Der Fall

Kinderporno-Ring im Darknet aufgedeckt

Jahrelang ermittelten weltweit Kriminalisten gegen ein Kinderporno-Netzwerk im Darknet. Stets fehlte es an Beweisen, oft auch nur am letzten Beweis. Die Missbrauchstäter verdeckten die Gesichter ihrer Opfer, sodass diese nie ausgeforscht werden konnten – bis auf eine Ausnahme in Wien. Sie brachte den Stein ins Rollen – weltweit.

Als der Wiener Kriminalbeamte Werner Schellenbauer und Jürgen Ungerböck vom Bundeskriminalamt am Vormittag des 16. Mai 2017 am Fenster einer Wohnung in Wien-Favoriten standen und auf den gegenüberliegenden Gemeindebau in der Quellenstraße blickten, mit dessen charakteristischen Erkern, waren sie sich sicher: Das war der Ausblick, den er als Kulisse auf Kinderporno-Aufnahmen gesehen hatte. Die Bilder und ein Video hatten Beamte des deutschen Bundeskriminalamts Wiesbaden übermittelt. In dem Streifen war ein Deutscher zu sehen, als er in einer Wohnung zwei Kinder auf einer weißen Couch missbrauchte – ein Mädchen und einen Buben. Der Film hieß „Girl in the White Chair“. Die Kinder waren etwa vier bis sieben, acht Jahre alt. Nach Schätzungen von Experten aus Deutschland waren die Aufnahmen höchstens ein Jahr alt. Die Kinder sprachen Hochdeutsch mit ostösterreichischem Akzent.
Wer der Mann in dem Video war, wussten die deutschen Kriminalisten. Ein verdeckter Ermittler hatte die Kinderpornodatei im Darknet erworben. „Auf einem der Fotos war eine Fingerkuppe derart hochauflösend zu sehen, dass die Kollegen den Fingerabdruck rausholen haben können“, erzählt Peter Brozek, Leiter des Ermittlungsbereichs (EB) 03 (Sexualdelikte) im Landeskriminalamt Wien. Der Mann, der damals 62-jährige Uwe-Michael G., war einschlägig vorbestraft. Er hatte das Video und Fotos daraus im Darknet in einem Kinderporno-Forum angeboten. „Dort hat er sich offenbar so sicher gefühlt, dass er nicht gezögert hat, die Bilder einem verdeckten Ermittler vom Bundeskriminalamt Wiesbaden zu schicken“, schildert Werner Schellenbauer, der bis vor Kurzem im EB 03 zur Bekämpfung der Kinderpornografie tätig war.
Der „Kopf“ des Vergewaltigers G. war den Kriminalisten zu wenig. Ihre oberste Prämisse ist es in solchen Fällen, die Opfer ausfindig zu machen und den Missbrauch von Kindern zu unterbinden. Hätten die Beamten des Bundeskriminalamts Wiesbaden Uwe-Michael G. verhaftet, wäre lange nicht garantiert gewesen, dass auch die Kinder ausgeforscht werden konnten. Das wurde zur Aufgabe der Kriminalisten in Wien.
„Wir haben in solchen Fällen gute Erfahrungen damit gemacht, die Schulen anzuschreiben“, berichtet Peter Brozek. „Die Lehrer erinnern sich oft noch an Kinder, die schon vor zehn, fünfzehn Jahren ausgetreten sind.“ Auch in diesem Fall sollte eine Lehrerin den entscheidenden Hinweis geben. Doch zum Zeitpunkt des Anschreibens der Schulen war sie krank.
Die Kriminalisten versuchten, aus den EXIF-Daten (Meta-Daten) der elektronischen Bilder auf den Tatort und die Opfer zu kommen. Sie stellten fest, dass die Kamera von Uwe-Michael G. im Internet gekauft worden war. Die Bilder waren den Daten zufolge in Wien aufgenommen worden. Es schien sich um den zehnten Bezirk zu handeln. Schellenbauer hatte anhand der Aufnahmen versucht, die Gebäude zu finden, die aus dem Zimmer mit der weißen Couch durch das Fenster zu sehen waren. Schellenbauer hatte rund 10 Jahre lang Dienst in Wien-Favoriten versehen. Schul- und Meldedaten nach zu schließen kamen rund 1.000 Kinder als Opfer infrage. Zum Glück war es nicht mehr notwendig, sich damit weiter auseinanderzusetzen – denn kurz nachdem Schellenbauer am 16. Mai 2017 zu Mittag aus der Wohnung in Favoriten in die Dienststelle im neunten Bezirk zurückgekehrt war und erzählt hatte, dass er glaubte, in dem Haus gestanden zu sein, in dem er die Tatort-Wohnung vermutete, läutete Brozeks Telefon. Eine Lehrerin rief an. „Ich kenne die Kinder – beide“, sagte sie. „Es sind Maria und Jörg von den K.s“ (Namen der Kinder geändert.)

