Somnubene macht blaue Lippen


 



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Karlsplatz

Wiens verlorene Kinder

Für die Kinder vom Karlsplatz ist die Passage zwischen Oper und Josef-Ressel-Park „Wohnzimmer“ und „letzte Station“ zugleich. Die Polizei hat die unliebsame Aufgabe, den Schandfleck möglichst klein zu halten und selbst nicht allzu sehr aufzufallen.

Das Geld ist von meiner Tante für Weihnachten – ehrlich, Herr Inspektor“, schreit Judith, 21, durch die Polizeiinspektion Karlsplatz – deutlich lauter, als es nötig wäre. Judith hat ihr Gefühl für Lautstärke nicht im Griff. „Ich versteh Sie auch, wenn Sie’s mir leiser sagen. Glauben tu ich’s auch nicht, wenn Sie schreien“, antwortet Albert Maschler, Leiter der Suchtgiftgruppe 1 im Kriminalkommissariat Zentrum-Ost. Er hat eine Schachtel auf die Barriere der Inspektion gestellt. Judith soll alles aus ihren Taschen und Säcken ausräumen und in den Karton legen. Sie murrt.
Judith ist vor wenigen Minuten, gegen 19.20 Uhr, in der „Ladenstraße“ der Kärntnertorpassage von Maschler und zwei seiner Kollegen angehalten worden. Bei einer oberflächlichen Visitierung haben sie bei Judiths Freund („Das ist mein Verlobter!“) zehn Somnubene-Tabletten gefunden, ein Drogenersatzmittel, das Drogenabhängige von Ärzten verschrieben bekommen. Zuvor hatten sie die Kriminalisten beobachtet, wie sie der 18-jährigen Alexandra die Pillen verkaufen wollten. Daraufhin hatten die Kriminalbeamten eingegriffen.
Die Kriminalisten des KKs Zentrum-Ost sind seit 18.30 Uhr unter der Leitung von Roman Krammer als Kripo-Streife am Karlsplatz unterwegs: Albert Maschler, Peter Horvath, Herbert Windwarder, Johannes Kos, Helmut Malicek und Walter Zahel. Kaum sind sie hier eingetroffen, haben sie die ersten Anhaltungen und Festnahmen.
„Wir könnten jeden Tag hier sein, und die meisten würden uns nicht wiedererkennen, weil sie so sehr auf Drogen drauf sind“, sagt Roman Krammer. „Oft perlustrieren wir sie, verabschieden uns, und eine halbe Stunde später bieten sie uns irrtümlich Substitol an.“ Alter und Aussehen spielten dabei keine Rolle. Auch Kriminalbeamten, die man „von weitem riechen“ könnte, böten die „Kinder vom Karlsplatz“ Substitol oder andere Drogenersatzmittel an.

Sitzen bleiben!

„Du sollst sitzen bleiben!“, schreit einer der Angehaltenen im Parteienraum der Inspektion Karlsplatz einen anderen Festgenommenen an. Mittlerweile haben sich fünf Angehaltene in der Inspektion angesammelt. Der Georgier neben dem Schreihals steht immer wieder auf. Der Kriminalbeamte Johannes Kos versucht, ihn am Davongehen zu hindern – jetzt „unterstützt“ von einem der anderen Festgenommenen. Doch der „Helfer“ hat weit weniger Geduld als der Kriminalbeamte: Er springt auf und geht in die andere Ecke der Inspektion. „Das kann doch nicht wahr sein, dass es solche Leute gibt“, sagt er zu einem Polizisten, der vor den Monitoren sitzt und versucht, Dealer in flagranti zu erwischen. „Ja, ja“, antwortet dieser.
„Der schaut mich auch nicht an“, sagt der erfolglose Angehaltene.
Ein etwa 50-jähriger iranischer Staatsbürger ist aufgebracht: Soeben ist er mitten am Ring gegenüber der Oper, vor dem Spar, Ecke Kärntner Straße, von einem Mann überfallen worden. Der Täter hat ihn gegen die Wand gedrückt, ihm ein Messer an die Kehle angesetzt. Darauf hat der Perser 100 Euro aus der Brieftasche genommen und dem Täter gegeben. Der Räuber habe von ihm abgelassen. Doch sein Rottweiler muss die Situation falsch interpretiert haben und ist das Opfer angefallen und hat es in den Arm gebissen.
Der Überfallene hat den Ellbogen frei gemacht und zeigt einem Polizisten in der Inspektion die Bisswunden. Deutlich sind die Abdrücke der Rottweilerzähne sichtbar. Blut tritt aus.
Die Streifung nach dem Räuber verläuft negativ. „Der Spar-Detektiv kennt den Täter“, sagt das Opfer. Ein Beamter geht nach oben zum Tatort, versucht, den angeblichen Zeugen zu befragen. Wenig später kehrt der Polizist zurück: „Der Detektiv ist schon nach Hause gegangen“, berichtet er Gerhard Lehner, dem Kommandanten der Polizeiinspektion Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Es läutet an der Tür, ein Rettungsmann braucht noch die Daten des Opfers. Es hat die Einlieferung in ein Krankenhaus verweigert. Die Bisswunden seien nicht allzu schlimm.
Inzwischen hat es der Georgier geschafft, seinen Sitzplatz auf der Angehaltenenbank im Parteienraum der Inspektion zu verlassen. Er redet ohne Punkt und Beistrich – auf Russisch. Er greift in die Schachtel, in die auch er sein Hab und Gut legen hat müssen. Er weist eine Visitenkarte seines Arztes vor, der ihm offenbar die Ersatztabletten verschrieben hat. „Und was soll ich damit?“, fragt ihn der Kriminalbeamte Helmut Malicek. „Verkaufen dürfen Sie das Zeug trotzdem nicht.“

