Porträt

Bilder, die man nie vergisst

Omar Haijawi-Pirchner ist seit August 2017 Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich. Er möchte Team-Erfolge offensiver kommunizieren und das Image seines Hauses weiter stärken.

Wenn mich ein Fall heute noch berührt, dann ist es der, bei dem ein Vater vier seiner fünf Kinder umgebracht und dann nebeneinander auf dem Ehebett aufgebahrt hat“, erinnert sich Omar Haijawi-Pirchner, Leiter des Landeskriminalamts Niederösterreich. Es handelte sich um vier Mädchen im Alter zwischen sieben und elf Jahren. Die jüngsten beiden waren Zwillinge. Ein Mädchen war bei dem 50-Jährigen und seiner 45-jährigen Frau in Pflege. Die älteste Tochter des Ehepaars (21) war zum Zeitpunkt der Tat nicht zu Hause.
Am Abend des 9. Jänner 2006 war ein Streit zwischen dem Ehepaar eskaliert. Der 50-Jährige hatte seine Frau mit einer Latte attackiert und schwer verletzt. Sie war zu einem Nachbarn geflohen. Als die 21-jährige Tochter nach Hause kam, entdeckte sie die Leichen ihrer vier Schwestern. Gegen 22 Uhr traf die erste Streife ein. Der Mann war mit seinem Opel Vectra geflüchtet. Eine Großfahndung wurde ausgelöst. Gegen 1.30 Uhr fuhr der Verdächtige in Wien auf der Sophienalpe in eine Polizeisperre und versuchte davonzukommen. Polizisten schossen ihm nach. Nachdem er gegen einen quer gestellten Funkwagen gekracht war, drückte sich der Mann ein Messer in die Brust. Er erlag wenig später der Verletzung.
„Die Bilder, die man da sieht, vergisst man nicht“, schildert Haijawi-Pirchner. Er war damals Kriminalbeamter im Ermittlungsbereich Leib/Leben (EB 01) und war einer der Polizis­ten, die den Fall aufarbeiten mussten.
Zur Polizei ging Omar Haijawi-Pirchner im November 1999. Er war nach der Matura zum Bundesheer gegangen und hatte nach wenigen Monaten in der Werbebranche den Entschluss gefasst, zur Polizei zu gehen. Sein Vater war Jordanier, hatte in Österreich Medizin studiert, eine Krankenschwester geheiratet und mit ihr Omar Haijawi-Pirchner bekommen. „Erst kürzlich bin ich bei einer Feier von einer Juristin des Landes gefragt worden: Sie sind aber nicht von hier?“, erzählt Haijawi-Pirchner. „Nein, habe ich gesagt, ich bin nicht von hier – ich bin ein Waldviertler.“ Jordanien kennt er nur von einem Urlaub.
Nach der Grundausbildung im Bildungszentrum Ybbs/Donau wurde er zur Gendarmerie Niederösterreich ausgemustert. Der Gmünder wurde im August 2001 dem Gendarmerieposten Langenzersdorf zugeteilt. „Dort hat es einen Personalmangel in der Kriminaldienstgruppe gegeben“, erzählt Haijawi-Pirchner. So kam es, dass er bereits nach wenigen Monaten allgemeinen Polizeidienstes am Posten in den Kriminaldienst hineinwuchs.

