Strafvollzug

Fünf Sterne für Schwarzau

150 Frauen sind derzeit in der einzigen Frauenjustizanstalt Österreichs untergebracht – einem Adelsschloss mit schwedischen Gardinen

Das blonde, lange Haar der 27-jährigen S. glänzt im Gegenlicht des Haftraumfensters, vor dem die Frau steht. Viereinhalb Jahre ist sie schon da. Keine leichte Zeit. Erst vor zwei Jahren hat sie mit der Therapie beginnen können. Davor wäre das nicht möglich gewesen „Aber jetzt geht was weiter“, sagt sie in ihrem unverkennbaren Dialekt aus einem österreichischen Bundesland. Sie dreht ihren Kopf wieder zum Zellenfenster. „Daham is es schena, des is kloa“, sinniert die 27-Jährige. Ihr „Daham“ sieht sie planmäßig erst im Jahr 2012 wieder.
Weshalb sie hier ist? „Das können Sie sich ja denken, bei der Länge, die ich ausgefasst habe.“
„Einen Fünfundsiebziger hab ich“, sagt sie nach einer Pause – § 75 Strafgesetzbuch, „Mord“. S. hat ihren Lebensgefährten im Bett erstochen. Sie hofft auf baldige Gnade. „Na, bis zum Drittel haben Sie noch ein bisschen Zeit“, sagt Johann Renner, Wachzimmerkommandant der Frauenjustizanstalt Schwarzau.
S. dreht ihren Kopf zum Zellenfenster. Sie verabschiedet sich höflich.
„Jede zweite Insassin, der Sie hier begegnen, hat mehr als fünf Jahre abzusitzen“, erklärt Renner. In der Wäscherei trifft man zum Beispiel Frau G.: 15 Jahre Haft, „gemeinschaftlicher“ Mord an ihrem Ehemann. Ihr Sohn sitzt in der Jugendjustizanstalt Gerasdorf wegen Raubes. Frau F.: 7 Jahre wegen eines Diebstahls. Zum ersten Mal saß sie vor zwanzig Jahren hier. Jetzt wohnt sie mit ihrer Tochter in einer Zelle. Die jüngere der beiden Frauen war als Erste hier, wegen Drogenhandels. Frau R. 15 Jahre wegen ihres zweiten Mordversuchs. Ihren ersten Mann hat sie vor zwanzig Jahren erstochen. Sie saß dafür zwölf Jahre in Schwarzau. Der zweite Mann hat zwar die Messerattacke überlebt, zwei Monate später ist er an einem Herzinfarkt gestorben.
Renner schließt die Zellentür zu Ss. Domizil wieder ab. Der Zellenschlüsselbund scheppert.
Abzuschließen wäre in dieser Abteilung nicht nötig. Die Insassinnen haben einen Schlüssel zur eigenen Zelle. Es ist die Jugendabteilung. „Derzeit haben wir keine `echte´ Jugendliche hier, daher kommen auch ältere Frauen in den Genuss des freundlicheren Ambientes der Jugendabteilung“, erläutert Johann Renner.
Insgesamt genießen sechzig Prozent der Insassinnen in der Justizanstalt Schwarzau gelockerte Vollzugsbedingungen – von den Mutter-Kind-Zellen bis zur Freigängerinnenabteilung, in die sie eigentlich nur mehr zum Schlafen während der Woche kommen. Tagsüber arbeiten sie in Betrieben in der Umgebung, an Wochenenden sind sie zu Hause. Das Freigängergebäude ist nur über eine Schleuse zu betreten. Von jeder Heimkehrerin wird ein Alkotest in der Schleuse verlangt, ehe sich die Tür nach innen öffnet.

