Gerichtsmedizin Wien

Schluss mit „Wiener Schule“?

Die Wiener Gerichtsmedizin hatte einst Weltruf. Vor allem in den letzten Jahren ist sie aus diesen Höhen abgesackt. Möglicherweise haben es dadurch sogar Mörder in Wien leichter als je zuvor.

Bis zum Jahre 2007 fanden gerichtsmedizinische Obduktionen in Wien am Institut in der Sensengasse statt – bis es wegen Hygienemängeln und baulicher Unzulänglichkeiten geschlossen wurde.
Am Wiener Institut werden derzeit von Gerichten vier gerichtsmedizinische Sachverständige beauftragt: Univ.-Prof. Dr. Christian Reiter (Leiter der Abteilung), Univ.-Prof. Dr. Daniele Risser, Univ.-Prof. Dr. Johann Missliwetz und Ass.-Prof. Dr. Nikolaus Klupp. Sie teilen sich die Bereitschaftsdienste, die rund um die Uhr einen gerichtsmedizinischen Sachverständigen gewährleisten.
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Holczabek war der letzte berufene Leiter des gerichtsmedizinischen Instituts in Wien. Sein Posten wurde seit seiner Emeritierung 1988 bis zum Jahr 2001 nicht mehr nachbesetzt. Sein Langzeitnachfolger Univ.-Prof. Dr. Georg Bauer war nur provisorischer Institutsleiter. 2001 wurde Univ.-Prof Dr. Manfred Hochmeister als Professor für Gerichtliche Medizin aus der Schweiz berufen. Er wurde mit 1. Jänner 2004 zum Leiter der Organisationseinheit ernannt. Aufgrund institutsinterner Widerstände gegen eine Neuorientierung des vom Rechnungshof massiv kritisierten Institutes konnte er seine Pläne, eine moderne, internationale Gerichtsmedizin in Wien zu etablieren, nicht durchsetzten. Ihm folgte nach einem Jahr der Chemiker Univ.-Prof. Dr. Hans Goldenberg als provisorischer Leiter. Seit 1. Dezember 2008 leitet Univ.-Prof. Daniele Risser die Abteilung für Forensische Medizin – wieder nur provisorisch.

Intrigen statt Erfolge

In den vergangenen Jahren machte das Wiener Institut weniger durch Forschungserfolge Schlagzeilen als durch interne Intrigen, gegenseitige Anschuldigungen bis hin zu Anzeigen an die Staatsanwaltschaft und wiederholte Rechnungshofkritik.
Hinzu kommt, dass seit zwei Jahren am – ehemals weltberühmten – gerichtsmedizinischen Institut Wien keine Fachärzte für Gerichtsmedizin mehr ausgebildet werden. Wer diesen Arztzweig erlernen möchte, muss an einer der medizinischen Universitäten in Graz, Innsbruck oder Salzburg studieren.