Einbruch in Langenzersdorf. Anfang 2004 gab es einen Einbruch in ein Sportzentrum in Langenzersdorf. Die Täter hatten verschiedene Wertgegenstände gestohlen, darunter befand sich ein Handy. Smartphones gab es damals noch nicht. Wenige Tage nach der Einbruchsanzeige kam der Eigentümer des Mobiltelefons zu Haijawi-Pirchner und teilte ihm mit, er habe eine seltsame SMS von einer ihm unbekannten Nummer erhalten. Der Polizist ging dem nach und stellte fest, bei der Nummer hatte es sich um eine anonyme Wertkartennummer gehandelt. Die SMS war von dem erbeuteten Handy abgesetzt worden. Omar Haijawi-Pirchner verfolgte die Spur und gelangte auf diese Weise zu einer Reihe von Telefonnummern.
Bei weiteren Ermittlungen stellte sich heraus, es handelte sich um Telefonnummern einer Einbrecherbande aus Moldawien. An diesen Ermittlungen aber war der junge Waldviertler Polizist bereits in der damaligen Kriminalabteilung Niederösterreich beteiligt. „Ich bin der KA mit diesem Akt zugeteilt worden und bin praktisch nicht mehr nach Langenzersdorf zurückgekehrt“, sagt er. Er arbeitete in einer Sonderermittlungsgruppe mit, durch die mehr als 1.200 Einbrüche aufgeklärt und 115 Verdächtige festgenommen wurden. Sie wurden allesamt zu Haftstrafen verurteilt. Zwei der Täter hatten in Schweden zwei moldawische Asylwerber erschlagen. Sie wurden ausgeforscht, weil sie mit einem im Bezirk Neunkirchen gestohlenen Seat Toledo unterwegs waren. Die Fäden der Bande hatte eine Moldawierin in Wien gezogen. Sie hatte die Einbrecher aus ihrer Ex-Heimat nach Österreich holen lassen und in Unterkünften großteils in Wien untergebracht. Die Straftäter fuhren nachts aus, verübten bis zu sechs Einbrüche, teils bis Innsbruck, fuhren zurück in ihre Unterkünfte, lieferten das Erbeutete ab, gingen schlafen und fuhren am Abend wieder auf Einbruchstour aus. Die Einbruchsserie hatte im Herbst 2003 begonnen und war 2006 durch die Kriminalisten aus Niederösterreich beendet worden.

Ermittlungsbereich Leib/Leben. Im Juli 2005 waren die Wachkörper zusammengelegt worden; im September 2005 rückte Omar Haijawi-Pirchner in das Bildungszentrum Traiskirchen zum E2a-Kurs ein. Im Mai 2006 schloss Haijawi-Pirchner die E2a-Grundausbildung ab. Seine Dienstzuteilung zum Landeskriminalamt wurde in eine Versetzung umgewandelt. Er kam in den Ermittlungsbereich Leib/Leben. Dort war er als Kriminalbeamter an der Aufklärung einer Reihe aufsehenerregender Fälle beteiligt. Er ermittelte mit im Fall „Fritzl“ in Amstetten und im Fall der mit 16 Jahren zu Tode gekommenen Julia Kührer. Julia Kührer war am 27. Juni 2006 in ihrem Heimatort Pulkau (Bezirk Hollabrunn) spurlos verschwunden. 2011 wurden ihre Überreste in einem Keller in Pulkau gefunden. Der Besitzer des Kellers, damals 51, wurde 2013 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Strafe wurde auf 20 Jahre herabgesetzt. Derzeit strengt er bzw. ein Wiener Rechtsanwalt eine Wiederaufnahme des Verfahrens an. Das Landesgericht Korneuburg lehnte den Antrag Anfang Juli 2018 ab. Derzeit läuft ein Berufungsverfahren am Oberlandesgericht Wien.

Vierfachmord. Als einen der grauenvollsten Tatorte beschreibt Haijawi-Pirchner jenen Ort des Geschehens in Strasshof/Nordbahn, an dem ein 67-Jähriger am 1. Juli 2008 seine 63 Jahre alte Schwester, deren Ehemann, seinen 65-jährigen Bruder und dessen Ehefrau ermordet hatte. Eines der Opfer hatte ihn im Keller seines Hauses auf Knien angefleht, es am Leben zu lassen. Der Täter richtete in den zwei Einfamilienhäusern ein Blutbad an. Ursache war ein Familienstreit gewesen, bei dem es um eine Wohnung im Familienbesitz gegangen war, in der der Täter gewohnt hatte. Außerdem soll der Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs im Raum gestanden sein. Der Mann war geschieden und hatte drei Töchter. Nach der Tat flüchtete er mit dem Fahrrad und per Bahn. Er tauchte mehrere Wochen unter. Erst im August 2008 wurde er durch einen Hinweis ausgeforscht und auf einem Campingplatz am Ottensteiner Stausee festgenommen. Der Schwiegersohn eines der Opfer war an der Tat beteiligt und wurde ebenfalls verhaftet. Der unmittelbare Täter, der keine Reue zeigte und sagte – „im Gegenteil, ich kann jetzt wieder ruhig schlafen“ – wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, der Komplize zu zwölf Jahren. Letzterer wurde 2017 aus der Strafhaft entlassen. Der unmittelbare Täter sitzt noch ein, ist allerdings gesundheitlich schwer angeschlagen und hat Hafterleichterungen.

