Kiberer Blues

Es wird a Graserl sein...

... und wir wern nimma sein...“, wäre die aktuelle Fassung des berühmten Liedes von Hans Moser. Cannabis, Kokain und Amphetamin machen der Volksdroge Alkohol starke Konkurrenz. Eine Bestandsaufnahme.

Wir haben uns bereits in den letzten Ausgaben unseres Fachmagazins damit befasst, wie die Zuwanderung, eine leicht rückgängige Kriminalstatistik (Anm.: genaue Zahlen sind bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt) aber ein größeres Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung zusammenpassen.

Gewaltdelikte. Die starke Zuwanderung bedingte eine Steigerung bei Gewalt- und Sexualdelikten, einigen Ursachen konnten wir in den vorigen Ausgaben auf den Grund gehen. Aber das sind keine Delikte mit denen man Geld verdienen kann. Und damit sind wir schon beim aktuellen Thema.

Steigerung um 100%. Da auch die Zahlen für den neuen Suchtmittelbericht erst in ein paar Wochen vorliegen werden, darf ich die Zahlen der letzten Statistik zitieren. Da gab es 42.610 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz, also durchschnittlich 116 Delikte täglich. Und das bedeutet nicht weniger als eine Steigerung um 100% innerhalb der letzten 10 Jahre (20.043 Delikte im Jahr 2008)! Noch größer war die Steigerung in Wien – von 6.606 auf 14.028 Anzeigen. Und das betraf nicht nur die Vergehen wie Suchtmittelkonsum und -besitz, sondern auch die Verbrechenstatbestände, die im gleichen Ausmaß gestiegen sind. Es hat also einfach eine Verlagerung von Eigentumsdelikten hin zum Suchtgifthandel stattgefunden.

Ranking der Nationen. Steht das in Zusammenhang mit der Migrationsbewegung? Sehen wir uns den Anteil der angezeigten Fremden über die letzten Jahre an: Im Jahr 2008 waren 23,3 % der Angezeigten keine österreichischen Staatsbürger, im Jahr 2017 lag der Anteil bei 36,8 %. Und bei den Verbrechen nach dem Suchtmittelgesetz liegt der Fremdenanteil bei 49 %! Wobei zu den 51 % Inländern auch all jene Migranten zweiter und dritter Generation zählen, die als Brückenkopf ihrer Organisationen aus der Türkei, Serbien oder Albanien in Österreich fungieren.
Manche Fluchtbewegungen lassen sich auch direkt aus der Suchtmittelstatistik ablesen. Während 2017 afghanische Staatsbürger die meisten Anzeigen (2.025) von allen Nationen sammelten, lagen sie im Jahr 2015 noch auf Rang 6 und im Jahr 2012 scheinen sie noch gar nicht unter den Top Ten auf. Im Jahr davor hatten noch die Nigerianer mit 1.896 Anzeigen Platz eins in der Statistik. Vielleicht interessant: Im gleichen Zeitraum wurden 790 deutsche Staatsbürger nach dem SMG angezeigt, es leben aber ca. 180.000 Deutsche in Österreich.

Die üblichen Verdächtigen. Bei den Verbrechenstatbeständen, sprich der Schmuggel und Handel großer Mengen, sind es seit vielen Jahren immer die gleichen Verdächtigen, sprich aus Serbien, Türkei und eben Nigeria, die die Statistik anführen. Gruppierungen aus diesen Ländern teilen sich den ganz großen Kuchen, sie haben die gesamte Transportkette, von den Herkunftsländern bis zum Streetrunner in Europa, unter Kontrolle.

Vermittlung in der Community. Für die Nichtpolizisten unter unseren Lesern möchte ich noch einmal kurz den Zusammenhang zwischen Nationalität und manchen Deliktsformen erklären. Die meisten Formen von gewerbsmäßiger Kriminalität bedingen gewisse Kenntnisse, Fertigkeiten oder Werkzeuge. Und diese Kenntnisse werden meist innerhalb der Community weitergegeben. Na klar, man kann nicht als frisch zugereister Krimineller die Stellenangebote im Panzerknackerjournal durchlesen. Man geht zu seinen Landsleuten. Oder man wurde bereits von Komplizen im Heimatland, die nicht selten mit den Schleppern unter einer Decke stecken, angekündigt. Dann gibt es natürlich noch jene Abgerutschten, die mit den besten Absichten nach Österreich kamen, aber nach einer gewissen Zeit keine Perspektive für einen legalen Job sehen und sich dann dem schnellen Geld zuwenden. Fakt ist, in Österreich gibt es einen großen Pool an schlecht ausgebildeten jungen Männern, die in absehbarer Zeit keinen Job in Aussicht haben. Die teilweise noch Schulden bei ihren Schleppern haben oder daheim eine Familie, die auf Geld wartet. Gute Zeiten für unser Gegenüber.

