Kinderhandel

Handelsware Kind

Weltweit werden pro Jahr 1,2 Millionen Kinder verschleppt. Oft wird als Zweck Organhandel vermutet.

Bilder von vierzig Kindern hatte eine junge Araberin auf ihrem Handy gespeichert, als sie von einer deutsch-österreichischen Grenzkontrolle in einem Zug nach Stuttgart kontrolliert wurde – vom Neugeborenen bis zum Jugendlichen. In ihrer Tasche fanden die Grenzpolizisten eine Liste mit Vornamen. Die Aufgegriffene behauptete, das sei ein Schmierzettel, den sie gefunden habe. Die Fotos auf ihrem Handy seien Bilder von Verwandten.
„Verschiedene Indizien sprechen dafür, dass es sich bei dieser Schlepperin um eine Angehörige eines Kinderhändlerrings handelt, der auch Kinder wegen des Organhandels schmuggelt“, sagt Roland Tatzgern, Leiter des Büros zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Schlepperei im Bundeskriminalamt. Die Frau soll pro Fahrt zwischen 2.500 und 7.000 Euro kassiert haben. Die Kinder waren großteils von Islamabad über Dubai und Wien in die EU geschmuggelt worden. Hauptzielland war Großbritannien.
Im Jahr 2003 ermittelten die ungarischen Behörden im Fall einer Moldawierin, die mit vier Mädchen und vier Buben von Moldawien über Rumänien, Ungarn, Österreich und Deutschland nach Großbritannien reisen wollte. Keines der Kinder gehörte ihr.
Eine Schlepperin aus Pakistan, die in Österreich mit einem unbekannten 12-Jährigen im Schlepptau verhaftet worden war, gab zu, insgesamt 33 Kinder in den Westen geschmuggelt zu haben. Sie hielt es nicht für ausgeschlossen, dass die Kinder auch als unfreiwillige Organspender missbraucht worden sein konnten. Dass es sich bei den Schlepperfahrten der jungen Frau um Familienzusammenführungen gehandelt haben könnte, ist laut Tatzgern eher auszuschließen.

Organhandel

„Das Problem des Organhandels kommt immer wieder in internationalen Studien zur Sprache“, sagt Dr. Volker Frey von IOM-Austria (International Organisation for Migration). „Gerichtliches Urteil ist mir bisher keines bekannt.“ In Indien zum Beispiel soll eine Kinderniere um 4.000 Euro gehandelt werden. Das ist der Preis, den Inder für ein Rikscha zahlen würden – mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können.
International am häufigsten werden Kinder verschleppt, um ins Rotlichtmilieu gezwungen zu werden. Am zweithäufigsten enden sie in der Bettelei und am dritthäufigsten ist Kinderarbeit der Grund für die Verschleppung Minderjähriger. „In Afrika zum Beispiel gibt es Bergwerksstollen, die nur ein Meter hoch sind – gerade so hoch, dass Sechs-, Siebenjährige drinnen stehen können“, berichtet Frey. Die Kinder werden dort zum Untertagebau missbraucht.
Weltweit werden laut IOM jährlich 1,2 Millionen Kinder verschleppt. Einzelne Schätzungen liegen weit darüber. Insgesamt sollen 35 Prozent aller geschmuggelten Menschen unter 18 sein – teils in Begleitung ihrer Eltern, teils allein. Mädchen werden meist zur Prostitution gezwungen, Buben und Burschen zur Bettelei oder zum Taschendiebstahl.
„Oft ist es bei illegalen Personen erst auf den zweiten Blick erkennbar, dass sie Opfer sind“, sagt Frey. Viele werden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Westen verschoben – etwa, dass sie hier als Kellnerinnen oder Stubenmädchen arbeiten. Danach werden ihnen Pass und persönlicher Besitz abgenommen, und sie werden gezwungen, die Schlepperkosten abzuarbeiten.