Mehr Aufmerksamkeit

„Frauen im Strafvollzug fordern viel mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung ein als Männer“, sagt Oberst Gottfried Neuberger. Er leitet die einzige Frauenjustizanstalt Österreichs seit Februar 2007.
Seine ersten Dienstjahre zwischen 1982 und 1986 verbrachte er in der Justizanstalt Wien-Hernals. Nach dem Leitenden-Kurs 1989 wurde er Erziehungsleiter in der Jugendjustizanstalt Gerasdorf. Im Dezember 2002 wurde er stellvertretender Leiter der Justizanstalt Schwarzau.
„Die Arbeit mit den Burschen in Gerasdorf ist ähnlich zeitaufwändig und emotional wie die mit Frauen“, sagt Neuberger. „Der Unterschied ist, die Frauen suchen die Beziehung zu den Justizwachebeamtinnen und Justizwachebeamten, sie fordern sie geradezu ein. In Gerasdorf müssen die Justizwachebeamten die Initiative ergreifen, um eine Beziehung zu den Burschen aufzubauen.“

Lebenslänglich

Fünf Insassinnen sind mit dem Etikett „Lebenslänglich“ versehen. Jede Sechste sitzt wegen eines Tötungsdelikts. „Neunzig Prozent dieser Delikte sind aus einem psychischen Geflecht von Problemen heraus entstanden“, sagt Gottfried Neuberger. „Wenn sie zu uns kommen, ist es ihre erste Aufgabe, dieses Geflecht als Ursache ihres Schicksals aufzuarbeiten.“
„Das sind meistens Probleme, die über Jahre gewachsen sind“, ergänzt Johann Renner, „meistens in Beziehungen, unter denen sie gelitten haben, und die irgendwann eskaliert sind.“ Renner ist seit 23 Jahren Justizwachebeamter. Er verbrachte seine Anfangszeit in der Justizanstalt Josefstadt, dem größten Gefängnis Österreichs.
„Frauen leiden auch mehr unter dem Gefängnis als Männer“, sagt Neuberger. „Viele sind Mütter und Großmütter und haben permanent ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Familien allein gelassen haben. Damit kämpfen sie die gesamte Haftzeit lang. Männer sehen das Gefängnis – fast würde ich sagen – als willkommene Ausrede dafür, dass sie sich nicht um ihre Familie kümmern können.“ Die Doppelbelastung, die Frauen in Freiheit sehr oft haben, setze sich im Gefängnis fort – mit verschärften Vorzeichen.

Kind im Arm

Frau L., 27, ist seit eineinhalb Jahren hier. Sie hält ihre neun Monate alte Tochter im Arm. Entbunden hat sie im Krankenhaus Wiener Neustadt – bei der Geburt ihrer Tochter war nicht der Vater dabei, sondern eine Justizwachebeamtin. Der Vater des Kindes bekam zu dieser Zeit noch keinen Ausgang – er sitzt in der Justizanstalt Karlau.
Frau L. und ihr Mann sind wegen Drogenhandels verurteilt. Frau L. zu drei Jahren Haft, Herr L. zu vier Jahren.
Herr L. durfte Frau und Kind noch nicht in der Mutter-Kind-Abteilung der Justizanstalt Schwarzau besuchen. Wenn die Frau ihn sehen will, muss sie zwei Ausgangstage zusammenkommen lassen, mit dem Taxi zur Bahn fahren – „das kostet pro Strecke 15 Euro“, klagt sie – und mit der Bahn nach Graz. Das ist eine Halbtagesreise mit Gepäck und Kind. Dann kann sie ihren Gatten im Tischbesuchsraum der Justizanstalt Karlau sehen. „Mit dem Kind spielen kann er unter diesen Umständen nicht“, schildert Frau L. Es seien jedes Mal recht steife, wenig familiäre Begegnungen.
Abends gehe sie mit dem Kind zu Freunden in Graz; dort könne sie übernachten. Am nächsten Tag besuche sie mit dem Kind ihren Mann ein zweites Mal – und dann geht die Prozedur zurück nach Schwarzau wieder los.
Frau L. hofft, nach der Halbstrafe freizukommen. Als Mutter einer Einjährigen wird das vielleicht sogar möglich sein. Man habe es immer leichter mit einem Kind. Berechnung sei bei ihr aber keine dabei: „Ich habe ja gar nicht gewusst, dass ich schwanger bin, als ich verhaftet worden bin.“