Die Omama

„Das Geld hab ich von meiner Omama bekommen!“, schreit Stefanie, während sie der Kriminalbeamte Herbert Windwarder durch die Tür in die Inspektion geleitet. „Ja, ja, die Oma aus Mödling, ich weiß“, sagt er.
„Warum darf ich den Eristoff nicht mit in das Wachzimmer nehmen?“, bettelt Stefanies Freund Savas. „Weil Sie die Flasche draußen schon einmal umgestoßen haben“, entgegnet Windwarder.
„Warum haben Sie so blaue Lippen?“, will Albert Maschler von der 21-jährige Stefanie wissen, während sie ihre Taschen und Säcke ausräumt und die persönlichen Dinge in eine Schachtel auf der Barriere legt. Blaue Lippen sind ein Zeichen, dass die Drogensüchtigen kurz vorher die Ersatzdroge Somnubene genommen haben „Das ist, weil ich einen Freund von mir geküsst habe“, sagt Stefanie – lauter als notwendig.
„Wer hat Ihnen die zehn Somnubene verkauft, die Sie in der Tasche gehabt haben?“, will Maschler wissen.
„Die hab ich nicht gekauft. Die hat mir einer im Vorübergehen in die Tasche gesteckt, ehrlich. Er hat noch gesagt, das ist, weil so viel Polizei unterwegs ist“, schildert Stefanie den Kriminalbeamten an. „Er hat es einfach loswerden wollen.“
Bei Stefanies Freund Savas finden die Kriminalbeamten zwei Substitol-Tabletten und ein knappes Gramm Cannabis.
Insgesamt nehmen die sieben Kriminalbeamten an diesem Abend neun Personen wegen Suchtgifthandels und Suchtgiftbesitzes fest. 14 weitere Personen perlustrieren sie. Sie stellen 78 Ersatzdrogentabletten sicher.

