Internet

Zivilcourage Online

Laut einer Studie greifen Jugendliche bei Gewalt im Internet kaum ein.

Was ist das für eine HÄSSLICHE SCHEISSE??? häng dich auf du fette sau du bist es nicht wert.“ Äußerungen wie diese – als Reaktion auf ein gepostetes Selfie – entsetzen Erwachsene nicht nur wegen der fehlenden Beistriche. Wird da ein junger Mensch in den Suizid getrieben – oder ist das gar nicht so gemeint, weil in sozialen Medien eben ein rauerer Umgangston herrscht? Die Antworten von Jugendlichen bieten, zumindest auf den ersten Blick, durchaus Interpretationsspielraum, wie aus einem vom Institut für Soziologie der Universität Wien in Kooperation mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/ Krems durchgeführten Forschungsprojekts hervorgeht.
Den richtigen Weg zwischen Verharmlosung von Gewalt im Internet und Alarmismus zu finden, scheint alles andere als einfach zu sein. Auch die Jugendlichen wissen oft nicht, wie sie reagieren sollen, Zivilcourage wird nur selten gezeigt. Zu diesem Schluss kommt die Leiterin des Forschungsprojekts „Zivilcourage 2.0 – Mechanismen und Wirkungsweisen zivilcouragierter Interventionen durch Jugendliche im Umgang mit wahrgenommener Gewalt im Internet“, Assoz. Prof. Mag. Dr. Ulrike Zartler, PD, vom Institut für Soziologie.
Das in den Jahren 2017 bis 2019 durchgeführte Projekt wurde über das Sicherheitsforschungs-Förderprogramm KIRAS vom Bundesministerium für Verkehr, lnnovation und Technologie finanziert. Projektpartner waren das Büro 1.6 Kriminalprävention und Opferhilfe des Bundeskriminalamts, das Mauthausen Komitee Österreich, das österreichweit Zivilcourage-Trainings für Jugendliche anbietet und das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) mit Saferinternet, der österreichischen Informationsstelle zur sicheren Nutzung von digitalen Medien.

Viele Mobbingopfer. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts, bei dem man 1.868 Wiener Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren befragte, wurden am 21. Februar 2019 am Campus der Uni Wien präsentiert. Überraschend war nicht nur der mit über einem Drittel hohe Anteil der Schüler, die angaben, in Sozialen Medien verspottet worden zu sein – laut WHO ist „nur“ jeder achte 15-Jährige in Österreich mit Textbotschaften oder Bildern gemobbt worden. Die Bereitschaft der Jugendlichen, sich als Täter zu outen, lag mit 32 Prozent ebenfalls höher, als man erwarten würde.
Auch wenn sich etliche Befragte bemühten zu betonen, dass man solche Meldungen nicht zu ernst nehmen dürfe – wirklich kalt lassen Beleidigungen oder gar Drohungen nur wenige. Von den Jugendlichen, die selbst Opfererfahrungen hatten, empfanden über 40 Prozent diese als „eher schlimm“ oder „sehr schlimm“; der Anteil derjenigen, die mit „überhaupt nicht schlimm“ oder „eher nicht schlimm“ antworteten, war nicht einmal halb so groß. Während jeder Fünfte sich „überhaupt nicht“ bzw. „eher nicht“ gewünscht hätte, Hilfe zu bekommen, war der Wunsch nach Hilfe bei mehr als 40 Prozent „eher“ oder „sehr stark“.
Der Fokus des Forschungsprojekts lag auf einer Gruppe, die meist wenig Beachtung findet: die Beobachter, in dem Projekt als „Bystander“ bezeichnet. Wobei ein und dieselbe Person einmal Opfer, einmal Täter und ein anderes Mal Beobachter sein kann. Dipl.-Soz. Mag. Dr. Christiane Atzmüller vom Institut für Soziologie beschrieb einen Zusammenhang, der in der nicht-virtuellen Welt insbesondere bei häuslicher Gewalt bekannt ist: „Viel Opfererfahrung macht leichter zum Täter.“ Sie bewirkt aber auch, dass man als Beobachter mehr sieht und eher erkennt, wenn ein online ausgetragener Konflikt eskaliert.

