Kriminalgeschichte

Blinder Hass

Vor 50 Jahren wurde in der Wiener Staatsoper eine Ballettschülerin erstochen. Es handelte sich um eines der spektakulärsten Verbrechen seit Kriegsende in Österreich.

Als die 64-jährige Pensionistin Emma Laasch am 6. August 1963 ihr Wohnhaus in der Tuchlauben 3 in der Wiener Innenstadt verlassen wollte, stand ihr im Flur plötzlich ein Mann gegenüber. Er stach der Frau mit einer Gabel in den Hals und versuchte, ihr die Handtasche zu entreißen. Das Opfer schrie laut, rannte auf die Straße und auf eine Kreuzung zu, an der Polizeiwachmann Johann Kowarik vom Wachzimmer Am Hof den Verkehr regelte. Die Pensionistin schilderte dem Polizisten den Überfall und gab an, dass der Täter in das Haus Tuchlauben 5 geflüchtet sei. Der Polizist rannte daraufhin in dieses Haus und traf im zweiten Stock einen Mann an. Dieser gab an, er habe ein dringendes Bedürfnis gehabt und im Haus ein WC aufsuchen wollen. Er habe die Hausmeisterin um den WC-Schlüssel ersuchen wollen, aber eine Mitteilung gesehen, dass sich die Hausmeisterin in der Waschküche in einem oberen Stock befände. Deshalb sei er in den zweiten Stock gegangen.

Ein Serientäter? Polizeiwachmann Kowarik ließ sich nicht beirren und forderte den Mann auf, mit ihm in das Wachzimmer Am Hof zu gehen. Auf der Straße trafen die beiden auf die überfallene Frau. Diese war sich aber zunächst nicht mehr sicher, denn der Täter hatte beim Überfall einen Pullover getragen. Später stellte sich heraus, dass er den Pullover im Haus weggeworfen hatte.
Im Wachzimmer Am Hof begann der Festgenommene zu randalieren. Er wurde in das Sicherheitsbüro in die Berggasse gebracht, wo seine Identität festgestellt wurde. Es handelte sich um den 33-jährigen Josef Weinwurm. Er wurde zu weiteren Messerattacken auf Frauen in den Wochen davor befragt. Denn am 17. Juni wurde die 26-jährige Waltraud Brunner aus Wien-Penzing in einem Kino am Graben durch einen Messerstich verletzt; am 23. Juli wurde die 22-jährige Studentin Virginia Caroll Chieffo aus New York in der Augustiner-Kirche durch mehrere Messerstiche in die Brust und in den Rücken schwer verletzt und am 2. August stach ein Unbekannter der 41-jährigen Verkäuferin Maria Brunner im Stadtpark in den Nacken. Einige Opfer erkannten auf vorgelegten Fotos Weinwurm als Täter wieder. Dieser leugnete die Überfälle; über ihn wurde die Untersuchungshaft verhängt.

Der Mord in der Oper. Inzwischen häuften sich Verdachtsmomente, dass Weinwurm auch der Mörder einer Ballettschülerin in der Wiener Staatsoper sein könnte. Am 12. März 1963 wurde kurz nach 17 Uhr in einem Duschraum im zweiten Stock des Bühnengebäudes in der Wiener Staatsoper die zehnjährige Dagmar Fuhrich aus Wien-Alsergrund tot aufgefunden. Eine Friseurin wollte sich duschen und entdeckte die Leiche. Als die Tatortarbeit begann, strömten bereits Besucher in die Abendvorstellung. Auf dem Programm stand Richard Wagners „Walküre“. Die Gerichtsmediziner stellten fest, dass auf den Körper der Ballettschülerin 37-mal eingestochen worden war. Spuren eines sexuellen Missbrauchs fanden sich nicht. Ein Mädchen gab zu Protokoll, in der Oper einen fremden Mann gesehen zu haben, etwa 42 Jahre alt, dunkelblond, 172 Zentimeter groß und Narben im Gesicht. Im Duschraum sicherten die Ermittler einen Schuhabdruck.
Die Polizei befragte das Personal der Staatsoper und der Lieferfirmen, die Mitschülerinnen des Opfers, Männer, die als „sexuell abwegig“ registriert waren und viele weitere Zeugen und Verdächtige. Insgesamt gab es 14.000 Befragungen und Einvernahmen. Für die Ergreifung des Täters wurde von der Polizei eine Belohnung von 20.000 Schilling ausgesetzt, von Tageszeitungen wurde die Summe auf 60.000 Schilling erhöht. Schon kurz nach dem Mord gab es einen Hinweis auf den Täter. Ein Justizwachebeamter aus Göllersdorf gab bei der Polizei bekannt, dass er Weinwurm bei seiner Entlassung zwei Taschenmesser ausgefolgt habe. Eines davon ähnelt jenem Messer, das in den Tageszeitungen als mutmaßliche Tatwaffe veröffentlicht wurde.

