Todesstrafe

Zum Tode verurteilt

Mehr als 20.000 Menschen warten weltweit auf ihre Hinrichtung. Zu dieser psychischen Folter kommt die physische. Immer wieder gibt es qualvolle Pannen bei der Vollstreckung von Todesurteilen und Exekutionen Unschuldiger. amnesty international kämpft weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe.

Als Pedro Medina, ein kubanischer Einwanderer, in der staatlichen Haftanstalt Starke bei Gainsville in Florida im März 1997 seinen letzten Gang zum elektrischen Stuhl antrat, wusste er zwar, dass er sterben musste, allerdings nicht, wie qualvoll sein Tod sein würde. Augenzeugen berichteten später, dass vom Metallhelm auf seinem rasierten Kopf 10 bis 15 cm hohe Flammen aufschossen und sich im Raum der Geruch von verbranntem Fleisch ausbreitete. Die Vollzugsorgane der Hinrichtung mussten die Flammen ersticken und ein Fenster öffnen, damit der Gestank abziehen konnte. Medina verbrannte bei lebendigem Leib.
Berichte wie diese lassen immer mehr Menschen zu Gegnern der Todesstrafe werden. Denn derartige Pannen bei Hinrichtungen sind, wie die Erfahrung zeigt, nie auszuschließen. Dabei hat in der Geschichte eine „humane“ Exekutionsform die andere abgelöst… Der elektrische Stuhl etwa wurde 1888 in den USA eingeführt, weil er für humaner galt als das bisher praktizierte Erhängen. Der Tod tritt dabei nach mehreren starken Stromstößen durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege ein.

Warten auf den Tod

Aber selbst die als noch humaner gepriesene, derzeit in den USA am häufigsten praktizierte Hinrichtungsart durch eine Injektion mit tödlichem Gift kann zu einem langwierigen, leidvollen Sterben führen. Die erste dem Delinquenten verabreichte Spritze, Natriumthiopental, soll bewusstlos machen. Die zweite, Pancuroniumbromid, lähmt die Muskeln. Die dritte, Kaliumchlorid, bringt schließlich die Lungenfunktion zum Stillstand. Ist jedoch die erste Spritze nicht hoch genug dosiert, wacht der Todeskandidat wieder auf, ohne dass es jemand bemerkt, weil er durch die Muskellähmung unbeweglich ist. Er erstickt dann bei vollem Bewusstsein in einem bis zu 5 Minuten dauerndem Todeskampf.
Im Erfinden von neuen Hinrichtungsarten hat die Menschheit immer schon viel Fantasie bewiesen, wie die Geschichte zeigt. Eines hat sich allerdings dabei nicht geändert: der Grundgedanke der Rache, der Vergeltung, welcher der Todesstrafe zugrunde liegt. In vorstaatlichen Gesellschaften war es das Recht auf Blutrache, das den Angehörigen eines Mordopfers ermöglichte, den Täter zu töten – was oft zu langen Blutfehden führte.
In der Antike war die Kreuzigung die brutalste und erniedrigendste Form der Hinrichtung. So wurden z.B. entlaufene Sklaven bestraft.
Bei der Steinigung durften die Angehörigen eines Opfers die ersten Steine auf den Verurteilten werfen, der bis zum Hals eingegraben wurde. Die Steine, die dabei verwendet wurden, waren groß genug, um Schmerzen zu verursachen, aber nicht so dimensioniert, dass sie gleich töteten. So sollte ein besonders langsamer, schmerzhafter Tod erzielt werden.
Steinigen ist eine heute noch übliche Todesstrafe in Ländern, in denen die Sharia, das islamische Recht, gilt. Damit werden u.a. Ehebruch, Abfall vom Islam, Hexerei und männliche Homosexualität bestraft. Allein im Iran sollen seit 1979 an die 4.000 Männer wegen praktizierter Homosexualität hingerichtet worden sein.