Streit und Spaß. Laut Atzmüller gibt es mehrere Phasen im Verhalten eines Bystanders, wobei am Ende ein Eingreifen stehen kann, aber nicht muss. Die erste Phase ist die Wahrnehmung der digitalen Gewalt, bei der sich Burschen und Mädchen unterscheiden. Letztere nennen Streit als vermutete Ursache, warum jemand private oder negative Inhalte über eine Person verbreitet, aber auch ungewollte sexuelle Anbahnung bis hin zur Erpressung mit heiklem Bildmaterial. Die weiblichen Beobachter beschäftigen sich vor allem mit den Konsequenzen für die Opfer. Das ist bei den Burschen, die die Übergriffe als nicht ernst gemeint, als Spaß bzw. Sarkasmus oder einfach als „dumm“ einstufen, kaum der Fall.
Dementsprechend werden auch die Täter charakterisiert. Diese verfassen nach Meinung der männlichen Jugendlichen Kommentare, ohne viel darüber nachzudenken, aus Langeweile, um Aufmerksamkeit zu erregen oder sich zu amüsieren. Die Täter werden aber auch als Feiglinge gesehen, da sie on­line ohnehin nicht mit Konsequenzen rechnen müssten. Die weiblichen Befragten unterscheiden zwischen jungen männlichen „Spaßtätern“, alten als hemmungslos und „krank“ eingestuften Personen, dummen anonymen Schreibern und solchen, denen es vor allem um Aufmerksamkeit geht.
Mehr Gemeinsamkeiten gibt es bei der Beschreibung der Opfer. Dass diese selbst schuld sind, gar keine Hilfe wollen und weniger leiden als unter Übergriffen in der nicht-virtuellen Welt, glauben weibliche ebenso wie männliche Jugendliche, wobei diese Vermutungen in den Augen der Burschen in stärkerem Ausmaß zutreffen. Während Mädchen davon ausgehen, dass sich die Opfer online nicht wehren können, fordern männliche Jugendlichen von den Opfern sogar, stark zu sein.

„Armselige“ Opfer. Die Phase der Interpretation und Bewertung ist entscheidend dafür, ob Bystander es für sinnvoll erachten einzugreifen. Das ist nicht der Fall, wenn verbale Gewalt nicht als solche erkannt und eine Intervention als unangebrachte Einmischung von außen betrachtet wird „So lange (...) man nur mit Wörtern kommuniziert und nicht einschlägt, dann finde ich, haben andere da nichts zu suchen“, formuliert es ein 16-Jähriger. Häufig ist auch der Kontext unklar: Handelt es sich um Spaß oder Ernst? Ist die Sache noch aktuell? Will das Opfer Unterstützung? Das zu erkennen wäre einfacher, würden Betroffene um Hilfe bitten, was allerdings unter Jugendlichen als „armselig“ angesehen und daher meist unterlassen wird.
Die Meinung, man dürfe Beleidigungen und Beschimpfungen in Sozialen Medien nicht ernst nehmen, ist weit verbreitet. Wer sich als Spaßverderber präsentiert, wird eher zum Opfer. „Wenn man das Internet zu ernst nimmt, dann passiert so etwas, dass man im Internet gemobbt wird“, erklärt ein 15-Jähriger. Angriffe müsse man „in Spaß umwandeln“. Viele der Befragten geben an, sich negative Kommentare als Internet-Neulinge mehr zu Herzen genommen zu haben. Mit zunehmender Erfahrung würde man lernen, damit umzugehen.
Die Ansicht, die Opfer wären selbst schuld, spielt in der Phase der Verantwortungsübernahme eine wesentliche Rolle. Wenn eine Betroffene „nicht selbstbewusst genug ist und nicht umgehen kann damit und das nicht ignorieren kann (...), dann soll sie kein Social Media verwenden“, lautet ein für den Standpunkt vieler Jugendlicher typisches Zitat eines 17-Jährigen. Verantwortung für den Betroffenen wird am ehesten übernommen, wenn der Kreis derjenigen, die von dem Online-Angriff wissen, klein ist, bzw. wenn es sich bei dem Opfer um einen Freund handelt.

