Titelthema

Sex 2.0

Die Sexualberatungsstelle „Courage“ lud zur Fachtagung „Sex 2.0 – Sexualitäten, Intimitäten und Beziehungen im Zeitalter Neuer Medien“.

Manche Bereiche unseres Lebens stehen – nicht zu unrecht – unter Generalverdacht, Kriminalität anzulocken. Dazu zählt Sexualität, von häuslicher Gewalt über Kindesmissbrauch bis zum Rotlichtmilieu.
Ein weiteres Thema, das bei vielen die Alarmglocken läuten lässt, ist das Internet. Terroristen treiben dort ebenso ihr Unwesen wie die Betreiber von Abzock-Sites, man kann sich Viren und Würmer holen oder gar süchtig werden. Wie schlimm ist es erst, wenn Sexualität und Internet aufeinander treffen? Die Initiatoren der Fachtagung „Sex 2.0 – Sexualitäten, Intimitäten und Beziehungen im Zeitalter Neuer Medien“ wollten es genauer wissen und luden österreichische und deutsche Experten ins Adolf-Czettel-Bildungszentrum der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien ein.

Ohne Tabus. Für den Veranstalter der Tagung ist sein Name Programm: Courage. Die Mitarbeiter der gleichnamigen „PartnerInnen-, Familien- und Sexualberatungsstelle“ sind es gewöhnt, über Dinge zu reden, bei denen anderen die Sprache fehlt. Mag. Johannes Wahala, Leiter der Beratungsstelle und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung, stellte einleitend einige Fragen, die sinngemäß wohl etliche der Tagungsteilnehmer beschäftigten: „Bricht die Konfrontation mit Sex im Internet notwendige Tabus auf, oder verwischt sie die Grenze zwischen Fantasie und Realität und führt gar zu mehr sexueller Gewalt? Welche Chancen und Gefahren ergeben sich daraus für Kinder und Jugendliche, die schon früh durch die Neuen Medien sozialisiert werden?“

Wetter vor Sex und Porno. Als erste Referentin bestieg Prof. Dr. Nicola Döring vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau das Podium. Bei ihren einleitenden Worten war es das erste, aber noch lange nicht das letzte Mal an den beiden Tagen, dass so verbreitete wie falsche Ansichten widerlegt wurden. Oder doch nicht? „Ist Sex das Thema Nummer eins im Internet?“ lautete ihre rhetorische Frage. Bevor sie antwortete, tippte sie auf der Tastatur ihres Notebooks das Wort „Sex“, das mittels eines Beamers an die Wand projiziert für alle Teilnehmer gut sichtbar im Eingabefeld der Suchmaschine „Google“ erschien. Sie startete die Suche – und wiederholte das ganze mit den Wörtern „Porno“ und „Wetter“.
Ein Vergleich der Anzahl der Suchergebnisse erstaunte: „Wetter“ lag klar vor „Sex“ und „Porno“! Also sind unsere Mitmenschen doch eher daran interessiert, ob morgen die Sonne scheint, als an Inhalten der nicht jugendfreien Sorte? Eigene Recherchen, sicherheitshalber durch Zwischenschalten eines Anonymisierers vor etwaigen Einflüssen vorhergegangener Google-Abfragen geschützt, lieferten allerdings ein anderes Resultat: Nun konnte „Porno“ gut 4,6 mal und „Sex“ gar mehr als 15,5 mal so viele Ergebnisse für sich verbuchen wie „Wetter“. Dass „Ostern“ heuer Ende März sogar die Online-Wettervorhersage getoppt haben soll, ließ sich leider nicht mehr nachprüfen.

