Forschung

Der Mörder in mir

Sind „kriminelle Neigungen“ Verbrechern in die Wiege gelegt oder ist die Gesellschaft daran schuld, dass es Gauner und Ganoven unter uns gibt? Erst langsam findet die Wissenschaft heraus, unter welchen Umständen die Gene oder die Umwelt die größere Rolle spielen.

Wenn nach dem Tod einer Maus eine gerichtliche Obduktion der Mäuseleiche angeordnet wird, muss nicht unbedingt ein Verbrechen dahinter stecken – oder doch? Eine Forschergruppe um Solomon Snyder jedenfalls war daran interessiert herauszufinden, warum die Wissenschaftler jeden Morgen tote Mäuse in ihren Versuchskäfigen bergen mussten. In ihrem Labor hatte sich kein geheimnisvoller Virus ausgebreitet – die Autopsien ergaben: die Mäuse waren ermordet worden, und zwar von ihren Käfigmitbewohnern.
Snyder und seine Kollegen besorgten sich Videokameras und filmten, was ihre Versuchsmäuse nachts trieben. Wieder fanden sie am Morgen „ermordete“ Mäuse in ihren Käfigen auf. „Was die Forscher auf den Videobändern zu sehen bekommen haben, waren enorm brutale, grausame Szenen“, schildert der Fachhumangenetiker Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger, Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien. „Nun muss man sagen, in der Biologie kann es niemals vorgesehen sein, dass eine Maus die andere tötet.“ Es bringt ihr nichts: Sie isst sie nicht auf, sie erbt nichts von ihr, sie muss sie nicht als Rivalin ausschalten – gar nichts.
„Noch dazu ist es für eine Maus ein enormer Aufwand, eine andere umzubringen“, erklärt Hengstschläger. „Das ist bei der Maus wirklich aufwändig. Sie muss sich echt etwas einfallen lassen.“

Keine Zufallsmorde

Natürlich waren die Morde an den Mäusen keine Affekthandlungen, kein Totschlag und keine Körperverletzungen mit tödlichem Ausgang. Auch die Ursache war alles andere als Zufall. Die Forscher hatten den Mäusen ihr Gen für Salpeteroxydsynthase (NOS – „nitric oxyde synthase“) genommen, was – zumindest vorerst – keine Auswirkungen hatte und die Wissenschafter eher enttäuschte – zumindest vorerst.
„Um zu wissen, wofür ein Gen verantwortlich ist, wird es praktisch herausgeschossen“, erklärt Univ.-Prof. Hengstschläger. Man setzt am frühen Embryo ein bedeutungsloses Gen ein und dadurch wird jenes, das sich an dieser Stelle befindet, zerschlagen. Es wird kaputt und hat keine Funktion mehr.“ In der Hälfte der Fälle sind die auf diese Weise genmanipulierten Mäuse lebensunfähig und kommen gar nicht zur Welt. Bei den NOS-manipulierten Mäusen war das anders. Die männlichen NOS-losen Tierchen wurden aber sehr bald zu Mördern.

NOS-Gen bei Menschen

Als Nächstes nahmen US-Wissenschaftler das NOS-Gen verurteilter Mörder unter die Lupe. Sie ermittelten, über welche Variante des NOS-Gens Gefängnisinsassen verfügten. Dann untersuchten sie den genetischen Bausatz vergleichbarer Männer, die nicht zu Mördern geworden waren. „Es hat belegbare Signifikanzen gegeben zwischen dem Auftreten bestimmter Varianten des Gens und dem Auftreten bestimmter Delikte“, berichtet Hengstschläger. „Es hat sich herausgestellt: Hat jemand die NOS-Variante A, ist seine Wahrscheinlichkeit, dass er Mörder wird, achtmal höher als wenn er die Variante B hat.“

