|

|
|
Der Fall
|
Den (Wels)bach hinunter
Zwei Staatsanwälte und drei Kriminalisten deckten einen der größten Anlegerbetrügereien der Zweiten Republik auf – mit 12.500 Geschädigten und einem Schaden von 450 Millionen Euro.
Als der Kärntner Kriminalbeamte Peter Wurzer am Vormittag des 23. April 2010 von Staatsanwalt Mag.Thomas Liensberger angerufen wurde und einen Festnahmeauftrag gegen Dr. Wolfgang Auer-Welsbach angekündigt bekam, wusste er, die Erhebungen gegen die AVW GmbH würden in die letzte Runde gehen. Wurzer war mit der Angelegenheit seit Oktober 2008 betraut. Er und sein Kollege Horst Simon hatten Auer-Welsbach mehrmals vernommen – als Zeugen und Beschuldigten. Wurzer wusste, der Unternehmer würde ihn verlässlich zurückrufen. Ein Hinweis auf den Festnahmeauftrag allerdings würde Fluchtgefahr bedeuten. Der Kriminalbeamte hinterließ im Büro des Gesuchten, der Herr Doktor möge ihn doch bitte wegen einer Unterschrift in der Dienststelle aufsuchen oder ihn zumindest zurückrufen. Vor der Firma Auer-Welsbachs stellte sich ein Observationsteam auf.
Festnahmeauftrag. Peter Wurzer und Renate Kuchling waren soeben zu Auer-Welsbachs Haus unterwegs, als dessen Telefonnummer auf Wurzers Handy aufblinkte. „Ich liege mit Fieber im Bett“, behauptete der Mann. Wurzer entgegnete: „Wir kommen mit dem Schriftstück bei Ihnen vorbei. Es geht ganz schnell.“ Als die beiden Kriminalisten bei Auer-Welsbach eintrafen, wiesen sie ihm tatsächlich ein Schriftstück vor – den Festnahmeauftrag der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Von diesem Augenblick an gewann die Situation an Dramatik und der Gesundheitszustand des renommierten Anlageberaters an Brisanz. Auer-Welsbach ließ eine Ärztin kommen. „Der Mann ist völlig haftuntauglich“, sagte die Medizinerin zu den Kriminalbeamten, während sie dem Patienten eine Nadel für eine Infusion setzte und die Infusionsflasche an einem Kleiderhaken montierte. Der mittlerweile hinzugekommene Anwalt Auer-Welsbachs verlangte Aufklärung über die rechtlichen Hintergründe der Festnahme. Auch ein Internist bemühte sich um den Erkrankten. Die Kriminalisten bestellten über die Staatsanwaltschaft einen Arzt als Sachverständigen. Er wies Auer-Welsbach in das Landeskrankenhaus Klagenfurt ein. Einige Stunden nach seiner Verhaftung in seinem Bett wurde der Festgenommene mit einem Krankenwagen und in Polizeibegleitung ins Spital gebracht. Als Peter Wurzer im Krankenhaus ankam, saß Auer-Welsbach noch im Rollstuhl – wenige Stunden später saß er in Untersuchungshaft.
Anzeige in der PI Krumpendorf. Begonnen hatten die Ermittlungen in der Causa „AvW“ am Abend des 15. Oktober 2008 in der Polizeiinspektion Krumpendorf am Wörthersee. In einem Vernehmungszimmer saßen Dr. Wolfgang Auer-Welsbach und sein Anwalt, in einem Nebenraum Auer-Welsbachs Prokurist Harald K. Der Firmeninhaber beschuldigte den Prokuristen der Untreue (Überschreitung seiner Befugnisse. „Wir sind gerade auf dem Nachhauseweg von Wien auf der Autobahn in Richtung Klagenfurt unterwegs gewesen“, erinnert sich Peter Wurzer. Es war ein Mittwochabend. Wurzer und Simon übernahmen die Amtshandlung noch in der Polizeiinspektion. Bereits von Beginn an war die Angelegenheit komplex. Bis Wurzer und Simon zur freiwilligen Nachschau bei Harald K. kamen, war es zwei Uhr früh. Die Kriminalisten fanden nichts vor, was gereicht hätte, um den Prokuristen in Haft zu nehmen. „Krisensichere“ Wertpapiere. Auer-Welsbach hatte seit Anfang der neunziger Jahre „krisensichere“ Wertpapiere angeboten. Er war recht erfolgreich damit. „Aber das System war nach dem Loch-auf-Loch-zu-Prinzip aufgebaut“, erklärt Mag. Renate Kuchling, Kriminalbeamtin im LKA Kärnten. Sie unterstützte Wurzer und Simon in den nächsten Monaten und Jahren. Für einige Zeit wurden Wurzer und Simon aus dem Tagesgeschäft genommen, um sich der AvW-Angelegenheit zu widmen. Anfang 2010 wurde Simon in die „Soko Hypo“ ins Bundeskriminalamt berufen. Die AvW hatte stets Wertpapiere anstandslos rückgekauft, wenn es gefordert war. „Es war die Wirtschaftskrise 2008, die die Blase zum Platzen gebracht hat“, sagt Horst Simon. Plötzlich funktionierte das System nicht mehr. Die Anleger wurden unruhig, verlangten erdrutschartig ihr Geld zurück. Die AvW war nicht mehr in der Lage, die Genussscheine zurückzukaufen. Das Unternehmen stand vor der Pleite. „Da sind Einzelschicksale dahinter gestanden“, sagt Wurzer. Die Kriminalisten lernten zum Beispiel einen Elektrotechniker aus Ferlach kennen, der auf Druck eines Wertpapapierverkäufers der AvW-Gruppe 140.000 Euro investierte – und verlor. „Der Mann hat ein Haus gebaut, hat es abgezahlt und hatte 40.000 Euro am Sparbuch“, berichtet Horst Simon. Der AvW-Vertreter versprach ihm elf Prozent Gewinn. Der Ferlacher ließ sich dazu überreden, die 40.000 Euro zu investieren, sein Haus mit einem Kredit über 100.000 Euro zu belasten und insgesamt 140.000 Euro in die Wertpapiere zu pulvern, Am Ende stand er ohne jeden Besitz da.
