Kriminalgeschichte

Hinrichtung am Schweinemarkt

Im Jahr 1408 wurden der Wiener Bürgermeister Konrad Vorlauf und zwei Ratsherrn auf dem Schweinemarkt geköpft. Sie waren Opfer politischer Auseinandersetzungen geworden.

Schweinemarkt in Wien, 11. Juli 1408: Drei prominente Delinquenten werden zur Richtstätte geführt. Kurz darauf fallen die Köpfe von den Leibern des Wiener Bürgermeisters Konrad Vorlauf und seiner Ratskollegen Konrad Rampersdorfer und Hans Rock. Die führenden Stadtpolitiker wurden Opfer der Auseinandersetzungen einerseits zwischen den Habsburger-Herzögen Leopold IV. und Ernst und andererseits zwischen den aufstrebenden Wiener Handwerkern und den „Patriziern“, den städtischen Großgrundbesitzern – der Elite Wiens.
Nach dem Tod des kinderlosen Habsburgers Rudolf IV. regierten seine jüngeren Brüder Albrecht III. und Leopold III. Österreich vorerst gemeinsam. Im Teilungsvertrag von Neuberg an der Mürz 1379 erhielt Albrecht Österreich ob und unter der Enns (Ober- und Niederösterreich) sowie das Salzkammergut (Albertinische Linie); Leopold bekam den übrigen Herrschaftsbereich der Habsburger: Steiermark, Kärnten, Krain, Tirol und die Vorlande (Leopoldinische Linie). Im Jahr 1395 verstarb Herzog Albrecht III. von Österreich. Sein Sohn Albrecht IV. und sein Neffe Wilhelm einigten sich daraufhin auf eine wechselseitige Regentschaft in den habsburgischen Erblanden und damit im Herzogtum Österreich. Für Wien erließen sie 1396 das Ratswahlprivileg. Es beinhaltete unter anderem die jährliche Wahl des Bürgermeisters und des Rates sowie die paritätische Zusammensetzung des Ratsherrenkollegiums aus dem Kreis der Erbbürger, Kaufleute und Handwerker. So stellten die Handwerker ein Drittel des Rats. Das bedeutete das Ende der Dominanz der Patrizier.
Der Wiener Handwerker und Ratsbürger Konrad Vorlauf war ein Anhänger Herzogs Wilhelm. Vorlauf war Mitglied jener Delegation, die Wilhelm 1400 zur Brautwerbung nach Neapel entsandte. Auch sein Ratskollege Konrad Rampersdorfer hatte ein Naheverhältnis zu Wilhelm.
Als Albrecht IV. 1404 starb, übernahm Wilhelm die Vormundschaft für den Erben Albrecht V., der damals sieben Jahre alt war. 1406 starb auch Wilhelm, worauf sich seine Brüder Leopold IV. und Ernst („der Eiserne“) um die Vormundschaft für Albrecht V. stritten, die mit Macht und Einkünften verbunden war. Schließlich einigten sich die Brüder unter dem Druck der österreichischen Landstände: Leopold IV. wurde alleiniger Vormund. Er verscherzte es sich aber mit den etablierten Schichten, sodass diese im November 1407 die Regentschaft in Österreich seinem Bruder Ernst anboten. Das führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen.
Zur selben Zeit eskalierte in Wien der Konflikt zwischen den Handwerkern, die Leopold unterstützten und den Erbbürgern (bürgerliche Oberschichte im Rat), die den Bürgermeister stellten und mit Leopolds Bruder Ernst sympathisierten.

Enthauptung am Hohen Markt

Am 5. Jänner 1408 ließ Herzog Ernst fünf Handwerker aus der Wiener „Gemein“ auf dem Hohen Markt enthaupten. Neun Tage schlossen die beiden Herzöge einen Waffenstillstand; Leopold lud den Wiener Rat zu Verhandlungen ein, zunächst in Wiener Neustadt, später in St. Pölten. Auf dem Rückweg von St. Pölten wurde die Delegation des Wiener Rats am 9. April 1408 bei Gablitz von Ritter Hans Laun und dessen Gefährten überfallen; ein Ratsherr kam dabei ums Leben; Bürgermeister Konrad Vorlauf, die Ratsherren Hans Rock, Rudolf Angerfelder, Stefan Poll und Friedrich von Dorfen sowie zwei weitere Bürger wurden in den Burgen Kogel, Kreuzenstein und Dürnberg eingekerkert.
Ritter Laun wollte mit dem Überfall Geldforderungen gegenüber der Stadt Wien durchsetzen. Die Stadt Wien zahlte 10.000 Gulden an Laun und an Heinrich von Kranichberg für die Freilassung der Ratsdelegation, konnte aber die Summe von der Landessteuer abziehen, da Herzog Leopold den Delegationsmitgliedern freies Geleit zugesichert hatte, aber ihre Gefangennahme nicht verhindern konnte. Am 16. Juni 1408 wurden Vorlauf und die anderen Geiseln freigelassen. Während Vorlaufs Gefangenschaft hatte Konrad Rampersdorfer das Bürgermeisteramt geführt.
Kurze Zeit später hob die Stadt Wien eine Sondersteuer auf Wein ein, um Schulden zu begleichen. Daraufhin beschwerte sich die „Gemein“ bei Herzog Leopold und forderte die Absetzung von Ratsmitgliedern. Am 7. Juli 1408 ließ Herzog Leopold Bürgermeister Konrad Vorlauf festnehmen, ebenso die Ratsherren Konrad Rampersdorfer, Hans Rock, Rudolf Angerfelder, Hans Mossbrunner und Hans Stichel den Älteren sowie Stefan Schröfel. Obwohl einflussreiche Persönlichkeiten für die Eingekerkerten intervenierten, wurden Vorlauf, Rampersdorfer und Rock am 11. Juli 1408 geköpft, und zwar nicht auf der üblichen Hinrichtungsstätte am Hohen Markt, sondern am Schweinemarkt, dem heutigen Lobkowitzplatz. Das galt als besondere Schmach. Die „Gemein“ wählte noch am selben Tag den Handwerker Hans Feldsberger zum Bürgermeister und einige neue Ratsherrn. Die anderen Verhafteten wurden gegen Zahlung einer hohen Geldsumme freigelassen; die Güter der drei Hingerichteten konfiszierte Herzog Leopold.

