Dolmetschdienst

Wie aus LSD „Bijeli Duh“ wurde

Zwölf junge, studierte österreichische Dolmetscher, mit Wurzeln am Balkan, verändern das Verständnis vom Dolmetschen und Übersetzen für die Kriminalpolizei. Sie übersetzen rasch und genau – jede lokale Eigenheit und jeden noch so eigenen Dialekt.

Wochenlang hatten Kriminalisten aus Oberösterreich Freunde und Familie eines aus der Strafhaft geflüchteten Serben überwacht. Der Häftling war während eines Krankenhausaufenthaltes entkommen. Ein minimales sprachliches Detail am Telefon überführte den Ehemann seiner Cousine als Kontaktperson zu dem Geflohenen: „Sie haben untereinander vom ‚Schwager‘ des gesuchten Mannes gesprochen“, erzählt Danijela Blagojevic, Dolmetscherin und Übersetzerin in Wien. In der Sprache des Gesuchten wird das Wort „Schwager“ aber auch für den Ehemann der Cousine verwendet. „Wer das nicht weiß, wird in die Irre geführt“, sagt Blagojevic. Sie wusste es und brachte die Kriminalisten auf die richtige Spur und dem Geflohenen ein Wiedersehen mit seiner Gefängniszelle.
„Es ist eine neue Art der Zusammenarbeit mit Dolmetschern“, sagt Rudolf Stelzer, Kriminalbeamter in der Außenstelle Mitte des Landeskriminalamts Wien. Mittlerweile „verborgen“ die Kriminalbeamten der ASt Mitte ihre Dolmetscherinnen und Dolmetscher auch an andere Dienststellen und die meisten von ihnen sind auch schon auf der Dolmetscherliste der LPD Wien.
„Früher war es oft mühsam, geeignete Dolmetscher zu bekommen, vor allem wenn es schnell gehen hat müssen – sowohl für Vernehmungen als auch für Telefonüberwachungen. Was aber noch viel öfter zu Problemen geführt hat, war die Qualität der Übersetzungen.“ Das habe sich oft bei den Gerichtsverhandlungen als Bumerang erwiesen. Die Dolmetscher hatten oft keine entsprechende Ausbildung und Detailkenntnisse ausschließlich in der Sprache, mit der sie aufgewachsen waren. Bosnisch, Serbisch, Kroatisch sind längst nicht mehr deckungsgleich. Es sind drei unterschiedliche Sprachen, und diese Unterschiede werden von den Regierungen forciert.

Jede Stadt hat ihren Slang. „Man versteht sich zwar am Balkan, wenn man will“, sagt die Dolmetscherin Ivana Ilic. „Aber im Prinzip gibt es in jeder Stadt einen eigenen Slang. Wenn es jemand darauf anlegt, versteht ihn aber kaum ein anderer – obwohl er BKS spricht.“ „BKS“ steht für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch – gemeint ist das frühere „Serbokroatisch“. Insgesamt habe sich die Sprache des früheren Jugoslawiens in fünf Sprachen aufgefächert: „Neben den drei Grundsprachen BKS gilt mittlerweile auch Montenegrinisch als anerkannte Amtssprache in Montenegro“, erklärt die Dolmetscherin Nadja Vidakovic. „Außerdem gibt es weitere Sprachvarietäten wie die, die im Sandžak gesprochen wird.“
Das Auseinanderdriften der Sprachen wird staatlich gefördert. Am stärks­ten wird die eigene Sprache in Kroatien gepflegt. „Wettbewerbe in Medien und auf Online-Plattformen werden initiiert, um auch alte sprachliche Begriffe aus dem Kroatischen wieder zu propagieren“, erläutert Ilic.
Ivana Ilic ist als Kind mit ihren Eltern nach Österreich gekommen. Sie ging in Gloggnitz zur Volksschule, maturierte in Wiener Neustadt am Gymnasium und schloss Anfang 2015 das Translationsstudium an der Universität Wien ab. Derzeit studiert sie im Master-Studiengang in den Sprachen BKS, Deutsch und Englisch. Deutsch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch spricht sie auf muttersprachlichem Niveau (C2), Englisch knapp darunter und auf Französisch kann sie sich auf alltäglichem Niveau unterhalten (A2). Sie absolvierte Auslandssemester an Universitäten in Birmingham (England), Zagreb und Zadar (Kroatien) sowie ein Sommer-Kolleg zum „literarischen Übersetzen“ in Premuda (Kroatien). Daneben hat sie gejobbt als Verkäuferin in der „Shopping City Süd“, bei „Tchibo“, als Rezeptionistin in einem Wiener Hotel und seit Abschluss ihres Bachelor-Studiums arbeitet sie als selbstständige Dolmetscherin und Übersetzerin.

