Serienmörder

Die „Bestie von Sierning“

Alfred Engleder überfiel in den 1950er-Jahren in Oberösterreich zahlreiche Frauen und schlug sie mit einem Maurerfäustl nieder, um sie zu vergewaltigen. Zwei Opfer starben. Einige Frauen überlebten, weil der Täter von Passanten vertrieben wurde.

Die Diplomkrankenschwester Margarethe Bernhardine F. verließ am 10. November 1955 abends das Krankenhaus Steyr und blieb verschwunden. Zwei Tage später wurde ihre Leiche in der Nähe des Krankenhauses in einem Gebüsch zwischen der Bundesstraße und dem Steyr-Fluss gefunden. Die 25-Jährige war vergewaltigt und mit mächtigen Hieben erschlagen worden.
Der Tatverdacht konzentrierte sich auf einen Narkosearzt des Krankenhauses Steyr: Er hatte ein Verhältnis mit dem Opfer, sein Auto, ein grauer Ford, wurde in der Nähe des Auffindungsorts der Leiche gesehen und die Fußplatte seines Wagenhebers wies dunkle Flecken auf und hatte das gleiche Ausmaß wie eine der Schädelverletzungen des Opfers. Zudem verstrickte sich der Arzt, der verheiratet und Vater eines Kleinkindes war, in Widersprüche. Er hätte sich laut Aussage einer Kollegin mit seiner Geliebten zur Tatzeit außerhalb des Krankenhauses treffen sollen, stritt es aber anfangs ab. Aufgrund der Indizien kam er in Untersuchungshaft. Man warf ihm vor, seine schwangere Geliebte erschlagen und die Tat als Sexualverbrechen getarnt zu haben.
Auch die Medien waren von der Schuld des Mediziners überzeugt. „Der Narkosearzt war der Mörder“, stand etwa in der „Arbeiterzeitung“ vom 15. November 1955. Die Ehefrau des festgenommenen Arztes verübte mehrere Selbstmordversuche.
Als nach einem gerichtsmedizinischen Gutachten der Wagenheber als Tatwaffe ausschied und weitere Erkenntnisse den Narkosearzt entlasteten, wurde der Verdächtige nach einem halben Jahr aus der Untersuchungshaft entlassen. Er zog mit seiner Familie aus Steyr weg.