Größter Drogenumschlagplatz

Drogenersatzmittel sind seit einiger Zeit der Renner am ältesten und größten Drogenumschlagplatz Wiens. „Vor fünfzehn Jahren sind illegale Drogen im Mittelpunkt gestanden“, sagt Reinhard Auer, Leiter der Streetworker vom Karlsplatz. „Viele der Drogenabhängigen sind für die Ersatzmittel eingestellt. Das bringt sie einerseits weg vom illegalen Markt und hin zu ärztlicher Kontrolle, was sie wiederum stabilisiert. Gleichzeitig hat sich ein Schwarzmarkt ausgebildet – und das ist nicht im Sinne des Erfinders.“
Die Polizei zog im Vorjahr am Karlsplatz knapp 20.000 Tabletten aus dem illegalen Verkehr – allesamt von Ärzten verschrieben und von den Süchtigen in den Schwarzumlauf gebracht, mit dem Ziel, aus dem Erlös Heroin zu kaufen. Keine andere Droge wird an keinem anderen Ort in Wien derart intensiv vertrieben, wie am Karlsplatz die von Ärzten verschriebenen und in Apotheken abgegebenen Ersatzdrogen.
Mit der Erfindung der Ersatzmittel und dem flächendeckenden Einsatz haben die Heroindealer in Wien nicht nur Konkurrenz bekommen. Ersatzdrogen sind auch zur neuen Währung geworden zum Tausch für Heroin.
Um den Missbrauch zu verhindern, müssen die Süchtigen die Ersatzdrogen grundsätzlich in den Apotheken einnehmen. Doch sie sind erfinderisch, wenn es darum geht, diese Regel zu umgehen: Vielen Süchtigen werden die Ersatzmittel nach Hause mitgegeben, wenn sie sich in den Urlaub oder ein Wochenende aufs Land abmelden. Andere erhalten eine Wochenration, weil sie Arbeit haben und ihren Arbeitsplatz nicht verlassen können. Wer nichts dergleichen vorzuweisen hat, tut so, als schluckte er die Pille in der Apotheke, versteckt sie unter der Zunge oder in der Wange und spuckt sie am Gehsteig in ein Taschentuch. Die Pillen sind dann am Schwarzmarkt als „Gespuckte“ zwar nur mehr die Hälfte wert, aber es zahlt sich aus.
Im Vorjahr wurden die Bestimmungen für die Abgabe verschärft. Wer drei Rationen pro Tag benötigt, muss im Extremfall dreimal pro Tag in die Apotheke. Substitol & Co sind noch immer in Umlauf, nur ihr Schwarzmarktpreis hat sich erhöht. Eine Substitol-Tablette zum Beispiel kostet jetzt 12 bis 15 statt 10 Euro.
Die Ersatztabletten werden oft in aufgelöstem Zustand direkt in die Venen verabreicht. Das erhöht die Wirkung um das Drei- bis Fünffache. Allerdings enthalten die Pillenlösungen eine Art Wachsstoff, der sich nicht auflöst und nur schwer herauszufiltern ist. Das Wachs ist bekannt dafür, die Blutgefäße zu verstopfen, und zwar bei häufiger Anwendung auf Dauer.
Substitol ist in der Fachwelt umstritten. Kritisiert wird vor allem das Fehlen von klinischen Studien. Sie sind üblicherweise der letzte Schritt, bevor Pharmaprodukte auf den Markt gebracht werden. Substitol ist nur in drei Ländern der Welt zugelassen: in Bulgarien, Slowenien und Österreich.
In Österreich sind 8.000 Süchtige in Substitutionsbehandlung, 6.500 davon in Wien. Österreichweit sind etwa 30 Prozent der Süchtigen auf Ersatzdrogen eingestellt; die Kunden vom Karlsplatz sind es zu bis zu 80 Prozent.

