stelle gestanden ist.

Sport und Beruf. Platz eins auf ihrer Wunschliste nahm nach der Matura im Jahr 2003 das Bundesheer ein, erinnert sich Scherschneva: „Ich wollte zu einer Sondereinheit, aber das Jagdkommando beim Bundesheer hat damals noch keine Frauen genommen. Daher habe ich mich bei der Polizei beworben.“ Die ehemalige Leistungsschwimmerin und mehrfache Staatsmeisterin verfolgte ein für Spitzen­sportler nicht ungewöhnliches Ziel: den Sport mit dem Beruf zu verbinden. Das ist bei der Polizei einfacher als in anderen Jobs; der ganz normale Alltag bleibt aber auch sportlich aktiven Polizisten nicht erspart. „Meine Erwartungshaltung hat sich mit dem Streifendienst nicht gedeckt“, formuliert es Scherschneva.
Also war Veränderung angesagt; die Richtung gaben ihre „russischen Wurzeln“ vor. Diese waren ausschlaggebend dafür, dass sie 2005 als Sachbearbeiterin ins Büro zur Bekämpfung der Russischen Organisierten Kriminalität im Bundeskriminalamt berufen wurde. Wiederum handelte es sich um einen „Plan B“, denn die Aufnahmeprüfung für die Cobra, für die sich Scherschneva im selben Jahr angemeldet hatte, konnte sie aus persönlichen Gründen nicht wahrnehmen. Die Beschäftigung mit der OK brachte mit sich, dass sich die junge Sachbearbeiterin auch mit Geldwäsche auseinandersetzen musste.
Die nächsten Schritte auf der Karriereleiter erfolgten als logische Fortsetzung des nun eingeschlagenen We­ges, für den Scherschneva zunehmend mehr Begeisterung entwickelte: 2008 wurde sie Kriminalsachbearbeiterin in der Geldwäschemeldestelle im Bundeskriminalamt, von 2012 bis Ende 2017 war sie deren Leiterin. Außerdem fungierte sie von 2014 bis 2018 als Stellvertretende Leiterin des Büros „Finanzermittlungen“ im .BK. Von 2014 bis 2017 war sie für die Organisation und Durchführung der jährlich stattfindenden Österreichischen Geldwäschetagung verantwortlich.
In den Zeitraum 2007 bis 2014 fiel auch ihr berufsbegleitendes Studium. An das Diplomstudium der Rechtswissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz schloss sie ab 2011 ein dreijähriges Doktoratsstudium an, zusätzlich absolvierte sie 2012 bis 2014 das Masterstudium der Kriminologie an der Universität Hamburg. 2017 legte sie die Prüfung zur allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen für Geldwäscherei, Terrorismusfinanzierung, postsowjetische Organisierte Kriminalität und Finanzermittlungen ab.

Anliegen Bewusstseinsbildung. Ab 2016 war Scherschneva selbst als Lehrende tätig, unter anderem an der Donauuniversität Krems sowie an den Fachhochschulen Wiener Neustadt und Burgenland. „Auch wenn ich als Führungskraft einen guten Job gemacht habe, war das vom Herzen her nie meins. Mir war Bewusstseinsbildung immer ein großes Anliegen, daher habe ich mich auch bei der Polizei viel im Bereich Schulung eingebracht“, begründet Scherschneva ihr diesbezügliches Engagement.
Neben kriminalpolizeilichen Fortbildungsmaßnahmen zu Geldwäscherei und Finanzermittlung organisierte sie Schulungsmaßnahmen gemeinsam mit den Bundesministerien für Finanzen, Justiz und Wirtschaft, dazu kamen Schulungen in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Österreich sowie den Kammern für Rechtsanwälte, No­tare und Wirtschaftstreuhänder, außerdem Vorträge für meldepflichtige Berufsgruppen. Scherschneva wirkte auch an der Erstellung eines internationalen Geldwäsche-Schulungsprogramms im Rahmen der Zentraleuropäischen Polizeiakademie CEPOL mit.
Als Expertin war Scherschneva national wie international gefragt. Die Umsetzung der 4. EU-Geldwäsche-Richtlinie im Zuständigkeitsbereich der Geldwäschemeldestelle findet sich ebenso auf der Liste wie die Teilnahme an internationalen Projekten im Rahmen der EGMONT-Gruppe und von EUROPOL, Expertentätigkeiten für die Europäische Kommission im Rahmen unterschiedlicher Projekte in Georgien, der Ukraine, Moldawien, Bosnien und Herzegowina sowie für das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung und die OSZE.