Läuten einer Lehrerin. Die Kriminalisten ersuchten die Lehrerin um ihre Unterstützung bei der Verhaftung des verdächtigen Vaters der beiden Kinder und forderten die WEGA (Wiener Einsatzgruppen Alarmabteilung) an. Gegen 15 Uhr standen sie mit der Lehrerin und Kräften der WEGA im Stiegenhaus vor der Wohnungstür der K.s. Die Lehrerin läutete an der Türklingel. „Ich muss mit Ihnen reden“, sagte sie. Zögerlich öffnete Wilhelm K., 28, die Tür. In Bruchteilen des nächsten Augenblicks wurde die Lehrerin von WEGA-Beamten in Sicherheit gebracht und Wilhelm K. überwältigt. „In solchen Fällen müssen wir rasch einschreiten und dürfen nichts riskieren“, erklärt Peter Brozek. „Grundsätzlich ist die Gefahr groß, dass Daten vernichtet werden. Viele Täter haben heute Daten am Handy oder haben den Laptop offen im Zimmer stehen. In diesem Fall haben wir gewusst, dass die Kinder in der Wohnung sind. Da hat zum Beispiel die Gefahr bestanden, dass der Vater eines von ihnen als Geisel nimmt. Andererseits haben wir nicht zuwarten können. Die Kinder hätten jeden Tag vergewaltigt und gefilmt werden können.“ Die Kinder waren im Wohnzimmer. „Das Mädchen, es war damals sieben Jahre alt, hat zu uns gesagt, es kann sich denken, warum der Papa abgeholt wird“, berichtet Peter Brozek. „Es hat gesagt, der Papa wird geholt, weil er schlimme Sachen mit ihr gemacht hat. Der Bub, damals fünf, hat kein einziges Wort geredet.“
Die Kinder wurden dem Jugendamt übergeben. Wilhelm K. wurde in die Dienststelle gebracht. Er wurde die ganze Nacht lang bis sechs Uhr in der Früh vernommen und dann in das Landesgericht Wien überstellt. „Werner und ich sind dann noch bis weit in den Vormittag hinein zusammengesessen und haben die Nacht vorerst einmal für uns selber aufarbeiten müssen“, schildert Brozek. Wilhelm K. hatte vor Peter Brozek, Karl Gausterer und Werner Schellenbauer eine Lebensbeichte abgelegt. Sie sollte in den nächsten Tagen und Wochen noch näher ausgeführt werden. Er gab zu, seine Kinder seit ihrem zweiten Lebensmonat sexuell missbraucht, gefilmt und fotografiert zu haben.

