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Kindesmissbrauch
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Immer noch ein Tabuthema
Wie stehen die ÖsterreicherInnen zum Thema Kindesmissbrauch? Hat sich ihre Einstellung dazu in den letzten drei Jahren verändert? Diese und andere Fragen bewegten Dipl.Päd. Martina Fasslabend, Präsidentin der „möwe“, dazu, im heurigen März eine Studie°) in Auftrag zu geben.
Keine Frage, Kindesmissbrauch ist immer noch ein Tabuthema, das viele verunsichert und „wegschauen“ lässt. Dennoch hat sich das Bewusstsein der ÖsterreicherInnen diesbezüglich verbessert. Das ergibt eine österreichweit durchgeführte, repräsentative Studie des Instituts Karmasin Motivforschung, die Mitte April präsentiert wurde. Demnach würden nun z. B. mehr Menschen bei Verdacht auf Kindesmissbrauch reagieren, als dies 2009 noch der Fall war. Hatten vor drei Jahren noch 1/3 der Befragten in einer solchen Situation nicht gehandelt, so haben inzwischen „nur“ noch 25% nicht agiert, 31% die Polizei kontaktiert und 21% das Jugendamt informiert. Sophie Karmasin, Leiterin der Karmasin Motivforschung, spricht in diesem Sinne von einer erfreulichen Entwicklung, obwohl – nüchtern betrachtet – auch 25% „WegschauerInnen“ immer noch eine viel zu hohe Zahl sind, die es zu verringern gilt.
Kindesmisshandlung – Teil der täglichen Erziehungspraxis. Mehrere aktuelle Fälle von Kindesmissbrauch haben sich seit der ersten Studie ereignet. Damals erregte gerade der „Fall Fritzl“ in Amstetten die Gemüter. 2010 kam eine Missbrauchswelle im Umfeld klerikaler Bildungseinrichtungen der katholischen Kirche zu Tage und erschütterte die Öffentlichkeit. 2011 erfuhr man, dass in den 60er Jahren bis in die 90er Jahre Kindesmisshandlungen in Heimen – besonders im Wiener Kinderheim Wilhelminenberg – zur täglichen Erziehungspraxis gehörten. Tragische Vorfälle wie diese brachten das Thema Kindesmissbrauch in die Medien und damit auch verstärkt ins allgemeine Bewusstsein. Und das hat eine Verhaltensänderung bewirkt. Man ist jetzt viel häufiger bereit, Kindesmissbrauch in seinem Umfeld wahrzunehmen, mit Freunden und Bekannten darüber zu sprechen und genauer zu beobachten, ob sich der Verdacht erhärtet. In einigen Fällen wurde die Polizei informiert und unterstützt. Es wurde auch Kontakt zum betroffenen Kind gesucht. „Das Wissen, was man zu tun hat, steigt. Auch konkrete Verhaltensreaktionen sind stärker ausgeprägt“, schließt Sophie Karmasin aus der neuen Studie.
Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Der Begriff Kindesmissbrauch wird inzwischen auch viel weiter gesehen. Wurde er früher hauptsächlich auf sexuellen Missbrauch reduziert, setzt sich bei doppelt so vielen Befragten wie 2009 allmählich die Erkenntnis durch, dass Vernachlässigung sowie physische und psychische Gewalt ebenfalls Kindesmissbrauch sind. Mag. Hedwig Wölfl, fachliche Leiterin der möwe Kinderschutzzentren sowie klinische und Gesundheitspsychologin: „Alle Übergriffe – ob Vernachlässigung, körperliche Gewalt oder sexueller Missbrauch bedeuten immer auch psychische Gewalt.“ Nach 20 Jahren ist es in der Bevölkerung auch allgemein bekannt, dass Gewaltanwendungen an Kindern verboten sind. „Die Eltern wissen, dass es unrecht ist, wenn ich mein Kind schlage und genieren sich dafür“, weiß Hedwig Wölfl. Die Folgen jeglicher Gewaltanwendung an Kindern sind verheerend und wirken sich oft ein Leben lang aus. Die massiv belastenden traumatischen Erlebnisse führen zu negativen Konsequenzen auf Seele, Körper und die ganze Lebensführung. Die Betroffenen reagieren mit Angst, Wut, Scham, Gefühlen der Wertlosigkeit und Schuld. Daraus resultieren oft Depressionen, psychosomatische Beschwerden und sozialer Rückzug oder aber auch Aggression. Hedwig Wölfl: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden.“ In Psychotherapien, wie die möwe sie kostenlos traumatisierten Gewaltopfern anbietet, werden gesunde Anteile der kindlichen Psyche gestärkt und vorhandene psychische Ressourcen der Kinder genutzt.