Galgen, Rad, Beil, Scheiterhaufen

Besonders im Mittelalter war man sehr erfinderisch, was grausame Hinrichtungsmethoden betraf. Galgen, Rad, Beil oder Scheiterhaufen kamen selbst bei geringfügigen Diebstählen zum Einsatz. Später auch die Würgschraube Garrotte, mit welcher der Verurteilte erdrosselt wurde. Die Enthauptung durch das Richtschwert war meist Privileg der Adeligen. Hexen und Ketzern drohte hingegen ausnahmslos der Scheiterhaufen – eine speziell während der Inquisitionszeit häufige Tötungsart. Humane Henker erwürgten die Todeskandidaten oder machten sie zumindest bewusstlos, bevor der Holzstoß in Brand gesetzt wurde.
1792 erfand der französische Arzt Dr. Joseph Ignace Guillotin die Guillotine, die vor allem in der französischen Revolution sehr häufig eingesetzt wurde.
In Österreich war vor dem 18. Jahrhundert das Rädern üblich, eine besonders grausame Form der Hinrichtung. 1783 schaffte Kaiser Joseph II. die Todesstrafe ab – freilich weniger aus humanitären als aus wirtschaftlichen Erwägungen. Die Sträflinge wurden nun statt zum Tod zur Zwangsarbeit verurteilt. Meist dazu, Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Die Sterblichkeitsrate bei dieser lebenslangen Schwerstarbeit war entsprechend hoch.
Später waren hierzulande Exekutionen am Galgen die übliche Hinrichtungsmethode.
Die letzten beiden Todesurteile wurden in Österreich am 24.3.1950 nach österreichischem Recht vollstreckt, durch Erhängen im Straflandesgericht Wien, und im Februar 1955 nach alliiertem Recht in der US-amerikanischen Besatzungszone.
Am 21.6.1968 beschloss der österreichische Nationalrat die vollständige Aufhebung der Todesstrafe – also auch für standrechtliche Verfahren.
Inzwischen haben deutlich mehr als die Hälfte aller Staaten weltweit die Todesstrafe per Gesetz oder zumindest in der Praxis abgeschafft. Aber nur ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Staaten, die nicht mehr hinrichten.

China: öffentliche Massenexekutionen

Die meisten Hinrichtungen – nämlich 94% – finden in China, dem Iran, Saudi-Arabien und den USA statt. Weltweit wurden 2005 in 22 Ländern 2.148 Menschen hingerichtet. Die Dunkelziffer ist allerdings hoch. Allein in China variieren die Angaben über Hinrichtungen zwischen 8.000 und 15.000 jährlich. Dort wird die Todesstrafe für 68 verschiedene Delikte – darunter auch bereits für geringfügige Verbrechen wie das Fälschen von Mehrwertsteuerbelegen oder Gemüsediebstahl – verhängt. Die Exekutionen finden zur Abschreckung öffentlich, z.B. in Stadien, mittels Genickschuss statt. Die Verurteilten werden innerhalb einer Woche hingerichtet – ohne ordentliche Beweisaufnahme oder das Recht auf anwaltliche Verteidigung.
Legal getötet wird in vielen Ländern nicht immer nur bei Mord, sondern auch bei Entführung, Vergewaltigung, Drogenhandel und -besitz ab einer gewissen Menge von Suchtstoffen.
Während die Gegner der Todesstrafe weltweit zunehmen, zeigt sich in den USA ein gegenteiliger Trend. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.9.2001 befürworten 60% der US-Bürger die Todesstrafe.
Ob Strang, Erschießen, Gaskammer, elektrischer Stuhl oder Giftspritze – hinter allen staatlich angeordneten Tötungen steht der Gedanke der Rache, Vergeltung und Abschreckung.
Für amnesty international (ai), jene Organisation, die sich international wohl am stärksten für eine weltweite Abschaffung der Hinrichtungen einsetzt, bedeutet das legale Töten eine Verletzung des Rechts auf Leben, also des fundamentalsten Menschenrechts. Für die These, die Todesstrafe sei abschreckender als jede andere Strafe, fehlt jeder wissenschaftliche Beweis, wissen die Gegner der Todesstrafe. Auch die stets vorhandene Gefahr der Tötung Unschuldiger, des politischen Missbrauchs und einer allgemein verrohenden Wirkung stellen starke Argumente gegen die Todesstrafe dar. Denn wenn der Staat tötet, signalisiert er damit Respektlosigkeit vor dem menschlichen Leben.
Der – unethische – Einwand der Kostenersparnis durch Hinrichtungen gegenüber lebenslanger Haft ist laut amnesty ebenfalls nicht haltbar. Kostet doch in den USA ein Prozess, der mit einem Todesurteil endet, im Durchschnitt mehr als eine lebenslange Inhaftierung.
Für die rechtsethische Einsicht, dass die Todesstrafe jenseits der Grenze liegt, an der Bestrafung Halt machen muss, muss weiter geworben werden, so amnesty. Die Gefangenenhilfsorganisation setzt sich daher dafür ein, dass der Gedanke, dass staatliches Töten nie angemessene Antwort auf Mord und Kriminalität sein kann und daher weltweit bis zur vollständigen Abschaffung geächtet werden muss, noch weiter verbreitet und stärker ins Bewusstsein gerückt wird.
Doris Maria Kohrs

Webtipp: www.amnesty-todesstrafe.de