Kinder in Haft

Kinder dürfen nur bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres mit ihren Müttern gemeinsam in der Frauenjustizanstalt untergebracht sein. Ausnahmen gibt es nur, wenn die Entlassung der Mutter bevorsteht und das Kind etwa ein Jahr von ihr getrennt wäre.
Die Spezialabteilung für Mütter und Kinder bietet Platz für zehn Mütter. Derzeit wohnen in Schwarzau vier; die jüngste von ihnen hat im Jänner 2008 entbunden. Die Kinder können eine anstaltseigene Krabbelstube oder einen Kindergarten besuchen. Diese Einrichtungen werden in erster Linie von Kindern der Justizwachebeamtinnen und Justizwachebeamten besucht.

Keine Nacktfotos

Die Frauen, die in Schwarzau sitzen, haben ihre Sturm-und-Drang-Zeit längst hinter sich. Die Frauen-Zellen unterscheiden sich deutlich von den Hafträumen in Männergefängnissen. Keine Nacktfotos an den Wänden, keine Autoposter, kein „unartiges“ Gekritzel an den WC-Wänden, keine Protest-Poster in den Zellen. Das „wildeste“ Foto ist eine Postkarte, die einen 14-Jährigen mit gestrecktem Mittelfinger zeigt.
Statt der Playboy-Aufklappposter zieren Familienfotos die Wände über den Betten, Bilder von Nichten, Neffen und eigenen Kindern, Erst-Kommunionsfotos, Fotos von Hunden und Katzen. Frauen haben andere Sehnsüchte als Männer – ganz andere.
Eine Ausnahme bestätigt die Regel: Frau M., 52. Sie ist zum vierten Mal in Schwarzau. Diesmal hat sie sogar verlängert – mehr oder weniger „freiwillig“: Nach einem handgreiflichen Streit im Zellentrakt hat sie sich sieben weitere Monate Aufenthalt eingehandelt, wegen schwerer Körperverletzung. „Wenn mir eine deppert kommt, kann ich die Hände nicht unten lassen“, sagt sie. „Ich vertrag einfach keine depperten Weiber.“
Im Hintergrund läuft im Fernsehen eine Gerichts-Show auf Sat 1. Eigentlich habe sie Frauen viel lieber als Männer, sagt sie. „Aber hier im Häfen fang ich mir mit keiner etwas an. Die haben alle einen hocken.“ Außerdem sei die Gefahr zu groß, sich etwas einzufangen, Hepatitis C oder gar den HIV. „Sind zu viele Giftlerinnen hier“, sagt sie.
Früher war das anders. Als sie 1980 zum ersten Mal nach Schwarzau gekommen sei, habe es noch ein Zusammenhalten gegeben unter den Häftlingen. „Man hat ja nichts gehabt“, erzählt Frau M. von der guten, alten Zeit. „Zu Mittag eine miese Suppe, am Abend ein Butterbrot, am Gang eine Wasserpippe. Das schweißt zusammen.“
Weniger verklärt sieht Frau L. die alten Zeiten. Sie hat Schwarzau bereits 1989 genossen – drei Jahre und vier Monate lang. „Wegen eines Betrugs halt“, sagt sie knapp. Am 12. Februar 2007 ist sie wiedergekommen – diesmal hat sie die nächsten zwei Jahre hier gebucht. Sie hat sich 60.000 Euro aus der Firmenkassa ihres Arbeitgebers „ausgeborgt“ und dummerweise ihren Chef belogen. Hätte sie die Wahrheit gesagt, wäre wahrscheinlich nichts rausgekommen. Die Richterin habe nicht anders urteilen können als mit einer Unbedingten.
„Jetzt habe ich natürlich den direkten Vergleich von fünfzehn Jahren Unterschied – und da hat sich einiges zum Besseren gewendet in Schwarzau“, urteilt Frau L. Heute sei es beispielsweise erlaubt, Privatkleidung zu tragen. „Wenn ich da an die braunen, karierten, kratzigen Röcke aus den achtziger Jahren denke – das ist hundert und eins“, sagt sie. Du durftest drei kurzärmelige T-Shirts besitzen und drei langärmelige – im Ganzen drei Garnituren. Es gab kein Telefonieren, keinen Ausgang, keinen Fernseher in der Zelle. Einkaufen durfte man nach einem Stufenplan alle zwei Monate – „heute kommt der ADEG jede Woche ins Haus“, sagt Frau L. In den Gängen sind Telefone wie Münzsprechapparate aufgehängt. Jede Insassin kann der Anstaltsleitung ein, zwei Telefonnummern bekannt geben, und diese darf sie dann wählen. Zu anderen Nummern werden die Insassinnen automatisch nicht verbunden.
Auch für die Vollzugsbediensteten, habe Frau L. den Eindruck, sei es leichter geworden. „Aber locker waren sie damals wie heute. Da gibt es gar nichts.“

