Kriminaltechnik

Die „Wiener Folie“

Vor 100 Jahren, im Jahr 1911, ließ Rudolf Schneider vom Erkennungsamt der Wiener Polizei die erste Folie zur Fixierung von Fingerabdruckspuren patentieren. Die „Wiener Folie“ wird heute von seinem Urenkel Walter Diego Vogel vertrieben.

Die Daktyloskopie (griech. „Fingerschau“), das Erfassen der Fingerkuppenabdrucke und Abdruckspuren zur Aufklärung von Straftaten, revolutionierte Ende des 19. Jahrhunderts die Kriminalistik. Als erster Europäer nutzte der Engländer Sir William J. Herschel Fingerabdrücke für den polizeilichen Gebrauch. Er schlug 1877 vor, die Fingerkuppenlinien von Gefängnisinsassen zu registrieren. Herschel hatte als Kolonialbeamter in Indien Fingerabdrucke zur Identifizierung verwendet. Der britische Wissenschaftler Sir Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin („Über die Entstehung der Arten“), befasste sich mit der Anthropometrie und erkannte bald, dass die Daktyloskopie weitaus bedeutender war als die Körpervermessung. 1892 veröffentlichte er seine Erkenntnisse über die Fingerprints. Sir Edward Henry, Generalinspekteur der Polizei in Indien, nahm mit Galton Kontakt auf und verfeinerte bis 1896 das von Galton entwickelte Klassifizierungssystem. Die neue Anwendung wurde als Galton-Henry-System bekannt.
Im Jahr 1902 wurde die Daktyloskopie nach dem System Galton-Henry auch in Österreich eingeführt.
Ein Problem bei der Daktyloskopie war damals das genaue Sichern und Abnehmen von Fingerabdruckspuren an Tatorten. Ein Polizeiagent des Erkennungsamts der Wiener Polizei leistete in diesem Bereich Pionierarbeit: Rudolf Schneider, 1873 in Wien geboren, arbeitete als Fotograf beim Militärkomitee und später als Retuscheur in einer Wiener Kunstanstalt. Sein Vater war von Italien nach Wien gezogen und hatte in der Residenzstadt das erste Fotogeschäft betrieben.
Im Jahr 1900 trat Rudolf Schneider als Polizeiagent in das Erkennungsamt der Wiener Polizei ein, wo er zunächst in der Körpervermessung tätig war. Nach der Einführung der Daktyloskopie in Österreich beschäftigte er sich mit der Spurensicherung und baute die fotografische Abteilung des Erkennungsamtes aus. Unter anderem konstruierte er eine Kamera, um Aufnahmen von Häftlingen zu machen, ohne dass diese es merkten. Sein Hobby war die Malerei, er malte unter anderem Bilder für das 1898 eröffnete Polizeimuseum.
Von der Idee zum Patent. Die Sicherung von Fingerabdrücken an Tatorten war mühevoll, die Fotokameras waren schwer, die Spurensicherung auf Glasflächen, an exponierten Stellen oder bei schlechtem Licht war schwierig. Wurden beispielsweise an einem Fenster Spuren gefunden, musste meist der Fensterflügel ins Labor gebracht werden.
Rudolf Schneider dachte über Methoden zur besseren Sicherung von Fingerabdruckspuren nach. Er entwickelte 1909 eine „Folie zur Abnahme und Fixierung von Fingerabdruckspuren“. Die Abdruckspur wurde hell eingestäubt und darüber die dunkle, leicht klebende Folie gepresst. Die Folie wurde vorsichtig abgezogen und die darauf abgezeichneten hellen Papillarlinien des Spurenverursachers wurden im Labor fotografiert und vergrößert.
Schneider ließ das Verfahren im Jahr 1911 patentieren und gab eine „Anleitung zur Fixierung von Fingerabdruckspuren auf dem Tatorte nach einem neuen Verfahren“ heraus. Darin erläuterte er die neue Technik: „Die Abdruckspur wird wie bisher durch Einstauben sichtbar gemacht und dann mittels einer zum Patente angemeldeten Folie von dem Objekte, auf dem sich die Spur befindet, abgehoben. Dieses Abheben geschieht in einer Weise, dass die Folie nach Abnahme der darauf befindlichen Schutzplatte auf die Stelle, wo sich die eingestaubte Abdruckspur befindet, leicht aufgedrückt wird, wodurch sich diese vom Objekt auf die Folie überträgt. Die mit der Abdruckspur versehene Folie wird sohin vom Gegenstande abgezogen, wieder mit der Schutzplatte bedeckt, und es kann nunmehr die auf dieser Folie fixierte Abdruckspur in einem beliebigen späteren Zeitpunkte photographisch aufgenommen werden.“
Mit der biegsamen Folie konnten Spuren auch von unebenen Flächen gesichert werden.
Ab 1915 stellte Schneider eine Transparentfolie her, mit der er seitenrichtige Spurenbilder erhielt. Er verwendete nun zum Einstauben schwarzes statt weißes Pulver.
Rudolf Schneider, inzwischen Leiter der fotografischen Abteilung des Erkennungsamtes und zum Polizeioberdirektor ernannt, trat 1923 in den Ruhestand und widmete sich der Herstellung und dem Vertrieb der „Schneider-Folie“, die bis 1938 in 40 Staaten der Welt geliefert wurde. Er verkaufte auch andere Materialien für daktyloskopische und andere kriminalistische Zwecke.

„Folien-Vogel“ ab 1947. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste Schneider das Geschäft einstellen, weil die Werkstätte ausgeplündert worden war. Seine Tochter Eugenie Vogel, die einen aus Bayern stammenden Opernsänger heiratete, nahm 1947 den Betrieb unter dem Namen „Folien-Vogel“ wieder auf. Innenminister Oskar Helmer organisierte eine Betriebsstätte in der Landstraßer Hauptstraße, wo die Firma bis 1965 war. Schneider half beim Aufbau mit.
Eugenies Sohn Walter Vogel und seine Frau Hermine führten das Geschäft ab 1957. Walter Vogel entwickelte eine Fuß- und Staubspurenfolie sowie eine Jodspurenfolien und war auch als Filmemacher tätig. Polizeiorganisationen in mehr als 60 Ländern der Welt zählten damals zu den Kunden von „Folien-Vogel“.
Der erfolgreiche Erfinder Rudolf Schneider, 1917 von Kaiser Karl mit dem „Kriegskreuz für Zivilverdienste“ ausgezeichnet, starb nach sechs Schlaganfällen im Jahr 1951.
Der „Folien-Vogel“ ist heute noch ein Familienbetrieb. Er wird vom Urenkel Schneiders, Walter Diego Vogel, in der Columbusgasse in Wien-Favoriten geführt. Er produziert neben vielen anderen Artikeln noch die Originalfolie - Rudolf Schneiders „Wiener Folie“.
W.S.