2.500 Missbrauchsvorgänge. Anhand der Aussagen von Wilhelm K. und der Sichtung seiner Kinderpornodateien sollten die Kriminalbeamten in Wien auf über 2.500 Missbrauchsvorgänge kommen. Die geschiedene Frau K.s hielt er aus der Sache raus. Das Jugendamt übergab ihr die Kinder – eine Fehlentscheidung, wie sich später herausstellte.
Jacqueline K., 27, hatte schwere körperliche Behinderungen – wie ihr geschiedener Mann Wilhelm K., der an einer Knochenkrankheit litt. Beide waren in Pension. Sie lebte mit einer 24-Stunden-Pflege in Wien-Liesing, wo sie früher mit ihrem Ex-Mann und den beiden Kindern gewohnt hatte. Wilhelm K. wohnte mit den beiden Kindern allein in Wien-Favoriten. Lange war nicht klar, ob Jacqueline K. über die Taten ihres Mannes Bescheid wusste. Werner Schellenbauer sollte der entscheidende Ermittlungsschritt gelingen.
Sowohl Brozek, als auch Schellenbauer und Gausterer hatten noch in den ersten Vernehmungen am Abend des 16. Mai 2017 einen Draht zu Wilhelm K. gefunden – obwohl ihnen das nicht leichtfiel. „Er hat erzählt, wie ihn die anderen Pädophilen in den Internet-Foren als Star bewundert haben, weil er einen direkten Zugang zu Kindern gehabt hat, die man jederzeit vergewaltigen hat können“, berichtet Werner Schellenbauer. „Er hat eine Selbstherrlichkeit in den Vernehmungen an den Tag gelegt, die schwer zu begreifen ist. Außerdem hat er kein Zeichen der Reue gezeigt – im Gegenteil: Man hat den Eindruck gehabt, er war stolz auf sich und das, was er getan hat.“
Wilhelm K. fasste derart Vertrauen in die Kriminalisten, dass er ihnen den digitalen Schlüssel zu seinen Daten auf seinen Festplatten bekanntgab. „Ohne den Schlüssel hätten wir niemals Zugang zu seinen Kinderpornodateien bekommen“, betont Schellenbauer. Die Daten auf den Festplatten Ks. waren mit einem hochwirksamen Verschlüsselungsprogramm vor Zugriffen gesichert. Insgesamt entdeckten die Kriminalisten auf K.s Datenträgern 8.500 Bilder und Videos mit Kinderpornografie. „Wir müssen uns bei unseren Ermittlungen alle diese Schunddateien ansehen, erstens um die Opfer zu identifizieren, zweitens um die Taten den Verdächtigen zuordnen zu können und drittens um kein Opfer zu übersehen“, schildert Brozek. Spezielle Programme, wie „Griff-Eye“ helfen nur, Dateien mit Hash-Werten zu markieren und zu archivieren, sodass die Kriminalbeamten Dateien nicht doppelt sichten müssen.
Wilhelm K.s Dateien sollten einen Bruchteil dessen ausmachen, was die Kriminalisten in diesem Fall noch sicherstellen würden, denn K. weihte Schellenbauer und Brozek in die Geheimnisse des Darknet-Forums „Elysium“ ein. Die Pädophilen hätten dort nicht nur Kinderporno-Dateien ausgetauscht, für sie sei das Forum auch eine Art Selbsthilfegruppe gewesen. „Sie haben dort ihr eigenes Suchtverhalten und ihren krankhaften Drang zu Kindern beklagt“, schildert Peter Brozek. Sie hätten geschildert, wie sie das starke Verlangen in sich aufkommen spürten, wie sie Lust empfunden hätten und wie nach dem Betrachten der Kinderpornos oder nach der Vergewaltigung eines Kindes das schlechte Gewissen sie fast erdrückt habe.

Zugang nur für Kinderporno-Produzenten. Wilhelm K. sagte auch zu einem weiteren Kinderporno-Forum aus, die sich Darknet befand. Dorthin hatten nur „Producer“ einen Zugang. Die Plattform konnte nur betreten, wer dazu bereit war und die Möglichkeit hatte, ein Kind in Echtzeit zu miss­brauchen. Der „Producer“ musste einen Beweis liefern, dass die Vergewaltigung „on Demand“ stattfand, also auf persönliche Bestellung und nach Anweisungen eines Betrachters. Die Anweisungen konnten zum Beispiel lauten: „Lass das Kind mit rotem Edding-Stift auf einen A3-Zettel schreiben ‚For Darling‘ und füge das heutige Datum dazu.“ Die Benutzer des geheimen Forums bestanden darauf zur „Fake-Absicherung“ und zur Absicherung, keinem verdeckten Ermittler der Polizei aufzusitzen, denn diese könnten eine solche Straftat nicht live vollziehen. Nachdem ein Live-Auftritt Bedingung für den Eintritt in das Insider-Forum war, war es garantiert polizeifrei.
Auch bestimmte Praktiken wurden von den Betrachtern live verlangt. Der Wiener Wilhelm K. war einer der „Kings“ in dem intranationalen Forum. Die „Producer“ erhielten Bewertungen, je nachdem, welche Praktiken sie mit den Kindern vorzunehmen bereit waren. Wilhelm K. hatte die Bewertung „4“ auf einer 10-stufigen Skala. „Das war schon ganz schön hoch in der Hierarchie“, erzählt Brozek. Es habe bedeutet, dass Wilhelm K. auch zu sehr viel Perversem bereit war und es mit seinen Kindern auch ausübte. „Je härter jemand die Kinder in den Pornos missbraucht hat, desto höher ist der Producer in der Hierarchie gestiegen“, erklärt Brozek. „K. hat das weidlich genossen.“
Wilhelm K. hatte im Forum „Elysium“ den Deutschen Uwe-Michael G. kennengelernt – jenen Mann, den die Kriminalisten des Bundeskriminalamts Wiesbaden anhand seines Fingerabdrucks identifiziert hatten. K. hatte ihm Fotos und Videos seiner Kinder geschickt. Im Februar 2017 besuchte der Münchner seinen Freund zum ers­ten Mal in Wien. Dabei wurde jenes Video gedreht und die Fotos aufgenommen, die Anfang April 2017 in die Hände eines verdeckten Ermittlers des Bundeskriminalamts Wiesbaden gelangten. „K. war vorsichtiger als G.“, sagt Brozek. „Er hat auch immer wieder Daten von seinen Festplatten gelöscht und war dagegen, dass G. die Fotos oder das Video im Internet verkauft hat. Aber G. war einer der Administratoren des Forums und hat sich ziemlich sicher gefühlt.“ In dem Forum waren die Hauptrollen vertrauenswürdigen Usern zugewiesen. Es gab „Betreiber“, „Administratoren“ und „Wächter“.

