Drogen

Organmandat für einen Joint

Die meisten Verfahren wegen Cannabisdelikten werden eingestellt. Sollen Polizisten die Bestrafung der Haschischkonsumenten übernehmen?

Kriminalpolizei: Was halten Sie von den Diskussionen um die Freigabe von Cannabis-Produkten?
Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller: Wir haben bereits zwei große legale Drogen – warum sollten wir eine dritte große Gruppe über’s Volk gießen? Wir haben den Alkohol, an dem pro Jahr 3.000 Menschen in Österreich sterben, und wir haben Medikamente, von denen mehr Menschen abhängig sind, als wir uns es vorstellen können.
Befürworter einer Cannabis-Freigabe sagen, Alkohol sei gefährlicher als Cannabis. Wie sehen Sie das?
Haller: Der Vergleich hinkt. Der eine trinkt Alkohol gegen den Durst, dem anderen schmeckt er, der Nächste konsumiert ihn als Nahrungsmittel – und manche nehmen Alkohol rein als Rauschmittel zu sich. Beim Cannabis ist das der einzige Grund, warum man es konsumiert.
Es stimmt: Alkohol greift die Organe an – es stimmt aber auch, dass Cannabis vorwiegend geraucht wird, und zwar wird es so tief inhaliert, dass die Schadstoffe viel tiefer in die Lunge eindringen und viel länger drinnen bleiben.
Es stimmt: Alkohol spielt eine Rolle bei 60, 70, vielleicht 80 Prozent bestimmter Delikte, wie Körperverletzungen oder Raufereien. Es stimmt aber auch, dass Cannabis viel anrichten kann: Es enthemmt, es macht gleichgültig, es dämpft bestimmte Impulse – und es bleibt viel länger im Körper als Alkohol und ist unberechenbarer.
Jede Droge hat ein bestimmtes Gefährdungspotenzial – es ist ein unsinniges Argument zu sagen, es greift die Organe nicht an. Kokain beispielsweise lässt die Konsumenten glauben, sie seien unantastbar, die Welt besteht aus lauter lächerlichen Figuren, Kokain-Konsumenten erliegen einem euphorischen Größenwahn. Heroin-Konsumenten würden in ihren Entzugsphasen alles tun, um zu der Droge zu kommen. LSD ist keineswegs körperlich schädigend – aber man weiß nie, wer, wann, wie von einem Trip zurückkommt.
Die Zahl der Cannabis-Konsumenten ist in den letzten Jahren enorm gestiegen – trotz harter Maßnahmen gegen den Drogenkonsum und vor allem gegen den Drogenhandel. Hat die Repression versagt?
Haller: Keineswegs. Wie gesagt, an Alkohol sterben 3.000 Menschen pro Jahr, an Nikotin 10.000 – an illegalen Drogen sterben 200 Menschen pro Jahr. Da kann ich nicht sagen, die Repression hat versagt. Sie hat unser Drogenproblem nicht gelöst, sie ist vielleicht nicht das beste Mittel, aber sie hat nicht versagt.
Und da sind wir wieder bei der Freigabediskussion. Kein vernünftiger Mensch würde behaupten, Coca-Cola würde dieselben Mengen absetzen, wenn das Getränk verboten wäre – es würde nicht ganz verschwinden, aber es wäre enorm geschwächt. Genauso würden die „Verkaufszahlen“ bei Cannabis in die Höhe gehen, wenn es legal wäre. Da würden die Gesetze des freien Markts gelten. Das heißt, wir halten mit der Repression einen Sack zu, der sich nicht ganz verschließen lässt. Aber würden wir loslassen und die Schleusen öffnen, hätten wir eine dritte große Droge.
Wäre der legale Markt nicht besser kontrollierbar?
Haller: Die Gesetze des freien Markts sind noch viel schwieriger zu beeinflussen als illegale Märkte. Die Cannabis-Händler würden die Märkte nach und nach ausschürfen. Wahrscheinlich wäre es die Pharmabranche, die sich auf das Mittel stürzen würde – ich brauche nicht zu sagen, welche Mittel diese Unternehmen besitzen, um ihre Produkte zu vermarkten. Und jene Märkte, die sie nicht beackern dürften – etwa aus Jugendschutzgründen – die blieben wieder jenen, die jetzt auch illegale Märkte bearbeiten.
Und wer wären die Cannabis-Konsumenten? Nur jene, denen es schlecht geht – sozial, psychisch oder lebensphasisch bedingt, weil sie beispielsweise gerade im Experimentieralter sind. Weil die, denen es gut geht, die brauchen keine Rauschmittel.
Sie sagen, die Repression ist nicht das beste Mittel – gibt es etwas Besseres?