Sprache als Hobby und Beruf. „Wir haben zwölf junge Leute zur Verfügung, die allesamt ein Studium in Translationswissenschaft absolviert haben, also höchste Übersetzungsqualität liefern“, betont Stelzer. „Sie kennen diese sprachlichen Details, wie den Unterschied zwischen ‚Schwager‘ und ‚Ehemann der Cousine‘, und sie sind höchst engagiert.“ Die jungen Leute verfügen großteils über einen Bachelor-Abschluss oder sind knapp davor, studieren bereits im Master-Studium oder haben auch dieses schon abgeschlossen. Sie sind nicht nur Sprachentalente, die Auseinandersetzung mit der Sprache ist ihnen Beruf und Hobby. Danijela Blagojevic hat das Bachelor-Studium 2017 abgeschlossen und ist im Master-Studium. Ihre Muttersprachen sind Deutsch und Serbisch, sie spricht Kroatisch und Bosnisch auf muttersprachlichem Niveau (C2), Englisch und Italienisch auf C1-Niveau (zweithöchste Stufe; es gibt A1, A2, B1, B2, C1 und C2) und sie verfügt über Grundkenntnisse in Spanisch und in der rumänischen Teilsprache Walachisch. „Walachisch habe ich von meinen Urgroßeltern gelernt“, erzählt die Wienerin. „Es ist eine Sprache, die in einem serbisch-rumänischen Grenzgebiet gesprochen wird.“
Blagojevic ist in Wien geboren und aufgewachsen. „Ich bin aber nicht nur mit zwei Sprachen groß geworden, sondern auch mit zwei verschiedenen Kulturen“, betont sie. Die Matura erwarb sie 2012 am Gymnasium in der Ettenreichgasse in Wien-Favoriten mit gu­tem Erfolg. Sie begann an der Wirtschaftsuniversität Betriebswirtschaft zu studieren, sattelte aber nach zwei Semestern auf „Transkulturelle Kommunikationswissenschaft“ um. 2015 besuchte sie eine Sprachenschule in Rom und schloss eine Italienisch-Prüfung auf C1-Niveau ab. Mittlerweile hat sie das Bachelor-Studium fertig und ist im Master-Studiengang Translationswissenschaft. Von Beginn ihres Studiums an arbeitete sie nebenbei als Reisebegleiterin, Verkäuferin, Fremdenführerin und bei einer internationalen Exportgesellschaft.

Festnahme in der Muttersprache. Die Kriminalisten des LKAs Wien ziehen die Dolmetscherinnen und Dolmetscher nicht nur für Übersetzung von Telefonüberwachungen und bei Vernehmungen heran. Sie nehmen sie auch zu Einsätzen mit, etwa zu Hausdurchsuchungen. Sie warten abseits des Geschehens zum Beispiel in einem Auto auf die Verhaftung eines Verdächtigen. „Sobald alles gesichert ist, kommen wir mit der Dolmetscherin zum Festnahmeort“, berichtet Rudolf Stelzer. „Früher haben wir in gebrochenem Englisch mit den Festgenommenen kommuniziert. Jetzt reden wir vom ersten Moment an in ihrer Landessprache mit ihnen.“ Das gebe nicht nur den Kriminalbeamten Sicherheit, sondern auch den Verdächtigen.
Auch zu Einsätzen im Ausland, etwa „Vertrauensgesprächen“ in München oder Belgrad, nehmen die Kriminalis­ten die Dolmetscher mit. „Ivana Ilic übersetzt zum Beispiel derzeit von Deutsch auf Serbisch ein 57-seitiges Rechtshilfeersuchen von Österreich an Serbien in Bezug auf einen Verdächtigen wegen eines Einbruchs“, schildert Stelzer. „Das würde sonst auf Deutsch nach Belgrad geschickt werden, müsste dort übersetzt werden – und das würde mitunter Wochen dauern.“ Ilic übersetzt das Schreiben innerhalb von wenigen Tagen. „Nur wenn es auf Serbisch in Belgrad einlangt, haben wir die Chance, dass es rasch bearbeitet wird“, sagt Stelzer.