Im Schlaf nackt fotografiert. Mit Fortdauer der Vernehmungen wurde Wilhelm K. immer vertrauter mit den Kriminalbeamten. Er erläuterte das Netzwerk und die Machenschaften der Pädophilen in „Elysium“. Am Ende wurden allein aus Wien 13 Opfer identifiziert. Die Kinder waren teilweise im Schlaf fotografiert worden – nackt und in Stellungen, in denen sie sich wach nicht ohne Widerstand fotografieren hätten lassen. Teils waren sie auf abscheuliche und unnatürliche Weise vergewaltigt worden.
Die Pädophilen tauschten ihre Erfahrungen aus, gaben Tipps, dass man die Kinder mit Drogen und Schlafmitteln gefügig machen könne. Auch der siebenjährigen Tochter von K. waren vermutlich Betäubungsmittel verabreicht worden. Der später ausgeforschte Mittäter von Wilhelm K., Herbert E., hatte sie über Ersuchen des K. im Internet in einer deutschen Apotheke bestellt und sie nach Wien schicken lassen wollen. Die Apotheke lehnte den Versandhandel ab und E. musste das Schlafmittel persönlich holen. Beamte der Tatortgruppe fanden die Tabletten bei der Hausdurchsuchung nach der Festnahme von Herbert E. am 18. Mai 2017 und stellten sie sicher. K. leugnete bis zuletzt, dem Kind die Mittel verabreicht zu haben, obwohl es Anzeichen in den gefundenen Videos gab, dass das Mädchen beeinträchtigt war. Zudem gab es Hinweise, wonach er sich beschwert hatte, dass das Mädchen zunehmend „zickig“ geworden sei und er etwas dagegen unternehmen müsse.
Neben seinem Kontakt zu dem Münchner Uwe-Michael G. gab Wilhelm K. den Vornamen des Mannes bekannt, der ihm die Schlafmittel aus Deutschland abgeholt hatte. Er war zu ihm über Uwe-Michael G. gekommen. Dieser hatte ihn im „Elysium“-Forum kennengelernt. Wilhelm K. hatte der neuen Bekanntschaft seine beiden Kinder „vermietet“, und zwar stundenweise bei Besuchen in Wien: Im Lauf des Jahres 2016 erzählte G. seinem Freund K. von einem Forum-Bekannten aus dem Burgenland mit dem Nickname „Lulu“. K. nahm Kontakt mit ihm auf und lud ihn nach Wien ein. Alles begann mit einem Besuch im Wiener Prater. Der „Onkel Herbert“ war recht großzügig. Er wurde „belohnt“ in Form der Möglichkeit, die Kinder sexuell zu missbrauchen – von Besuch zu Besuch in immer härter werdendem Ausmaß.