Drei Jahre Haft in Japan

Frau S. könnte Frau Ls. Tochter sein. In Sachen Erfahrung steht sie ihr um wenig nach. „Ich habe drei Jahre Gefängnis in Japan hinter mir“, seufzt sie. „Da möchte ich jetzt gar nicht viel erzählen – weil ich glaube, die sind jetzt dort, wo wir in den achtziger Jahren waren“, sagt Frau S.
„Warum wollen Sie uns das nicht erzählen?“, will Johann Renner wissen.
„Da könnte einer auf die Idee kommen und diese Zustände bei uns einführen.“
„Ihnen kann es doch egal sein, Sie gehen ja Ende Februar raus – und werden doch nicht vorhaben wiederzukommen?“
„Nein, natürlich nicht. Aber die anderen würden es mir danken.“
Frau S. lässt sich überreden: „Eigenes Gewand gibt es nicht in Japan im Gefängnis. Arbeit ist kein Privileg wie hier, Arbeit ist Teil der Strafe. In der Näherei sitzt du von acht in der Früh bis vier am Nachmittag. Aufs Klo gehen gibt es nur, wenn deine Tischreihe dran ist. Das Essen gibt es nicht auf der Zelle wie hier, da gibt es einen riesigen Speisesaal. Mit dem Essen wird nur auf Kommando angefangen und auf Kommando wird das Besteck weggelegt. Beim Essen zu reden, ist strengstens verboten. Reden ist nur beim Hofgang erlaubt – zehn Minuten am Tag. In dieser Zeit darf man auch die Nägel schneiden – sonst ist das untersagt. In der Zelle hast du kein Bett, sondern eine Matratze am Boden. Von Zweier- oder Dreierzellen kannst du träumen – es gibt nur Achterzellen. Dass es am ganzen Gelände verboten ist zu rauchen, brauche ich nicht extra zu erwähnen. In der Nacht gibt es kein Aufstehen – Ruhezeit heißt liegen, nicht sitzen oder stehen. Ja, und die Dusche betrittst du im Rudel – ohne ein Wort zu reden, natürlich. Irgendwo Fotos aufzuhängen, kannst du vergessen. Im September habe ich angesucht, dass ich einen Kugelschreiber haben möchte. Im Dezember habe ich ihn bekommen – fein säuberlich mit meinem Namen drauf und mit meiner Haftnummer.“
Was muss man anstellen, um nach Tochigi zu kommen, das tausend Gefangene fassende Gefängnis zweieinhalb Autobahnstunden von Tokio entfernt?
20.000 Ecstasy-Tabletten von Amsterdam nach Tokio schmuggeln.