Kindersicherung. Nächster Versuch: Prof. Döring tippte „Analsex“ ein: „Es wurden keine mit ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden.“ Gibt's das? Die Medienpsychologin grinste, sie wollte uns nur die Wirksamkeit des installierten Kindersicherungsprogramms vorführen. Wenn man das deaktiviert, wird es, zumindest bei den ersten von rund 182 Millionen Suchergebnissen, weniger „schmutzig“ als vielleicht befürchtet: An erster Stelle lag ein wie üblich recht sachlich gehaltener Wikipedia-Eintrag zum gefragten Thema, der unter anderem das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken, behandelte.
Diesmal kam eine anonymisierte Überprüfung zum gleichen Ergebnis: Wikipedia belegte Platz eins – und lieferte gleich ein zur Tagung passendes Zitat aus einer 2010 von Debby Herbenick durchgeführten Studie zum Sexualverhalten, in dem die zunehmende Beliebtheit von Analverkehr der Internet-Nutzung zugeschrieben wird: „Wir sind (...) nicht sicher, wie der plötzliche Anstieg zustande kommt, vermuten aber einen Zusammenhang mit dem Wachstum des Internets, welches sich bei der letzten Studie (1992) noch in der Anfangsphase befand.“ Die Site auf dem zweiten Platz war nicht mehr erreichbar, auf Platz drei lag der „Netdoktor“.
Prof. Döring ging die folgenden Suchergebnisse durch: weitere Expertenratschläge, Beiträge in Online-Foren, Videos mit Tipps und Tricks ... Diese Mischung sei typisch bei der Google-Suche zu Sex-Themen, meinte die Medienpsychologin. Auch Peer-to-Peer-Beratung durch von Sexualpädagogen geschulte Jugendliche gibt es, etwa im Web-Forum der Jugendzeitschrift „Bravo“, die schon lange vor der Zeit des Internets durch Beiträge zum damals noch viel stärker tabuisierten Thema Sexualität für Aufregung gesorgt hatte. Der Tenor der Professorin: „Im Vergleich schneidet die Online-Info nicht schlechter ab als Offline-Informationen.“

„Pornografie-Kompetenz“. Was geschieht aber, wenn man im Internet gezielt nach Pornografie sucht? Das tut der Nachwuchs laut Prof. Döring ab der Pubertät – und dann stellen Filterprogramme kein ernst zu nehmendes Hindernis mehr dar; gefragt sei daher vielmehr „Pornografie-Kompetenz“. Beim einschlägigen Kompetenzerwerb seien die Jugendlichen mit zwei Trends konfrontiert. Erstens einmal mit Liberalisierung: Sexuelle Orientierungen und Vorlieben, die früher gesellschaftlich sanktioniert waren, werden offen zur Schau gestellt. Das helfe, so Döring, z. B. Menschen, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, beim „Coming out“ – also dabei, zu ihrer Neigung zu stehen.
Natürlich sollte man sich nicht zu jeder Neigung bekennen, schränkte Prof. Döring ein, und wies auf die „Problematik der Vernetzung von Minderheiten mit möglichem selbst- oder fremdschädigendem Sexualverhalten wie Pädophilie oder Kannibalismus“ hin. Dass Pädophile Fotos und Videos über das Internet austauschen, ist kein Geheimnis. Kannibalistische Fantasien wurden – zumindest, so weit bekannt ist – in Deutschland bisher nur einmal mit Hilfe des Internets in die Tat umgesetzt: Der Deutsche Armin Meiwes nahm per Internet zu seinem späteren Opfer Bernd Brandes Kontakt auf, das laut Meiwes einwilligte, sich töten und seine Geschlechtsteile verzehren zu lassen. Die 2001 begangene Tat filmte der Kannibale mit; 2006 wurde er wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

