Interview

„Blutrausch im Netz“

Binnen kurzer Zeit hat Sigi Maurer 100.000 Euro Spenden vermittelt, um Hass im Netz zu bekämpfen. Aber was ist das? ZARA-Chef Dieter Schindlauer über Wutmeuten, Outrage-Porn und die spannende Welt der Täter.

Die ehemalige Grünpolitikerin Sigi Maurer wurde verurteilt, weil sie das E-Mail eines Mannes veröffentlichte, der sie sexuell belästigt haben soll – und diesen dadurch (angeblich zu Unrecht) anprangerte. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sie sammelt nun Spenden für ihren Prozess, aber auch für die Organisation ZARA, die sich um Opfer von Hass im Netz kümmert.
Eine der wichtigsten Persönlichkeiten bei ZARA ist Dieter Schindlauer. Er beschäftigt sich mit Rassismus, Hass im Netz und der gereizten Gesellschaft.
Kriminalpolizei: Herr Schindlauer, Ihre Organisation hat nach Sigi Maurers Spendenaufruf in 48 Stunden 100.000 Euro bekommen. Waren Sie überrascht?
Schindlauer: Und wie. Tatsächlich hatten wir in nur 38 Stunden so viel Geld zusammen. Das ist unfassbar viel für uns. Normalerweise verzeichnen wir pro Jahr 50.000 Euro an Spenden.
Sie dokumentieren und bekämpfen Hass im Netz – auf verschiedenen Ebenen. Was ist das eigentlich?
Schindlauer: „Hass im Netz“ ist ein Phänomen, das wir in Wahrheit noch nicht so richtig verstehen. Wir haben oft ein Déjà-vu und glauben Ähnlichkeiten zur analogen Welt zu entdecken, und dann ist doch wieder vieles ganz anders.
Zum Beispiel?
Schindlauer: Da ist etwa diese Form der Entfremdung. Man ist einander nicht nahe, aber zugleich ist alles sehr unmittelbar und sichtbar. So bauscht sich der Hass im Netz ganz anders auf. Die Leute fallen oft aus allen Wolken, wenn sie sehen, was sie da geschrieben oder getan haben. Meist ist es ja so: Irgendeine Geschichte fährt den Leuten schlecht ein und provoziert eine gehässige Reaktion, die unmittelbar kommt. Und die Leute sehen sich dann selbst und sagen: Wow, so kenne ich mich doch gar nicht! Am ehesten kann man diese digitalen Hassräume noch mit den mittelalterlichen Richtplätzen vergleichen, wo die friedlichs­ten Bürger auf einmal schreien: Hängt ihn höher, lasst das Feuer heller brennen! Es kommt zu einem Aufschaukeln, einem Blutrausch im Netz.
Das Netz macht es umgekehrt möglich, Einzelne aus dem Netz rauszufischen und anzuklagen. Wer wird gefangen?
Schindlauer: Es sind überdurchschnittlich viele Alte, überdurchschnittlich viele Frauen und viele Bildungsferne. Nicht der Urheber des Hasses wird belangt, sondern die erste Runde der Verhetzten. Sie erkennen die Grenzen des Strafrechts nicht. Leute, die gezielt Hass ins Netz stellen, bleiben juristisch meist unangreifbar.
Dieses Aufstacheln erleben wir auch bei der Regierung. Vor einigen Wochen hat Strache ein Posting zur Kürzung der Familienbeihilfe veröffentlicht, er zeigte ein Foto zweier Mädchen mit Kopftuch und schwarzen Balken vor dem Gesicht. Sie sahen wie Verbrecherinnen aus, davor eine Hand mit Geldbündeln, rot durchgestrichen. Es gab hasserfüllte Kommentare gegen die Mädchen.
Kann man dagegen vorgehen?
Schindlauer: Gegen das Bild Straches nicht. Es gibt einen sehr intensiven Schutz der Meinungsfreiheit und das ist richtig so. Wir brauchen daher ganz andere Methoden gegen Hass im Netz, die wir aber noch nicht haben. Wir wissen nicht, wie ein Aufbrechen von Echokammern und Blasen, die sich gegenseitig bestärken und aufschaukeln, wirklich funktioniert.