Gewaltserie. Die Ermittler konzentrierten sich erst jetzt auf eine Gewaltserie im Bezirk Steyr und stellten einen Zusammenhang mit drei ungeklärten Überfällen auf Frauen in den vergangenen Jahren her:
• Am 31. Juli 1951, um 22:15 Uhr, wurde in Sierninghofen Elfriede K. von einem Unbekannten mit einem Hammer niedergeschlagen. Als sich ein Motorradfahrer näherte, flüchtete der Angreifer. Die Frau überlebte, obwohl der Unbekannte zehnmal auf ihren Kopf eingeschlagen hatte.
• Am 23. August 1955, gegen 21 Uhr, ging die 27-jährige Krankenschwester Margarete B. auf der Landstraße bei Mühlgrub. Ein Radfahrer näherte sich der Frau von hinten und schlug mit einem Maurerfäustl auf ihren Hinterkopf. Die Krankenschwes­ter stürzte vom Rad und der Unbekannte schleifte sie in eine Wiese. Als sie sich aufsetzte, schlug er neuerlich mit dem Fäustl auf ihren Kopf ein, riss ihr die Unterhose vom Körper und wollte sie vergewaltigen. Als die Schweinwerfer eines Autos auf die Wiese leuchteten, ließ der Gewalttäter von seinem Opfer ab und flüchtete.
• Das nächste Opfer war Gertrude B.-L. Die Fabriksarbeiterin fuhr am 6. November 1955, um 18 Uhr, mit ihrem Fahrrad auf der Ennser Bundesstraße in der Nähe von Dietach. Ein Fahrradfahrer holte sie ein und schlug der 23-jährigen Frau mit dem Fäustl auf den Hinterkopf. Die Fahrräder kollidierten und beide kamen zu Sturz. Als sich der Täter auf sein Opfer stürzte, wehrte sich die Schwerstverletzte heftig und schrie, sodass der Unbekannte von ihr abließ. Die Ermittler stellten am Tatort einen Mantelknopf sicher.
Die Tatbegehensweise war in allen Fällen gleich: Der als klein beschriebene Mann näherte sich seinen Opfern von hinten mit dem Fahrrad und schlug ihnen mit einem Maurerfäustl auf den Kopf, um die zu Boden stürzenden Frauen zu vergewaltigen und zu töten. Den Kriminalisten gelang es trotz aufwendiger Ermittlungen monatelang nicht, den Gewalttäter auszuforschen.
Sieben Monate nach dem Sexualmord an der Narkoseschwester in Steyr geschah die nächste Bluttat. In Neuzeug in der Gemeinde Sierning wurde am 10. Juni 1957, gegen 21 Uhr, die Fabriksarbeiterin Herta F. überfallen. Der Täter holte sie mit dem Fahrrad ein, schlug ihr mit dem Maurerfäustl auf den Hinterkopf und schleppte sie in ein Weizenfeld. Als die Frau wieder zu Bewusstsein kam, knebelte er sie, versetzte ihr neuerliche Schläge mit dem Fäustl und vergewaltigte sie. Bevor er mit dem Fahrrad wegfuhr, nahm er dem Opfer die Handtasche, die Armbanduhr und die Halskette ab. Am nächsten Tag wurde die Leiche der Frau bei einer Suchaktion von ihrem Bruder im Weizenfeld gefunden. Der Schädel des Opfers war durch viele Hammerschläge zertrümmert.
Die Kriminalisten vernahmen in den folgenden Tagen eine Reihe von Verdächtigen und neuerlich kam ein Unschuldiger in dringenden Tatverdacht: Ein 19-jährigen Bekannter des Opfers legte am 15. Juni unter dem Verhördruck im Gendarmerieposten Bad Hall ein Geständnis ab. Noch während seiner Einvernahme am späten Abend stellte sich auf dramatische Weise seine Unschuld heraus. Zu dieser Zeit kamen ein Mann und eine blutüberströmte Frau in den Gendarmerieposten Bad Hall. Die Maschinenstrickerin Herta S. schilderte, dass sie kurz davor nach einem Kinobesuch auf dem Heimweg von einem kleinen Mann in der Nähe von Hehenberg bei Bad Hall mit einem Hammer niedergeschlagen worden sei. Dass sie überlebt habe, sei ihrer heftigen Gegenwehr zu verdanken und einem Motorradfahrer, der den Täter mit dem Scheinwerfer angeleuchtet und ihn zur Flucht getrieben hatte. Der Motorradfahrer brachte Herta S. zum Gendarmerieposten.
Am selben Tag langte bei der Gendarmerie ein Brief ein, in dem ein Unbekannter den Mord an Herta F. am 10. Juni detailreich schilderte und als Motiv „grenzenlosen Hass und Wut gegenüber den Weibern wegen einer schweren Liebesenttäuschung“ angab.