Untersuchungshaft. Nach der ersten Anzeige Auer-Welsbach gegen den Prokuristen Harald K. setzte die Staatsanwaltschaft Klagenfurt Dr. Fritz Kleiner als Sachverständigen ein. Nach einer ausführlichen schriftlichen Sachverhaltsdarstellung einer Dr. Auer-Welsbach vertretenden, renommierten Anwaltskanzlei in Wien etwa eine Woche nach den Anzeigen ging Harald K. in Untersuchungshaft. Es schien, als hätte Auer-Welsbach Erfolg mit seinem Ablenkungsmanöver als Offensivstrategie. Seinem Prokuristen warf er vor, unberechtigt Geldtransaktionen vorgenommen zu haben sowie unberechtigt Firmenkonten eröffnet und damit insgesamt einen Schaden von 40 Millionen Euro angerichtet zu haben, Harald K. war von 23. Oktober bis 18. Dezember 2008 in Untersuchungshaft. Im November 2008 durchsuchten die Kriminalisten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Klagenfurt vier Adressen der AvW. Immer noch konnten die Beamten nichts Stichhaltiges gegen Auer-Welsbach ins Treffen führen. Doch mehr und mehr kristallisierte sich heraus, dass das System AvW auf trügerischen Beinen stand. Anlegervertreter bündelten die Interessen der Geschädigten. Der Sachverständige Dr. Fritz Kleiner und die Staatsanwaltschaft deckten Kursmanipulationen in Bezug auf die Genussscheine an der Frankfurter Börse auf. Der Sachverständige bezeichnete das System der AvW als „kapitalmarktorientiertes Perpetuum Mobile“. Im Laufe der Jahre hatte sich der Kundenstock der Anlagefirma auf über 12.500 erhöht. Die Anleger hatten mehr als 450 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt.
70 Vernehmungen. Über Auftrag der Staatsanwälte Mag. Thomas Liensberger und Dr. Christof Pollak führten Wurzer und Simon insgesamt fast 70 niederschriftliche Beschuldigten- und Zeugenvernehmungen durch. Hinzu kamen zwei Großvernehmungen von jeweils etwa 30 Personen in einem Verhandlungssaal des Landesgerichts Klagenfurt durch die Staatsanwälte selber. „Die Staatsanwälte sind dabei am Richtertisch gesessen und haben die Vernehmung geführt“, schildert Peter Wurzer. „Wir saßen auf Anklageseite und der Sachverständige uns gegenüber.“ Die Vernommenen nahmen im Zeugenstand des Gerichtssaals Platz. Unter anderem sagte der ehemalige Polizeijurist Dr. Arnulf K. als Beschuldigter – in seiner Funktion als Aufsichtsrat – Beweisträchtiges über Firmeninterna aus. Anfang 2010 ging der nunmehr als Beschuldigter geführte Wolfgang Auer-Welsbach in eine weitere Offensive – mit einer Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung. Im April 2010 legte der Sachverständige Fritz Kleiner sein Gutachten über den AvW-Komplex vor. Es umfasste 858 Seiten – ohne das Beilagen-Konvolut. Zum Komplex „Harald K.“ wurde er zur Erstellung eines eigenen Gutachtens beauftragt. Letztlich warfen die Staatsanwälte dem Beschuldigten Dr. Auer-Welsbach in der Anklageschrift unter anderem vor, Kurse an der Frankfurter Börse manipuliert zu haben und die Anleger über die Natur der Genussscheine getäuscht zu haben. Sie hätten von einer sicheren Geldanlage gesprochen und in hoch riskante Termingeschäfte investiert. Wolfgang Auer-Welsbach hätte 5,3 Millionen Euro seinem Anlageunternehmen entnommen und einer anderen GesmbH. in seinem alleinigen Einflussbereich als Darlehen überwiesen. Die GesmbH. wurde wenig später wegen angeblicher Uneinbringlichkeit entschuldet. Mit dem Geld aus dem Darlehen soll Auer-Welsbach die Kursmanipulationen in Frankfurt finanziert haben. Über Auftrag der Staatsanwaltschaft stellten die Kriminalisten nicht unerhebliche Vermögenswerte Auer-Welsbachs sicher – unter anderem ein Motorboot, Autos, darunter einen Rolls Royce, sowie die größte Goldmünze der Welt, die „Canadian Maple Leaf“ mit einem Gewicht von etwa 100 Kilogramm. Sie wurde im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellt. Im Konkursverfahren gegen AvW-Firmen wurde in einer Versteigerung dieser Goldmünze ein Verkaufspreis von 3,27 Millionen Euro erzielt.