Leerstellen gibt es nicht. In den Übersetzungen und Dolmetscherabschriften gibt es keine leeren Stellen. „Wenn wir ein Wort nicht verstehen, suchen wir so lange, bis wir eine Lösung haben“, sagt Danijela Blagojevic. „Auf der Uni haben wir gelernt zu recherchieren.“ Die jungen Dolmetscher setzen bei ihren Recherchen nicht nur externe Quellen ein – Wörterbücher oder Onlinedienste –, sie recherchieren in den Sprachgewohnheiten der Betroffenen, sie sehen sich an, aus welchem Sprachgebiet sie kommen könnten und welche Eigenheiten in der Wortbildung und im gesprochenen Dialekt sie daher haben könnten.
„Bei einer Telefonüberwachung haben wir zum Beispiel das Problem gehabt, dass der Sprecher oft von einem ‚Rolley‘ gesprochen hat“, erzählt Danijela Blagojevic. „Am Anfang haben wir geglaubt, er meint ‚Trolley‘. Erst beim Weiterhören haben wir gemerkt: Wenn er ‚Rolley‘ sagt, meint er den Südtirolerplatz.“ Die Dolmetscher haben für solche Fälle ein Kennzeichensystem eingeführt und sie haben ein Glossar für sprachliche Eigenheiten zusammengestellt – Begriffe, die unterschiedliche Volksgruppen unterschiedlich übersetzen oder oft auch nur unterschiedlich aussprechen. „Auf diese Weise ist es uns möglich, Verdächtige am Telefon wiederzuerkennen – selbst wenn sie nach fünf Monaten erstmals wieder auftauchen und selbst wenn die Umgebungsbedingungen schlecht sind, etwa durch Nebengeräusche einer Freisprechanlage in einem Auto oder mit Störgeräuschen wie zum Beispiel am Bahnhof oder in der U-Bahn“, sagt Danijela Blagojevic.

Von Aerodrom zu Zracna Luka. „Jede Sprache lebt, die Sprachen am Balkan haben sich in den letzten zwanzig Jahren aber außergewöhnlich schnell weiterentwickelt“, betont Nadja Vidakovic. Das sei oft mit staatlicher Förderung geschehen, aus lokalpolitischen und aus historischen Gründen. Jede Region pflegt ihre Spracheigenheiten aus identitätsstiftenden Gründen.
Bis vor wenigen Jahren dachte kaum jemand in Kroatien daran, statt des Wortes „Aerodrom“ (Flughafen) etwas anderes zu sagen. Jetzt verwendet man den Begriff „Zracna Luka“ (wörtlich: „Luft-Hafen“). Auch aus dem „Avion“ (Flugzeug) wurde im Kroatischen das „Zrakoplov“. Der Arzt heißt auf Bosnisch „Ljekar“, im Kroatischen „Lijecnik“ und auf Serbisch „Lekar“ (auch „Ljekar“). Die Woche ist auf Bosnisch die „Sedmica“, auf Kroatisch „Tjedan“ und auf Serbisch „Nedelja“ oder „Nedjelja“. Zu Fußball sagt man im Kroatischen nicht wie im Serbischen „Fudbal“, sondern „Nogomet“. Teilweise geht man auf Bosnisch auch zu „Nogomet“ über. Aus dem „Advokat“ für Rechtsanwalt wurde im Kroatischen der „Odvjetnik“. Der Personalausweis ist auf Bosnisch und Serbisch das „Licni Dokument“ und im Kroatischen die „Osobna Izkaznica“.
„Da haben sich Begriffe und Bedeutungen verschoben, die man als Dolmetscherin bei Vernehmungen und Telefonüberwachungen berücksichtigen muss“, sagt Vidakovic. Die Dolmetscher übersetzen zum Beispiel „vom Blatt“, wenn sie den zu Vernehmenden ihre Rechte verlesen. „Das ist eine eigene Technik, die wir auf der Uni eigens gelernt und trainiert haben“, schildert Vidakovic.