Zufluchtsort und letzte Station

Für die Süchtigen ist der Karlsplatz eine Art Zufluchtsstätte einerseits und letzte Station andererseits. „Sie kommen nicht nur hier her, um sich Drogen zu besorgen oder ihre Tabletten abzusetzen, sie haben hier ihre sozialen Verbindungen, wir würden sagen, sie treffen ihre Freunde und Bekannte“, sagt Gerhard Lehner, Kommandant der Inspektion Kärntnertorpassage. „Die Kärntnertorpassage ist das Wohnzimmer vieler Süchtiger.“
Durchschnittlich halten sich in der Lagerstraße 70 bis 80 Abhängige auf. Sie konzentrieren sich großteils auf einen Punkt, ein Wettlokal im Durchgang zwischen Kärntnerring und Karlsplatz. Dort ist der wärmste Punkt des verzweigten, unterirdischen Gassensystems, dort erhalten die Süchtigen relativ billig Bier und Wein und die Stelle befindet sich am Rand der Schutzzone.
Die Schutzzone wurde in Jänner 2005 eingerichtet, auf Drängen der umliegenden Schulen. Die Polizei hat die Aufgabe zu überwachen, dass die Schutzzone von den Süchtigen „sauber“ bleibt. Wer beim Drogenhandel in der Schutzzone erwischt wird, erhält nicht nur eine Anzeige, er bekommt auch einen Platzverweis. Das gilt dreißig Tage lang.
Die Beamten der Inspektion Kärntnertorpassage versuchen, lästig zu sein für die Abhängigen. Sie sollen wissen, dass sie nicht unbeobachtet tun und treiben können, was sie wollen. Der Handel soll mit einem Risiko behaftet sein. „Das ist einerseits das Höchste, was wir gegen die Szene unternehmen können – verhindern lässt sie sich nicht“, sagt Lehner. „Und es ist unsere Pflicht den Passanten gegenüber, die hier die U-Bahn wechseln oder einfach vom ersten in den vierten Bezirk durchgehen.“ Täglich bewegen sich 200.000 Menschen durch die Kärntnertorpassage zwischen Oper und Josef-Ressel-Park.
Pro Tag verzeichnen die Beamten der Inspektion dreißig bis fünfzig Identitätsfeststellungen nach dem Sicherheitspolizeigesetz und bis zu hundert Wegweisungen nach dem Wiener Landessicherheitsgesetz.
Der Dienst für die Uniformierten beginnt mit einem Rundgang zwischen sechs und sieben Uhr Früh, bei dem es gilt, die Passage von übernachtenden Obdachlosen zu „reinigen“. Er endet mit der Sperre der U-Bahnhöfe.
In normalen Nächten rollen sich ab ein Uhr nachts drei bis vier Obdachlose auf ihren Pappkartons ein, in Spitzennächten sind es bis zu zwölf. „Das sind meistens jene Leute, die in Notschlafstellen abgewiesen werden, weil sie zu stark betrunken sind“, erklärt Lehner.
Während des Tages wechselt der Dienst für die Polizisten zwischen Monitorbeobachtung und Fußstreifendienst, mit dem Ziel, Ansammlungen und Gruppenbildungen in der Passage zu verhindern, die Schutzzone zu überwachen und Drogendeals aufzudecken. Egal, was in Wien los ist, es hat Auswirkungen auf die Kärntnertorpassage: Sei es eine Demonstration im ersten Bezirk oder ein Fußballmatch im Penzinger Horrstadion. Pro Dienstgruppe sind acht bis zehn Beamte im Dienst.
„Als Wachhabende in der Inspektion kommen die Kollegen kaum zur Ruhe“, erklärt Gerhard Lehner. Der Parteienraum ist fast nie leer: Ein bis zwei Personen suchen fast immer die Dienststelle auf. Sie beschweren sich, von Süchtigen angepöbelt worden zu sein; sie melden Taschendiebstähle, Obdachlose in den öffentlichen WCs, bringen gefundene Spritzen in die Inspektion oder geben an, einen Suchtgiftdeal in der U-Bahn oder der Station beobachtet zu haben.
Der Karlsplatz ist Knotenpunkt für die Linien U 1 vom Norden Wiens (22. Bezirk, Leopoldau) in Richtung Süden (10., Reumannplatz), U 2 (rund um den Ring) und die U 4 von Ost (19., Heiligenstadt) nach West (14., Hütteldorf). Oberirdisch ist der Karlsplatz Durchzugs- und Ausgangspunkt für mehrere Straßenbahnen und die Badnerbahn.

Filialwachzimmer

Bis 2005 war die Inspektion Kärntnertorpassage eine Außenstelle des Wachzimmers Goethestraße und in düsteren, alten Räumen untergebracht. Erst seit der Polizeireform ist sie eine eigenständig geführte Dienststelle, untergebracht in einem modernen Gebäude am Ausgang zum Josef-Ressel-Park. Zu beneiden sind die Beamten trotzdem nicht – sie sind mit den untersten Auswüchsen der Gesellschaft konfrontiert, und zwar tagtäglich. Positive Erlebnisse sind rar. Pro Jahr nehmen sie mehr als 600 Personen fest und erstatten knapp 10.000 Anzeigen, achtzig Prozent davon wegen Strafrechtsdelikten. Die Inspektion Kärntnertorpassage zählt zu den am höchsten belasteten Dienststellen Österreichs – wenn sie nicht überhaupt die am höchsten belastete ist.
Manchmal wird es auch hartgesottenen Polizisten am Karlsplatz zu viel. Am 29. November 2007 zum Beispiel veranlassten Beamte die Abnahme eines Kindes von ihrer Mutter.
„Die Frau ist uns einige Tage lang aufgefallen“, schildert Markus Tantinger. „Sie hat einen achtjährigen Buben dabei gehabt und sich nicht um ihn gekümmert.“ Das Kind sei schmutzig herumgelungert, die Szenekollegen der Frau gaben dem Buben Vodka aus der Flasche und Bier aus der Dose, er musste mit ansehen, wie seine Mutter immer mehr torkelte und mit Männern verschwand. Wenn es ihn nach einem Schluck von der Vodkaflasche reckte, gab es Applaus in der Passage. Am Abend des 29. November 2007 holten Polizisten den Achtjährigen aus dieser Szene, veranlassten über den Permanenzdienst des Rathauses die Abnahme des Kindes von der Mutter und brachten den Buben in den Kinderzufluchtsort Drehscheibe der Stadt Wien im zwanzigsten Bezirk.