Taschendiebe aus Bulgarien

Eine eigene Erscheinungsform sind Taschendiebe aus Südosteuropa – bis vor einigen Monaten aus Rumänien, seit einiger Zeit aus Bulgarien. Mit Rumänien wurden Maßnahmen getroffen, die das Problem bei der Wurzel bekämpfen: Die Kinder wurden rasch nach Rumänien zurückgeführt. In Kinderhäusern wurden sie vor den kriminellen Erwachsenen geschützt, als deren Werkzeuge sie in den Westen verschleppt worden waren.
Kaum hatten die Verantwortlichen mit Rumänien das Problem im Griff, kamen Bulgaren mit derselben Masche. „So genannte Königinnen schaffen es, in den Wiener U-Bahnen und Einkaufszentren pro Tag 1.000 Euro zu stehlen“, berichtet Gerald Tatzgern. Kinder, die unter 200 Euro Ertrag blieben, würden Repressalien erwarten. Im Frühjahr 2006 begannen die österreichischen Behörden, ähnliche Maßnahmen wie mit Rumänien einzuleiten. Mit einem Schlag wurden keine bulgarischen Kinderdiebe mehr in Wien aufgegriffen. Laut der deutschen Polizei wurde das Problem nach Deutschland verdrängt. Österreich soll den Drahtziehern der bulgarischen Kinderdiebe ein zu heißes Pflaster geworden sein.
„Man muss versuchen, in den Herkunftsländern der Kinder anzusetzen“, sagt Volker Frey. IOM ist derzeit bemüht, ein Projekt auf die Beine zu stellen, bei dem die Wirtschaftskammer ein Haus für Kinder in Bulgarien finanzieren soll.

Transit- und Zielland

„Österreich ist auf jeden Fall ein Transitland für Kinderschmuggler und teilweise ein Zielland“, sagt Frey. Als Herkunftsland könne es nicht bezeichnet werden. „Vor allem, wenn es darum geht, österreichische Adoptionsregeln zu umgehen, wird Österreich zum Zielland für Kinderverschlepper“, sagt Frey.
In Österreich gibt es bei Adoptionen eine Wartezeit zwischen zwei und vier Jahren. Es gibt ein ungefähres Höchstalter von 40 Jahren für Adoptiveltern, und sie sollten mindestens 25 Jahre älter sein als die Adoptivkinder. Das eröffnet einen Markt für Kinderhändler und sie setzen Argumente in der Umwerbung ihrer Zielgruppen ein, die auf rasche und unbürokratische Verfahren abzielen. Der europäische Markt für Adoptivkinder hat sich von Rumänien aus ausgebreitet auf die ehemaligen Staaten der UdSSR, Afrika und Asien.
Oft sind die „Verfahren“ aber nicht so einfach, wie ursprünglich versprochen. Es kommen Bestechungsgelder ins Spiel, behördliche Verzögerungen – mit dem Ziel, die potenziellen Eltern zu schröpfen.
„Es gibt einen Graubereich zwischen legaler und illegaler Adoption in einem fremden Land“, erklärt Volker Frey. Der Weg zu einem Adoptivkind führe oft über Kinderheime – die zum Beispiel in Vietnam überfüllt sind. In Österreich werde die Adoption grundsätzlich akzeptiert, sofern nicht offensichtlich ein eindeutig kriminelles Umfeld dahinter steckt.
Oft übernehmen die westlichen Eltern die Kinder direkt von der entbundenen Mutter. Staatliche Urkunden aus dem Ausland werden in Österreich in der Regel anerkannt. Die Behörden hier haben nur bedingte Mittel zur Nachforschung. Die größten Probleme ergeben sich, wenn die Kinder nicht den Vorstellungen ihrer Adoptiveltern entsprechen – zum Beispiel wegen pubertärer Schwierigkeiten. Oder, wenn sie die Mütter der Kinder nicht kennen. „Wenn die Kinder dann nach ihren Wurzeln fragen, kann das schwerwiegende Probleme ergeben“, schildert Frey.
Ein bekannter Trick ist es, eine hochschwangere Ausländerin nach Österreich zu holen. „Die Frau bekommt das Kind in Österreich, und ein Österreicher erklärt, der Vater zu sein“, berichtet Gerald Tatzgern. Die Organisationen, die hinter solchen Deals stecken, bekommen 70.000 bis 100.000 Euro. Die Frau reist nach der Entbindung wieder ab und kehrt nie wieder zurück.

Handbuch für Ermittler

Im Vorjahr arbeiteten die österreichische Polizei und IOM in einem Projekt zusammen. Von IOM-Seite stand eine Konferenz im Frühjahr 2006 im Mittelpunkt, an der 39 Staaten teilnahmen. Die Polizei entwickelte unter anderem ein Handbuch für Ermittler, das Regeln für den Umgang mit Migranten enthält. Grenzpolizisten und Kriminalbeamte können darin Besonderheiten nachlesen, wie sie mit Kindern und Erwachsenen umgehen, die offensichtlich ver- oder geschleppt worden sind. Zum Handbuch wird ein Seminar angeboten. „Es geht dabei um Vernehmungstechnik und Fragestrategien“, sagt Tatzgern. Denn nicht immer ist die Frage eindeutig zu beantworten, ob Kinder tatsächlich zu den Erwachsenen gehören, mit denen sie in Österreich einreisen. Leicht zu eruieren ist das noch, wenn die angeblichen Eltern die Vornamen ihrer Kinder nicht kennen.