Unabhängiger arbeiten. Bleibt angesichts dieses Arbeitspensums überhaupt Zeit für ein Privatleben? Wenig, gibt Scherschneva zu. Darin ist ein wesentlicher Grund zu sehen, warum sie sich entschlossen hat, bei der Polizei zu kündigen. „Ich habe eine Tochter, die jetzt siebeneinhalb Jahre alt ist, da wollte ich mir die Arbeitszeit flexibler einteilen können. Die Behörde hat mir viel Spielraum gelassen und ist mir mit Teleworking entgegengekommen – aber es war immer noch zu wenig“, spricht sie ein klassisches Dilemma berufstätiger Mütter an. Auch der Wunsch, fokussierter und unabhängiger arbeiten zu können, spielte eine Rolle.
Die Entscheidung fiel unter Abwägung aller dafür und dagegen sprechender Argumente. „Bei der Polizei hat man eine größere Durchschlagskraft und findet mehr Gehör. Dafür agiert die Behörde schwerfälliger. In der Privatwirtschaft ist man budgetär viel flexibler und hat weniger personelle Einschränkungen“, so Scherschneva. Aber warum hat sie sich gleich zu einem harten Schnitt entschieden, statt sich karenzieren zu lassen? In beiderseitigem Interesse: Bei karenzierten Kollegen habe sie gesehen, dass diese ihren alten Job „nicht loslassen“ konnten, außerdem müsse man als Karenzierter „bei jedem Schritt um Erlaubnis fragen“. Dem Dienstgeber mache es die Kündigung leichter, den freien Posten zeitnah nachzubesetzen.
Eine berufliche Kooperation mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber schließt Scherschneva nicht aus: Mit einem Sondervertrag für Projekte zurückzukommen könnte sie sich vorstellen, nur sei der Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen: „Auf der zwischenmenschlichen Ebene passt es nach wie vor. Allerdings muss im Rahmen der neuen Tätigkeit auch neues Vertrauen aufgebaut werden.“
Vermutungen, dass es aufgrund ihrer Herkunft Zweifel an ihrer Vertrauenswürdigkeit gegeben hat, kann Scherschneva so nicht bestätigen, gewisse Vorbehalte zum Teil schon. Ihre Sprachkenntnisse haben sich jedenfalls eindeutig als Vorteil erwiesen: Wenn sich Beschuldigte bei einer Einvernahme auf Russisch unterhielten, ohne zu wissen, dass sie verstanden wurden, kam das den Ermittlungen zugute. Auch in anderen slawischen Sprachen reichen Scherschnevas Kenntnisse zumindest aus, um das Gesprochene zu verstehen.

Diebe im Gesetz. Als einen ihrer rückblickend betrachtet größten Erfolge bei der Polizei sieht Scherschneva ihre Ermittlungen gegen „Diebe im Gesetz“, das sind russische organisierte Kriminelle mit einem strengen Ehrenkodex. Scherschneva war Teil einer Ermittlungsgruppe, welche nachweisen konnte, dass es dieses Phänomen auch in Österreich gibt. Besonders stolz ist sie darauf, dass ein 2006 in der „Kriminalpolizei“ veröffentlichter Artikel über Diebe im Gesetz Jahre später vom Obersten Gerichtshof zitiert wurde.
Faszinierend war es für die ehemalige Ermittlerin, immer wieder zu beobachten, wie eng bei Geldwäsche Wirtschaft und Politik miteinander verknüpft sind. „In manchen Fällen ist das Telefon bei mir heißgelaufen, hohe staatliche Vertreter haben angerufen, ausländische und österreichische“, erzählt sie. Gebremst worden seien die Ermittlungen allerdings nie, nur „vorsichtige Nachfragen“ habe es gegeben.
Speziell in Erinnerung geblieben ist ihr der Fall des ukrainischen Geschäftsmanns Dmytro Wassylowytsch Firtasch. Diesen nahm die Polizei 2014 aufgrund eines US-Haftbefehls wegen Verdachts auf Bestechung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung in Wien fest. Er wurde gegen die höchste Kautionssumme in der österreichischen Rechtsgeschichte auf freien Fuß gesetzt. „Beinahe 180 Millionen Euro Kaution mussten durch die Geldwäschemeldestelle freigegeben werden, damit er nach Hause gehen konnte – unglaublich, mit welchen Leuten ich da plötzlich telefoniert habe“, so Scherschneva.