Ungewöhnliche Milde. „Er hat auch bei uns bei den Vernehmungen – wie soll ich sagen – bedauernswert gewirkt“, erzählt Omar Haijawi-Pirchner. Möglicherweise hat das bewirkt, dass ihn die Geschworenen nicht mit lebenslänglicher Haft belegten. „Für einen Ermittler ist es oft schwer nachzuvollziehen, warum manche Täter ungewöhnlich milde bestraft werden“, sagt Haijawi-Pirchner.
Er erinnert sich an den Mord an einer Pensionistin in Korneuburg. Die Kriminalisten in Niederösterreich forschten zwei Polinnen als Täterinnen aus. Sie hatten bei dem späteren Opfer gewohnt. Die Frau, die die Tat ausgeführt hatte, war zum Zeitpunkt der Tat 89 Jahre alt. Sie hatte die Frau mit einem Viertel-Glas erschlagen. Obwohl die Frauen verurteilt worden waren, ging die Ausführungstäterin vorerst nicht ins Gefängnis, weil sie aufgrund des hohen Alters haftunfähig war. Später saß sie nur zwei Jahre ein, „und das für einen Mord“, betont der Kriminalist.
2007 war Haijawi-Pirchner an vorderster Front bei der Klärung einer Serie von über 500 Einbrüchen dabei. Bei dem überführten Täter handelte es sich um einen „Fensterbohrer“. Er hatte Terrassentüren und Fenster aufgebohrt und war so in die Einfamilienhäuser eingestiegen. Jeder, der dem „Fensterbohrer“ begegnet war, berichtete von dessen „geschmeidigen Bewegungen“, sowohl mit den Händen als auch mit den Beinen. Er war zwischen 1996 und 2007 in mindestens 500 Einfamilienhäuser, Wohnungen und Villen in Deutschland und Österreich eingedrungen und hatte Schmuck und Bargeld in Millionenhöhe gestohlen. Er brach auch ein, wenn Bewohner anwesend waren. In mehreren Fällen machte er Gebrauch von seiner Schusswaffe. Einen Villenbesitzer in Hamburg erschoss er, als ihn dieser ertappt hatte.
In der Nacht zum 1. Juni 2007 bemerkten Beamte eines Sondereinsatzkommandos des Polizeipräsidiums West-Hessen in Wiesbaden-Sonnenberg (Deutschland) einen etwa fünfzig Jahre alten Mann mit einem Rucksack und hielten ihn an. Der Mann wies einen italienischen Personalausweis vor, lautend auf den Namen Claudio Vespa, geboren am 5. Mai 1957 in Italien. Bei dem „echten“ Claudio Vespa handelt es sich übrigens um den Erfinder des nach ihm benannten Vespa-Rollers.
Wenige Stunden später stand fest, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen 1944 in Uruguay (Südamerika) geborenen Einwanderer handelte. Aufgefallen war er den Polizisten in Wiesbaden-Sonnenberg hauptsächlich wegen seines „geschmeidigen Gangs“, der weißen, langen Haare und der kleinen, gedrungenen Statur. In seinem Rucksack hatte er Einbruchwerkzeug. Es war jenes Spezialwerkzeug, mit dem er mehrere Hundert Villen- und Wohnungsfenster und Terrassentüren geknackt hatte, mit der „Fensterbohr-Methode“.