Fünf Sterne

„Verglichen mit den anderen österreichischen Justizanstalten sind wir hier ein Fünf-Sterne-Gefängnis“, sagt Schwarzau-Chef Gottfried Neuberger. Die Grundform des barocken Schlosses, in dem das Gefängnis untergebracht ist, ließ Johann Wilhelm Graf von Wurmbrand und Stuppach errichten, und zwar in den Jahren 1697 bis 1730. 1861 besuchte der Komponist Richard Wagner hier Koloman Graf Nako de Nagy Szent Miklos, der das Schloss 1862 erworben hatte.
Im November 1888 kaufte es der Budapester Grundstücksmakler Wilhelm Fischer und gab es neun Monate später weiter an Herzog Robert von Bourbon-Parma.
Am 21. Oktober 1911 ehelichte hier in der Schlosskapelle kein Geringerer als der spätere letzte Kaiser von Österreich, Karl I. (1916 bis 1918), Erzherzog Karl Franz Josef von Habsburg-Lothringern die Prinzessin Zita von Bourbon-Parma. Sie war das fünfte Kind aus der zweiten Ehe von Herzog Robert mit Maria Antonia von Braganza.
Am 24. November 1951 endete die noble Geschichte des Schlosses Schwarzau: Die Republik Österreich erwarb das Anwesen von Herzog Elias von Bourbon-Parma, einem Stiefbruder Zitas, und stellte es in die Dienste der Justizverwaltung des Landes.
Das Schloss war in fürchterlichem Zustand. Der ehemals adelige Besitzer war mittlerweile in wirtschaftliche Turbulenzen geraten und hatte seit Langem nicht mehr in die Erhaltung des Anwesens investiert.
Nach Renovierung und baulicher Vorbereitung auf seine künftige Funktion wurde das Schloss samt Anwesen auf dem 24 Hektar großen Areal am 19. Dezember 1957 seiner Bestimmung übergeben. Die Hafträume sind für ein bis sechs Frauen vorgesehen. 28 sind Einzelzellen. Die meisten Frauen sind in Zweier- und Dreierzellen untergebracht.
Im November 2003 unter Justizminister Dieter Böhmdorfer und Finanzminister Karl-Heinz Grasser wurden die außerhalb der Anstalt gelegenen landwirtschaftlich genutzten Äcker verkauft – insgesamt 70 Hektar Grund.
„Bis 1991 haben wir hier Fenstergitter gehabt, die sich mit sechs Schrauben von innen abmontieren hätten lassen“, schildert Gerhard Reisenbauer, stellvertretender Leiter des Exekutivbereichs der Justizanstalt. „Trotzdem haben wir in all den Jahren keine Ausbruchsversuche gehabt.“ Im Beamten-Speisesaal gibt es diese Art von scheingesiebter Luft noch heute.
Serviert wird das Mittagsmahl von einer jungen Dame, die ihren Nachbarn ermordet hat.
Zur selben Zeit geht eine etwa 50-Jährige mit dem Essenswagen durch die Gänge der Anstalt. Sie hat vor knapp zwanzig Jahren Schlagzeilen als „mordende Krankenschwester“ gemacht.
„Wir sind kein Hochsicherheitsgefängnis“, sagt Anstaltsleiter Gottfried Neuberger. „Teilweise ist das Gebiet nur mit einem zwei Meter hohen Maschendrahtzaun eingefriedet.“ Der Friede in der Anstalt sei der wirksamste Ausbruchsschutz. „Ich sehe es als meine Aufgabe, hier ein Klima im Dienst entstehen zu lassen, dass unsere Beamten gerne hier arbeiten“, erklärt Neuberger. Das ermögliche es, dass die Beamten den Gefangenen Perspektiven vermitteln, die es sich lohnt, sie anzustreben. „Nur wenn das gelingt, ist es den Gefangenen möglich, ihre Situation zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen.“
Der Erfolg gebe dieser Philosophie Recht: „Wir haben tausendfünfhundert Ausgänge jährlich, und in den letzten Jahren ist es so gut wie nie vorgekommen, dass eine Gefangene nicht zurückgekommen wäre“, sagt Neuberger. Der letzte Fluchtversuch liegt ein Jahr zurück: Ein Mann aus der Freigängerabteilung kletterte über einen Pfosten über den Zaun. Er wurde wenige Stunden später von Justizwachebeamten zurückgebracht.
Männer sind die Ausnahme in Schwarzau: Im Gutsgebäude sind derzeit 15 männliche Häftlinge aus anderen Anstalten untergebracht. Sie stehen kurz vor der Entlassung. Zwei Männer kletterten Mitte der neunziger Jahre aus einer Dachluke im Freizeitraum des Gebäudes und seilten sich über eine Dachrinne ab ins Freie. Ihre Flucht wurde bald von herbeieilenden Justizwachebeamten beendet. Diese waren eher verwundert über das halsbrecherische Naturell der Abtrünnigen. Denn tagsüber arbeiteten sie in der Landwirtschaft auf freiem Felde, wo sie ganz einfach weggehen hätten müssen, um in Freiheit zu sein.
Der letzte „echte“ Ausbruchsversuch zweier Frauen fand Mitte der achtziger Jahre statt. Eine der Damen wurde von einer Kamera erfasst und Justizwachebeamte hatten sie noch am Gelände der Anstalt gestellt. Die Flucht ihrer Zellengenossin hatte ein Schacht beendet – die über hundert Kilo schwere Frau war darin stecken geblieben.