Bruderzwist

Die Hinrichtung des Bürgermeisters der größten Stadt in den habsburgischen Erblanden und der beiden anderen Ratsangehörigen führte zu einer allgemeinen Bestürzung. Der neu gewählte Rat teilte dem Bruder Leopolds, Herzog Ernst, der sich in Graz aufhielt, mit, dass die Hinrichtungen unter dem Druck der „Gemein“ und aus zwingenden Gründen erfolgt seien. In Briefen vom 27. und 29. Juli 1408 verlangte Ernst Aufklärung darüber, aus welchen Gründen die Exekutionen erfolgten und ob das Gerichtsverfahren korrekt abgelaufen sei. Die Antwort ist nicht bekannt.
Der Bruderzwist der Habsburger lebte wieder auf und wurde erst am 13. März 1409 durch einen Schiedsspruch des ungarischen Königs Sigmund beendet: Laut diesem Spruch sollten die Herzöge Ernst und Leopold – als Vormünder Albrechts V. – gemeinsam Österreich regieren. Albrecht V. wurde nach Ausbruch der Pest im Sommer 1410 auf die Burg Starhemberg gebracht; von dort auf Veranlassung der Landstände nach Eggenburg „entführt“ und am 2. Juni 1411 von den Landständen für „regierungsfähig“ erklärt. Leopold IV. erlitt daraufhin einen Schlaganfall und starb. König Sigmund, inzwischen zum römisch-deutschen König gewählt, sanktionierte diesen Putsch; der neue Herzog Albrecht V. bestätigte 1412 die Privilegien Wiens.

Lies und lerne...

Konrad Vorlauf, Konrad Rampersberger und Hans Rock wurden rehabilitiert. 1430 wurden sie aus ihrem Grab an der Nordseite von St. Stephan exhumiert und im Inneren des Doms bestattet. „Bleib stehen, weine, klage, seufze, o Sterblicher, lies und lerne ...“ stand in lateinischer Schrift auf der Grabplatte der drei Hingerichteten im Wiener Stephansdom. „... Siehe drei Bürger unter einem schmalen Stein begraben ... hochgeschätzt in der Tat, vorzüglicher als alle in dieser Stadt, bekannt durch ihr Wirken; die Tugend hat sie zu Verdiensten um den Ehrbegriff gelenkt; aber das Rad der trügerischen Fortuna hat sie mit einer einzigen Wahnsinnstat zu Enthaupteten gemacht ...“ Die Grabplatte wurde 1945 bei Bombenangriffen zerstört.
Heute erinnern in Wien Straßennamen an die drei aus politischen Gründen Hingerichteten; die Vorlaufstraße und die Rockhgasse im ersten Bezirk sowie die Ramperstorfferstraße quer durch den fünften Bezirk. Am Lobkowitzplatz 3, der Hinrichtungsstätte, befindet sich seit 1868 eine Gedenktafel.
Konrad Vorlauf war nicht der einzige Wiener Bürgermeister im 15. Jahrhundert, der schmählich hingerichtet wurde. Der Münzmeister und Ratsherr Wolfgang Holzer wurde verhaftet, aus der Stadt verwiesen, kehrte nach Wien zurück und stellte sich im neuerlichen Habsburger Bruderzwist, diesmal zwischen Friedrich III. und Albrecht VI., auf die Seite Albrechts. Die Wiener Bürgerschaft unterstützte zunächst Friedrich, der 1460 die Privilegien der Stadt bestätigte, und wehrte einen Angriff Albrechts vor dem Stubentor ab. Die Handwerker wandten sich später gegen Friedrich; dieser forderte die Absetzung Holzers und des Rats; die Wiener widersetzten sich und belagerten den Kaiser in seiner Burg. Georg von Podiebrad kam Friedrich zu Hilfe und nach einem Schiedsspruch des Böhmenkönigs wurde Albrecht die Herrschaft über Wien und Österreich unter der Enns für acht Jahre übertragen.
Friedrich stattete daraufhin Krems mit dem Stapelrecht aus (Pflicht, der Transithändler, ihre Waren eine gewisse Zeit in der Stadt zum Kauf anzubieten) und beeinträchtigte dadurch den Handel in Wien. Wolfgang Holzer wurde des Verrats an Albrecht beschuldigt und 1463 gevierteilt; sechs Mitverschwörer wurden enthauptet.
Werner Sabitzer

Quellen:
Perger, Richard: Die politische Rolle der Wiener Handwerker im Spätmittelalter. In: Wiener Geschichtsblätter, 38. Jahrgang (1983) Heft 1, S. 1-36.
Perger, Richard: Die Wiener Ratsbürger 1396 - 1526. Publikationsreihe des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Bd. 18. Wien, 1988.
Pohanka, Reinhard: Wien im Mittelalter. Geschichte Wiens, Band II. Wien, 1998.