Dolmetsch- und Übersetzungstechniken. Die Dolmetscher, die frisch von der Universität kommen, sind in unterschiedlichen Techniken ausgebildet. „Das Dialogdolmetschen muss man ganz anders angehen als das Konferenzdolmetschen oder Fachübersetzen und Sprachindustrie“, erklärt Nadja Vidakovic. Auch das „Flüsterdolmetschen“ sei eine eigene Technik – das ist das Übersetzen, bei dem der Dolmetscher neben oder hinter dem Adressaten sitzt und ihm in seiner Sprache zuflüstert, was sein Gegenüber gerade sagt. Es wird oft bei internationalen Verhandlungen angewendet, wie auch die „Notizentechnik“, bei der sich die Dolmetscherin oder der Dolmetscher Notizen macht, während der eine spricht, und dann in einer Sprechpause die Notizen dem Adressaten übersetzt.
Am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien studieren etwa 4.000 Frauen und Männer. Ihnen stehen 100 Lehrende zur Verfügung. „Es gibt einen starken Frauenüberhang“, sagt Ivana Ilic. „Ich habe in meiner Studienzeit vielleicht sechs Burschen als Studienkollegen gehabt.“
Die Studierenden lernen den professionellen Umgang mit der Sprache. In ihrem Studium müssen sie sich mit drei Arbeitssprachen beschäftigen, einer „A-“, „B-“ und einer „C-Sprache“. Insgesamt werden 14 Sprachen am Institut angeboten. In der „Studieneingangs- und Orientierungsphase“ („STEOP”) sollten die Studierenden ihre ausgewählten Sprachen bereits beherrschen. Deutsch und Englisch werden auf C1-Niveau vorausgesetzt, die anderen Sprachen auf B2-Niveau. Überprüft werden „Hörkompetenz und Textproduktion“, „mündliche Kommunikation“ und „Lesekompetenz und Textproduktion“. Auch „Kulturkompetenz“ wird vermittelt, genauso wie die „Geschichte und Politik“ der Länder, in denen die erworbenen Sprachen gesprochen werden. Ein Thema in Seminaren und Übungen sind auch Mimik und Gestik.

Neutralität und Objektivität. „Als wesentliche Säule des Übersetzens wird im Studium die Neutralität vermittelt“, berichtet Aleksandra Petrovic. „Wir sind Sprachmittler“, betont Nadja Vidakovic. „Das sind wir dem Adressaten schuldig, aber auch demjenigen, dessen Sprachinhalt wir übersetzen“, sagt Danijela Blagojevic. „Wir interpretieren auch nichts, wir übersetzen eins zu eins“, unterstreicht sie. „Unsere Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind dabei überkorrekt“, sagt Rudolf Stelzer. „Die Verdächtigen merken das auch positiv an“, sagt Petrovic. „Und sie sind dankbar dafür.“ Mitunter eröffnet das ein Vertrauensverhältnis, das eine Vernehmung anders verlaufen lässt, als wenn der Vernommene auf Konfrontationskurs geht. „Auch wenn wir eine Telefon­über­wachung übersetzen, haben wir eine Riesenverantwortung“, sagt Nadja Vidakovic. „Die Verdächtigen reden oft über sehr persönliche, manchmal auch intime Dinge. „Unsere Pflicht ist es, das ganz schlicht und neutral zu übersetzen und nichts hineinzuinterpretieren.“
Durch den Spaß an der Sprache kommt der Spaß an der Arbeit nicht zu kurz. „Wir haben zum Beispiel einen Verdächtigen gehabt, der seinem Freund am Telefon gesagt hat, dass er immer glücklich ist, wenn er seinen Namen als Anrufer am Display sieht“, erzählt Danijela Blagojevic. „Er hat dem Namen seines Freundes ‚Bec‘ hinzugefügt. ‚Bec‘ bedeutet ‚Wien‘. Aleksandra und ich haben das jetzt auch auf unseren Handys gemacht und nennen uns auch so – ich sage ‚Anna-Bec‘ zu ihr und sie ‚Danijela-Bec‘ zu mir. Schließlich sind wir nicht nur Berufskolleginnen, sondern auch Freundinnen.“

„Kulturkompetenz“. „Was wir zur Kulturkompetenz auf der Uni gehört haben, kommt uns beim Dolmetschen und Übersetzen für die Polizei besonders zugute“, sagt Nadja Vidakovic. „Die meisten Männer am Balkan reden zum Beispiel ganz anders, wenn sie mit einer Frau reden, als wenn ein Mann ihr Gesprächspartner ist.“ Wie die Täter einzelnen Dialekten, Kulturformen oder Akzenten zugeordnet werden können, können sie auch umgekehrt dadurch, wie sie sprechen, einzelnen Regionen zugeordnet werden. „Wenn ich jemanden mit einem besonderen Akzent und eigenen Wörtern reden höre, weiß ich oft schon, wo er herkommt“, sagt Vidakovic.
Nadja Vidakovic‘ Eltern sind aus Bosnien, sie hat aber auch Verwandte in Serbien und Kroatien. Sie ist bosnische und kanadische Staatsbürgerin und seit einigen Jahren Meidlingerin, betont sie. In Montreal (Kanada) hat sie eine französische Grundschule besucht. In Ravensburg (Deutschland) ging sie ins Gymnasium. Seit 2017 ist sie selbstständige Dolmetscherin und Übersetzerin in Wien. Sie kennt die Nuancen, in denen sich Bosnisch, Serbisch und Kroatisch voneinander unterscheiden. Als Muttersprachen gibt sie BKS und Deutsch an und spricht Englisch, Französisch und Italienisch fließend.