Nebenschauplätze. Neben dem AvW-Komplex taten sich zahlreiche Nebenschauplätze auf. Johann L. zum Beispiel, ein naher Verwandter eines bekannten österreichischen Profifußballers, eröffnete mit den erfolgreichen Genussscheinen der AvW einen noch „erfolgreicheren“ Nebenast. Johann L., der imstande war, bei seinem Stamm-Würstelstand Bausparverträge zu verkaufen, behauptete, er halte 10.000 AvW-Genusssscheine. Zu diesen sei er durch „wundersame“ Vermehrung gekommen: AvW-Chef Auer-Welsbach hätte ihm Anfang der 2000er-Jahre an einer Autobahnraststätte in Kärnten versprochen, die Anzahl der Genussscheine würde sich vervierfachen, sofern Johann L. die von ihm gehaltenen Wertpapiere binnen dieser Frist nicht bei der AvW einlösen würde. Es wurde kein Vertrag unterschrieben, es gab auch keine Zeugen. Dennoch ging Johann L. mit 10.000 AvW-Genussscheinen hausieren. Er entwickelte einen eigenen Treuhandvertrag und übernahm das Geld in bar von Kunden mit Freuden, um „mehr daraus zu machen“. Er bot dieselben Renditen an wie AvW selbst, jedoch zu günstigeren Konditionen: Den Kunden wurden keine „Kommissionsgebühren“ verrechnet – Kunststück – Johann L. hatte ja keinerlei Verwaltungskosten aufzubringen. Des Weiteren hatte sich die AvW eine geringfügige Gewinnbeteiligung ausbedungen, sollten die Genussscheine mehr als zehn Prozent Gewinne abwerfen, Johann L. verzichtete auf diesen Bonus. Johann L. gelang es, binnen Kurzem 650 Kunden zu gewinnen. Unter anderem investierte er mit ihrem Geld kräftig in einen Bundesligaverein.
Bundeswertpapieraufsicht. Ins Visier der Klagenfurter Staatsanwälte kamen auch Prüfer der früheren Bundeswertpapieraufsicht (BWA). Ihnen wird vorgeworfen, parteiisch gehandelt zu haben. Die BWA war die dem Finanzminister unterstellte Vorgängerin der heutigen, unabhängigen Finanzmarktaufsicht (FMA). In Verdacht der Einflussnahme kam damit auch der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die BWA hatte die AvW im Jahr 2001 geprüft. Der frühere Leiter der Rechtsabteilung der BWA bezeichnete den Berechnungsmodus der Genussscheine als „unüblich, willkürlich und nicht nachvollziehbar“. Über Empfehlung des damaligen Leiters der Rechtsabteilung wurde dies jedoch nicht bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Die damaligen Verantwortlichen wurden wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs angezeigt. Das Verfahren ist noch offen.
Prozesstage. Die Hauptverhandlung gegen Johann L. im März 2011 begann mit einem Paukenschlag: Am Abend des ersten Verhandlungstages wurde eine Durchsuchung bei Johann L. angeordnet. Dabei tauchte ein Laptop mit Beweismaterial auf. L. wurde am nächsten Tag im Verhandlungssaal in Haft genommen. Er wurde zu sieben Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Gutachter Fritz Kleiner bezeichnete ihn als den „Meadow von Grimming“. Das Verfahren gegen Auer-Welsbach im Jänner 2011 war für zwei Monate angesetzt. Der Prozess selbst nahm eine Woche nach Beginn eine überraschende Wendung: Wolfgang Auer-Welsbach gab bekannt, er wolle ein umfassendes Geständnis ablegen. Es wurde mildernd gewertet. Auer-Welsbach wurde dennoch zu acht Jahren Haft verurteilt. Das Verfahren, das mittlerweile aus zwanzig Komplexen besteht, ist mittlerweile ins Stocken geraten. Staatsanwalt Christof Pollak ist Richter geworden und der Sachverständige Fritz Kleiner wurde abgesetzt. Der Gutachter hatte ein Privatgutachten für den Masseverwalter des AvW-Konkursverfahrens erstellt und war danach für das weitere Verfahren für ausgeschlossen erklärt worden. Es hätte Gefahr bestanden, dass er parteiisch sei. Immerhin geht es nun um den Kridaverdacht gegen die Vorstände der AvW. Jetzt muss ein neuer Sachverständiger bestellt werden.
|
|
|