Streetwork

Die „Streetworker“ vom Karlsplatz, 14 Sozialarbeiter, versuchen, ihr Angebot so nah wie möglich an die Süchtigen heranzutragen. „Unser Ziel ist es, die Süchtigen längerfristig zu einer Perspektive zu bewegen“, sagt Streetworker Reinhard Auer. Er ist seit Ende 2006 Chef der Streetworker vom Karlsplatz, zuvor leitete er die Beratungsstelle Ganslwirt in Wien Mariahilf neun Jahre lang.
„Wir gehen in die Passage und knüpfen Kontakte zu den Szenezugehörigen“, erläutert Auer sein Konzept. „Wir warten nicht, bis sie in unsere Beratungsstelle kommen.“ Die Streetworker kommen pro Tag auf über 500 Kontakte mit den Süchtigen.
Die Beratungsstelle wurde zwischen Ende 2005 und September 2006 in der Westpassage völlig neu gestaltet. Sie ist zwischen 10 und 18.30 Uhr geöffnet und bietet eine Bandbreite vom Spritzentausch über kurze Auskünfte bis zur ausgiebigen Beratung. Pro Tag geben die Streetworker durchschnittlich 3.500 Spritzen aus.
„Längere Beratungsgespräche kommen meist aus sehr krisenhaften Situationen heraus zustande“, sagt Auer. Oft bedürfe es einer längerfristigen Beratung, um die Süchtigen auf eine Beratung in einer anderen Stelle vorzubereiten, etwa auf einen Arztbesuch oder zur Vorbereitung auf eine Drogentherapie. „Die Leute sind oft nicht mehr beziehungsfähig.“ Mehrmals pro Monat bieten die Streetworker Informationsveranstaltungen an. etwa „Safer Use“, „Safer Sex“, „Frauencafé“ oder „Themenbistro HIV und Hepatitis C“.
Seit Sommer 2007 bietet die Streetwork-Beratungsstelle in der Kärntnertorpassage ein „Bistro“ für die Süchtigen an – mit zwei Sitz- und zwei Stehtischen. Montags, dienstags, donnerstags und freitags von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr treffen sich die Abhängigen im Beratungs-Bistro auf Kaffee, Tee oder Obst. „Oft gelingt es uns hier, einen Zugang zu den Süchtigen zu finden“, erklärt Auer.
Polizei und Streetworker haben in den letzten Jahren eine Zweckgemeinschaft geschlossen. „Wir stehen in ständigem Kontakt“, sagt Gerhard Lehner. Die Aufgaben der Sozialarbeiter und der Polizisten ergänzen einander. „Die Polizei wäre ein schlechter Ansprechpartner für sozialarbeiterische Aufgaben“, sagt Roman Krammer vom KK Zentrum-Ost. Knapp die Hälfte aller Drogendelikte des ersten Bezirks, die Kriminalbeamte bearbeiten, werden im Umfeld des Karlsplatzes angezeigt – pro Monat zwischen achtzig und hundert.
Seit 2005 hat die Stadt Wien „Konfliktlöser“ am Karlsplatz stationiert. Mit Mai 2007 wurde das Help-U-Team aufgestockt und seine Arbeitszeit an Wochentagen bis 22 Uhr ausgeweitet.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Help-U-Teams sollen zwischen der Bevölkerung und den Süchtigen vermitteln. Sie tun das mit hoch gelobtem Erfolg seitens der Politik – andere Karlsplatz-Insider schreiben ihnen nur mäßiges Gelingen zu.