Wie kann es funktionieren? Caritas-Manager Klaus Schwertner versuchte es bei der Hetze gegen das Neujahrsbaby mit einem Flowerrain?
Schindlauer: Das war eine wichtige Aktion. Aber vergessen wir nicht: Wir erleben einen brutalen Kampf um Deutungshoheit, den eine kleine Gruppe führt. Wir werden mit Blumen und Herzen hier nicht immer auskommen. Es wird viele Maßnahmen parallel dazu brauchen.
Ein von Zorn und Hass gesäubertes Netz?
Schindlauer: Ein „clean internet“, wo jedes Posting von ZARA freigegeben wird, wäre eine Horrorvorstellung. Das wäre ein schickes Instagram-Internet. Nein, das Netz soll auch schmutzig und grauslich sein dürfen, weil die Welt ja auch so ist. Aber es darf sich nicht unfair gegen Einzelne richten.
Sigrid Maurers Reaktion gegen den Biergeschäft-Besitzer war auch deshalb sehr umstritten, weil auch sie sehr schnell im Netz zurückgeschlagen hat und zwar unter Namensnennung. Wäre auch der Wirt ein Kandidat für ZARA? Auch er hat ja Hass im Netz erlebt, wie er sagt.
Schindlauer: Eine interessante Frage: Er könnte theoretisch zu uns kommen. Wir sind aber nicht verpflichtet, alle zu beraten. Ich würde ihn vermutlich vor die Türe setzen, denn seine erste Reaktion war nicht: Es tut mir leid, dass so etwas von meinem Account passiert ist, sondern: Ich will Geld von ihnen! Da ist man für den Shitstorm auch ein bisschen selber schuld. Aber wenn er massive Drohungen bekommt, würden wir ihn unterstützen.
Kommen wir zu Maßnahmen. Wie kann ich mich wehren?
Schindlauer: Ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht. Wir können rechtlich oft sehr wenig tun. Es braucht eine andere Antwort, ich denke an eine automatisiert mobilisierte Gegenöffentlichkeit. Wenn jemand digital unter Beschuss genommen wird, sollte man eine Art Panic-Button haben, wo man sagt: Vorsicht, hier wird jemand angegriffen, hilf dem raus! Wenn jemand ein provokantes Bild postet und es entwickelt sich eine Hassmeute, dann sollte man etwas dagegen posten, um die Echokammern aufzubohren.
Wir reden viel über Hass gegen Frauen und gegen Migranten, Hass von rechts. Es gibt aber auch Hass der Linken, Hass der Islamisten, Hass von Migranten. Melden sich die Opfer dieser Meuten?
Schindlauer: Kaum. Ich hätte gerne, dass das öfter gemeldet wird. Es heißt auch immer, wir würden nichts gegen Hass gegen Österreicher tun. Doch leider meldet es uns keiner. Das wäre spannend für uns und wir würden uns einsetzen.
Wie reagiert die Justiz im Strafvollzug auf Hass?
Schindlauer: Wir beobachten extrem spannende Projekte der Organisation Neustart. Der für Bewährungshilfe zuständige Verein konfrontiert die verurteilten Täter damit, was sie getan haben. Und fragt: Wo haben Sie sich ihren Hass eingefangen? Wie funktionieren Ihre Echokammern? Und da wird es richtig interessant. Denn viele halten das, was sie im Netz lesen, für genauso gut recherchiert wie Infos in den analogen Medien. Niemand sagte ihnen: „Pass auf, was du tust, im Netz sind die Infos völlig unsicher.“ Ob etwas in der Zeitung steht oder im Internet, das ist immer noch ein Unterschied. Auch die politische Erziehung fehlt den Leuten zunehmend. Diese Aufklärung wird dankbar angenommen. Viele Leute bleiben länger in den Schulungen, als richterlich angeordnet. Sie werden aufgerüttelt, interessieren sich.
Was passiert eigentlich in den Köpfen der Verhetzten?