Verbrecher-Gen

„Ja, es gibt eine Anlage für Kriminalität, das ist überhaupt keine Frage“, sagt Univ.-Prof. Hengstschläger. „Das wissen wir nicht nur aus Einzelgenstudien wie jene von Snyder, wir wissen es bereits aus Zwillingsstudien.“
Wann immer die Wissenschaft hinterfragt, ob ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Eigenschaft einem Menschen in die Wiege gelegt ist oder von seiner Umwelt geprägt wird, sind eineiige Zwillinge das geeignete Objekt.
Bei zweieiigen Zwillingen werden zwei verschiedene Zellen der Mutter befruchtet – oft mit einigen Tagen Abstand. Die Zwillinge kommen am selben Tag zur Welt, sind aber nichts anderes als Bruder und/oder Schwester mit demselben Geburtstag. Sie gleichen sich niemals in hundert Prozent ihrer Gene.
Bei eineiigen Zwillingen wird nur eine Zelle der Frau befruchtet und diese teilt sich knapp nach dem Befruchtungsvorgang. Eineiige Zwillinge sind daher in ihren Genen zu hundert Prozent identisch. Das ist augenfällig in jenen Eigenschaften, die zu hundert Prozent von den Genen bestimmt sind: etwa dem Geschlecht, der Haarfarbe oder der Augenfarbe.
Die Körpergröße beispielsweise hängt nicht ausschließlich von den Genen ab. Wäre vor einigen Jahrzehnten ein eineiiger Zwilling in den USA aufgewachsen und sein Zwillingsbruder in Japan, wäre Letzterer kleiner geraten, weil die japanische Nahrung damals noch an einem Kalziummangel litt und dieser das Wachstum des Menschen bremsen kann.
Nun gibt es Tausende Studien an eineiigen Zwillingen in Bezug auf Eigenschaften und Verhaltensmerkmale der Menschen. Beispielsweise liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein eineiiger Zwilling homosexuell ist bei einem Wert von fünfzig zu fünfzig. Bei zweieiigen Zwillingen beträgt sie nur zwanzig zu achtzig. Das heißt aber nicht, dass es nicht doch eine Genkonstellation gibt, die für die Eigenschaft „Homosexualität“ verantwortlich ist.
Noch etwas sollte an dieser Stelle betont werden: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Homosexualität mit irgendwelchen Verbrechen oder anderen „abnormalen“ Verhaltensweisen im Zusammenhang steht. „Es gibt überhaupt keine Korrelation – und das ist das alte Gerücht – zwischen dem Aussehen oder irgendwelchen anderen Eigenschaften und dem Auftreten von Verbrecheranlagen“, betont Hengstschläger. „Es hat ja unter anderem die Versuche gegeben, von der Gesichtsform, der Ohrengröße und Ähnlichem herzuleiten, ob jemand zum Verbrecher geboren ist oder nicht. Dieses Thema ist gegessen, völlig absurd, haltlos.“

Verschiedene Delikte

In Bezug auf Verbrechen wurden eineiige Zwillinge sogar auf verschiedene Delikte hin untersucht. Die Ergebnisse waren verblüffend eindeutig: Wiederholte Eigentumsdelikte zum Beispiel sind demnach zu knapp 80 Prozent genetisch bedingt; bei Gewaltdelikten beträgt die Rate 50 Prozent.
„Jemand, der eine bestimmte Anlage hat, und in einem normalen Milieu aufwächst, hat eine enorm höhere Wahrscheinlichkeit, Verbrecher zu werden, auch wenn er bei Eltern groß wird, die nie stehlen, betrügen oder morden würden“, sagt Hengstschläger. „Natürlich spielt die Umwelt eine ganz große Rolle, aber bei der Tatsache, dass ein Mensch einen anderen bei lebendigem Leib aufisst, scheint mir die Komponente der Umwelt eher untergeordnet und ich würde sagen: Das hat man oder hat man nicht.“
Je abnormer ein Verhalten, desto eher ist es von den Genen bestimmt und desto weniger hat die Umwelt einen Einfluss darauf. „Wir unterscheiden ja, ob jemand einen Menschen aufschlitzt oder einen Ladendiebstahl begeht“, sagt Hengstschläger. „Umso abnormer das Verhalten, umso eher sind genetische Komponenten im Spiel. Zwillingsstudien haben das klar ergeben.“