Verteidigung sinnlos? Hat sich ein Beobachter entschieden einzugreifen, stellt sich in der Phase der Handlungsoptionen die Frage, was er tun könnte. Insbesondere in „ernsten Fällen“ wird eine Offline-Intervention bevorzugt, die dadurch leichter fällt, dass der Bystander den Betroffenen meist persönlich kennt. Das Opfer in dem Sozialen Medium zu verteidigen, in dem die Beschimpfung erfolgt ist, wird als sinnlos oder sogar kontraproduktiv betrachtet. Die Jugendlichen gehen davon aus, dass der Angreifer seine Meldung ohnehin nicht löschen würde. Außerdem könne man „eh nichts mehr machen“, wenn andere das Posting schon gelesen haben, der eigene Kommentar hätte höchstens eine weitere Verbreitung zur Folge.
Auch die eigenen Interessen finden bei der Entscheidung, ob und in welcher Form man aktiv wird, Berücksichtigung. Wer einen Beitrag verfasst, in dem er das Opfer verteidigt, muss mit Kommentaren anderer rechnen, die wiederum nicht unbeantwortet gelassen werden sollten. „Wenn jemand schreibt, dann kann ich nicht zehn Stunden zurückschreiben“, spricht ein Vierzehnjähriger ein zeitliches Problem an. Viele äußern die Befürchtung, selbst zum Opfer zu werden, wenn sie für den Angegriffenen Partei ergreifen.
Welche Handlungen in Phase 5 gesetzt werden, hängt unter anderem von früher gemachten Erfahrungen ab. Jugendliche, die Cybermobbing schon einmal gemeldet haben, geben oft an, dass danach „nichts passiert“ sei und sehen eine weitere Meldung daher als sinnlos an. Erwachsene um Hilfe bitten eher weibliche als männliche Jugendliche, wobei sich die männlichen dabei seltener an Personen in ihrem sozialen Umfeld wenden als direkt an die Polizei, etwa bei rassistischen Postings.
Während Burschen das Opfer eher „rächen“ wollen, steht bei Mädchen Beraten und Trösten im Vordergrund. „Aufmunternde Worte in der Pause oder eine Umarmung – viele Unterstützungsmaßnahmen für Opfer von Cybermobbing passieren im Offline-Bereich, da Online-Interventionen häufig als wirkungslos eingeschätzt werden“, erklärt Zartler. Online werden weibliche Jugendliche eher aktiv als männliche, wobei sie öffentlich sichtbare Kommentare meist bei Freundinnen oder im Fall massiver Attacken verfassen. Unterstützung für das Opfer signalisieren sie lieber im Privat-Chat. Angriffe, die nicht gegen ein bestimmtes Opfer gerichtet sind, etwa rassistische oder sexistische Postings, ignorieren die Jugendlichen.

Hilfe für Freunde. In welchen Situationen Jugendliche Zivilcourage zeigen, testeten die Forscherinnen im Rahmen einer quantitativen Vignettenstudie ab. Dabei bekamen die Jugendlichen Szenarien, in denen jeweils unterschiedliche Elemente verändert wurden, vorgelegt. Beschimpfungen oder Fake-Accounts, in denen das Opfer negativ dargestellt wird, motivieren weniger zum Handeln als Nacktvideos. Partei ergriffen wird vor allem bei einem persönlichen Bezug des Beobachters zum Opfer. Wenn dieses deutlich zeigt, dass es betroffen ist, kann es mit größerer Wahrscheinlichkeit mit Unterstützung rechnen. Mädchen und Jugendliche, die selbst Opfererfahrungen gemacht haben, sind eher bereit zu helfen.
Die in der Vignettenstudie am häufigsten gewählte Unterstützungsmaßnahme ist die Nutzung der Meldefunktion. Nur bei dieser geben im Schnitt mehr Befragte an, sie zu nutzen, als sie nicht zu nutzen. Alle anderen Alternativen – beispielsweise das Opfer oder den Täter privat kontaktieren oder die Meldung öffentlich kommentieren – kommen für die Mehrheit der Jugendlichen nicht in Frage.
Im „realen Leben“ halten es die Jugendlichen für wahrscheinlicher, dass der Angreifer sein Opfer aufgrund einer Intervention in Ruhe lässt und man Schlimmeres verhindern kann als im Internet. Offline brauche man mehr Mut, allerdings sei die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, im Internet höher, fasst Prof. Mag. Dr. Ingrid Kromer von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems die Aussagen der Jugendlichen zusammen, und folgert: „Zivilcourage offline ist nicht auf die Situation online übertragbar.“