Übersetzen auf der Parkbank. „Ich habe noch bei keinem anderen Dolmetscher auf der Dolmetscher-Liste einen solchen Hintergrund erlebt“, betont der Kriminalbeamte Rudolf Stelzer. „Das Wertvollste an unseren neuen Dolmetscherinnen und Dolmetschern ist das, was sie von der Universität mitbringen.“ Zudem seien die jungen Leute außergewöhnlich engagiert. „Da kommt es vor, dass sie am Handy angerufen werden, sich ad hoc auf eine Parkbank setzen und dolmetschen oder übersetzen – so wie es Aleksandra Petrovic kürzlich gemacht hat“, erzählt Stelzer.
„Wir sind ständig mit ihnen in Kontakt, es ist auch fast immer jemand bei uns und übersetzt, so dass wir – wann immer es notwendig ist – jemanden von unseren Dolmetscherinnen und Dolmetschern zur Verfügung haben“, sagt Rudolf Stelzer. Notwendig geworden sei dieser Aufwand im Zuge der „Operation Streetrunner“, bei der die Kriminalbeamten der LKA-Außenstelle Mitte ständig neue Verdächtige aufarbeiten. Seit Sommer 2017 wurden in dieser Amtshandlung 206 Verdächtige festgenommen – 201 von ihnen wurden in das Landesgericht Wien überstellt. Es gab 122 Hausdurchsuchungen, sichergestellt wurden fast 37 Kilogramm Heroin, 900 Gramm Kokain und weit mehr als 200.000 Euro Bargeld.
In den letzten eineinhalb Jahren bearbeiteten die Kriminalbeamten über zwei Millionen Telefonverbindungen. Bis auf wenige Ausnahmen mussten sie übersetzt werden. Hinzu kamen Vernehmungen und Befragungen – allesamt in einer der Sprachen: Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch.

Start-ups der Kriminalität. „Wir haben einmal eine Telefonüberwachung bei einem Verdächtigen verfolgt, der bis zu 1.400 Verbindungen am Tag gehabt hat“, schildert Nadja Vidakovic. Der Überwachte handelte von seinem „Home-Office“ aus mit Drogen aller Art. „Unser Kollege Alex hat sich einen Kaffee geholt, und als er aus der Küche zurückgekommen ist, hat er festgestellt, dass er 200 Telefonate versäumt hat.“ „Unsere Dealer sind wie Start-ups“, sagt der Kriminalbeamte Rudolf Stelzer. „Sie arrangieren ihre Geschäfte, als würden sie den Ein- und Verkauf von ganz normalen Waren organisieren.“
Der Dolmetscher Aleksander Gajicic ist der „Slang-Experte“ der jungen Dolmetschergruppe. „Derzeit gibt es zwei Jargon-Sprachen“, erläutert Nadja Vidakovic. „Satrovacki ist ein Jugend-Code vorwiegend in Großstädten und Utrovacki wird von den ganz jungen Leuten zur Abgrenzung von anderen Generationen gesprochen.“ Satrovacki ist schon mehrere Jugendgenerationen alt; jede Generation hat ihre eigenen Worte und Phrasen in der Sprache hinterlassen. Lange Zeit hat Satrovacki als Gaunersprache gegolten. Oft werden in solchen Code-Sprachen Silben vertauscht wie bei „Lobe“, das statt „Belo“ (das Weiße) verwendet wird. „Linz“ wird auf Utrovacki zu „Ucezalinje“. „Oft lässt sich nicht erklären, woher einzelne Wörter kommen oder wie sie zu dem geworden sind, was sie jetzt sind“, sagt Vidakovic. Es gibt aber bestimmte Grundsystematiken.
Der Sprachcode Utrovacki beispielsweise ist bekannt dafür, Wörter des Satrovacki mit umgekehrten Silben zu verwenden. Im Vorder-, Mittel- und Schluss­teil des Wortes werden jeweils immer die gleichen Buchstaben bzw. Silben eingesetzt, um das eigentliche Wort zu verschleiern. Die hinzugefügten Buchstaben bzw. Silben sind immer die gleichen. So wird aus dem Wort für „Drogen“, „droga“, „gadro“ und in weiterer Folge „(u)ga(za)dro(nje)“. Aleksander Gajicic hat ein Glossar zu den beiden „Geheimsprachen“ der jungen Drogenschmuggler vom Balkan erstellt, wonach etwa aus LSD „Bijeli Duh“ wurde oder aus „Opijum“ „Csokolada“.
Gajicic wuchs in Wien auf. Er maturierte 2007 am „Bundesrealgymnasium 4“. Nach dem Bundesheer ging er zur „Austro Control“. Seit Oktober 2014 studiert er „Transkulturelle Kommunikation“ und ist seit Herbst 2017 selbstständiger Dolmetscher und auf der Dolmetscherliste der Wiener Polizei.
Aleksandra Petrovic sprach als Kind in Serbien teilweise die Jugendsprachen Satrovacki und Utrovacki, um sich von ihren Eltern abzugrenzen oder „einfach aus Spaß“ mit ihren Freundinnen. Sie ist in Serbien zur Welt gekommen und ging dort auch zur Schule. 2013 kam sie zum Studieren nach Wien und absolvierte den Bachelor-Studiengang Translationswissenschaft in Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Deutsch und Englisch. Seit Anfang 2018 ist sie im Master-Studiengang. Nebenbei arbeitete sie unter anderem als Verkäuferin bei der Drogeriekette BIPA, in einem Modegeschäft und gab Englisch-Nachhilfe. Mittlerweile ist sie selbstständige Dolmetscherin.