Klassische polizeiliche Ermittlungen. Den vollständigen Namen von „Onkel Herbert“, alias „Lulu“, konnte K. den Kriminalisten nicht nennen; er hatte aber eine Handynummer auf seinem Smartphone gespeichert. Durch klassische kriminalpolizeiliche Arbeit forschten die Wiener Kriminalbeamten Herbert E., 40, aus. Am 18. Mai 2017, zwei Tage nach der Verhaftung von K., fuhren sie ins Burgenland. E. hatte dort einen Bauernhof. Mit Kräften der Cobra und örtlichen Polizisten begaben sie sich zum Hof des Verdächtigen. E. wurde auf einem Acker hinter seinem Anwesen vom Traktor geholt und festgenommen. Eine Hausdurchsuchung förderte Kinderpornos und weiteres Beweismaterial zutage. Auch seine Festplatte war hochwirksam verschlüsselt.
Herbert E. war in Tirol aufgewachsen. Später war er in der Jugendbetreuung tätig, wo er den Kontakt zu Kindern suchte. 2011 wurde ihm diese Suche zum Verhängnis. Er wurde wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Haft hat er aber nie angetreten. Stattdessen zog er ins Burgenland, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Er wurde Gänsezüchter. Er war das ganze Jahr damit beschäftigt, Futter für die Gänse anzubauen und zu produzieren. Zu Sommerbeginn kaufte er Gänse, fütterte sie und setzte sie zu Weihnachten ab.
2014 holte ihn seine Neigung wieder ein. Wieder stand er wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vor Gericht – diesmal im Burgenland. Er kam mit einer bedingten Haftstrafe davon. Wieder blieb ihm die Haft erspart. 2016 hatte er über Uwe-Michael G. den Wiener Wilhelm K. kennengelernt. „Die Kinder vom Willi waren für mich wie ein Lotto-Sechser“, sagte Herbert E. bei den Vernehmungen den Wiener Kriminalbeamten. Der gebürtige Tiroler hatte die Kinder vermutlich schwerst missbraucht. Seine Verurteilung ist noch nicht rechtskräftig.
E.s erste Vernehmung dauerte elf Stunden. „Am Anfang war er unkooperativ“, erzählt Peter Brozek. Doch wieder gelang es den Kriminalisten, einen Draht zu dem Verdächtigen zu finden – „auch wenn es uns wiederum schwergefallen ist“, erinnert sich Werner Schellenbauer. Auch E. zeigte kei­nerlei Reue, auch er spielte seine Taten herunter, in einer eigentümlichen Selbstherrlichkeit.

Ausreichend Beweise aus Wien. Noch am Tag der Festnahme von Herbert E. griffen deutsche Polizisten zu und verhafteten Uwe-Michael G. in einem Münchner Vorort. Das Beweismaterial, das die Wiener Kriminalisten sichergestellt und aus den Aussagen der festgenommenen Verdächtigen gesammelt hatten, reichte aus, um G. festzusetzen.
In den Vernehmungen von E. und aus Beweismitteln tauchte ein weiterer Verdächtiger auf: der damals 40-jährige Clemens M. aus Dresden (Deutschland). Im März 2016 hatte Herbert E. eine Gruppe von Schifahrern in seine alte Heimat Tirol geführt: Clemens M., von dem er nur den Vornamen kannte, dessen Freundin Dorothea, deutsche Staatsbürgerin, die in Wien lebte, und ein Ehepaar mit ihren beiden Kindern, etwas älter als jene von Wilhelm K. Clemens M. und Herbert E. kannten einander aus dem Forum „Elysium“. M. erzählte E. in Tirol , dass er auch die beiden Mädchen des Ehepaars miss­braucht habe. Die Kriminalisten hatten anfangs von sämtlichen Reisegruppenmitgliedern nicht mehr als deren Vornamen.
„Wir haben versucht, über diese Dorothea zu M.s Namen zu kommen“, berichtet Werner Schellenbauer. Sie wohnte im neunten Bezirk. „Überraschenderweise waren dort drei Dorotheas mit deutscher Staatsbürgerschaft gemeldet“, erzählt der Kriminalbeamte. Er ließ sich Gästelisten aus Tirol schicken – und identifizierte die Reisegruppe.
Clemens M. wohnte teilweise in Dresden und teilweise in Wien bei seiner Freundin Dorothea. In Dresden war er hauptamtlich in der Kirchengemeinde beschäftigt – und hatte jede Menge Zugang zu Kindern.

