Der Fall

Latino auf Wanderschaft

Mehr als zehn Jahre lang jagte die Polizei ein Einbrecher-Phantom, das unbesiegbar schien. Mit Hilfe österreichischer Kriminalisten wurde der „Fensterbohrer“ gefasst.

Jeder, der dem „Fensterbohrer“ begegnet war, berichtete von dessen „geschmeidigen Bewegungen“, sowohl mit den Händen als auch mit den Füßen. Er steht im Verdacht, zwischen 1996 und 2007 in mindestens 500 Einfamilienhäuser, Wohnungen und Villen in Deutschland und Österreich eingedrungen zu sein und dort Schmuck und Bargeld in Millionenhöhe gestohlen zu haben.
Er brach ein, auch wenn Bewohner anwesend waren. In mehreren Fällen machte er Gebrauch von seiner Schusswaffe. Einen Villenbesitzer in Hamburg erschoss er, als ihn dieser ertappt hatte.
Im Frühjahr 2005 setzte das Landeskriminalamt Hessen ein erstes Fahndungskonzept um. Unter anderem spähten Polizisten von einem Fernsehturm in Frankfurt/Main mit Nachtsichtgeräten in die „Zielgebiete“. Eine Hundertschaft von Polizisten observierte die Gegend und durchstreifte die Straßen, in denen der „Fensterbohrer“ mehrmals zugeschlagen hatte und die in sein Anforderungsprofil passten. Der „Fensterbohrer“ ging ihnen nicht ins Netz.
Zum Erfolg führte der zweite Anlauf. Anfang 2007 schien der „Fensterbohrer“ von Einbruchstouren in Österreich nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Er schritt offensichtlich am 16. März 2007 erstmals wieder im Rhein-Main-Gebiet zur Tat. Insgesamt ordneten ihm deutsche Kriminalisten wieder sechs Einbrüche zu, und zwar in Wiesbaden, Hofheim, Darmstadt und Mainz. Aber nicht alle Beamten waren dieser Meinung. Analyseexperten, die aus ihren „Fakten“ etwas anderes lasen, befanden, es handle sich um einen neuen Täter. Die deutsche „Arge Fensterbohrer“ (33 Mitglieder) holte den Rat der österreichischen Ermittler Hannes Fellner und Omar Haijawi vom LKA NÖ und Wolfgang Kremser vom LKA Wien (KD 1) ein und beteiligten sie an der Fahndungsplanung. Die Expertenmeinung gab den Ausschlag, dass die deutsche Polizei ihr Fahndungsnetzwerk hochfuhr: Die Polizeipräsidien Wiesbaden, Frankfurt/ Main und Süd-Hessen beschlossen, sich daran zu beteiligten; West-Hessen unterstützte.
In der Nacht zum 1. Juni 2007 wurden die Bemühungen der Polizei vom Erfolg belohnt: Ein Sondereinsatzkommando des Polizeipräsidiums West-Hessen bemerkte in Wiesbaden-Sonnenberg einen etwa fünfzig Jahre alten Mann mit einem Rucksack und hielt ihn an. Der Mann wies einen italienischen Personalausweis vor, lautend auf den Namen Claudio Vespa, geboren am 5. Mai 1957 in Italien. Bei dem „echten“ Claudio Vespa handelt es sich übrigens um den Erfinder des Vespa-Rollers.
Zu Mittag des 1. Juni 2007 stand fest, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen 1944 in Südamerika geborenen Einwanderer handelte. Aufgefallen war er den Polizisten in Wiesbaden-Sonnenberg hauptsächlich wegen seines „geschmeidigen Gangs“, der weißen, langen Haare und der kleinen, gedrungenen Statur. In seinem Rucksack hatte er Einbruchwerkzeug, und zwar jenes Spezialwerkzeug, mit dem er mehrere Hundert Villen- und Wohnungsfenster und Terrassentüren geknackt hatte.