Vollbeschäftigung

Das Wort „Vollbeschäftigung“ ist in der Justizanstalt Schwarzau kein Wahlversprechen – es ist Realität. Die Frauen arbeiten in der anstaltseigenen Wäscherei, Gärtnerei, Küche, Näherei und im „Unternehmerbetrieb“. In Letzterem werden niedere Handwerkstätigkeiten vollbracht: Kartons falten oder Plastikteile entgraten. Kunden sind Wirtschaftsbetriebe aus ganz Österreich. Hier sind die meisten Frauen der Anstalt beschäftigt, etwa dreißig bis vierzig. Sie sind deshalb hier, weil sie keinen Beruf erlernt haben.
Fallweise erhalten Frauen die Gelegenheit, in der nahen Jugendjustizanstalt eine Lehre zu absolvieren. Vor Kurzem schloss eine Insassin die Kochlehre ab, eine andere besuchte erfolgreich den Friseur-Meisterkurs.
Vor einigen Monaten wurde eine Albanerin aus Schwarzau entlassen, die während ihrer Haft das Musikkonservatorium in Wiener Neustadt abgeschlossen hatte. In ihrer Zelle hatte sie ein elektronisches Piano, auf dem sie übte. Die junge Frau war zu sieben Jahren Haft verurteilt worden wegen Suchtgiftschmuggels aus Südamerika nach Österreich.
„Das Drogenproblem in der Anstalt haben wir so gut im Griff, so gut das in einer Justizanstalt möglich ist“, sagt Gerhard Reisenbauer. „Wir versuchen durch unzählige Harnproben und strikte Streichung von Annehmlichkeiten bei Verstößen zu verhindern, dass Drogen in die Anstalt geschmuggelt werden.“ Eine weitere Maßnahme zur Eindämmung des Drogenproblems ist die strikte Abgrenzung der Freigängerinnen von den übrigen Häftlingen. Käme es zu einer Vermischung, bestünde die Gefahr, dass die Frauen mit Ausgang unter Druck gesetzt würden und Drogen in das Gelände bringen könnten.
Trotz allem kommt es immer wieder vor, dass Drogen über den Zaun oder die Mauer geworfen werden und beim Arbeiten auf dem Areal abgeholt werden. Im Garten arbeiten meist zehn bis fünfzehn Gefangene. Drogensucht und Kriminalität hängen bei Frauen mindestens ebenso zusammen wie bei Männern.
Auch für den Handybesitz gibt es strenge Strafen – ab 50 Euro bis hin zur Streichung von Annehmlichkeiten. Die schärfste Ordnungsmaßnahme im Gefängnis ist der Absonderungshaftraum im zweiten Stock des Häftlingtrakts. „Er ist aber im Prinzip fehl am Platz in einer Frauenjustizanstalt“, sagt Johann Renner. Im Vorjahr war er insgesamt vier Stunden im Einsatz. Er wird nur dazu verwendet, tobende Gefangene zu besänftigen. Die Absonderungszelle ist ausgestattet mit einer Gummimatte – und sonst nichts.
In ebenso seltenen Fällen erhalten die Gefangenen „Hausarrest“ in ihren eigenen Zellen. Gesetzliche Maximaldauer: vier Wochen.

