Hope

Eine Zukunft für Ex-Prostituierte

„Hope for the Future“ betreut Betroffene von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung.

Ein besseres Leben – davon haben die Frauen geträumt, die sich jetzt bei „Hope for the Future“ die Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, die sie brauchen, um auf dem heimischen Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Für die meisten gab es gleich nach der Ankunft in Österreich ein böses Erwachen. Statt eines guten Jobs, eines Studienplatzes oder eines glücklichen Lebens mit dem geliebten Partner erwartete sie Zwangsprostitution oder Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.

Wunsch nach Bildung. Eine der Betroffenen ist die 17-jährige Joana aus Nigeria. Ihr Wunsch nach Bildung schien in Erfüllung zu gehen, als eine fremde Frau sie ansprach und ihr anbot, sie nach Europa zu bringen. Dort habe sie die Möglichkeit, eine Universität zu besuchen. Joanas Eltern, die sieben Kinder ernähren mussten und sich nicht leisten konnten, ein Studium zu finanzieren, sahen das als große Chance für ihre Tochter und willigten ein.
Was dann folgte, ist typisch für viele aus Nigeria stammende Opfer von Menschenhandel. Joana wurde zu einem Voodoo-Priester gebracht, der mit ihr ein Juju-Ritual durchführte. Einem in Westafrika verbreiteten Glauben zufolge wird dabei ein Geist beschworen, der den Betroffenen heimsucht, falls dieser etwas tut, das der Absicht des Rituals widerspricht. „Ich musste ein rohes, blutiges Hühnerherz mit Alkohol essen, und man erklärte mir, dass dies als Schutz vor den weißen Menschen diene“, schildert Joana.
Mit falschen Papieren ausgestattet kam Joana in Österreich an. Die vermeintliche Mentorin erklärte, sie sei jetzt die „Madame“ des Mädchens, das ihr die Kosten für die Reise – 30.000 Euro – zurückzahlen müsse. Joana wurde gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. Dieses Schicksal teilt sie mit anderen Nigerianerinnen, die von Hope for the Future betreut wurden. „Zu Beginn kam der Hauptanteil unserer Klientinnen aus Nigeria. Fast alle waren von Menschenhandel betroffen“, so Andrea Staudenherz, die Gründerin der Hilfsorganisation.

Psychischer Druck. Sich selbst aus ihrer Situation zu befreien, sei den Opfern kaum möglich, betont Staudenherz, da großer psychischer Druck auf sie ausgeübt werde. Bei Menschen aus Nigeria spielt dabei das Juju-Ritual eine wesentliche Rolle. Die „Madame“ erklärte Joana, dass das Ritual in Wirklichkeit dazu gedient hatte, jegliche Flucht zu verhindern. „Wenn ich zur Polizei gehen würde, sterbe ich. Ich war total verängstigt und mir blieb nichts anderes übrig, als für die Madame zu arbeiten“, erinnert sich Joana. Im Fall von Ungehorsam würde laut der „Madame“ auch Joanas Familie von dem Juju-Fluch getroffen werden.
Die junge Nigerianerin hatte Glück – nicht sie musste zur Polizei gehen, diese kam zu ihr. „Eines Tages gab es in dem Etablissement, wo ich arbeitete, eine Polizeikontrolle, und sie fanden heraus, dass meine Papiere falsch sind. Zuerst wollten sie mich nach Nigeria zurückschicken, doch dann brachten sie mich nach Traiskirchen, wo ich einen Antrag auf Asyl stellte“, erzählt Joana. Dort gelang es einem NGO-Mitarbeiter, ihr Vertrauen zu gewinnen. Die NGO vermittelte sie schließlich an Hope for the Future weiter.
Damit war Joana eine der ersten Frauen, denen die Hilfsorganisation eine Rückkehr in ein normales Leben ermöglichte. Hope for the Future gibt es seit 2015; 2016 fanden die ersten Workshops für ehemalige Prostituierte statt. „Das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution liegt mir schon seit vielen Jahren am Herzen. Seit ich den Dokumentarfilm 'Nefarious' zu diesem Thema gesehen hatte, wurde der Drang, etwas zu tun, immer größer“, nennt Staudenherz ihre Beweggründe für die Gründung von Hope for the Future. Schon davor war sie im Verein „Herzwerk“ der Diakonie aktiv, der Streetwork im Rotlichtmilieu macht.