Beweismittel am Tatort. Herta S. war das letzte Opfer der „Bestie von Sierning“, wie der unbekannte Serientäter in Tageszeitungen bezeichnet wurde. Denn durch die heftige Gegenwehr wurde dem Gewalttäter die Uhr vom Arm gerissen. Er ließ auch sein Fahrrad zurück. Auf dem Sattel befand sich eine Pullmannmütze und auf dem Gepäckträger eine Aktentasche. Auch die Tatwaffe, ein eineinhalb Kilogramm schweres Maurerfäustl, wurde am Tatort gefunden.
Mit einem Lautsprecherwagen informierten die Kriminalisten die Bewohner im Raum Sierning, zeigten ihnen die gefundenen Beweisgegenstände und setzten 10.000 Schilling (726 Euro) Belohnung für sachdienliche Hinweise zur Ausforschung des Serientäters aus. Ein Sierninger Uhrmachermeister erkannte die Chrom-Herrenarmbanduhr, denn einige Tage davor hatte er daran ein Fixo-Flex-Band montiert. Er nannte den Ermittlern den Besitzer der Uhr, Alfred Engleder aus Sierning. Eine Sierninger Bewohnerin erkannte das Fahrrad, es gehörte ebenfalls Engleder. Er wohnte mit seiner schwangeren Frau und den drei Kindern in einer Wohnung im Schloss Sierning gegenüber dem Gendarmerieposten. Er war von den Gendarmen bereits bei der Großfahndung nach dem Mordversuch an Herta S. in der Nähe des Tatorts angetroffen worden. Weil ihn die Sierninger Gendarmeriebeamten als unauffälligen Arbeiter gekannt hatten, hatten sie ihn weitergehen lassen.
Die Ermittler suchten die Wohnung Engleders in Sierning auf. Er war nicht zu Hause. Seine Frau gab an, die Uhr nicht zu kennen. Als man ihr das Fahrrad zeigte, bestätigte sie, dass es ihrem Mann gehöre. In der Wohnung und in der Werkstätte wurden weitere Beweisgegenstände sichergestellt.
Alfred Engleder, geboren am 18. Jänner 1920 in Sierning, kam als Vierjähriger nach der Scheidung seiner Eltern in ein Kinderheim in Gosau und später in ein Heim in Gleink. Als Vierzehnjähriger begann er eine Lehre in Linz und fiel vor allem wegen seiner Rachsucht auf. Er wechselte mehrmals seinen Arbeitsplatz. 1939 wurde er in die Wehrmacht eingezogen, kam zu Kriegsende in russische Gefangenschaft, konnte aber im September 1945 nach Oberösterreich zurückkehren. 1948 heiratete er. Bald darauf ging er ein Verhältnis mit einer anderen Frau ein. 1951 ließ er sich scheiden und heiratete seine Geliebte, die ein Kind zur Welt gebracht hatte. Zwei weitere Kinder folgten und während seiner U-Haft bekam seine Frau das vierte Kind.

Flucht und Festnahme. Da sich die Schlinge enger zog, flüchtete Alfred Engleder am 16. Juni kurz nach Mitternacht aus seiner Wohnung im Schloss Sierning. Er wollte, wie er später sagte, über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion flüchten.
Er ging zum Umspannwerk Neuzeug, wo er in seiner Bastelwerkstätte Geld versteckt hatte. Über Feldwege gelangte er nach Amstetten, wo er sich Kleidung und Rasierzeug kaufte. Danach fuhr er mit dem Zug nach St. Pölten, kaufte sich eine Niederösterreich-Straßenkarte und schrieb den Phantasienamen „R. Schädl“ auf die Karte. Seinen Identitätsausweis und den Schlüsselbund warf in er im Bahnhof Herzogenburg in eine WC-Muschel. Über Retz gelangte er nach Niederfladnitz, wo er in einer Scheune schlief. Am19. Juni in der Früh suchte er nach einer günstigen Stelle für einen Grenz­übertritt in die Tschechoslowakei. Auf dem Gelände einer Baumschule sah er sechs Frauen, die wegen der Hitze leicht bekleidet arbeiteten. Als eine der Frauen auf den erregten Engleder zukam, erschrak sie und schrie laut. Ihre Kolleginnen und ein Forstwart eilten zu Engleder. Der Forstwart, nach dem Gespräch mit dem Fremden misstrauisch geworden, sagte, dass er eine Pistole eingesteckt hätte und forderte den Mann auf, mit ihm zur Zollwachestation Niederfladnitz zu gehen. Auf dem Weg zur Zollwachestation sagte Engleder zum Forstwart, dass er der gesuchte Mörder sei. Der Forstwart lieferte Engleder bei den Zollwachebeamten ab, die ihn den Gendarmen des kleinen Postens Pleißing übergaben. Engleder wurde von der Gendarmerie ins Wiener Sicherheitsbüro gebracht, wo er die ihm angelasteten Morde und Überfälle gestand. Bei der Einvernahme schilderte Engleder auch den Mord an der Krankenschwester in Steyr. Er entdeckte die attraktive Frau, als sie sich auf dem Weg zum Treffpunkt mit ihrem Geliebten befand, den unschuldig in Tatverdacht gekommenen Narkosearzt. Engleder näherte sich mit dem Fahrrad der Frau von hinten, schlug sie mit dem Fäustl auf den Hinterkopf und schleifte das benommene Opfer von der Straße. Als die Krankenschwester zu schreien begann, schlug er mehrmals auf ihren Kopf ein und zog sie über die Wiese zum Flussufer. Als die Schwerverletzte wieder zu sich kam, knebelte Engleder sie mit einem Wollstrumpf und schlug neuerlich mit dem Fäustl auf sie ein. Er riss der Frau die Kleider vom Leib, flüchtete aber mit seinem Fahrrad, als ein Auto vorbeikam. Das Opfer konnte sich erheben und wankte vom Tatort weg, stürzte aber über die Böschung fünf Meter tief zum Fluss ab und erlag ihren Verletzungen. Bei der gerichtlichen Obduktion stellten die Mediziner acht schwere Kopfverletzungen fest.