Hilfsbereit und kinderfreundlich. „So etwas ist typisch für Pädophile“, erklärt Peter Brozek. „Sie suchen die Nähe von Kindern, sind dabei meistens sehr angepasst.“ Sie werden – auch im Nachhinein – als äußerst hilfsbereit beschrieben, als kinderfreundlich und dass sie auch „gut für die Kinder“ gewesen seien. Wilhelm K. beispielsweise war höchst engagiert im Elternverein der Schule, in die seine Tochter seit einem Jahr ging. Er hatte sich als Kassier gemeldet. Schließlich hatte er Zeit, er war ja in Pension. Kinder gingen bei ihm ein und aus. So kam es, dass er nicht nur Verwandte wie seine eigenen Kinder und seinen kleinen Neffen miss­brauchte und die Kinderpornos ins Netzwerk stellte, sondern dass er auch fremde Kinder vor der Kamera miss­brauchte.
Clemens M. wurde in Dresden verhaftet. Die Polizei hatte ihn seit Längerem in Verdacht gehabt, dass er mit Kinderpornografie handelte. Ihr fehlte aber das letzte Stück in der Beweiskette. „Das war bei einigen Verdächtigen der Fall“, erzählt Werner Schellenbauer. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA konnte die Polizei den „Missing Link“ aus den Ermittlungen in Wien zu mehreren Beschuldigten schöpfen.
Vor allem die US-amerikanischen Ermittler liefen immer wieder gegen die „Producer“-Kindesmissbrauchs-Plattform ins Leere. Die Pädophilen dort waren penibel bemüht, die Kinder niemals mit ihrem Gesicht zu zeigen, womit sie auszuforschen gewesen wären. Doch Wilhelm K. hatte eine Nachrichten-Gruppe mit internationaler Beteiligung, unter anderem den Betreibern der US-Plattform in einer App, vergleichbar mit „WhatsApp“. Die App wirbt mit dem Slogan „Wir sichern die kritischsten Konversationen der Welt“. Wer über die Plattform ein Foto oder ein Video in eine Gruppe postet, kann bestimmen, welche Gruppenmitglieder die Aufnahme wie lange betrachten können. Sobald ein Empfänger das Bild oder das Video zum Öffnen antippt, läuft die Uhr. Nach Ablauf der vorbestimmten Zeit – sie kann fünf oder mehrere Minuten lang dauern – verschwindet die Datei – für immer. „Sie lässt sich forensisch auf dem Handy nicht mehr nachweisen“, sagt Jürgen Ungerböck, Kriminalbeamter im Bundeskriminalamt. Er nahm sich des Smartphones von Wilhelm K. an. Etwa drei Wochen lang verfolgte er die Aktivitäten in der Gruppe.

Verdeckt in einer App. Als Jürgen Ungerböck einstieg, hatte Wilhelm K. über 200 Nachrichten in der App. Die Techniker des Bundeskriminalamts (Cybercrime-Competence-Center) wussten, wenn sie ein Foto öffneten, könnte es binnen Kurzem von der Bildfläche verschwinden. Sie wussten auch, dass es in der Plattform bemerkt werden würde, wenn sie Screenshots anfertigten. Daher fotografierten sie jede geöffnete Nachricht mit einer externen Kamera ab.
Nachdem sich Wilhelm K. nach seiner Verhaftung nicht mehr in der App-Gruppe gemeldet hatte, hatten die Gruppenmitglieder bereits diskutiert, was mit ihm geschehen sei. Ungerböck hatte eine verdeckte Ermittlung (VE) beantragt und bewilligt bekommen. Er schlüpfte in die Rolle K.s „Das war aber extrem schwierig“, schildert Ungerböck. „Nachdem sich die Meldungen automatisch löschen, habe ich nicht gewusst, wie er in dem Forum kommuniziert und auftritt. “ Die Gruppenmitglieder waren ohnehin schon misstrauisch geworden. „Am Ende hat einer von ihnen verlangt, dass ich bzw. K. eine neue Kinderporno-Aufnahme poste. Das habe ich natürlich nicht gekonnt.“ Für den weiteren Nachrichtenverkehr in der App hieß das: Sendepause.
Dennoch konnten die Wiener Kriminalisten entscheidendes Kinderpornomaterial ihren Kollegen in den USA schicken. Jetzt hatten die Beamten auch Bild- und Videomaterial, auf dem Opfer erkennbar waren. Drei Täter aus Übersee und ein Südeuropäer wurden aufgrund des Beweismaterials aus Wien verhaftet. „Es war, als wären wir in Wien auf eine Erdölquelle gestoßen“, schildert Jürgen Ungerböck. „Mehrere Jahre lang waren die amerikanischen Kollegen den Betreibern und Nutzern der ,Producer'-Plattform auf der Spur, jahrelang haben sie kein Bild mit einem erkennbaren Opfer bekommen – und jetzt haben sie den entscheidenden Ermittlungsanstoß aus Wien gehabt.“ Bei einem der Täter aus Übersee stießen die Polizisten auf ein Waffenarsenal. Er hatte in der App in die Gruppe gepostet: Wenn ich einmal erwischt werden sollte, mache ich reinen Tisch. Dazu stellte er ein Foto eines 357er-Revolvers ins Netz sowie eine Aufnahme zweier Jagdkampfverpflegungspakete der Armee. Das Bild wurde ihm zum Verhängnis, denn das Paket war auf ihn registriert.