Partnerorganisationen. Hope for the Future ergänzt die Arbeit der Partnerorganisation. Nicht jene Frauen, die noch in der Prostitution arbeiten, werden betreut, sondern Aussteigerinnen. Etliche Frauen, die sich mit der Unterstützung durch Herzwerk für die Beendigung der Sexarbeit entschieden hatten, zählten bzw. zählen danach zu den Klientinnen von Staudenherz und ihrem Team. Auch andere Hilfsorganisationen wie Solwodi, die ein Schutzhaus für Betroffene haben, und Footprint verweisen ihre Klientinnen an Hope for the Future weiter. Nur rund fünf Prozent kommen über persönliche Kontakte oder die Homepage zu Staudenherz.
Zu Beginn bot Hope for the Future in einer kleinen Privatwohnung an drei Tagen pro Woche Nähworkshops für Betroffene von Zwangsprostitution und Menschenhandel an. Später kamen die Herstellung von Schmuck und Deutsch-Konversation dazu. Das Angebot wurde langsam ausgeweitet; seit der Übersiedlung in ein „richtiges“ Büro im September 2018 können acht statt vier Frauen gleichzeitig betreut werden. Die Anzahl der Klientinnen stieg von insgesamt neun im Jahr 2016 auf 20 im Vorjahr. Derzeit finden an fünf Vormittagen und zwei Nachmittagen pro Woche Workshops oder Kurse statt: Nähworkshops, Deutschkurse auf Anfänger- und B1-Niveau sowie seit kurzem Textverarbeitung für Anfänger. Hope for the Future ist vor allem auf die Hilfe ehrenamtlicher Mitarbeiter angewiesen, zwölf sind mittlerweile für den Verein tätig. Dazu kommt eine Teilzeitbeschäftigte, die als Flüchtling aus dem Iran gekommen ist. Sie hat dort Nähen und Design studiert und arbeitet jetzt als Nähtrainerin. „Sie hat aufgrund ihrer Lebensgeschichte Verständnis für die von uns betreuten Frauen, weil sie weiß, was es bedeutet, ganz von vorne anfangen zu müssen“, erklärt Staudenherz. Seit kurzem ergänzt ein geringfügig Beschäftigter das Team, der sich um die Präsenz des Vereins in den Sozialen Medien kümmert.

Traumabewältigung. Ebenso ehrenamtlich tätig ist eine Lebensberaterin, die als externe Unterstützung Traumabewältigung anbietet; heuer soll Self-Empowerment-Training dazukommen. Dieses orientiert sich an einem holländischen Modell, bei dem Betroffene lernen, wie sie mit als problematisch empfundenen Situationen umgehen können und welche Verhaltensweisen dabei zielführend sind. Staudenherz nennt folgendes hypothetische Beispiel: Eine der Frauen arbeitet in einem Supermarkt als Kassierin, wo sie einem ehemaligen Freier als Kunden begegnet. Bei der Bewältigung des Erlebten helfen auch Partnerorganisationen und die psychosozialen Dienste kostenlos.
Potentiell traumatisierende Erfahrungen haben alle betreuten Frauen gemacht. Betroffene aus Nigeria und China sind meist Opfer von Menschenhandel geworden. Bei Ungarinnen und Rumäninnen steht oft ein „Loverboy“ dahinter, ein für einen Prostitutionsring arbeitender junger Mann, der einer Frau Liebe vorspielt, sie abhängig macht und dann auf den Strich schickt. Kein Wunder, dass die meisten der Frauen „ein krankes Männerbild“ haben, wie Staudenherz es nennt, das sie korrigieren möchte.
Während vor zwei, drei Jahren die meisten Klientinnen noch aus Nigeria gekommen sind, gehören mittlerweile Ungarn, die Slowakei, Bulgarien und Rumänien zu den häufigsten Herkunftsländern. Die Frauen aus Ost- und Südosteuropa waren meist von Zwangsprostitution betroffen, Nordafrikanerinnen oft zusätzlich Opfer von Menschenhandel; manche wurden von ihren eigenen Familien verkauft. Das Alter der derzeit betreuten Frauen liegt zwischen 18 und 49 Jahren. Seit kurzem gehört auch ein Mann zu den Klienten.