Alter ist kein Kriterium. Für Omar Haijawi-Pirchner sind Alter und Dienstalter nicht unbedingt ein Kriterium bei der Besetzung von Planstellen. Eine „Erbpacht“ oder „Altersvorrückung“ auf wichtige Posten dürfe es nicht geben. „Und für Ehrungen oder Belobigungen darf das Alter schon gar keine Rolle spielen“, betont er. Er hält es für wichtig, jeden vor den Vorhang zu holen, der Leistungen erbringt. „Es ist ein wichtiger Ansporn für weitere Leistungen – und es gehört sich ganz einfach.“
2008 bis 2011 absolvierte Omar Haijawi-Pirchner die E1-Ausbildung an der Fachhochschule Wiener Neustadt und an der Sicherheitsakademie. Nach der E1-Dienstprüfung wurde er dem damaligen Landespolizeikommando Niederösterreich zugeteilt und kam in die „OEA“, die Organisations- und Einsatzabteilung.
Im Februar 2012 wurde in Schwechat eine Strukturreform umgesetzt, zwei Monate später kam Haijawi-Pirchner in das Referat 3 des Stadtpolizeikommandos, zuständig für grenz- und fremdenpolizeiliche Angelegenheiten – also den Flughafen Schwechat. Im September 2012 wurde die Behördenreform umgesetzt. Die Bundespolizeidirektion Schwechat wurde zum Polizeikommissariat und der neuen Landespolizeidirektion Niederösterreich unterstellt.
Mit Mai 2013 wurde Haijawi-Pirchner stellvertretender Stadtpolizeikommandant in Schwechat und war weiter für den Flughafen zuständig. „Viele haben früher nicht verstanden, wie vielseitig und auch schwierig die Arbeit am Flughafen ist“, sagt Omar Haijawi-Pirchner. „Viele Straftaten haben eine grenzpolizeiliche Vorgeschichte am Flughafen. Die Arbeit am Flughafen ist weit mehr als das Abstempeln von Reisepässen.“
2015 wurde das Stadtpolizeikommando Schwechat einer Schengen-Evaluierung unterzogen. Bei der Evaluierung fünf Jahre zuvor war einiges an Mängeln festgestellt worden. „Bei einem solchen Vorgang werden Ausbildung und tatsächliche Fähigkeiten der Mitarbeiter überprüft und ob sie sich an den Schengener Grenzcodex halten“, schildert Haijawi-Pirchner. Zudem werde die Infrastruktur unter die Lupe genommen, etwa ob die Kojen von den kontrollierten Personen eingesehen werden können und ob diese zum Beispiel etwas vom Computerbildschirm des Kontrollierenden ablesen können. Absperrungen dürfen nicht überwindbar sein – in keinem Moment des Kontrollvorgangs und auch nicht abseits. Mehrere Tage lang wird bei einer solchen Evaluierung eine Grenzkontrollstelle überprüft. Zum Zeitpunkt der Schengen-Evaluierung in Schwechat arbeiteten 450 Exekutivbeamte am Flughafen Schwechat, heute sind es annähernd 550. „Die Arbeit am Flughafen und im Stadtpolizeikommando Schwechat war für mich nicht nur ein Highlight, weil es ganz anders war als alles, was ich bis dahin gemacht habe“, sagt Haijawi-Pirchner. „Es war auch etwas Besonderes, weil ich einen Bereich kennengelernt habe, der von vielen unterschätzt wird.“