Gefährliche Suche in den Genen

„Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar, er ist Produkt aus Genetik und Umwelt“, betont Univ.-Prof. Markus Hengstschläger. Vor allem bei Verhaltensmerkmalen sei die Lage nie eindeutig. „Selbst wenn jemand über eine Genvariante verfügt, bei der die Wahrscheinlichkeit, dass er zum Mörder wird, achtmal höher ist, heißt das nicht, dass er auf jeden Fall zum Mörder wird“, betont Hengstschläger. „Es gibt unglaublich viele Menschen, bei denen das so ist und die keine Mörder geworden sind. Und es gibt unglaublich viele Menschen, die diese Genvariante nicht haben, und sie morden trotzdem. Das heißt: Die Umwelt spielt immer eine Rolle.“
Jeder Mensch hat 30.000 bis 40.000 Gene. Sie sind auf 46 Chromosomen aufgeteilt, die sich in jeder Zelle des Körpers befinden, und zwar in jeder einzelnen. Jeder Mensch hat jedes Gen zweimal: einmal von seiner Mutter, einmal vom Vater. Hinzu kommt, manche Genvarianten sind dominant, ihr Pendant vom Vater oder der Mutter „schlummern“ und werden nie im Leben wach. Unterschieden werden Menschen durch die Variationen der Gene, und diese geschehen zufällig. Bei jeder Befruchtung werden die Gene des Vaters und die Gene der Mutter neu durchmischt.
Jedes Gen übt fünf, sechs, zehn oder mehr Funktionen aus. 10 mal 30.000 – macht 300.000 Variationen. Bei jedem Menschen sind die Gene unterschiedlich verschaltet – macht zig Millionen Variationen. Die Art der Verschaltungen macht übrigens fast den einzigen Unterschied zwischen Menschen und Affen aus. Rein genetisch sind wir mit unseren behaarten Verwandten aus dem Tierreich zu 99,9 Prozent identisch. Auch von Mäusen oder Ratten unterscheidet uns kaum etwas – rein genetisch betrachtet.

Zu Beginn nach Bauplan

Im Mutterleib entsteht das menschliche Embryo nur in den ersten Stunden und Tagen genau nach dem Bauplan der Gene. Sobald die ersten Umwelteinflüsse ins Spiel kommen, kommt auch die Umwelt als Bestimmungsfaktor für den Menschen ins Spiel. Das ist zum Beispiel die Nahrung, die die Mutter zu sich nimmt. Das sind die Gefühle, die sie während der Schwangerschaft empfindet – ihre Ängste und Freuden. Das sind die Laute, die die Mutter von sich gibt, die Sprachen der Menschen im Umfeld der Mutter, die über Schallwellen durch die Bauchdecke ans Ohr des Kindes kommen. Übrigens ist es meist das rechte Ohr, das innen an der Bauchdecke der Mutter anliegt. Da die Nervenbahnen aus dem rechten Ohr in die linke Gehirnhälfte des Babys führen, wird bei den meisten Menschen die linke Gehirnhälfte eher für akustische Laute spezialisiert als die rechte – geprägt also durch Umwelteinflüsse.
Diese Umweltfaktoren haben Einfluss darauf, wie sich die Nervenzellen im Gehirn des Heranwachsenden verschalten. Der Einfluss potenziert sich von einer Minute auf die andere, sobald das Kind das Licht der Welt erblickt. Es strömen Einflüsse durch alle Sinneskanäle auf das Gehirn ein und bilden Verdrahtungen zwischen den Nervenzellen. Diese Verdrahtungen sind die Grundlage für das Denken, Handeln, Wahrnehmen und Fühlen des Menschen. Sie werden dadurch gebildet, dass Botenstoffe, aktiviert durch elektrische Signale, den Stoffwechsel in den Nervenzellen anregen; und Letzterer erfolgt nach dem ursprünglichen Bauplan, der in den Genen des Menschen festgelegt ist.
Wo und wann der Bauplan aktiviert wird, bestimmt nicht mehr die genetische Zusammensetzung des Menschen allein, sondern auch seine Umwelt.
Ein Beispiel, wie die Umwelt den genetischen Bauplan eines Menschen wertlos machen kann, sind geburtsblinde Menschen. Üblicherweise sitzen die für das Sehen verantwortlichen Nervenzellen im Hinterhaupt. Kommen keine Signale von den Augen, übernehmen die „Sehnervenzellen“ im Kopf andere Funktionen – meist akustische, taktile und motorische, also für das Hören, Tasten und Bewegung charakteristische Funktionen.
Bis in die siebziger Jahre ist es häufig vorgekommen, dass Babys durch eine bestimmte Bakterieninfektion bei der Geburt ihr Augenlicht verloren. Die Infektion bewirkte eine Trübung der Hornhaut oder der Linse.
Als es möglich wurde, Hornhaut und Linse zu transplantieren, war es nicht möglich, älteren, geburtsblinden Menschen zum Sehen zu verhelfen. Teilweise nahmen sie das, was sie über die Augen nun ins Gehirn weitergeleitet bekamen als Geräusche wahr. Ihre Gehirne hatten sich mittlerweile anders organisiert – und zwar auf Grund der Sinnesreize aus der Umwelt. Genetisch wäre das Sehen bei diesen Menschen absolut möglich gewesen. Erfahrungsbedingt war es vollkommen ausgeschlossen, weil das Gehirn die nötigen Verbindungen eingeschmolzen hatte.

