Interview

Die Schattenseiten der Frauen

Dr. Sigrun Roßmanith, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, hat in ihrer Funktion als gerichtlich zertifizierte Sachverständige zahlreiche kriminelle Frauen untersucht. Mit der „Kriminalpolizei“ sprach sie über Frauen, die zu Täterinnen wurden und die Motive der weiblichen Kriminalität.

Kriminalpolizei: Frauen gelten im Allgemeinen als friedfertiger und sanftmütiger als Männer. Es heißt ja auch immer, wenn Frauen regieren, wird es keine Kriege mehr geben ...
Dr. Sigrun Roßmanith: Das ist ein gewaltiger Irrtum. Die Emanzipation der Frau hat zwar viel bewirkt, aber auch ein falsches Bild gezeichnet. Der Feminismus wehrt sich entschieden dagegen, aber letztlich muss man sagen, die Schattenseiten der Frau, das Negative, destruktive Potenzial wurde viele Jahre ausgeklammert vom Feminismus. Es entstand so der Eindruck: Hier sind die Bösen, die Täter, und da ist das schwache Geschlecht, die Guten, Friedfertigen, also die Frauen als bessere Menschen. Demnach könnte man gewissermaßen meinen, dass Frauen immer Opfer sind. Sie sind sehr oft Opfer und die häusliche Gewalt ist etwas, wo Frauen weltweit sehr Schlimmes erfahren. Aber wenn man diese eigentlich kriminalstatistisch belanglose Zahl der gewalttätigen Frauen einmal doch unters Mikroskop nimmt, sieht man, dass Frauen in ihrer Destruktivität Männern in keiner Weise nachstehen. Die Rache einer Frau ist gefürchteter als die eines Mannes, die meist plump ist oder von Macht besetzt. Männer können auch weniger mit Worten, Blicken und Aktionen „töten“ als Frauen.
Frauen verüben zwar weniger Gewaltdelikte, aber wenn sie es doch einmal tun, ist das Medienecho immer enorm.
Roßmanith: Frauen verüben tatsächlich weniger Gewaltdelikte als Männer. Die Kriminalstatistik geht davon aus, dass 85% der Gewaltdelikte, auch mit tödlichem Ausgang, von Männern verübt werden. Wenn Frauen töten, zeigt sich eine Unverträglichkeit in der Anschauung der Gesellschaft, weil das Gebären, Schützen, Füttern und Nähren, das den Frauen zugeschrieben wird, so schwer mit dem Leben-Nehmen zu vereinbaren ist.
Wann und wie werden Frauen gewalttätig?
Roßmanith: Frauen, die destruktiv agieren, wenden klassischerweise Gewalt an Partnern, Rivalinnen und Kindern an, grob gesprochen. Natürlich sind Frauen in einer physisch schwächeren Position und können schwerer Gewalt anwenden. Frauen sind schlecht in der Lage, Männer mit eigenen Händen zu töten. Die häufigste Tatwaffe in Österreich ist das Messer. Auch in Delikten von Frauen ist das gar nicht selten. Und sämtliche Schlaggegenstände. Aber wie man bei der „Eisprinzessin“ sieht, greifen Frauen auch zu Schusswaffen. In Amerika ist das keine Seltenheit, sondern an der Tagesordnung. Die Domäne der früheren Tötungen durch Frauen war der Giftmord. Der ist jedoch gar nicht mehr so bedeutend, weil die Nachweismethoden der Gerichtsmedizin immer besser werden.
Das hat man ja im Fall Blauensteiner und jetzt bei der sogenannten „Arsen-Witwe“ gesehen.
Roßmanith: Die Blauensteiner hab ich zufällig auch untersucht. Die war eine fantastische Köchin. Die hat halt dann in ihre guten Speisen dieses Euglucon hineingemischt. Wie ich sie im Straflandesgericht untersucht hab, hat sie gesagt: „Sie schauen ein bisschen verhungert aus, ich würde Sie gerne bekochen.“ Das sind Frauen, die gewissermaßen ihre Verführungskunst einsetzen.