Bruder der Mutter oder des Vaters? Auch Melly Jaskic kennt die Feinheiten der Balkansprachen. Sie löste kürzlich einen Fall, in dem es um einen speziellen Onkel ging: „Dazu muss man wissen, dass es in BKS-Sprachen nicht einfach einen Onkel und eine Tante gibt“, erklärt Jaskic. „Man unterscheidet zum Beispiel zwischen einem Onkel, der der Bruder des Vaters ist, und einem Onkel, der der Bruder der Mutter ist.“ Auf Serbisch und im Kroatischen heiße Ersteres „Stric“ und Zweiteres „Ujak“; auf Bosnisch sage man „Amidza“ und „Dajdza“. Noch dazu wird das hauptsächlich von Serben in dieser Weise verwendet, die in einem bosnischen Grenzgebiet leben. Jaskic erkannte diese Feinheit und brachte die Kriminalis­ten auf die richtige Spur.
Melly Jaskic ist gebürtige Bosnierin. Ihre Eltern wanderten nach Deutschland aus. Dort ging sie zur Schule und absolvierte 2017 das Bachelor-Studium Translationswissenschaft an der Universität Heidelberg. Im Sommer 2017 ging sie nach Wien und begann das Master-Studium. Deutsch und BKS bezeichnet sie als ihre Muttersprachen. Auf C1-Niveau spricht sie Englisch, Französisch und Italienisch. 2016 verbrachte sie ein halbes Jahr als Praktikantin und als Übersetzerin in Italien.
In manchen Fällen leben die Dolmetscherinnen und Dolmetscher auch mit ihren Fällen mit. „In einem Fall habe ich mich ordentlich täuschen lassen“, schildert Nadja Vidakovic. Ein Verdächtiger hatte seinem übergeordneten Drogenhändler am Telefon erzählt, er brauche seinen Pass, um nach Serbien nach Hause zu fahren. Den Pass mussten die Kleinhändler dem „Chef“ aushändigen, wenn sie in Wien für ihn arbeiteten. „Er hat am Telefon geweint, weil angeblich seine Mutter gestorben war“, erzählt Vidakovic. „Er hat das so herzzerreißend geschildert, dass man es hat glauben müssen.“ Der „Chef“ hatte es ihm auch abgenommen und ihm den Pass gegeben, damit er zum „Begräbnis“ seiner Mutter fahren konnte.
Später stellte sich heraus, dass alles nur Theater war. Die Mutter des Kleindealers war munter und lebendig. Er wurde aufgrund von Telefongesprächen des Suchtgifthandels überführt und bei seiner Rückfahrt nach Wien wurde er an der serbisch-ungarischen Grenze festgenommen. Auch dem „Chef“ wurden Drogengeschäfte nachgewiesen, so dass er zu acht Jahren Haft verurteilt wurde. Er hatte mehr als dreißig Handys für seine Geschäfte in Verwendung.