Knowhow. Um ein modernes Schloss zu knacken, um eine Wegfahrsperre umzuprogrammieren, um eine teure Alarmanlage zu überlisten, braucht man Knowhow. Die arabischen und afrikanischen Länder sind nicht unbedingt für ihre technischen Innovationen berühmt, entsprechend fehlt es hier auch an Fachpersonal. Übrigens auch ein Problem, das die Terrororganisation „Islamischer Staat“ in ihrer Blütezeit hatte.
Andererseits sind Drogen wie Cannabis und Opium in vielen Ländern verbreitet, ein gewisses Fachwissen vorhanden. Und es gibt eine Community in Österreich, die einem Azubi alles Nötige beibringen kann. Qualität, Streckmittel, Verpackung, Preise, Konkurrenz durch andere Gruppen, Bunkerplätze, Gegenobservation, das richtige Verhalten bei Polizeikontrollen und Vernehmungen, all das muss gelernt werden. Aber die Mühe lohnt sich, schließlich ist Österreich ein Markt mit vielen finanzkräftigen Kunden.

Gegenargumente. Gegen die Suchtmittelstatistik wird gerne argumentiert: „Es geht ja meist nur um Gras, es geht meist nur um Besitz (§27/1 SMG) und das ist ein sogenanntes Kontrolldelikt, die Zahlen werden also quasi von der Polizei gesteuert. Und eine Freigabe würde sowieso alle Probleme lösen, Cannabis ist quasi Medizin.“

Kontrolldelikt. Natürlich zeigt der Suchtgiftbericht vor allem wie aktiv die Polizei gearbeitet hat. Und da darf sich Österreich, im Vergleich mit anderen Ländern, ein bisschen auf die Schulter klopfen. Die Verantwortlichen haben sofort reagiert, als 2016 die Straßenszene ausuferte. Seitdem wird versucht, ein Festsetzen der Szene an gewissen neuralgischen Punkten zu verhindern. Aber auch die Dealer haben reagiert, sie sind mobiler geworden. Man hält sich also gegenseitig auf Trab, so könnte man die Situation kurz beschreiben. Trotzdem kommen Bürger täglich in das zweifelhafte Vergnügen, Zeuge eines Suchtgiftgeschäftes zu werden. Vor allem in der U-Bahn und an öffentlichen Knotenpunkten kommt es tagtäglich zu Übergaben und dadurch auch zu Beschwerden von Bürgern. Hier liegt auch ein Grund für das gestiegene Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung.
Es stimmt, die Statistik ist ein Abbild der Kontrolltätigkeit. Aber der Druck der Straßenhändler ist weiter so groß, dass ein Nachlassen auf Seiten der Exekutive fatal wäre.

Nur Kleinmengen. Nun zu dem Punkt: „Es geht ja meist nur um Besitz oder den Handel von kleinen Mengen“: Drogenhändler gehen, wie überall, wo es um viel Geld geht, professionell vor. Die Ware wird entweder versteckt oder einem Komplizen als mobiler Bunker übergeben. Geholt wird es erst, wenn Kundschaft da ist und da natürlich nur die benötigte Menge. Zusätzlich bewegen sich Dealer und Kundschaft über eine längere Strecke und beobachten genau die Umgebung. Gerade für die uniformierten Kollegen ist es kaum möglich, die Observation aller Komplizen lange genug aufrecht zu erhalten. Bei einer Kontrolle wird der Dealer also nur mit einer Kleinmenge erwischt - und er wird in 9 von 10 Fällen steif und fest behaupten, dass diese nur für den Eigengebrauch war.