„Bang With Friends“. Auch abseits solcher Grauslichkeiten kann das Internet (nicht nur) Jugendliche dazu bringen, eine durchaus sinnvolle Grenze zu überschreiten – die zwischen Sex aus Spaß und Sex als Job. Trend Nummer zwei ist laut Prof. Döring nämlich die zunehmende Kommerzialisierung. Etliche junge Menschen finden nichts dabei, sich in mehr als zweideutigen Posen und bei einschlägigen Vergnügungen zu fotografieren und zu filmen – und die Aufnahmen mit ihren Facebook-„Freunden“ zu teilen. Und wenn dann am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist? „Ich stell mir eine Kamera ins Schlafzimmer, um was dazuzuverdienen“, gab Prof. Döring die Überlegung wieder, die Menschen dazu bringen kann, einen unüberlegten Einstieg in den wachsenden Bereich der semiprofessionellen Sexarbeit zu wagen.
Die Moral von der Geschicht'? „Ausschlaggebend für die Wirkung sind vor allem Intensität und Art der Nutzungsweisen sowie die Integration in den sexuellen Offline-Alltag“, fasste die Medienpsychologin zusammen. Dass vor allem jüngere Internet-Nutzer ihr Liebesleben sowohl on- als auch offline führen wollten, zeige die überaus erfolgreiche App „Bang With Friends“. Dieses Programm dient dazu, diejenigen Facebook-Freunde zu markieren, mit denen man gern ein amouröses Abenteuer erleben möchte. Haben diese die Applikation ebenfalls installiert und beruht der Wunsch auf Gegenseitigkeit, steht einer Kontaktaufnahme nichts mehr im Wege.
Mitunter kann es da schon passieren, dass sich der „Freund“, den man sich nach dem Austausch erotischer Fantasien im Text-Chat als Märchenprinz vorstellt, als Frosch entpuppt. „Fakes“, also falsche Angaben zu Alter, Geschlecht oder ganz allgemein zum Aussehen, kommen vor, gab Dipl.-Soz. Arne Dekker, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, zu bedenken. Der Soziologe hatte für die Studie „Studentische Sexualität im Wandel 1966-2012“ junge Frauen und Männer mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren zum Thema Online-Sex befragen lassen. Erfahrungen damit hatte über ein Viertel der Interviewten, vor allem mit Text-, erst in zweiter Linie mit Video-Chat.

Gesunde Skepsis zu Chat-Partnern. „Ich habe das Gefühl gehabt, die Studierenden gehen damit souverän um“, stellte Dipl.-Soz. Dekker fest. Die Nutzer seien sich im Klaren darüber, dass nicht alles, was der Chat-Partner von sich gibt, authentisch sein muss: „Bewusst oder unbewusst fragt sich der Chattende: ‚Bist du eigentlich wirklich?'“ Diese – an und für sich gesunde – Skepsis führe dazu, dass manchmal auch Echtes angezweifelt werde. Der Soziologe zitierte eine Interviewte, die beschuldigt worden war, als homosexuell veranlagter Mann nur vorzugeben, eine Frau zu sein: „Mich hat mal jemand für'n Mann gehalten und wüst beschimpft“. Ihr Schluss aus dem Infragestellen ihrer weiblichen Identität: „Also, man muss sich schon (...) gut verkaufen!“
Solche Erlebnisse sollten Online-Sex Suchende besser nicht zu persönlich nehmen. „Man muss damit umgehen, dass man gleichzeitig einen realen und einen fiktionalen Körper hat“, beschrieb Dipl.-Soz. Dekker die Fertigkeit, die es dem Nutzer ermöglicht, eine gewisse Distanz zu dem zu bewahren, was mit seinem digitalen „Ich“ geschieht, und sich dabei möglichst lustvoll in der virtuellen Realität zu bewegen. Wenn eine Befragte ihre Erlebnisse beim „Eintauchen in die Fantasiewelt“ schildert, klingt das ungefähr so: Wir sind in einer „Hütte (...), in der ein Kaminfeuer prasselt. (...) Dann fesselt man jemanden ...“ Funktioniert das „Kopfkino“, dann sind sich realer und fiktionaler Körper einig: „Das sind alles so Sachen, die geschrieben werden, und dann existieren sie bei mir im Kopf (...), das geht (...) bis hin zum Orgasmus.“
Einer Studentin Anfang bis Mitte 20 kann man vielleicht zutrauen, dass sie mit ihrem fiktionalen Körper und virtueller Bondage am offenen Kamin zurechtkommt. Aber wie sieht es mit Jugendlichen aus, die sich in einschlägige Chat-Rooms verirren? Sex mit 14 Jahren und Fesselspiele mit 16? Das gespannt lauschende Publikum war wieder einmal an einem Punkt angelangt, an dem Vorurteile über Bord geworfen werden sollten, und zwar mit Hilfe einer unter Jugendlichen durchgeführten Studie. „Ich will die Mythen über Jugendsexualität mit empirischen Daten konfrontieren“, leitete Dipl.-Soz. Dr. Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ihren Vortrag ein.