Schindlauer: Wir nennen es „Outrage-Porn“, wir alle wollen uns aufregen in den sozialen Medien, einen Kick holen. Es werden die gleichen Areale aktiviert wie beim Drogenkonsum. Man kann sich da richtig, richtig reinlassen. Man ist Teil einer Masse, aber dennoch „vereinzelt“. Man sitzt in seinem Kammerl und hat auf einmal einen völlig irren Zugang zu Daten und Infos, man begreift die Welt als groß und ist verwirrt. Man vernetzt sich mit Leuten, kann alles fragen, kriegt auf alles irgendwelche Antworten.
Die große Gereiztheit ist eine große Verlorenheit?
Schindlauer: Ja, es ist ein großes Bonbongeschäft, in dem man sich leicht eine Magenverstimmung holen kann. Und diese Masse generiert Klicks und damit Geld.
Gibt es Auswege aus dem Empörungskapitalismus?
Schindlauer: Die großen Plattformen entdecken langsam, dass es geschäftsschädigend ist, die Räume nicht zu schützen. Frauen etwa ziehen sich aus bestimmten Netzwerken schon komplett zurück. Auch die User lernen viel zu langsam. Früher hat irgendein Depp ein Hakenkreuz in die Schulbank geritzt, heute postet er es in einer FB-Gruppe vor 20.000 Leuten und merkt es nicht einmal.
Wir leben in der redaktionellen Gesellschaft. Brauchen wir einen Verlangsamungspuffer?
Schindlauer: Es bräuchte eine „Moderation“ im wahrsten Wortsinn, eine Cool-off-Phase, ein Innehalten. Aber das wird im erregten Netz nicht funktionieren, denn die Medien, die solche Schranken einbauen, werden einschlafen, denn dort kriege ich den Kick nicht. Manchmal frage ich mich aber auch: Ist es nicht ein Schrei nach Beteiligung? Ich habe oft das Gefühl, dass die Leute einfach wo dabei sein wollen, mitten drin sein wollen, nichts verpassen wollen.
Kann es sein, dass das Problem des Hasses völlig übertrieben ist? So wie die oft skandalisierte Pornografie vermutlich nur ein Raum der Fantasie ist, der in Wahrheit das Sexualverhalten kaum verändert, wie Studien behaupten?
Schindlauer: Nein, der Hass dringt in die analoge Welt ein. Er berührt die Menschen ganz bewusst.
Aber es gibt zugleich so wenig Gewalt wie nie zuvor in unserer Gesellschaft.
Schindlauer: Das stimmt. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich mit Aggression zunehmend schwertut. Wo kann man heute noch aggressiv sein? Selbst auf den Fußballplätzen und Schulhöfen muss man lieb zueinander sein. Wo kann man noch die Sau rauslassen? Ich glaube, wir brauchen einen gesünderen Umgang mit Aggression. Wir müssen sie rauslassen können, aber sie darf sich nicht gegen Einzelne bündeln. Die digitale Hinrichtung kann nicht das Ziel sein. Ich habe als Kind in der Schule viel Gewalt beobachtet und erlebt. Das war nicht nett, aber wir waren halt Kinder und Jugendliche und da wird's auch mal physisch und man kann sich ausprobieren, ohne dass alle gleich in Ohnmacht fallen.
Umgekehrt erleben wir „Konnektive der Opfer“, MeToo und MeTwo. Betroffene erzählen sich ihre leidvollen Erfahrungen und bestärken sich. Eine gesunde Entwicklung?
Schindlauer: Ja und nein. Ich hatte immer schon ein Problem mit dem Opferbegriff. Einerseits werden Menschen wirklich zu Opfern gemacht. Jemand, der täglich erlebt, dass er wegen seiner schwarzen Hautfarbe kontrolliert wird, ist auch ein Opfer. Zum Opfer werde ich, wenn ich die negativen Erfahrungen nicht durch meine Handlungen auslöse, sondern mein bloßes „Sosein“ Angriffsfläche ist. Solche Erfahrungen müssen Betroffene austauschen, wie es in der #MeTwo-Bewegung passiert. Es läuft nur dann etwas aus dem Ruder, wenn dann wahllos alle in ihren Opfererfahrungen herumkramen und alles verwässert wird. Dann nähern wir uns einer wehleidigen „What about me?“-Gesellschaft.
Interview: Florian Klenk