Arge Fensterbohrer/Österreich

Im Team der „Arge Fensterbohrer/ Österreich“ arbeiteten Hannes Fellner und Omar Haijawi (LKA NÖ) sowie Wolfgang Kremser und Hans-Peter Seidl (KD 1). Sie wurden von der Vereinigung österreichischer Kriminalisten mit dem dritten Platz im Bewerb um den Kriminalisten des Jahres 2007 belohnt. Landespolizeikommandant Mag. Arthur Reis betonte bei der Feier, wie wichtig es sei, Beamte mit derartigem Engagement in den Reihen der Polizei zu haben. Allerdings durfte er nur einem seiner Mitarbeiter, Hannes Fellner, die Hand schütteln. Omar Haijawi war es von Vorgesetzten untersagt worden, an der Feier teilzunehmen. Gekommen war auch der Leiter der „Arge Fensterbohrer/ Deutschland“, Kriminalhauptkommissar Peter Stieglitz vom Landeskriminalamt Wiesbaden.

Hohe Dunkelziffer

Der Südamerikaner tauchte erstmals 1982 in Europa auf. Einbrüche, die seine Handschrift trugen, wurden in Deutschland und Österreich erstmals 1996 registriert.
Es ist nicht anzunehmen, dass er untätig war in den 14 Jahren vor 1996. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus“, sagt Hannes Fellner vom Landeskriminalamt Niederösterreich, Gewaltgruppe. Der Beamte wurde im Dezember 2004 auf den „Fensterbohrer“ aufmerksam, durch eine Spur/Spur-Übereinstimmung in der DNA-Datenbank zwischen deutschen und österreichischen Tatorten. Ein Spurenabgleich der deutschen Polizei hatte ergeben, dass die bei drei Wohnungseinbrüchen in Tullnerbach, Neulengbach und Wien sichergestellten DNA-Spuren von ein und demselben Täter stammten.
Fellner fand heraus, dass vermutlich nach demselben Unbekannten seit Längerem in Deutschland gefahndet wurde – mit großem Aufwand. Nicht zu unrecht, denn der Mann hatte bereits mehrmals bei Einbrüchen mit einer Pistole geschossen. In einem Fall hatte er einen Villenbesitzer ermordet, und zwar am 1. Oktober 2004.
In dieser Nacht war der Fensterbohrer in Hamburg-Blankenese unterwegs, einer der noblen Villengegenden der Stadt. Er drang in das Haus eines Immobilienmaklers ein. Das Einbruchsopfer wurde durch Knackgeräusche geweckt und machte sich mit einer Taschenlampe auf die Suche nach der Ursache. Er muss in einem seiner Räume auf den „Fensterbohrer“ getroffen sein. Der Eindringling lief davon, der Immobilienmakler hinterher. Mehrmals drehte sich der Einbrecher um und feuerte aus seiner Pistole auf den Verfolger. Doch der vermutete möglicherweise, es handle sich um eine Schreckschusspistole.
Tatsächlich gelang es dem Einbruchsopfer, den „Fensterbohrer“ einzuholen. Der Verfolger erfasste ihn von hinten und hielt ihn an. Es gelang ihm, dem Einbrecher den Rucksack zu entreißen. Plötzlich brach ein Schuss. Ein Projektil drang seitlich in den Brustkorb des Immobilienmaklers ein und durchstieß eine Hauptschlagader. Der Täter konnte flüchten. Das Opfer wurde tot aufgefunden, den Rucksack vor dem Brustkorb umklammernd.
In der Tasche stellten Ermittler unter anderem zwei Ersatzmagazine für eine „45er-Pistole“ sicher, acht Schließfachschlüssel, eine Taschenlampe mit Reservebatterien und sonstiges Einbruchwerkzeug. DNA-Spuren passten zum Profil des „Fensterbohrers“.
Zu einer weiteren gefährlichen Begegnung zwischen dem Fensterbohrer und einem seiner Opfer kam es am 20. September 2006 in Wien Döbling. Der Einbrecher war in ein Haus in der Wolfsgrubergasse eingestiegen. Im ersten Stock schlief das Besitzerehepaar. Kurz nach Mitternacht wurde der Besitzer durch irgendetwas geweckt. Er sah im Stiegenaufgang einen Lichtschein und vermutete, seine Mutter, die auch in dem Haus wohnte, „geistere durch das Treppenhaus“ – wenngleich er sich wunderte, warum sie eine Taschenlampe dazu benützte.
Der Mann stand auf, ging die Stiegen hinab, plötzlich huschte eine kleinwüchsige Gestalt an ihm vorbei. Blitzartig drehte sich dieser um, hielt dem Hausbesitzer einen Elektroschocker vor das Gesicht, glitt die Stiegen in den Keller hinab und verschwand durch ein Kellerfenster über den Garten.
In unmittelbarer Nähe stand ein Funkwagen der Polizei – der „Fensterbohrer“ muss ihn gesehen haben, denn DNA-Fährtenhunde der Diensthundeführer Manfred Zlabinger und Dieter Steiner stellten nachträglich fest, welchen Weg der Mann genommen hatte. Er hatte einen Bogen um die Polizeistreife gemacht.
Binnen Kurzem zog die Exekutive in Wien ein Fahndungsnetz auf, an dem Diensthunde, Wega und Hubschrauber beteiligt waren. Auch die gerichtliche Sachverständige Dr. Christa Nussbaumer, die den Fall mit den Beamten seit Längerem verfolgt hatte, war noch in der Nacht am Tatort. Doch der Fensterbohrer war längst entkommen – wie immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