Theorie und Praxis. Jetzt steht sie vor anderen Herausforderungen. Eine besteht darin, sich in der Privatwirtschaft als Beraterin meldepflichtiger Berufsgruppen bei der Prävention von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung einen Namen zu machen – die Kontakte sind aus ihrer Zeit bei der Polizei ja schon vorhanden. Zu den Ratsuchenden zählen Bankenvertreter, Steuerberater, Rechtsanwälte, Notare und Gewerbetreibende, die ein gemeinsames Anliegen haben: das vorhandene theoretische Wissen in die Praxis umzusetzen.
Scherschnevas Erfahrung ist gefragt, wenn z. B. jemand wissen möchte, wie man als Meldepflichtiger Geldwäsche erkennen und dieses Wissen in die unternehmensinterne Risikoanalyse einfließen lassen kann. Oft sind auch ganz konkrete Fragen dabei – etwa, wie man mit einem Kunden umgeht, bei dem es sich um eine politisch exponierte Person handelt.
Mit derartigen Fragestellungen befasst sich auch die AML-Akademie. Diese bildet eine Plattform für den Austausch zwischen Experten und dient dazu, einen Wissenspool zum Thema Geldwäschebekämpfung aufzubauen. Das Know-how wird im AML-Café und bei anderen Veranstaltungen, in Form von schriftlichen Unterlagen und demnächst auch im Rahmen einer Ausbildung zum Thema Geldwäschebekämpfung zur Verfügung gestellt. Die Ausbildungsstandards werden gemeinsam mit Austrian Standards, dem früheren Österreichischen Normungsinstitut, erarbeitet.
Wie alle anderen mitwirkenden Experten ist auch Gründerin Scherschneva ehrenamtlich für die AML-Akademie tätig. „Das System der Geldwäschebekämpfung dort unterstützen, wo es der Staat nicht kann“, nennt sie ein Ziel der Akademie. Einerseits werde das Thema Geldwäsche immer theoretischer und die Bekämpfung bürokratischer, andererseits sei auf Täterseite eine zunehmende Professionalisierung festzustellen.

Internet und Internationalität.
Digitale Vernetzung und Internationalisierung sorgen, wie in anderen Bereichen der Kriminalität, auch hier für Veränderung, so Scherschneva: „Die Digitalisierung spielt im Bereich der Vortaten eine wichtige Rolle. Es ist leichter geworden, ein Unternehmen zu gründen, ein Konto zu eröffnen, sofort tätig zu sein.“ Da Geldwäsche ein internationales Phänomen ist, sei es nicht zielführend, sich nur mit Vortaten im eigenen Land zu befassen. Diese würden oft im Ausland stattfinden und seien daher nicht greifbar.
Stattdessen müsse beobachtet werden, welche Handlungen eine Person setzt. Scherschneva bleibt realistisch: „Wenn jemand verschleiern möchte, wer der tatsächliche Eigentümer ist, dann schafft er es. Aber man sollte es möglichst schwer machen, Scheinunternehmen und -strukturen aufzubauen.“ Wie die AML-Akademie hier die Behörden unterstützen könnte, dazu hat Scherschneva eine konkrete Vorstellung: Die Plattform soll sich in Zukunft zu einer gemeinnützigen Organisation vergleichbar mit Transparency International entwickeln.
Rosemarie Pexa