Die Blauensteiner hat ja immer von sich behauptet, sie sei hochintelligent …
Roßmanith: Das war sie nicht, muss man posthum sagen. Nicht im herkömmlichen Sinn. Sie hatte so eine Machiavellische Intelligenz. Sie hat sofort heraus gehabt, was jemand braucht, wo jemand Schwachstellen hat und wie jemand manipulativ verführbar ist. Binnen maximal 14 Tagen hat sie gewusst: Ist der Mann alleinstehend? Gibt's da Erben? Wie viel Geld ist da? Ist es schwierig, an Wertgegenstände, Realitäten etc. zu kommen? Wenn das nicht machbar war, ist sie weitergezogen.
Also eigentlich sehr kaltblütig.
Roßmanith: Kaltblütig und ausbeuterisch. Parasitär.
Es gehört ja auch etwas dazu, zuzuschauen, wie der dann krepiert.
Roßmanith: Diese sadistische Gewalttätigkeit mit dem Zufügen von Schmerzen bzw. dem schrittweisen Töten, bei dem das Opfer immer weniger wird oder immer mehr Schmerzen hat, bis es endlich einmal krepiert, gibt es auch bei Frauen, die diesbezüglich veranlagt sind. Das gibt ihnen ein Gefühl von Macht und Stärke, weil der andere ja nicht weiß, dass da im Grießbrei jetzt Euglucon oder Rohypnol drinnen ist …
Aber die meisten Gewalttaten von Frauen ereignen sich wohl in Beziehungen.
Roßmanith: Die meisten Gewalt- und Tötungsdelikte, die Frauen setzen, sind Beziehungsdelikte. Bei Männern kommt es vor, dass bei einer Wirtshausschlägerei einer erschlagen wird. Die Frauen haben meistens einen Bezug zu dem, den sie töten oder bei dem sie Gewalt anwenden. Bei Gewaltkriminalität gibt es diese Gender-Theorie: Frauen töten, wenn sie sich nicht trennen können bzw. um sich zu befreien, während Männer in „Beziehungen“ töten, weil sie es nicht aushalten, dass die Frau geht und einem anderen gehört. Sie haben lieber eine tote Frau, die man posthum als große Liebe idealisiert, als sie einem anderen zu gönnen. Wenn Frauen töten, ist oft Rache im Spiel. Ich glaube, es war eine Asiatin, die sich rächen wollte, weil ihr der Partner Treue geschworen und sie dann nicht gehalten hat. Sie hat ihm bei einem Kuss eine Zyankalikapsel in den Mund geschoben und ihn irgendwie mit der Zunge so manipuliert, dass er die Kapsel zerbissen und geschluckt hat.
Es heißt ja immer, dass bei Beziehungsmorden, etwa aus Eifersucht, keine Wiederholungsgefahr besteht. Trotzdem hat sich eine derartige Tat im Fall der „Eislady“ wiederholt.
Roßmanith: In der Verliebtheit wird der Partner idealisiert – als Teil von einem selbst. Freud hat diesbezüglich überhaupt von einer Psychose gesprochen ... Wir nehmen das wahr, was wir uns wünschen, was wir sehen wollen. Allmählich kommt die Realität dazwischen und man sieht den anderen immer mehr so, wie er ist und nicht, wie man ihn sich wünscht. Und dann bleibt die Frustration natürlich nicht aus. Hat eine Frau keine Möglichkeit, mit dieser Frustration umzugehen, kann sie, wie diese „Eisprinzessin“, zur Täterin werden. Wenn ich jemanden eliminieren muss, um ihn loszuwerden, kann ich mich nicht trennen. Das ist eine pathologische Angelegenheit und da kann es schon leicht zu Wiederholungen kommen.
Man liest jetzt öfter, dass die Zahl der Frauen, die als Mittäterinnen kriminell werden, z. B. bei Sexualdelikten, steigt.