Zurück ins LKA. Dennoch zog es den Kriminalisten Omar Haijawi-Pirchner zurück in das Landeskriminalamt (LKA), als dessen Leitung ausgeschrieben wurde. Im August 2017 wurde er zum LKA-Chef bestellt. Seither ist er für das ca. 280 Personen umfassende Amt hauptverantwortlich. Es hat den Hauptstandort in St. Pölten und Außenstellen in Mödling und Korneuburg und es ist das zweitgrößte LKA in Österreich nach Wien.
„Die Führung eines uniformierten Körpers und die Führung einer Kriminalbeamten-Dienststelle sind wie Tag und Nacht“, sagt Omar Haijawi-Pirchner. „Für die Leitung einer Kriminalbeamten-Dienststelle braucht man sehr viel mehr Fingerspitzengefühl. Die Umstellung hat eine Zeit lang gedauert, obwohl ich ja lange in der Kriminalabteilung Dienst gemacht habe.“
An seinem ersten Tag im LKA war Omar Haijawi-Pirchner mit einer Entführung mit anschließender Vergewaltigung konfrontiert. An einem Badeteich im Bezirk Zwettl war eine junge Frau entführt worden. Der Täter hatte sie in eine Wohnung gebracht, mehrfach vergewaltigt und wieder freigelassen. Er wurde wenig später ausgeforscht.
Im Oktober 2017 war eine etwa 75 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung erstochen aufgefunden worden. Der Täter wurde knapp vor Weihnachten ausgeforscht. Er hatte in der Wohnung oberhalb des Mordopfers bei seiner Lebensgefährtin gewohnt. Nach einem Streit mit seiner Frau war er offenbar mit dem Mordopfer in Streit geraten und hatte es umgebracht. Er hatte die Tat nicht gestanden und wurde anhand von Indizien verurteilt.

Eine Reihe unterschiedlicher Erfolge. „Im Landeskriminalamt arbeitet aber nicht nur der Bereich Leib/Leben hervorragend“, betont Omar Haijawi-Pirchner. „Wir haben außergewöhnliche Erfolge auch im Diebstahls- und Einbruchsbereich.“ Im Bereich der Klärung von Home-Invasions (Einbrüche, bei denen Hausbesitzer in ihren Schlaf- und Wohnräumen brutal überfallen und beraubt werden) ist das LKA Niederösterreich österreichweit führend. „Im Wirtschaftsbereich haben wir immer wieder Großakte, bei Dämmerungseinbrüchen haben wir 2017 die höchste Aufklärungsquote österreichweit gehabt – mit 20 Prozent“, schildert der LKA-Chef.
In der Suchtmittelbekämpfung sprengten die niederösterreichischen Ermittler vor Kurzem das Bitcoin-Wallet des Bundeskriminalamts. Sie hatten Mitglieder einer Tätergruppe überführt, die den Suchtgifterlös unter anderem in Bitcoins angelegt hatten. In der Schlepperbekämpfung deckten die Kriminalisten einen Menschenhändlerring auf, die Frauen aus Venezuela nach Österreich geschleust und sie zur Prostitution gezwungen hatten. Allein im Bezirk Mödling waren 18 Opfer nachgewiesen worden. Sie mussten in Laufhäusern und teilweise als Straßenprostituierte arbeiten.
„Die kriminalistischen Leistungen im LKA Niederösterreich sind gesamt gesehen hervorragend, ich freue mich sehr, einige der besten Ermittler Österreichs bei mir im Team zu haben“ sagt Omar Haijawi-Pirchner.