Einst strenge Autopsieregeln

Der Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881 hatte nicht nur eines der strengsten Baugesetze der Welt für Wien zur Folge, er lieferte dem Wiener Gerichtsmediziner Eduard Ritter von Hofmann eine große Zahl verbrannter Leichen, die er untersuchen durfte. Zudem verhalf unter anderem dieses Ereignis der späteren Bundeshauptstadt eines der strengsten Regelwerke über sanitätspolizeiliche Obduktion. In Wien wurde jeder Mensch, der unter bestimmten, nicht eindeutig erklärlichen Umständen zu Tode kam, von Gerichtsmedizinern sanitätspolizeilich obduziert.
Andere europäische Großstädte beneideten Wien um seine Untersuchungsdichte. Der für deutsche Großstädte kolportierte Anteil unentdeckter Morde von 20 Prozent – so wurde betont – sei nicht auf Wien umzulegen, weil hier Gerichtsmediziner viel eher Hand an Toten anlegten als sonstwo.
Mit 1. September 2007 änderte sich das: Seither wird der Großteil der Obduktionen, nämlich alle sanitätspolizeilichen, von Pathologen vorgenommen. Diesen fehlt die Ausbildung, gewaltsame Todesursachen – vor allem solche, die nicht ins Auge springen – zu entdecken. Sie wissen kaum ähnlich Bescheid über gewaltsame Todesursachen wie Gerichtsmediziner. Gerichtsmedizinische Obduktionen – also nur von Leichen, bei denen schon primär Femdverschulden vermutet wird – werden nach wie vor im Auftrag der Gerichte von Gerichtsmedizinern vorgenommen.
Totenbeschauärzte, die die Leichen vor Ort begutachten, wurden zudem angewiesen, sanitätspolizeiliche Obduktionen nur mehr in bestimmten Fällen anzuregen. Das senkte die Zahl der Autopsien in Wien schlagartig von 1.500 auf 150 bis 200 pro Jahr.
Obduktionen – sanitätspolizeiliche wie gerichtsmedizinische – werden seit der Sperre des Instiuts in der Sensengasse 2007 in vier Krankenhäusern vorgenommen: im Donauspital (SMZ-Ost), im Kaiser-Franz-Joseph-Spital, in der Rudolfsstiftung und im Krankenhaus Hietzing. „Faulleichen“ nimmt lediglich das KFJ-Spital an, die anderen Krankenhäuser weigerten sich aus hygienischen Gründen und wegen des penetranten Geruchs, der sich durch die Gänge schleppt.
Für die Gerichtsmediziner wurden am Wiener Zentralfriedhof drei Container für Obduktionen errichtet. Sie werden kaum benützt. International selbstverständliche Standards, wie Röntgenuntersuchungen bei Schussleichen, tödlichen Kindesmisshandlungen oder Faulleichen sowie andere Minimalstandards bei Untersuchungen können meist nicht eingehalten werden.