500 Einbrüche

Dem „Fensterbohrer“ hatten deutsche Kriminalisten seit 1996 mehr als 300 Wohnhaus- und Villeneinbrüche zugeordnet. In Österreich sollten ihm 200 gleichartige Taten nachgewiesen werden.
Hannes Fellner setzte sich mit Wiener Kriminalisten ins Einvernehmen. Bei Wolfgang Kremser von der Kriminaldirektion 1 (Gruppe Geider) hatte er Erfolg. Es stellte sich heraus, dass der „Fensterbohrer“ vor allem zwischen 1996 und 2000 in Österreich sehr nachtaktiv war. Besonders betroffen war der Westen Wiens und teilweise das angrenzende Niederösterreich.
Die Ermittler beschäftigten sich unter anderem mit den Protokollbüchern und Akten des Kriminalkommissariats West (KK-West) in Wien Ottakring und dem Aktenbestand der Kriminaldirektion 1. Zwei Wochen lang saßen sie täglich unter anderem im Keller des KK-West und suchten nach den Berichten über Wohnhaus-, Wohnungs- und Villeneinbrüche in den Akten der Jahre 1996 bis 2002. Die Aktenbände waren teilweise ungeordnet gelagert.
Markantestes Kriterium für die Suche war die Vorgangsweise des Täters: Stets bohrte er ein Loch in den Fensterrahmen und entriegelte das Gestänge mit Hilfe eines speziellen Werkzeugs. In manchen Fällen schnitt er ein Loch in das Glas einer Terrassentür und öffnete den Fensterriegel von innen. Der Mann beherrschte alle gängigen Einbruchsmethoden. Doch auf das „Fensterbohren“ verließ er sich.
Fellner und Kremser durchforsteten Telefondaten, die aus Ermittlungen gegen eine jugoslawische Einbrecherbande stammten. Sie wurden dabei von dem Analysespezialisten Helmut Riepl unterstützt.
Fellner und Kremser führten Einbruchsdaten aus drei Jahren zusammen und stellten fest, dass der „Fensterbohrer“ im Jahr 2000 Österreich offensichtlich verlassen hatte und Ende 2004 zurückgekehrt war – möglicherweise auf Grund des Fahndungsdrucks der deutschen Polizei nach dem Mord in Hamburg-Blankenese am 1. Oktober 2004.
Aus Deutschland erfuhren die österreichischen Kriminalisten, dass der Mann bereits des öfteren von seiner Schusswaffe Gebrauch gemacht hatte. Am 21. Juni 2000 wurde er bei einem Einbruch in Mainz-Gonzenheim von Wohnungsbesitzern überrascht. Er flüchtete und schoss noch von draußen durch ein geschlossenes Fenster auf die Einbruchsopfer. Er verfehlte sein Ziel und konnte entkommen.
Am 9. April 2002 wurde der „Fensterbohrer“ wieder von Wohnungsbesitzern erwischt – diesmal in Mainz-Bretzenheim. Er ergriff die Flucht und vergaß in der Eile seinen Werkzeugrucksack am Wohnzimmertisch. Die Familie hatte bereits die Polizei verständigt, als der Einbrecher plötzlich mit gezückter Pistole neuerlich vor ihnen stand. Er gab einen Warnschuss ab, nahm seine Tasche und verschwand in der Nacht.
Am 20. Februar 2003 feuerte der „Fensterbohrer“ auf Wohnungsbesitzer in Wiesbaden-Sonnenberg. Am 16. September 2003 verlor er eine Pistole auf der Flucht nach einem Wohnungseinbruch in Wiesbaden-Sonnenberg. Am 18. Juni 2004 bedrohte er neuerlich Wohnungsbesitzer in der Innenstadt von Wiesbaden.