Neue Gefahren aus dem Internet. Neue Bedrohungen, mit denen die möwe bereits zu tun hat, kommen aus dem Internet: Cyber-Mobbing und Cyber-Grooming. Bei letzterem geben sich Erwachsene als Kinder oder Jugendliche aus, um auf sozialen Plattformen wie Facebook leichter Kontakte zu Minderjährigen zu knüpfen. Cyber-Grooming ist mittlerweile hierzulande unter Strafe gestellt. Tendenziell waren die Befragten in der Studie der Meinung, es gebe zu wenige Anlaufstellen, wo man sich bei Kindesmissbrauch Hilfe holen könne. Die „möwe“ hat allerdings als Hilfs- und Ansprechorganisation bei Gewalt an Kindern inzwischen einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Auch die Kompetenz der Kinderschutzeinrichtungen wird allgemein vermehrt anerkannt. Die Mehrheit schätzt sie als sinnvolle Organisationen ein und ist sogar der Meinung, dass es mehr derartige Institutionen geben sollte. Zunehmend greift auch die Erkenntnis, dass die meisten Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der Familie geschehen und nicht so sehr an öffentlichen Orten, wie man früher dachte. Die am meisten gefährdete Gruppe sind übrigens Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren. Hedwig Wölfl: „Gewalt an Kindern kommt aber in allen Schichten und allen ethnischen Gruppen vor.“ Einen Unterschied gibt es nur darin, dass Kinder aus höheren Bildungsschichten weniger oft in Kinderschutzzentren landen.
Sind die Strafen für Kindesmissbrauch zu gering? Bedenklich erscheint die Ansicht vieler Befragter, dass die Strafen für Kindesmissbrauch „zu gering“ seien. „Diese Bereitschaft nach Law-and-Order-Politik und besonders bei aktuellen Fällen sozusagen gleich scharf zu schießen, macht betroffen“, äußert Hedwig Wölfl. „Schwer zu vermitteln ist auch, dass nicht immer eine sofortige Anzeige das Mittel der Wahl ist, weil es abschrecken kann, den Weg der Hilfesuche weiterzugehen.“ So Wölfl. Eine verfrühte Anzeige ist oft nicht im Interesse der Kinder. „Sie kann zu Aussagen führen, die dann widerrufen werden, und das stellt den Missbrauch nicht ab.“ Wichtig ist es daher, präventiv zu arbeiten. Vor allem Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten, wie Kindergärtner oder Pädagogen, und Verantwortung tragen, sollten vermittelt bekommen, wie sie sich bei einem Verdacht auf Kindesmissbrauch richtig verhalten. Wölfl: „Es geht darum, diese Personen genau und differenziert zu schulen, wie man Kindesmissbrauch erkennt und damit umgeht.“ So müsse man etwa zwischen vagem und konkretem Verdacht unterscheiden, nicht vorschnell reagieren, sondern innehalten, seine Beobachtungen dokumentieren und sich mit einer Kinderschutzorganisation beraten. Bei Gefahr im Verzug muss natürlich sofort die Polizei verständigt werden.
„Das will ich nicht.“ Um Lehrkörper, Eltern und SchülerInnen aufzuklären, werden Informationsveranstaltungen, Elternabende und mehr als 200 Kinderworkshops jährlich organisiert. Gerade diese Aufklärungsarbeit würde man gern in größerem Umfang leisten, meint Martina Fasslabend. Da es aber keine öffentlichen Fördermittel für Kinderworkshops gebe, ist deren Abhaltung von Sponsering und Spenden abhängig. Denn man will diese Veranstaltung weiterhin kostenlos anbieten. Fasslabend: „Wenn die Teilnahme an einem Workshop 5 oder 8 Euro kosten würde, würden manche Eltern sagen: ‚Sorry, dafür hab ich kein Geld!' Oder: ‚Mein Kind braucht das nicht.'“ Auf diese Weise könnten aber gerade Kinder, die diese Schulung vielleicht brauchen würden, nicht teilnehmen. Fasslabend: „Uns ist direkte Hilfe wichtiger als zu viel für Werbung in Schulen auszugeben. Es spricht sich aber herum. Es passiert schon was – aber so nach der Tröpfchentaktik.“ In den 2-stündigen Kinderworkshops sollen die Kinder ihre Angst davor verlieren, nein zu sagen. Sie lernen u. a., verstärkt auf ihre Gefühle zu achten und sie ernst zu nehmen. Dazu gehört auch, zu erkennen, welche Berührungen für sie unangenehm sind und dann zu sagen: „Das will ich nicht. Ein Wunsch der möwe wäre, mehr Information zum Erkennen und Verhalten bei Kindesmissbrauch in den einschlägigen Berufsausbildungen im pädagogischen Bereich zu verankern. „Derzeit wird aber leider zu wenig Spezifisches angeboten“, bedauert Hedwig Wölfl. Grundsätzlich arbeitet die möwe daran, das Thema Kindesmissbrauch durch vermehrte Informationsarbeit zu enttabuisieren. Mit dem im Vorjahr geschaffenen Österreichischen Kinderschutzpreis „myki“ will man vorbildliche Aktionen im Bereich des Kinderschutzes aufs Podest stellen, um allgemein Mut zu machen, sich für Kinderschutz einzusetzen.
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