Innovative Verpackung. Tätergruppen aus Westafrika haben in den 90er-Jahren den Straßenhandel revolutioniert. Unter anderem damit, Heroin und Kokain in verschweißten Kugeln im Mund zu transportieren. Die Kugeln sind flach (Heroin) oder rund (Kokain) geformt, damit der Dealer mit der Zunge den Unterschied spürt und die richtige Ware übergibt. Bei einer Kontrolle wird das belastende Material einfach geschluckt. So beginnt für die Polizei der zeitaufwendige Weg in die nächste Röntgenstation. Konnte zuvor noch kein Handel observiert werden, gibt es für den Verdächtigen trotz verräterischer Fremdkörper im Magen eine Anzeige auf freiem Fuß. Das heißt, er zieht von dannen und kann in Ruhe die verschluckten Kugeln wieder ans Tageslicht befördern, abwaschen und wieder... Ja genau, das ist ziemlich ekelig, aber vom Modus genial. Ach ja, für den Transport des Dealers in das Spital und ev. weiter in die Justizanstalt wird ein Rettungswagen blockiert – es könnte ja eine Kugel im Magen aufgehen.
Der Straßenhandel ist ein Massendelikt und meist sind nicht die nötigen Personalressourcen vorhanden, um jedem Streetrunner die Gewerbsmäßigkeit nachzuweisen. Die Statistik ist also ein Abbild der Beweisbarkeit, nicht des tatsächlichen Lagebildes.

Die Cannabis-Lüge. Nächster Punkt: Cannabis, die weiche Hippiedroge, die auch für medizinische Zwecke gebraucht wird. Oder? Cannabiskraut hat in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Entwicklung durchgemacht, wodurch der THC-Gehalt (also jener Stoff, der den Rausch erzeugt) verdoppelt wurde. Teuflisch ist, dass dieses „Turbo-Cannabis“ weniger Cannabidiol (CBD) enthält, jener Stoff der entspannend ist und Psychosen entgegenwirkt. Aus Wein wurde Wodka, so formuliert es Dr. Kurosch Yazdi, Vorstand der Suchtpsychiatrie der Uniklinik Linz und Autor des Buches „Die Cannabis-Lüge“.
Die Wochenzeitung Falter, eher unverdächtig auf einer Blau/Türkisen Law-and-Order Welle mitzuschwimmen, widmete dem Thema eine ausführliche Geschichte von Lukas Matzinger. Und der Chefredakteur des Falter, Florian Klenk, führte ein Interview mit Dr. Yazdi, das er auch unserer Zeitschrift zur Verfügung gestellt hat. Dr. Yazdi berichtet von cannabissüchtigen Jugendlichen, von Cannabis-Psychosen, von der gewaltigen Cannabis-Industrie, die Marihuana als harmloses Naturprodukt bewirbt, die Gefahren einer Legalisierung und die Schäden für das Gehirn, insbesondere bei jugendlichen Konsumenten.

High im Verkehr. Ein immer größeres Problem stellen Cannabis und andere Drogen im Straßenverkehr dar. Bei Schwerpunktkontrollen werden mehr Drogenlenker als Alkoholisierte aus dem Verkehr gezogen – alleine 107 PKW-Lenker rund um die Hanfmesse in Vösendorf. Hans Moser und seine Rebläuse rotieren vermutlich im Grab. Die Regierung hat, entgegen des internationalen Trends zur Freigabe, den verstärkten Kampf gegen Cannabis im Regierungsprogramm verankert. Wann und wie die konkrete Umsetzung aussehen wird, ist derzeit noch unklar.

Geschichte umschreiben? Ich hoffe, wir konnten nun das Mysterium der rückgängigen (verlagerten) Kriminalstatistik erhellen. Apropos Erhellen: Im Cannabismagazin „High Times“ vertrat David Bienenstock die These, dass Jesus für seine Wunderheilungen auch Cannabisöl verwendete. Im Buch Exodus 30: 22-25 wird die Herstellung eines heilendes Öles beschrieben, eine Zutat war Q’aneh-bosm. Der Cannabis-Historiker Chris Bennet glaubt, dass es sich hierbei um Cannabis gehandelt hat, die gängige Bedeutung als Kalmus hält er für einen Übersetzungsfehler im dritten Jahrhundert. Jesus war friedfertig, voll der Liebe und hatte unerklärliche Erscheinungen. „Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund“ – vielleicht galt dieses Zitat aus dem Film Easy Rider schon für Jesus und seine Brüder?
Herbert Windwarder

Meinungen und Leserbriefe bitte an:
redaktion@diekriminalisten.at