Gene oder Umwelt?

Die Wissenschaft ging bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts davon aus, der Mensch sei von seinen Anlagen bestimmt. Das brachte die Wissenschaftler auf die Idee, nach Zusammenhängen zu suchen zwischen Äußerlichkeiten und Verhalten oder Einstellungen eines Menschen.
Es folgte eine lange Phase der „Behavioristen“. Ihre Prämisse war: Wie der Mensch wird, bestimmt seine Umwelt. Tausende Untersuchungen wurden angestellt, Milieus wurden studiert, Lebensgeschichten verfolgt. Die Arbeit der Behavioristen war aber weit komplizierter als die Arbeit jener, die bloß die Ohrenlänge oder die Nasenkrümmung verurteilter Kohlendiebe vermaßen. Denn die Umwelt, in der wir leben, ist weit komplexer.
Daher waren die Behavioristen bemüht, ihr Konzept zu vereinfachen. Sie reduzierten damit den Menschen auf ein Reiz-Reaktionsmodell. Jeder Reiz bewirke etwas in der Psyche des Menschen, verändere das Denken und damit die daraus folgende Reaktion. Aus diesem Muster würden Gewohnheiten entstehen.
Nach einem der Begründer des amerikanischen Behaviorismus, John Broadus Watson war die Psychologie die „Lehre von der Kontrolle und Voraussage menschlichen Verhaltens“. Seit den „Pawlow’schen Hundeversuchen“ Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts experimentierten Wissenschafter auch mit der „Konditionierung“ von Menschen. Der Russe Iwan Pawlow hatte das „Gesetz des Effekts“ zufällig entdeckt: Er wollte eigentlich den Verdauungsmechanismus des Hundes erforschen. Jedes Fressen kündigte er mit einer Glocke an und stellte plötzlich fest, dass die Hunde bereits nach dem Ertönen der Glocke den typischen Speichelfluss erzeugten.
Nach Konditionierungsversuchen mit Vögeln und Ratten, bemerkten Forscher, dass auch der Mensch konditionierbar ist. Sehr oft saßen die Wissenschaftler einem „Versuchsleitereffekt“ auf. Dabei überträgt der Forscher der Versuchsperson völlig unbewusst seine eigenen Gedanken. Ende der siebziger Jahre zum Beispiel verkündeten Wissenschaftler, sie seien einer Lösung des Autismus auf der Spur. Autistische Menschen sind kaum in der Lage, sensorische Reize aus der Umwelt zu verarbeiten und die passende Reaktion zu entwickeln. Auf körperliche Berührungen schrecken sie zurück. Nun wollten Forscher über Computerbildschirme autistische Kinder angeregt haben, erstmals mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. In Wirklichkeit waren die von den Versuchspersonen gesendeten Signale von den Versuchsleitern unbewusst bestimmt worden.
Noch bis in die siebziger Jahre waren Wissenschaftler der Meinung, Autismus entstehe durch „Gefühlskälte“ der Mutter. Erst in den neunziger Jahren entdeckten Ärzte, dass Autisten Veränderungen in bestimmten Gehirnstrukturen aufwiesen.