Deutsch ist Voraussetzung. Die Kurse und Workshops sollen den Betreuten dabei helfen, sich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren und jene Fertigkeiten zu erwerben, die man auf dem Arbeitsmarkt benötigt. An erster Stelle steht das Beherrschen der deutschen Sprache, wie Staudenherz betont: „Grundlegende Deutschkenntnisse sind Voraussetzung für das Nähtraining.“ Versteht jemand die Anweisungen, kann damit begonnen werden, mit der Maschine zuerst einmal gerade Nähte zu üben, dann einfache Stücke wie Halstücher und schließlich Taschen und Rucksäcke zu fertigen.
Die optisch ansprechenden Werkstücke werden z. B. auf Weihnachtsmärkten oder Home Partys verkauft. Dabei geht es aber nicht nur darum, zur Finanzierung der Hilfsprojekte beizutragen. „Wir kommen mit Taschen und Rucksäcken – und dann reden wir über Ausbeutung. Viele haben keine Ahnung, dass es auch in Österreich Opfer von Menschenhandel gibt“, spricht Staudenherz den bewusstseinsbildenden Aspekt der Verkaufstreffen an. Auch über die Homepage von Hope for the Future kann man die in Handarbeit gefertigten Stücke ordern.
„Bei den Finanzen haben wir mit Null angefangen, seither wachsen wir stetig“, freut sich Staudenherz. Spenden und Verkaufserlöse sind die einzigen Einnahmen des Vereins, der keine Zuwendungen aus öffentlicher Hand erhält. Staudenherz überlegt, um EU-Förderung anzusuchen; im Vordergrund steht für sie allerdings das Ziel, ein Social Business aufzubauen. Damit könnte den ausgebildeten Näherinnen dauerhaft ein Einkommen gesichert werden.
Nähen ist nicht das einzige, das die Frauen im Rahmen des Arbeitstrainings erlernen. Ebenso wichtig sind die Vermittlung einer Tagesstruktur, die Steigerung der Belastbarkeit und die Stärkung sozialer Kompetenzen. Viele haben ein Problem damit, pünktlich zu kommen oder an einer Tätigkeit länger dranzubleiben. Wem die Ausdauer für eine volle Arbeitswoche fehlt, der wird durch tageweise Steigerung der Arbeitsausdauer daran gewöhnt.

Willig und fähig. Individuell verschieden ist auch, wie lange eine Frau betreut wird. Die wesentlichen Einflussfaktoren sind Sprachkenntnisse und das Vorliegen einer Traumatisierung. Im Schnitt nehmen die Frauen sechs Monate bis zwei Jahre an den Workshops und Kursen von Hope for the Future teil. Zuerst müssen sie einen Probemonat absolvieren, damit man absehen kann, ob sie willig und fähig sind, das Arbeitstraining durchzuhalten.
Um ihren Klientinnen die Lage zu erleichtern, kümmert sich Hope for the Future auch um die Rahmenbedingungen, allem voran die Wohnsituation. Zum Teil werden Wohngelegenheiten über Partnerorganisationen vermittelt, manche Betroffene kommen in Frauen- oder Integrationshäusern unter. Für eine Beschäftigung nach Abschluss der Betreuung stellt der Verein den Kontakt zu potentiellen Arbeitgebern her, derzeit z. B. zu einem Hotelprojekt in Niederösterreich.
Unsicherheiten in Bezug auf Aufenthaltsgenehmigung, Wohnen und Arbeiten sind für die Klientinnen von Hope for the Future eine besondere Belastung. Staudenherz setzt ihre Hoffnung auf die Task Force Menschenhandel: „Als NGO, die mit Betroffenen arbeitet, sind wir einmal im Jahr eingeladen, unsere Anliegen vorzubringen. Das ist vor allem ein leichterer Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Wohnmöglichkeiten für betreute Frauen.“
Rosemarie Pexa

Info: https://www.hopeforthefuture.at
Spenden – IBAN: AT72 2011 1826 6412 2100