Liebe und Treue. „Jugendliche fangen immer früher an“, nannte Dr. Matthiesen den „Mythos Nummer eins“. Überprüft wurde er mit der Fragestellung nach dem Alter beim ersten Geschlechtsverkehr. Die letzte gravierende Änderung gab es in den 1970er-Jahren – damals waren die weiblichen Jugendlichen erstmalig (zumindest, seit diesbezügliche Befragungen durchgeführt werden) früher dran als die männlichen – und sind es nach wie vor. Nach 1970 hatten um 30 % mehr Jugendliche vor ihrem 18. Geburtstag Sex als in den 1960ern, was eine der Auswirkungen der sexuellen Revolution der „68er“ sein dürfte. An dieser Zahl habe sich bis heute kaum etwas geändert. Wer es im Detail wissen möchte: Ein Viertel der Jugendlichen gab 15 als „Einstiegsalter“ an, bei zwei Dritteln lag es bei 17 Jahren.
So weit zur Quantität. Was die – möglicherweise durch das Internet beeinflusste – „Qualität“ angeht, attestierte die Soziologin der Jugend eine konservativere Einstellung, als allgemein angenommen wird: „In einer Beziehung sind die Jugendlichen treu. Sex gilt als Besiegelung einer festen Beziehung, daher sind auch Liebe und Treue wichtig.“ Schon jemand anderen zu küssen, sei ein Trennungsgrund. Ob darin die Ursache für die relativ kurze Dauer der Beziehungen – bis 18 hat man heute durchschnittlich zwei bis drei hinter sich – liegt?

Weibliche Jungendliche sind an Pornos wenig interessiert. Auch das klingt nicht sonderlich aufregend und ist – sofern das Schutzalter beachtet wird – Privatsache. Anders sieht es bei Pornos, vor allem der härteren Sorte, aus. Die Befragung zu diesem Thema ergab laut Dr. Matthiesen einen erheblichen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen. Für letztere sei Pornografie „ganz selbstverständlich“: „Sie sehen Pornos im Internet ungestört, unkontrolliert und von zu Hause aus, die Hälfte rund einmal pro Woche. Die meisten fangen mit 13, 14 Jahren damit an.“ 92 % der Mädchen dagegen konsumieren Pornos nicht oder nur sporadisch.
Eine potenzielle Gefahr, in die Sucht abzugleiten oder sich immer gewalttätigere – und daher verbotene – Videos reinzuziehen, besteht also nur bei den Burschen. Die Studie gibt aber auch hier Entwarnung: Mehr als ein Drittel der männlichen Interviewten behauptete, seltener Pornos anzusehen als früher. Die Begründung: Weniger Langeweile und mehr Sex mit der Freundin. Ein einziger Befragter fürchtete, „die Kontrolle zu verlieren“ und gab an, Pornos im Internet bewusst zu meiden, um nicht von den „ekligen“ und „gegen die Frauen verletzenden“ Darstellungen erregt zu werden.
Dass extreme Dinge nicht anturnen – und daher laut der Soziologin „ineffektiv“ für sexuelle Solo-Vergnügungen sind, fanden übrigens die meisten jungen Männer. Wenn sie allein Pornos ansahen (das taten 91 %), bevorzugten sie daher „konventionellen Heterosex“. Beim gemeinsamen Konsum mit einem Freund (von 56 % praktiziert) dagegen ging es um den „Spaßfaktor“ – und wohl auch darum, zu beweisen, dass es einem nicht so schnell graust – also wurden „besonders bizarre Darstellungen“ gewählt. Allerdings gilt es als „uncool und peinlich, dabei erregt zu werden“. Nur 24 % der Burschen sahen mit ihrer Freundin Pornos – und das, so Dr. Matthiesen, mit mäßigem Erfolg: „Er wird erregt, sie genervt oder müde. Zum Teil ist es eine Anregung, mal eine andere Stellung auszuprobieren.“
Der Anteil der männlichen Jugendlichen, die bei der Suche nach „Bizarrem“ oder – seltener – zufällig über für sie abstoßende oder erschreckende Pornos gestolpert waren, lag doch recht hoch bei rund zwei Dritteln. Jeder dritte gab an, Kot- oder Urinspiele, jeder vierte SM bzw. Bondage, jeder fünfte anale oder vaginale Insertion von Objekten und jeder achte sexuelle Gewalt, Vergewaltigung oder Gang Bang im Internet angesehen zu haben. Ohne sich dadurch irgendwie „belastet“ zu fühlen, wie die Burschen beteuerten: „Man ekelt sich, und dann ist es wieder weg.“ Diese Einschätzung erfolgte unabhängig von der Häufigkeit des Porno-Konsums.