Trends erkennen. Omar Haijawi-Pirchner sieht die Kriminalpolizei unter anderem als Seismograph für neue kriminologische Erscheinungsformen. „In den letzten Wochen hat es beispielsweise einen auffälligen Trend zu Sextorsion-Fällen gegeben“, schildert der LKA-Leiter. Verschiedene Vorgangsweisen werden angewandt, etwa, dass eine (vermeintliche) Frau das spätere Opfer auf Facebook anspricht, angebliche Erotikbilder von sich zeigt und dem Opfer im Gegenzug welche von sich selbst herauslockt. Danach werden die Opfer mit den Fotos erpresst. In anderen Fällen streuen die Täter die Erpressungs-E-Mails breit und ohne realen Hintergrund – hoffend, dass eine ausreichende Zahl Angeschriebener (mit „schlechtem Gewissen“) auf die Post anspricht und die verlangte Summe überweist, von meist 500 bis 1.000 Euro.
„Bei solchen Trends ist es wichtig, sie möglichst früh zu erkennen und darauf zu reagieren“, sagt Haijawi-Pirchner. Die Taktzahl der neu aus dem Boden wachsenden Kriminalitätstrends wird sich in nächster Zeit noch erhöhen. „Das darf man nicht hinnehmen als Polizei. Da muss man sofort Zusammenhänge herstellen und dagegen vorgehen.“ Die größten Herausforderungen sieht er im digitalen Bereich und in der Betrugsbekämpfung. „Die Polizei muss sich bewegen“, betont der LKA-Chef.
Haijawi-Pirchner ist auch bedacht auf das Image seiner Organisation. „Das LKA ist früher bei vielen nicht so dagestanden, wie es sich das verdient hätte“, sagt der LKA-Chef. Ein Grund dafür sei gewesen, dass es seine Erfolge nicht entsprechend verkauft hätte. „Wir haben hohe Aufklärungsquoten, wir haben herausragende Einzelerfolge. Wir müssen sie besser und offensiver nach außen tragen“, betont Haijawi-Pirchner. Auch den Verkauf der Arbeit am Flughafen legte er seiner­zeit offensiver an – und hatte Erfolg damit. Heute ist die Grenzschutzarbeit der Polizei am Flughafen weit anerkannter als noch vor zehn Jahren.

Der Erfolg hat viele Väter. Intern liegt dem neuen LKA-Leiter viel an Teamarbeit. „Das LKA verkörpert nicht nur die unterschiedlichsten Ermittlungsbereiche, es hat auch top Assistenzbereiche“, betont Haijawi-Pirchner. „Dementsprechend müssen wir unsere Erfolge auch gemeinschaftlich nach außen kommunizieren.“ An einem „klassischen“ Mordfall arbeiten nicht nur die Ermittler, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Tatortarbeit und in der kriminalpolizeilichen Untersuchungsstelle. „Jeder trägt seinen Teil zum Erfolg bei, ohne eines dieser Puzzlestücke wäre das Ganze nicht das wert, was am Ende unterm Strich steht: der Gesamterfolg“, sagt Omar Haijawi-Pirchner.
Auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationseinheiten der Polizei ist dem LKA-Leiter wichtig. „Das bringt uns als Polizei immer wieder sehenswerte Erfolge ein“, sagt er. Am Abend des 3. Februar 2017 standen einander auf der Donauinsel vor dem Schulschiff in Wien 21 insgesamt 22 tschetschenische Angehörige zweier Rollkommandos gegenüber. Unbeteiligte riefen die Polizei. Bei den Personenfeststellungen fanden Polizisten im Schnee vergraben eine Uzi-Maschinenpistole und eine Pistole der Marke CZ. Zwei Tage später entdeckten Wiener Kriminalbeamte am Fundort eine weitere Faustfeuerwaffe.
Nach einem Austausch von Erkenntnissen stellten Beamte des Bundeskriminalamts, des Wiener und des niederösterreichischen LKAs fest, dass es sich bei der Auseinandersetzung um den Streit zweier Banden um die Vormachtstellung im Suchtmittelhandel handelte.
Wenig später, am 13. März 2017 brannte eine Pizzeria in Hollabrunn lichterloh. Ein Tschetschene ließ sich mit Brandwunden in einem Krankenhaus behandeln, sagte aber nicht, woher er die Verletzungen hatte. Kriminalisten des Landeskriminalamts Niederösterreich und des Bundeskriminalamts fanden heraus, dass eine der beiden rivalisierenden Tschetschenenbanden aus Wien von einem türkischen Pizzeria-Besitzer in Hollabrunn ursprünglich Schutzgeld erpressen wollte. Der Türke war aber dem Konkurs näher als seinem leeren Bankkonto und so beschlossen er und die gescheiterten Erpresser, das Pizzahaus abzufackeln und gemeinsam die Versicherungssumme zu kassieren. Daraus wurde nichts. Insgesamt elf Tschetschenen und Türken wurden verhaftet – dank der gemeinsamen Ermittlungsarbeit der verschiedenen Polizeieinheiten.