Sachverständigenbestellung

Mit 1. Oktober 2009 ändert die Strafprozessordnung die Regelung über die gerichtliche Anordnung gerichtsmedizinischer Obduktionen. Das Gericht muss Gerichtsmediziner nicht mehr persönlich beauftragen, sondern kann auch ein Institut beauftragen. Dieses bestimmt, welcher Sachverständige die Autopsie vornehmen soll. Die Änderung ist eine Reaktion auf die Rechnungshofkritik und die Intrigen der letzten Jahre im Wiener gerichtsmedizinischen Institut.
Als die Gerichte die Gerichtsmediziner noch persönlich mit einer Obduktion beauftragten, wurden letztere persönlich für die Gutachtertätigkeit entlohnt – und damit zusätzlich zu ihrem Gehalt. Die Ergebnisse der Obduktionen wurden – laut Rechnungshofbericht – von den Gutachtern sinngemäß als persönliches, geistiges Eigentum betrachtet. Kritikern zufolge kam dadurch die Wissenschaft zu kurz.
Ab Oktober sollen Obduktionen ausschließlich im Rahmen der Dienstpflicht als Institutsangehörige erfolgen. Die Ergebnisse der Autopsien sollen Allgemeingut sein.
Im Gegenzug dazu nimmt die neue StPO den Dienstgeber in die Pflicht, nämlich die Medizinische Universität Wien (MUW). Sie ist nun auch verpflichtet, den Gerichtsmedizinern die nötigen Mittel an die Hand zu geben, inklusive der notwendigen Räume. Dazu würde es aber auch gehören, das erforderliche Personal auszubilden. Die Kriminalpolizei stellte diese offenen Fragen dem Rektor der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz:
Kriminalpolizei: Ab 1. Oktober 2009 können die Gerichte gemäß Strafprozessordnung die Medizinische Universität mit Obduktionsgutachten beauftragen. Wo werden diese Obduktionen stattfinden?
Schütz: Am Department für Gerichtliche Medizin – voraussichtlich, aber nicht gleich am 1. Oktober.
Das Institut in der Sensengasse wurde für Obduktionszwecke aus finanziellen Gründen aber auch aufgrund hygienischer und baulicher Beanstandungen geschlossen. Was geschieht weiter mit diesem Standort?
Schütz: Es ist ein Neubau am selben Standort geplant. An den Kosten beteiligen müssen sich aber sämtliche Institutionen, welche die Wiener Gerichtsmedizin benötigen, nämlich Bund mit Justiz, Innerem und Gesundheit, die Medizinische Universität selbst und die Stadt Wien – und nicht nur die MUW alleine.
Wird das Gerichtsmedizinische Institut der MUW künftig bei Obduktionen internationale Standards einhalten, wie zum Beispiel Röntgenuntersuchungen bei bestimmten Verdachtslagen?
Schütz: Internationale Standards wurden und werden eingehalten. Dazu zählen auch Röntgenuntersuchungen.
Welche international üblichen Qualitätssicherungsmaßnahmen – zum Beispiel eine Zertifizierung – planen Sie?
Schütz: Es ist eine Zertifizierung geplant.
Wie ist Forschung im Sinne des wissenschaftlichen Fortschritts für eine Universität möglich, wenn Obduktionsgutachten, wie aus dem Rechnungshof-Bericht hervorgeht, von den Verfassern sinngemäß als „persönliches, geistiges Eigentum“ betrachtet werden und Protokolle nur mit deren Einwilligung für andere Forscher zur Einsicht freigegeben werden?
Schütz: So war bzw. ist die Situation bis 30. September dieses Jahres. Danach, das heißt ab 1. Oktober 2009, erhält die Medizinische Universität Wien – und nicht mehr die Sachverständigen – aufgrund der rezenten StPO-Novellierung alle Obduktionsaufträge, so dass kein Einsichtsproblem mehr bestehen wird.
Ist es möglich, allein auf Obduktionsprotokollen basierende Forschung zu betreiben?
Schütz: Nein, gerichtsmedizinische Forschung setzt sich auch aus den Obduktionen selbst, damit verbundenen Analysen und Analysetechniken zusammen, wie der Histologie, der forensischen Chemie, DNA-Analysen etc. und vor allem ist eine Kooperation mit anderen Disziplinen notwendig.
Derzeit finden am Gerichtsmedizinischen Institut der Medizinischen Universität keine Forschungsprojekte statt, die sich mit dem international aktuellen Forschungszweig „Virtopsy“ beschäftigen. Ist das aus Ihrer Sicht nicht notwendig?
Schütz: Virtopsy ist notwendig und sollte aufgebaut werden.
Warum geschieht das nicht?
Schütz: Dafür müssen Forscher erst einmal beweisen, dass sie das notwendige Know-how besitzen und in der Lage sind, Forschungsgelder zu akquirieren – wie das international üblich ist. Die Universität würde dann mit Infrastrukturmitteln unterstützend eingreifen. Universitäten finanzieren heutzutage Forschungsschwerpunkte nur zu einem geringen Teil aus den ihnen zur Verfügung stehenden staatlichen Mitteln.
Für die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Gerichtsmedizin sind Leichen die „Forschungsobjekte“. Wie würden dafür Verstorbene zur Verfügung stehen, wenn – wie derzeit der Fall – am Institut keine Leichen „eingelagert“ werden können?
Schütz: Leichen werden in Hinkunft wieder aufgenommen werden, aber nur, wenn gleichzeitig auch ein Obduktionsauftrag vorliegt.
Es gibt seit Längerem am Gerichtsmedizinischen Institut der Medizinischen Universität Wien keine Ausbildungsstelle für diesen Facharztzweig. Wann wird es wieder an der MUW die Gelegenheit geben, sich zum Facharzt dieser Richtung ausbilden zu lassen? Besitzt das Institut derzeit eine Ausbildungsberechtigung?
Schütz: Das Department für Gerichtlich Medizin besitzt volle Ausbildungsberechtigung. Es ist allerdings keine Kernaufgabe einer Universität, Fachärzte auszubilden. Auch an der Finanzierung von Ausbildungsstellen müssen sich daher sämtliche Institutionen beteiligen, die ich zuvor genannt habe, und zwar sind das all jene, die die Wiener Gerichtsmedizin benötigen, und nicht nur die MUW alleine.