Frau als Lustobjekt. Die Soziologin wies auf eine weitere mögliche – unerwünschte – Nebenwirkung pornografischer Videos hin: Das vermittelte Bild weist dem Mann eine dominante Rolle zu, während die Frau „entwürdigt, als Lustobjekt“ erscheint. O-Ton eines 17-jährigen, der laut eigenen Angaben häufig Pornos konsumiert: „Die Frauen werden immer so ein bisschen als minderwertig dargestellt, nur so als ein Objekt, das ist ziemlich klischeehaft.“ Andererseits könne die „Potenz der Frau“ für einen jungen Mann „verstörend“ erscheinen. Auf die Frage eines Interviewers, ob die eigene Freundin auch so „geil“ werden sollte, antwortete einer der Jugendlichen: „Ich hoffe nicht!“
Insgesamt, so stellte Dr. Matthiesen fest, würden die Jugendlichen klar zwischen der realen und der virtuellen sexuellen Welt unterscheiden und mit dem, was das Internet anbiete, wählerisch umgehen. „Es gibt eine Abgrenzung zu dem Gezeigten; in einem Ballerspiel ist das auch so“, zog sie die Parallele zu Computerspielen, die ebenso wenig dazu führten, dass deren Konsumenten tatsächlich zur Waffe griffen. Außer, wenn andere Faktoren dazukommen: „Die Studie hat Schulabbrecher nicht erfasst. Deren Befragung würde vielleicht ein anderes Bild ergeben.“
Mit denen, die es nicht geschafft haben, so souverän mit Online-Sex umzugehen, hat Dr. Kornelius Roth in seiner Praxis zu tun. Der Psychiater, Psychosomatiker und Psychotherapeut ist Mitglied des US-amerikanischen National Council on Sexual Addiction and Compulsivity. Sein Thema: Sexsucht. Dass diese manchmal auch fälschlich konstatiert wird, erläuterte er anhand eines Paares, das dreimal täglich Sex hatte, vermutete, süchtig zu sein, und daher Dr. Roth konsultierte. Nach eingehender Untersuchung stellte der Arzt fest, dass die beiden psychisch gesund waren; typische Symptome wie „Getriebenheit und Suchtdruck, Fantasiepornografie und Onanie im Exzess, Kontrollverlust, meist heimliche sexuelle Erregung, anschließend Scham- und Schuldgefühle“ fehlten. Außerdem sei Sucht selten beziehungsbezogen.
Sexsucht, die sich des Internets als Droge bedient, hat laut Dr. Roth das höchste Suchtpotential aller Internet-Süchte, ist aber vergleichsweise tabuisiert. Was die Heilung zusätzlich erschwert: Der „Stoff“ ist „leicht zugänglich, finanziell erschwinglich, anonym, zeitlich und örtlich unbegrenzt verfügbar“. Zu den typischen Kennzeichen zählen hohe Konsumdauer und -häufigkeit, wenig soziale Interaktion und Unzufriedenheit mit dem Offline-Leben. Reale Kontakte werden vermieden, die partnerbezogene Sexualität kann vollständig zum Erliegen kommen.