Geständnis nach langen Einvernahmen. Weinwurms Bild wurde in den Tageszeitungen veröffentlicht, es kamen aber keine zielführenden Hinweise. Als der Verdächtige befragt wurde, wo er sich am Mordtag aufgehalten hatte, sagte er, er sei gegen Mittag mit dem Zug nach Salzburg gefahren und dort ins Kino gegangen. Die Ermittlungen ergaben aber, dass er erst den 20-Uhr-Abendzug genommen hatte, der noch dazu mit zehn Minuten Verspätung vom Westbahnhof abgefahren war. Am nächsten Tag fuhr er nach Deutschland weiter und verübte dort mehrere Diebstähle. Seit seiner Entlassung aus dem Arbeitshaus wohnte er unangemeldet bei einem Kellner, den er aus einer Strafanstalt kannte.
Weinwurm wurde immer wieder einvernommen. Am 27. August verlangte er nach einem bestimmten Kriminalbeamten, mit dem er während der langen Einvernahmen eine Beziehung aufgebaut hatte. Vor ihm legte er ein Geständnis ab. Das Motiv für seine Überfälle sei Hass gegen Frauen gewesen. Am 12. März habe er wieder einmal mit seiner Mutter gestritten, danach sei er in das Staatsoperngebäude gegangen. Er habe das Gebäude gekannt, weil er hier vier Tage davor einen Diebstahl begangen habe. Deshalb habe er gewusst, dass sich hier Mädchen aufhielten. In der Oper sei ihm die Ballettschülerin begegnet. Er habe sie angesprochen, ihr gesagt, die Probe fände in einem anderen Raum statt und er werde sie dorthin bringen. Er habe das Mädchen gefragt, ob es schon ärztlich untersucht worden sei. Als es verneinte, habe er gesagt, er werde sie untersuchen. Er sei mit dem Mädchen in den Vorraum des Duschraums gegangen. Die Ballettschülerin habe nun Verdacht geschöpft und zu flüchten versucht. Er habe ihr daraufhin einen Faustschlag versetzt, sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dann mit einem Messer auf das Opfer eingestochen. Nach dem Mord sei er geflüchtet. Den blutigen Trenchcoat und die Handschuhe habe er in der Hofburg versteckt. Der Mantel wurde von einem Arbeiter gefunden und mitgenommen. Als er in der Zeitung von der Aufklärung des Mordes las, brachte er den Trenchcoat zur Polizei. Die Handschuhe waren noch dort, wo sie Weinwurm versteckt hatte.

Kriminelle Karriere. Josef Weinwurm wurde am 30. September 1930 in Haugsdorf in Niederösterreich geboren und war der Polizei als gewerbsmäßiger Einschleichdieb bekannt. Bei der Gerichtsverhandlung wurde allgemein bekannt, dass er schon als Jugendlicher eine Schülerin und eine Frau überfallen hatte: Im März 1947 bedrohte der damals 17-Jährige in einer Schule ein Mädchen mit einer Pistole und forderte es auf, sich auszuziehen. Als das Kind zu schreien begann, wollte Weinwurm flüchten, wurde aber noch in der Schule festgenommen. Das Jugendgericht erklärte ihn für schuldig, sprach aber keine Strafe aus. Knapp zwei Jahre später, am 22. Jänner 1949, bedrohte Weinwurm eine Frau mit einer Schere. Als die Überfallene um Hilfe rief, flüchtete er, wurde aber kurz danach in einem Haus gefasst. Ein Gerichtspsychiater empfahl, den Täter in einer geschlossenen Heilanstalt für Geisteskranke unterzubringen, da er „gemeingefährlich“ sei. Im April 1949 wurde Weinwurm in die psychiatrische Anstalt „Am Steinhof“ in Wien eingeliefert und ein Jahr später als „gebessert und einsichtsvoll“ entlassen.
Im Jänner 1953 wurde Weinwurm neuerlich festgenommen; diesmal wegen vieler Eigentumsdelikte. Wegen 82 nachgewiesener Diebstähle wurde er als „voll zurechnungsfähiger Psychopath“ zu vier Jahren schweren Kerker verurteilt. Am 5. Oktober 1955 wurde er aus der Justizanstalt Stein in Niederösterreich entlassen. Die nächste Festnahme erfolgte schon am 22. November 1955. Wegen vieler weiterer Diebstähle und Einbrüche wurde er zu vier Jahren Kerker verurteilt. Seine „Spezialität“ waren Einschleichdiebstähle. Nach seiner Haftentlassung am 11. März 1961 war er nur etwas mehr als fünf Wochen in Freiheit. Am 18. April 1961 kam er wieder in Untersuchungshaft. Wegen gewerbsmäßigem Einschleichdiebstahl wurde er zu zehn Monaten schweren Kerker verurteilt, verbunden mit der Einweisung in das Arbeitshaus Göllersdorf. Von dort wurde er am 5. März 1963 entlassen, eine Woche vor dem Mord an Dagmar Fuhrich.
Josef Weinwurm wurde am 10. April 1964 vom Geschworenengericht des Landesgerichts Wien wegen Mordes und dreifachen Mordversuchs zu lebenslangem Kerker verurteilt, verschärft durch ein hartes Lager, Fasten und Dunkelhaft vierteljährlich. Im Sommer 1966 verübte er einen Selbstmordversuch. Er starb am 22. August 2004 nach fast 41 Jahren Haft in der Justizanstalt Stein. Er war damals der „längstdienende“ Häftling Österreichs.
Der aufsehenerregende Mordfall forderte indirekt ein weiteres Opfer: Der erfolgreiche Kriminaloberinspektor Rudolf Rothmayer wollte unbedingt zur Aufklärung des Opernmordes beitragen. Obwohl er ernstlich erkrankt war, stellte er sich in den Dienst. Er mutete sich zu viel zu, musste in ein Krankenhaus gebracht werden, wo er kurz darauf starb.
W. S.