Gefängnislose Gesellschaft

Aus der Hochblüte des Behaviorismus – Mitte der siebziger Jahre – stammt im Wesentlichen unser heute geltendes Strafrecht. Die Resozialisierung wurde als übergeordnetes Ziel eingesetzt. Jeder Kriminelle sei „heilbar“.
„Erst nach und nach beginnt man jetzt zu differenzieren“, sagt Markus Hengstschläger. „Bestes Beispiel ist die Kriminalität: Man fragt sich, wie viel Anteil haben Gene an den Ursachen und bei welchen Delikten ist das wie?“
Selbst wenn man aber ein Gen für Aggressivität finden sollte, sei noch lange nicht gesagt, ob das jemanden zu einem Gewaltverbrecher mache. „Wenn jemand aggressiv ist und er eine geringere Hemmschwelle hat, könnte es ein Trugschluss sein zu sagen, dass er eher eine Gewalttat begehen wird als ein Phlegmatiker“, sagt Hengstschläger. „Ich wäre mir umgekehrt nicht sicher, weil der Phlegmatiker dafür wieder einen anderen ernsthaften Schaden haben könnte, den wir vielleicht überhaupt nicht sehen. Er neigt vielleicht dazu, zu Hause Menschen aufzuessen.“

Die Gene und der Kopf

Das letzte Argument gegen die Macht der Gene ist laut Hengstschläger der Kopf. „Jeder Mensch muss immer noch sagen dürfen: Ja, ich habe diese Genvariante, aber ich habe einen Kopf, ich dominiere mich“, erklärt Hengstschläger. „Würden wir dieses Argument nicht zulassen, wäre jeder Mensch auf seine Gene reduziert. Das wäre der totale Wahnsinn.“
„Totaler Wahnsinn“ wäre auch folgendes Szenario: Die Polizei hat drei Verdächtige, weiß aber nicht, wer von ihnen der gesuchte Mörder ist – ein Richter kommt auf die Idee: Schauen wir uns ihre Gene an und wenn einer von den dreien die Genvariante in sich trägt, bei der die Wahrscheinlichkeit Mörder zu werden achtmal erhöht ist, dann wird er es gewesen sein.
„Das wäre absurd“, sagt Hengstschläger. „Davor müssen wir uns verwahren. Da wäre der Mensch auf seine Biologie reduziert und nicht mehr Herr über sein eigenes Leben. Dann hätten wir mit unserem Kopf keine Macht über unsere Körperlichkeit.“
Die Macht des menschlichen Bewusstseins im Gehirn über sein Sein steht allerdings bei Gehirnforschern auf der Abschussliste. Eine Reihe von Wissenschaftlern kann auf Studien verweisen, die starke Hinweise dafür geben, dass zwar der Kopf entscheidet, wohin es mit dem Körper geht – allerdings ist es das Unbewusste und nicht das Bewusstsein, das den bestimmenden Einfluss ausübe.
Doch selbst wenn dem so wäre, wäre es ein teils genetisch, teils von der Umwelt bestimmter (unbewusst handelnder) Kopf, der aus einem Mix von Genen und Umwelt so geworden ist, wie er ist.
„Das beste Beispiel für mich ist Herbert Grönemeyer“, sagt Hengstschläger. „Er hat für den Beruf, den er ausübt, ungefähr das schlechteste genetische Rüstzeug, das man sich vorstellen kann. Der Mann kann nicht singen, er ist für die Bühne einfach zu hässlich, wenn Sie mich fragen. Er ist nach den heutigen Starmania-Kriterien absolut nicht geeignet. Und er ist genial.“ Genial sei er, weil er mit seinem Kopf zu Dingen imstande sei, die jemand, der aussieht wie Christina Aguilera, niemals zustande brächte. „Und das ist das Geniale – wenn er mit seinem Geist seinen Körper und seine Voraussetzungen dominiert und beherrscht“, erläutert Hengstschläger.
„Das ist das, was uns Menschen ausmacht.“