Familienzusammenführung

In Planung ist eine Art „Familienzusammenführung“ hinter Gittern – das Gesetz nennt es: „unbewachter Besuch“. Dafür sind zwei pavillionartige Häuser im Garten des Anwesens vorgesehen. Für die Adaptierung eines der Häuschen ist für 2008 ein Budgetposten vorgesehen.
„Wir sehen es als Möglichkeit zum `Familienbesuch´, der Boulevard sagt `Kuschelzellen´ dazu“, erklärt Gottfried Neuberger. Es gehe ihm darum zu vermitteln, dass diese Art des Besuchs nicht von Paaren allein zum Sex benutzt werden soll, sondern zur Aufrechterhaltung eines Familienlebens und von Partnerschaften.
Die künftigen Familienpavillions sollen ein Elternwohnschlafzimmer enthalten, ein Kinderzimmer, Küche und Nassraum. Darin sollen die Frauen mit ihren Familien zwischen drei Stunden und einem ganzen Wochenende zusammenleben.
„Bei uns ist eine solche Regelung weniger problematisch“, erläutert Neuberger. „Anders ist das in Männergefängnissen. Dort hat man keine Garantie, dass die Frauen, die reinkommen, freiwillig kommen und muss die Freiwilligkeit auch zu überprüfen versuchen.“



193 Haftplätze stehen in Schwarzau zur Verfügung, 22 davon für Männer, 171 für Frauen. Die Justizanstalt ist zum Glück nicht überbelegt – was es kaum sonst wo gibt in Österreich.
Grundsätzlich wird hier jede Frau untergebracht, die von einem österreichischen Gericht zu einer mehr als 18 Monate dauernden Haftstrafe verurteilt wird. Derzeit leben hier 35 Frauen mit geringeren Gefängnisstrafen.
Das Durchschnittsalter der Gefangenen liegt zwischen 40 und 45 Jahren.
137 Frauenhaftplätze sind für den Normalvollzug vorgesehen, 10 für Mütter mit ihren Kindern und 24 in der Freigängerabteilung, in die sie in der Regel sechs bis zwölf Monate vor ihrer Entlassung untergebracht werden.
69 Justizwachebeamte arbeiten derzeit in Schwarzau. Vor dem Jahr 2000 waren es um zwölf mehr. Zwei von ihnen sind leitende Beamte. Neben dem Anstaltsleiter Oberst Gottfried Neuberger ist das seine Stellvertreterin Oberstleutnant Margit Schrammel. Bis vor zwei Jahren waren vier leitende Beamte in Schwarzau.
46 der Justizwachebeamten sind Frauen, 25 Männer. Es gibt keine strikte Trennung zwischen Frauen und Männern in Schwarzau.
Für die Anstalt arbeiten weiters vier Sozialarbeiter, ein Psychiater, eine Psychologin, ein praktischer Arzt, ein Zahnarzt und ein Frauenarzt und mehrere Therapeuten.