Roßmanith: In der Rotlichtszene oder bei Sexualdelikten gibt es Frauen als Mittäterinnen – entweder wenn die Frau in Abhängigkeit zum Täter steht und unter Druck mitmacht oder weil sie selbst krankhafte Anteile hat. Es gibt Frauen, die sexuelle Handlungen, die an Kindern vollzogen werden, lustvoll miterleben, also perverse Frauen, die mit perversen Tätern liiert sind und gemeinsame Sache machen, z. B. Kinder anlocken, die natürlich eher mit einer Frau mitgehen. Diese Frauen haben beim Quälen dieser Kinder ihre eigenen sadistisch devianten Fantasien und werden sexuell erregt. Man kennt auch seltene Fälle von Frauen, die durch Tonaufnahmen von gequälten Kindern, die um ihr Leben schreien, sexuelle Erregung empfinden.
Wäre es in solchen Fällen nicht sinnvoll, die Frauen zu therapieren, um Rückfälle zu verhindern?
Roßmanith: Sexuellen Sadismus kann man bislang nicht behandeln. Sie können nur insoweit behandeln, als diejenige ihre Triebe nicht ausleben muss. Auch bei Pädophilie. Es heißt zwar immer wieder, dass man pädosexuelle Täter behandeln kann, doch das wird angezweifelt. Aber bei Frauen ist das so ein geringer Prozentsatz – der ist eigentlich vernachlässigbar.
Was sexuelle Delikte von Frauen betrifft – es gibt eine einzige Vergewaltigung von einer Frau. Der Akt hat mich schon immer interessiert – also wie das gegangen sein soll. Es soll jetzt auch eine Verurteilung einer Frau wegen sexueller Nötigung gegeben haben. Es würde mich brennend interessieren, wie so etwas läuft, also wie die Schranken der Biologie überwunden werden können …
Frauen treten ja auch als Auftragskillerinnen auf.
Roßmanith: Das ist gar nicht so selten. Das sind Frauen, die ihr eigentliches Aggressionspotenzial delegieren. Ich habe einige Frauen untersucht, die einen Mord an einen Neffen oder Cousin delegiert haben, der dann den Ehemann eliminiert hat.
Warum töten Frauen? Gibt es da vielleicht einen bestimmten Persönlichkeitstyp?
Roßmanith: Das sind oft Frauen mit einer Selbstwertschwäche. Gewalttätige Menschen sind ja nie starke Menschen. Das scheint nur durch die Tathandlung so, aber letztlich sind sie die schwächeren, weil sie nicht die Ressourcen und Möglichkeiten haben, mit Konflikten umzugehen. Es können auch früh sozial gestörte Frauen sein, die missbraucht wurden oder Gewalt erlitten haben, die sie dann weitergeben. Zum Teil sind es auch seelisch kranke Frauen – was es natürlich auch bei Männern gibt. Hier erfolgt das Gewaltdelikt zur vermeintlichen Abwehr einer Bedrohung. Es gab in Wien vor einiger Zeit einen Fall, wo eine auf der Psychiatrie mit Messern in wahnhafter Notwehr auf andere losging. Diese Täterinnen sind am gefährlichsten. Es gibt auch Frauen, die meinen, ihr Kind – z. B. nach Geburten – ist nicht das echte, sondern sie müssen dieses Kind töten, um zum echten zu kommen. Das ist insofern gefährlich, weil fast jede Mutter so ein bisschen die Angst hat, dass ihr Kind vielleicht vertauscht werden könnte. Es fällt also gar nicht so auf, dass sie wirr redet.
Klassischerweise sind die Opfer von kriminellen Frauen Partner, Rivalinnen und Kinder. Man kennt z. B. die Kindstötung, um den anderen seelisch „zu töten“, also damit der andere das Kind nicht bekommt, in einem Sorgerechtsstreit oder wenn der Mann eine neue Partnerin hat.