Lebenslanger schwerer Kerker. Alfred Engleder, der auch als „Mörder mit dem Maurerfäustl“ in die Kriminalgeschichte eingegangen ist, wurde wegen zweifachen Mordes und vierfachen Mordversuchs angeklagt und am 9. März 1958 vom Geschworenengericht zu lebenslangem schweren Kerker verurteilt, verschärft durch ein hartes Lager und einen Fasttag vierteljährlich. Als Motiv für die Bluttaten gab er in der Gerichtsverhandlung „Hass auf Frauen“ an. Im psychiatrischen Gutachten wurden ihm „sadistische Züge“ und eine „ausgeprägte Geltungssucht“ attestiert. In der Haft bildete er sich zum Kunsttischler aus.
Nach 26 Jahren Haft wurde der inzwischen 71-Jährige am 31. Juli 1991 auf Bewährung entlassen. Er erhielt eine Unterkunft und eine Stelle als Haustischler im Schottenstift in Wien. Bald darauf lernte er die Gelegenheitsprostituierte Sonja P. kennen, die er bei sich übernachten ließ. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, da sich die 26-jährige Frau vor Engleder ekelte und ihn hasste. Am 8. April 1993, einem Gründonnerstag, eskalierte ein Streit. Die Frau stach Engleder mit einem Küchenmesser in den Rücken. 22 Tage später, am 30. April 1933, starb er an den Folgen der Stichverletzung. Sonja P. wurde wegen Mordes zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

„Gestehen Sie, Dr. Corda“. Das letzte überlebende Opfer der „Bestie von Sierning“ heiratete einen der Kriminalbeamten, die in dieser Verbrechensserie ermittelt hatten. Der fälschlicherweise wegen Mordverdachts ein halbes Jahr in U-Haft gewesene Arzt entwickelte die Anästhesiologie weiter und starb mehrfach ausgezeichnet 91-jährig im Mai 2014 in Oberösterreich.
Die Serienverbrechen dienten als Vorlage für einen 1958 gedrehten Kriminalfilm unter der Regie von Joseph von Báky. In „Gestehen Sie, Dr. Corda“ mit Hardy Krüger und Siegfried Lowitz wird ein Arzt als Mörder seiner Geliebten in U-Haft genommen. Die Frau des Verdächtigen und andere Bekannte versuchen, seine Unschuld zu beweisen. Der Kabarettist Helmut Qualtinger nahm die Fahndung nach dem Mörder zum Anlass, das Kriminalstück „Unternehmen Kornmandl“ zu verfassen. Der Schriftsteller Peter Landerl verarbeitete die Serienverbrechen von Alfred Engleder in seinem 2006 erschienenen Roman „Finstere Gestalten“.
Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:
Kriminalmuseum Schloss Scharnstein. http://scharnstein.kriminalmuseum.at
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien, 2008.
Schmidbauer, Manfred: Erinnerungen Alfred E. - „Die Bestie von Sierning“. Online-Beitrag auf der Home­page des Oberösterreichischen Gendarmeriemuseums; http://gendarmeriemuseum.at/faelle/alfred-e-die-bestie-von-sierning/Zeppelzauer, Andreas; Zeppelzauer, Regina: Mord. Die spektakulärsten Mordfälle Österreichs. Psychogramme, Bilder und Berichte. Verlag für Sammler, 2005.