Sexsucht. Wie andere Süchte beginnt auch die nach virtuellem Sex oft unmerklich. „Die Nicht-Süchtigen und die Süchtigen machen im Internet das gleiche, nur ist es in der Gruppe der Süchtigen zwei- bis dreifach mehr“, erklärte der Psychiater. Besonders anfällig sind die Digital Natives, also diejenigen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, und unter diesen wieder einmal vor allem die Männer. Gefangen in ihrer Online-Welt verlieren sie das Zeitgefühl, vernachlässigen selbst primäre Bedürfnisse und versagen in der Folge oft in Studium oder Beruf. Positive Erlebnisse haben sie nur mehr im Internet, das sie daher noch exzessiver nutzen – und schon gibt es kaum mehr ein Entrinnen aus dem Teufelskreis.
Zumindest nicht ohne professionelle Hilfe. Diese suchen Internet-Sexsüchtige in der Regel erst, wenn Partnerschaftsbemühungen oder Prüfungen scheitern. Der konsultierte Psychiater bzw. Psychologe attestiert dem Süchtigen dann meist auch „Ko-Morbiditäten wie Angststörung, Depression und soziale Phobie“. Wie es dazu kommt? Das Bild, das Dr. Roth zeichnete, erscheint bekannt: ein fehlender Vater oder einer, der nicht als Identifikationsfigur taugt, eine dominante Mutter, die mit ihrem Sohn eine symbiotische Beziehung eingeht, bei weiblichen Internet-Sexsüchtigen häufig traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Bindungsstörungen.
Selbst in schlimmen Fällen ist Heilung möglich, wie der Psychiater anhand eines seiner Patienten – männlich, 30 Jahre alt, Akademiker und weiterhin Student, noch kein sexueller Kontakt mit Frauen – schilderte: Nach Misserfolgen an der Uni zog er sich in seine Porno-Welt zurück, vernachlässigte Studium und Hobbys. Eine rein platonische Beziehung zu einer Freundin ging in die Brüche, andere gleichaltrige Frauen wurden als dominant erlebt. Als ebenso dominant wie die eigene Mutter, deren religiöse, die Körperlichkeit ablehnende Erziehung zu Scham- und Schuldgefühlen geführt hatte.
Das „Liebesleben“ des Patienten aus Dr. Roths Fallbeispiel bestand aus Internet-Pornos und Telefonsex. Sexuelle und nicht-sexuelle Größenfantasien wechselten ab mit Frustriertheit und der Angst, die geliebten Eltern zu enttäuschen. Als er entdeckte, dass auch sein Vater „auf Sex-Seiten surft“, begann eine Entidealisierung der Eltern. Der Psychiater empfahl als Therapie, Online-Sex komplett zu meiden und dreimal die Woche Sport zu betreiben. Offensichtlich mit Erfolg: Mittlerweile ist der ehemalige Internet-Sex-Junkie verheiratet. Nur Verzicht sei laut Dr. Roth nicht zielführend, vielmehr „Erlernen der realen Sexualität gleichzeitig mit Erlernen der Abstinenz – sonst hat man nichts davon“.
Aus einem anderen Blickwinkel betrachtete Dr. Helmut Graupner, Co-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung, das Thema Internet-Pornografie: aus der des „Täters“. „Täter“ unter Anführungszeichen, weil es dem Rechtsanwalt nicht um die Produzenten „klassischer“ Kinderpornos ging, sondern um Minderjährige, die selbst Bilder oder Videos ins Internet stellen und sich damit strafbar machen. Der Menschenrechtsexperte wies auf rechtliche Bestimmungen hin, die zu seiner Ansicht nach wenig sinnvollen Urteilen führen können:
„16-Jährige dürfen Porno-Bilder produzieren, besitzen – aber nicht weitergeben“, so Dr. Graupner. „In Wien hat es ein Strafverfahren gegen eine 16-Jährige gegeben, die eigene Nacktfotos weitergegeben hat.“ Einer unter 14-Jährigen – also Strafunmündigen – wäre der Prozess erspart geblieben. Da bei Pornografie die Altersgrenze ausnahmslos bei 18 Jahren liegt, könne sich, so der Rechtsanwalt, folgender kurioser Fall ergeben: „Ab 16 darf man in Österreich heiraten – aber es ist kriminell, aufreizende Bilder des Ehepartners, der noch nicht 18 ist, zu machen.“
Mit seinen Ansichten macht sich Dr. Graupner nicht nur Freunde: „Das Problem ist, dass übers Ziel geschossen wird, das ist wie beim Kampf gegen den Terror. Und wenn man das kritisiert, wird man sofort diffamiert: ‚Der ist für Kinderpornografie!'“ Wer sich für die Wahrung von Menschenrechten einsetze, müsse Minderjährige vor Missbrauch und Gewalt schützen, aber auch die Freiheit zu gewollter Sexualität gewährleisten. Eine generelle Kriminalisierung wird Jugendlichen, die man gemäß einer gemeinsamen Erklärung der deutschsprachigen sexualwissenschaftlichen Gesellschaften nicht mit Kindern gleichsetzen kann, nicht gerecht. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Sexualstrafrecht müsse auch für die Neuen Medien gelten.
Rosemarie Stöckl-Pexa