Es gibt aber auch die Frauen, die ihr Kind bei der Geburt töten.
Roßmanith: Die Frauen, die ihr Kind bei der Geburt töten, sind im klassischen Fall Frauen, die ihre Schwangerschaft verleugnen. Sie verhüten z. B. die ganze Schwangerschaft hindurch und erklären sich ihre Gewichtszunahme durch ihr Essverhalten. Die Macht der Verleugnung ist sehr hoch bei ihnen. Letztlich ist da eine Ratlosigkeit und ein „Wegschieben“ nach dem Motto: „Es wird sich schon irgendwie lösen …“ Es löst sich natürlich gar nichts. Der Geburtstermin kommt immer näher. Manchmal läuft das so ab, dass diese Frauen meinen, sie haben Koliken oder Durchfälle und gebären auf der Toilette ihr Kind und lassen es z. B. entweder einfach im Klo drinnen oder sie wenden Gewalt an – würgen, schlagen bis zu einfrieren, einmauern, mumifizieren. Tatsache ist, dass diese Mütter – nicht alle, aber relativ viele – letztlich, wenn alles vorbei ist, selber sehr, sehr leiden, dass diese Kindstötung von ihnen durchgeführt wurde. „Glauben Sie mir, ich war das sicher nicht“, höre ich dann.
Die meisten Delikte krimineller Frauen sind Betrugs- und Eigentumsdelikte. Warum stehlen diese Frauen?
Roßmanith: Ein Teil der Frauen, die unerlaubterweise Waren an sich nehmen, gehört dem Bereich der Süchtigen an – da sind aber keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die sind enthemmt durch eingenommene Suchtmittel und stehlen alles, was sie brauchen oder verkaufen können. Dann gibt es Frauen, die unter dem Einfluss von Depressionen sich selbst etwas Gutes tun bzw. sich belohnen wollen, indem sie sich unerlaubterweise etwas aneignen. Männer tun das eher aus materiellen Gründen.
Und diese ganzen Versandhausbetrügereien sind eine Frauendomäne. Es wird einem heutzutage leicht gemacht. Man sitzt zu Hause vor dem Bildschirm oder dem Katalog, kann sich alles bestellen und denkt: Ich werde es schon irgendwie bezahlen ...
Nimmt die Gewalt bei Frauen allgemein zu?
Roßmanith: Die Mädchen halten jetzt mehr mit. Komasaufen ist mehr eine Mädchensache geworden oder ist mehr Mädchen- als Burschensache, weil man zeigen will, dass man das auch kann. Und die Girlie-Gangs mit Mutproben, wie bei den Burschen, schrecken auch nicht vor Gewalt zurück. In der Gruppe fühlt man sich sowieso überlegen – und besonders, wenn man einem anderen etwas antun kann. In Frankreich hat z. B. eine Jugendliche eine andere mit einem Kleiderbügel vergewaltigt.
Was sind eigentlich die Gründe für weibliche Kriminalität?
Roßmanith: Man nimmt an, dass Kriminalität einerseits auf genetische Disposition, andererseits auf prägende Faktoren zurückzuführen ist. Frauen lernen eher, in sich zu gehen. Sie treten nicht so hinaus in die Sozietät – man macht das lieber mit sich selber aus. Männer sind einfacher strukturiert. Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass sie unter dem Testosteron einen höheren Aggressionsdruck haben. Bei Frauen sind hingegen selbstschädigende Handlungen viel häufiger. Das Suchtpotenzial ist bei Frauen enorm. Und wenn Alkohol im Spiel ist, stellt das die größte Gefahr bei Gewaltdelikten dar.
Könnte man in diesem Sinne sagen, dass es ein Zeichen von Emanzipation ist, wenn Frauen ihre Aggression auch hinaustragen?
Roßmanith: Nein. Sie müssten sich ihrer Aggressionen bewusster werden und sie wahrnehmen können, ohne sie ausleben zu müssen.