Immer dieselben Tatorte

Die österreichischen Kriminalbeamten glichen ihre Auswertungen mit jenen ihrer Kollegen in Deutschland ab und stellten fest, dass der „Fensterbohrer“ stets dort zur Tat schritt, wo er sich auskannte.
Es waren immer dieselben Gegenden, in denen er einbrach. Teilweise drang er im Abstand von mehreren Jahren immer wieder in dieselben Häuser und Villen ein.
Stets benutzte er zur An- und Abreise öffentliche Verkehrsmittel. Sämtliche Tatorte befanden sich in Bahn- oder Straßenbahnnähe.
Durch die exakte Spurensicherung der Tatortgruppen in NÖ und Wien gelang es der SV Dr. Nussbaumer auf zahlreichen Tatorten das übereinstimmende DNA-Profil des Fensterbohrers zu erstellen. Diese Daten und Spuren wurden von Anita Haas des DNA-Teams zusammengeführt. Dadurch war die eindeutige Nachverfolgung der Aktivitäten des Verdächtigen möglich.
Er ließ sich in zwei bis drei Wohnungen nieder, wenn er eine Gegend unsicher machte und benutzte sie als Rückzugsgebiet. Die Beute bunkerte er meist kurzfristig in Schließfächern.
Fellner und Kremser entwickelten ein Fahndungskonzept. Es scheiterte am internen Widerstand. Während einer „Light-Version“ des Fahndungsbestrebens war eine dezimierte Truppe der Kriminalisten zwischen 03.30 und 7 Uhr Früh im 13. Wiener Bezirk unterwegs.
In einer dieser Nächte schlug der „Fensterbohrer“ im 14. Bezirk zu. Wäre das Fahndungskonzept der Kriminalbeamten vollständig umgesetzt worden, wäre ihnen der Einbrecher möglicherweise viel eher ins Netz gegangen.
Der „Fensterbohrer“ hatte unter anderem geringfügige Spuren zu Hehlern hinterlassen. Der Einbrecher wurde in den letzten Jahren seines „Wirkens“ immer dreister. In Wien zum Beispiel stahl er ein auffälliges Tigerfell samt Tigerkopf und versuchte, es am Schwarzmarkt in Hamburg loszuwerden. Er ließ Silberbesteck mitgehen und versuchte, es bei Hehlern abzusetzen. In einer Wiener Villa montierte er einen Seidenvorhang ab. Er stahl Kinderschuhe und Frauenunterwäsche. Mit gestohlenem Schmuck und Spitzenhöschen soll er teilweise seine Freundinnen beglückt haben. Der gedrungene, alternde Latino dürfte auf Frauen eine Wirkung gehabt haben – vor allem mit seinen wertvollen Geschenken.
Am 05.5.2008 wurde der Fensterbohrer vom Landgericht Wiesbaden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.