Tagelanges Wühlen in Kinderpornos. „Das Mühsame an diesem Fall war das Sichten des Kinderporno-Materials“, betont Werner Schellenbauer. Die Arbeit blieb an drei Beamten des Landeskriminalamts hängen. Der Rest der Kriminalbeamtengruppe war zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Fall eines Volleyballtrainers beschäftigt, der mehrere Kinder über Jahre missbraucht haben soll. „Außerdem lässt sich eine Menge wie diese nicht ordentlich auf zu viele Beamte aufteilen. Mit der Zeit kennt man die Gesichter und kann die einzelnen Opfer und Täter auseinanderhalten.“ Dennoch mussten Schellenbauer und seine zwei Kollegen jedes einzelne Video und jede Fotoserie bis zum Ende betrachten. „Man weiß nie, ob nicht in der Mitte eines Films plötzlich neue Täter oder Opfer auftauchen“, erklärt der Kriminalist.
Die Sichtung von Kinderporno-Material habe er bis zu diesem Fall relativ gut wegstecken können. „Im Elysium-Fall war das anders. Da habe ich die Bilder nicht aus dem Kopf bekommen, weil wir die Opfer gesehen und persönlich gekannt haben, weil wir mit ihnen geredet haben und weil wir bei ihnen in der Wohnung waren.“ Peter Brozek bestätigt das. „Natürlich ist es keine angenehme Arbeit, stunden- und tagelang in Kinderpornos herumwühlen zu müssen“, betont Brozek. „Aber auch beim Mord oder bei anderen Delikten sieht man als Polizist nichts Schönes.“ Das weit Unangenehmere bei der Bekämpfung der Kinderpornografie sei es, die offenbare Selbstherrlichkeit der Straftäter bei den Vernehmungen ertragen zu müssen, „wenn sie ihre Straftaten völlig vom Tisch wischen, wenn sie in Selbstmitleid zerfließen und allen anderen die Schuld an ihrem Unheil geben, oder wenn sie sagen, wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer gemacht, oder wenn sie sagen, ich habe ja nur Kinderpornos angesehen, das tut ja keinem weh, vergewaltigt hat das Kind ja ein anderer“, sagt Brozek. „Und dann muss ich trotzdem freundlich bleiben bei der Vernehmung. Wenn ich nämlich einmal die Fassung verliere und meinem Gegenüber vermittle, was ich wirklich von ihm halte, macht er zu und erzählt mir nichts mehr.“ Herbert E. zum Beispiel habe erzählt, wie schlimm er es fand, dass Wilhelm K. seine Kinder Gruselfilme ansehen ließ. Dass E. sie vergewaltigt hatte, deutete er als „Liebe“ der Kinder zu ihm.

