Polizeigeschichte

Polizei und Esperanto

Anfang 1922 wurde in Wien der Polizei-Esperanto-Verein und im Herbst 1923 der Polizei-Esperanto-Weltbund gegründet. Esperanto sollte die internationale Verkehrssprache der Polizei werden.

Die internationale Plansprache Esperanto hatte nach dem Ersten Weltkrieg für die Polizei in Österreich und anderen Staaten große Bedeutung. Anfang 1922 wurde in Wien der Polizei-Esperanto-Verein gegründet. Der Verein hatte seinen Sitz in der Karl-Schweighofer-Gasse 3 im siebenten Bezirk. Im selben Jahr gründete Polizeioberinspektor August Heinrich de Marich eine internationale Polizeifachzeitschrift in Esperanto, „La Policisto“. Auf seine Initiative entstand im Herbst 1923 in Nürnberg der Polizei-Esperanto-Weltbund, „Tutmonda polica ligo“. Im ersten Jahr des Bestehens traten dem Weltbund 178 Gruppen aus verschiedenen Staaten bei.
Der zweite Kongress des Weltpolizeibunds fand vom 28. bis 31. August 1924 im Schulsaal der Wiener Sicherheitswache statt, eröffnet vom Wiener Polizeipräsidenten und Generalpräsidenten des Weltpolizeibundes Johann Schober. Bei diesem Kongress wurde die Einführung des Esperanto als gemeinsame Verständigungssprache für den internationalen Dienst der Polizeibehörden erörtert. Ein Sonderausschuss wurde beauftragt, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Der ungarische Delegierte Dr. Toth stellte den Antrag, die Kongressteilnehmer sollten ihren Behörden den Vorschlag unterbreiten, Dolmetscher für Esperanto einzustellen. Es wurde betont, dass die Einführung des Esperanto als internationale Verkehrssprache nicht mehr fern zu sein scheine und dass die Plansprache gerade für den Polizeidienst von „außerordentlicher Bedeutung“ sei.
An den Polizeischulen in Madrid und Belgrad wurde Esperanto Anfang der 1920er-Jahre als Pflichtfach eingeführt.

Weltpolizeibund. Der Weltpolizeibund war die erste internationale Polizeivereinigung. Mit der Gründung der „Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission“ (IKPK) 1923 in Wien verlor der Weltbund an Bedeutung für die internationale Zusammenarbeit der Polizei. Dr. Oskar Dressler, erster Generalsekretär der IKPK, der späteren Interpol, förderte Esperanto für die internationale Verständigung der Polizeibehörden.
In der NS-Zeit endete die Aktivität des Weltpolizeibunds. Als der britische Polizist Arthur Troop 1950 nach dem Vorbild des Weltpolizeibunds 1950 die „International Police Association“ (IPA) gründete, wählte er den Leitspruch in Esperanto: „Servo per amikeco“ („Dienen durch Freundschaft“).

Spracheentwickler Zamenhof. Schöpfer der Kunstsprache Esperanto war der jüdische Augenarzt und Philologe Dr. Ludwik Lejzer Zamenhof (1859 - 1917). Der Sohn eines Sprachlehrers wuchs in der gemischtsprachigen polnischen Stadt Bialystok auf, die damals zu Russland gehörte. Die Bewohner der Stadt waren Polen, Weißrussen, Deutsche und Juden, die Jiddisch sprachen. Bereits als Kind interessierte sich Zamenhof für Fremdsprachen. Er lernte „auf der Straße“ Polnisch, Deutsch und Französisch und in der Schule Griechisch, Latein und Englisch. Außerdem beherrschte er Hebräisch.
Zamenhof glaubte, dass eine gemeinsame Sprache viel zum Weltfrieden beitragen könne. Schon in seiner Jugendzeit plante er eine neue, leicht zu erlernende Sprache. Sein erster Versuch war die „Lingwe Uniwersale“, die er 1878 im kleinen Kreis vorstellte. 1882 war er mit einer neuen Version fertig, veröffentlichte sie aber nicht.
Den dritten Versuch, die „Lingvo Internacia“ („internationale Sprache“), veröffentlichte er am 26. Juli 1887, zunächst auf Russisch, dann auf Polnisch, Deutsch, Französisch und Englisch. Der 26. Juli 1887 gilt als Geburtsstunde der Esperanto-Sprache. 1888 folgte das zweite Buch („Dua libro“). Zamenhof begann mit einer einfachen Grundgrammatik von 16 Regeln; später wurden weitere Regeln aufgestellt.
Da Zamenhof, der seine Facharztausbildung unter anderem in Wien absolviert hatte, um seinen Ruf als Mediziner fürchtete, gab er die Broschüre unter dem Decknamen „Doktoro Esperanto“ („Hoffender“) heraus. Dieses Pseudonym wurde bald als Name der Sprache verwendet. Zamenhof veröffentlichte ab 1898 die Zeitschrift „La Esperantisto“ und jährliche Adressbücher. Ab 1900 breitete sich Esperanto nach Russland und Schweden auch in Westeuropa aus. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden von Esperantisten Ortsgruppen und Landesverbände auf allen Kontinenten gegründet.

Esperanto-Weltbund. Im Jahr 1908 wurde vom Schweizer Hector Hodler, dem Herausgeber der Zeitschrift „Esperanto“, der Esperanto-Weltbund (Universala Esperanto-Asocio - UEA) gegründet. Damals gab es zwar schon einige Esperanto-Landesverbände, zu einer engeren Zusammenarbeit kam es aber erst in den 1930er-Jahren. 1947 wurde die UEA durch den Zusammenschluss mit der Internacia Esperanto-Ligo neu formiert.
Der Weltbund ist heute die größte Dachorganisation der Esperanto-Kundigen; ihm gehören über 6.000 Einzelmitglieder, 38 Fachverbände sowie nationale Verbände in 63 Ländern mit etwa 20.000 Mitgliedern an. Ziele des Weltbunds sind vor allem die Verbreitung der internationalen Plansprache Esperanto und die Förderung von Verständnis für Menschen anderer Länder und Kulturen.
Der Weltbund organisiert jedes Jahr einen Weltkongress („Universala Kongreso de Esperanto“).
1938 wurde die Welt-Esperantojugendorganisation „Tejo“ gegründet, der alle Esperantisten unter 30 Jahren angehören.
Der „Österreichische Esperantisten-Verband“ (Austria Esperantio Federacio – AEF) besteht seit 1935 und hat heute etwas mehr als 100 Mitglieder. Der AEF vertritt die Interessen Österreichs in der Europäischen Esperanto-Union, der Vereinigung aller UEA-Landesverbände in der Europäischen Union. Die Europäische Esperanto-Union leitet das „Brusela Komunikadcentro“.
Esperantisten erkennen einander am „Esperanto-Ei“, einer Anstecknadel, die anlässlich des 100-jährigen Bestandsjubiläums erschienen ist und die Jahreszahl „1987“ trägt. Einige Esperanto-Fans tragen den grünen, fünfzackigen Esperanto-Stern, der auch Bestandteil der Esperantofahne ist und schon von Zamenhof als Erkennungszeichen benutzt wurde.
In Wien gibt es ein Esperanto-Museum und im Esperantopark beim Karlsplatz in Wien erinnert eine Büste an den Gründer der internationalen Plansprache, Ludwig Zamenhof.
W. S.