Zivilcourage-Trainings. Ansätze, wie man Zivilcourage auch online steigern kann, gibt es von unterschiedlichen Institutionen, die ihre Aktivitäten bei der Präsentation des Forschungsprojekts vorstellten.
Das Mauthausen Komitee Österreich führt seit 2010 Zivilcourage-Trainings durch, an denen bisher mehr als 200.000 Jugendliche teilgenommen haben. „In den Trainings zeigen wir Handlungsalternativen auf, die von den Teilnehmern später auch angewendet werden“, betonte Christa Bauer, MAS, Geschäftsführerin des Komitees. Als Beispiel bringt sie den Fall eines Videos, auf dem die Vergewaltigung einer Jugendlichen zu sehen war: „Eine Mitschülerin hat die Lehrerin kontaktiert, die dann die Löschung bewirkt hat.“
Ein positives Beispiel nennt auch DI Barbara Buchegger, M.Ed, Pädagogische Leiterin von Saferinternet und ÖIAT-Mitarbeiterin: „Bei einem Cybermobbing-Fall in Wien gegen ein Mädchen hat ein junger Mann alle erdenklichen Einrichtungen angeschrieben: 'Tut etwas, damit sie sich nicht umbringen muss!'. In der Folge sind alle Fake-Accounts, die es von dem Mädchen gegeben hat, gelöscht worden.“ Bemerkenswert ist, dass der Mann das Opfer nicht gekannt und trotzdem eingegriffen hat. In den von Saferinternet durchgeführten Schulungen werden die Teilnehmer ermutigt, Vorfälle zu melden. Das erfordere nicht viel Mut und bringe – entgegen der Meinung vieler Jugendlicher – auch etwas, so Buchegger.
Amtsdirektor Erwin Mayer, Fachreferent Kriminalprävention im Bundeskriminalamt, stellte die Arbeit der 400 Präventionsbediensteten mit Zielgruppe Jugendliche und das im Schuljahr 2018/2019 österreichweit begonnene Präventionsprogramms „Under 18“ vor. „Kinder und Jugendliche lernen den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien, zusätzlich erhalten sie präventive Rechtsinformation“, so Mayer. Begleitend finden Schulungen für Lehrer und Elternabende statt.
Wie Präventionsarbeit an Schulen in der Praxis aussieht, demonstrierten Präventionsbeamte bei einem der anschließenden Workshops. Bezirksinspektor Christoph Calabek und Gruppeninspektorin Alexandra Gredinger, beiden vom LKA Wien, sowie Gruppeninspektor Klaus Erkner von der Polizeiinspektion Mattighofen in Oberösterreich, erläuterten den Ablauf der fünf Doppelstunden dauernden Trainings anhand des verwendete Materials. „Es gibt zwei Schwerpunkte: sensibilisieren und Digitalcourage trainieren. Um helfen zu können, muss man verstehen, wie dieser Hass im Internet entsteht – und der hat ähnliche Ursachen wie offline“, erklärte Erkner.
Zivilcourage offline auf den Online-Bereich zu übertragen, hat sich das Forscherteam um Zartler und Atzmüller zum Ziel gesetzt. Von den im abgeschlossenen Forschungsprojekt gewonnenen Erkenntnissen ausgehend werden im Rahmen des Nachfolgeprojekts „Cyber Heroes“ konkrete Werkzeuge entwickelt, die Jugendlichen als Vorlagen dienen sollen, um auf Gewalt im Internet reagieren zu können.
Rosemarie Pexa



Quelle: Institut für Soziologie der Universität Wien: Zivilcourage 2.0 – Mechanismen und Wirkungsweisen zivilcouragierter Interventionen durch Jugendliche im Umgang mit wahrgenommener Gewalt im Internet.