22 Terabyte Kinderpornos. Aus einer Menge von 200 Terabyte Daten wurden allein bei Wilhelm K. und Herbert E. 22 Terabyte fallrelevanter Daten herausgefiltert. Darunter befanden sich auch Mails, die nur wenige Kilobytes umfassten. Schließlich musste Werner Schellenbauer 8.500 Bilder und Videos allein aus dem Fundus von K. betrachten. Er konnte 760 Dateien konkreten Opfern zuordnen – insgesamt 25, davon 13 aus Wien, die allesamt aus dem Umfeld K.s stammten. Herbert E. war noch ein viel fleißigerer Sammler als Wilhelm K. Er hatte 126.000 Kinderporno-Bilder und -Videos. 1.000 davon konnten bestimmten Opfern zugeordnet werden.
Lange Zeit war nicht klar, welche Rolle die Ex-Frau von K. gespielt hatte und ob sie wusste, was mit ihren Kindern geschah. Das Jugendamt vertraute ihr. Daher wurden die Kinder nach der Verhaftung Wilhelm K.s der Mutter übergeben. „K. hat immer bestritten, dass seine Frau etwas von seinen Machenschaften gewusst hat“, berichtet Werner Schellenbauer. Einen ersten handfesten Beleg dafür, dass sie doch zumindest eingeweiht war, lieferte eine Konversation in der App-Gruppe. Als der Kriminalbeamte Jürgen Ungerböck in der Rolle von Wilhelm K. von einem der Gruppenmitglieder aufgefordert wurde, neue Missbrauchsbilder in die Gruppe zu schicken, schrieb er zurück, das sei derzeit nicht möglich, weil die siebenjährige Maria in letzter Zeit immer zickiger werde. Sie habe ihm gedroht, alles der Mutter zu verraten. Darauf schrieb eines der Gruppenmitglieder, dass doch die Mutter ohnedies „alles“ wisse.
„Das war aber kein Beweis, der vor Gericht gehalten hätte“, sagt Werner Schellenbauer. In ihrer Befragung behauptete Jacqueline K., nichts gewusst und nichts bemerkt zu haben. „Sie hat aber nicht reagiert wie eine Mutter, die gerade erfahren hat, dass etwas Grässliches mit ihren Kleinkindern geschehen ist“, erinnert sich Peter Brozek. „Sie hat kaum eine Regung gezeigt.“

Sieben Jahre Haft als Mittäterin. Schließlich machte sich die tagelange Sichtung jeder einzelnen Bild- und Videodatei bezahlt. Werner Schellenbauer entdeckte eine Aufnahme, in der das Mädchen auf einer Couch in einem Wohnzimmer saß. Es war die Wohnung, in der Wilhelm und Jacqueline K. gelebt hatten, als sie noch verheiratet waren. Der Vater filmte das Kind und stand oder saß neben dem Fernsehgerät dem Mädchen gegenüber. Das Fernsehgerät war eingeschaltet, man hörte seinen Ton im Hintergrund. Der Vater gab Anweisungen, was das Mädchen tun sollte. Abseits des Geschehens als Zuschauerin saß Jacqueline K. in ihrem Rollstuhl und war deutlich erkennbar.
Die Frau bekam als Mittäterin sieben Jahre Haft (nicht rechtskräftig). Es ist eine Haft, die sie aufgrund ihres körperlichen Zustandes vermutlich nie antreten wird, auch wenn sie rechtskräftig wird. Wilhelm K. wurde zu 14 Jahren Gefängnis plus Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher rechtskräftig verurteilt. Herbert E. wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hat gegen das Urteil berufen.
Insgesamt wurden weltweit 15 Männer verhaftet, die in die Netzwerke involviert waren, in denen Wilhelm K. sein Unwesen trieb. Insgesamt identifizierten die Wiener Kriminalbeamten 25 minderjährige bzw. unmündige Opfer – etwas, das den Spezialisten in den USA und vielen anderen Ländern nicht gelang, obwohl sie den Haupttätern bereits seit Jahren auf den Fersen waren.
„Ein nicht unwesentlicher Nebenerfolg dieser Amtshandlung war, dass wir allen 13 Kindern, die Opfer waren, einen Auftritt vor Gericht erspart haben“, berichtet Peter Brozek. „Die Beweislage war so klar aufbereitet, dass das Gericht auf eine Ladung verzichtet hat.“ In vielen anderen Fällen sei das umgekehrt: „Da stützt sich die Anklage auf die Aussage der Opfer, weil sie oft das Einzige sind, was vorliegt“, erklärt der Kriminalist. Brozek, der seit den 1990er-Jahren in der Kinderpornobekämpfung tätig ist, war treibende Kraft in der Entwicklung von Ermittlungsmethoden, um das zu verhindern.



Die Vereinigung österreichischer Kriminalisten zeichnete das Team Brozek mit dem Award „Kriminalisten des Jahres 2018“ aus.