Haller: Das Thema ist zu komplex, als dass es Rezepte gäbe. Wichtig ist eine klare Haltung. Man muss klar sagen, dass jede Droge ein Risiko bedeutet. Man darf sie nicht verteufeln, aber man muss auch aufklärend wirken.
In der Repression braucht es ein abgestuftes Vorgehen und eine angepasste Reaktion. Wir haben in den letzten zehn Jahren ein Ausmaß an Cannabis-Konsumenten erreicht, da haben in den Städten bis zu siebzig Prozent der Leute Erfahrungen mit der Droge. Die Staatsanwaltschaften wären überfordert, wenn das alles zu Gericht ginge.
Ein Ansatz wäre zu überlegen, dass man hier der Polizei mehr Entscheidungsspielraum ließe, also weg vom Offizialprinzip, hin zum Opportunitätsprinzip. Ich könnte mir vorstellen, dass der Polizist selbst entscheiden könnte, wen er bestraft und wen nicht und wie hoch er die Strafe ansetzt. Ich glaube sogar, die Polizei hat einen besseren Einblick in die Szene als die Staatsanwaltschaft und hätte daher bessere Entscheidungsgrundlagen als die Justiz.
Also, würden Sie mindere Vergehen im Cannabisbereich in das Verwaltungsrecht verschieben?
Haller: Das wäre eine Überlegung. Es wäre ein Signal, dass der Cannabiskonsum nicht toleriert wird, dass der Konsument die Strafe unmittelbar spürt – er wäre aber nicht vorbestraft im Sinne einer gerichtlichen Verurteilung.
Wie können Eltern vorbeugen, dass ihre Kinder nicht zu Drogen greifen?
Haller: Voraussetzung ist, dass die Eltern selbst gut aufgeklärt sind. Sie selber sollten sich an die drei „Z“ halten: Zuwendung, also den Kindern das Gefühl geben, dass sie ernst genommen werden; Zeit, also Zeit für die Kinder zu nehmen; Zeit ist ein Faktor, der zieht sich durch alle Drogenprobleme – die einen wollen sie mit dämpfenden Mitteln aufhalten, die anderen hetzen ihr mit Ecstasy hinterher; und das dritte „Z“, das nötig ist, ist Zärtlichkeit, also den Kindern Liebe, Emotionalität zu geben.
Trotz aller Anstrengungen muss man sich bewusst sein: Prävention hat ihre Grenzen. Wir können über die Gefahren von Nikotin aufklären, was wir wollen, Raucher wird es immer geben. Dasselbe gilt für fettes Essen, Alkohol und illegale Drogen.
Warum hat der Cannabis-Konsum in den letzten Jahren derart zugenommen?
Haller: Das hat viele Ursachen. Es hängt einerseits vom Markt ab, beispielsweise von der politischen Situation in Afghanistan, dem Hauptlieferanten der westlichen Welt; oder von den Ersatzmöglichkeiten, die in den letzten Jahren chemisch entwickelt worden sind, wie Substitol.
Zum anderen hängt es von der Nachfrage ab, also vom Zeitgeist. In den sechziger Jahren war es der Protest, in den Siebzigern die Flower-Power-Zeit. Heute muss man gut drauf sein, aktiv und so weiter – das fördert den Markt der Stimulanzien. Dazu kommt wieder der Gegenpol – das fördert die dämpfenden Mitteln.
Dann gibt es verschiedene soziale und psychologische Gründe. Der Gruppendruck bei Jugendlichen und Sinnlosigkeitskrisen. Bei nicht assimilierten Ausländern kommt dazu, dass sie nicht wissen, wohin sie gehören.
Drogen werden heute vielfach quasi als Selbstheilmittel verwendet. Es ist ein Faktum, dass wir heute viel mehr unter psychischen Störungen leiden und unter psychosozialen Problemen. Drogen verbessern die Stimmung, verleihen Wärmegefühle.
Warum, glauben Sie, gibt es heute mehr psychische Störungen?
Haller: Die Leute heute halten viel weniger aus als früher. Sie können keinen Schmerz mehr ertragen. Sie haben weniger Freiräume, leiden unter einem eingeengten Leben. Viele haben verlernt, mit ihrer Umwelt in Beziehung zu treten. Ich habe kürzlich einen Burschen hier gehabt, der hat im Internet die kompliziertesten Pfade so schnell herausgefunden, so schnell habe ich nicht denken können. Aber er war unfähig, in Innsbruck ein bestimmtes Haus zu finden, weil er sich nicht getraut hat, jemanden auf der Straße anzusprechen und nach dem Weg zu fragen.
Das alles fördert ein erhöhtes Aggressionspotenzial. Und das kann nicht mehr abgebaut werden, etwa durch Holzhacken oder durch lange Märsche zum Postbus oder Ähnliches.
Ich will die Zeit nicht verherrlichen, wo die Leute täglich eine Dreiviertelstunde zum Bus gebraucht haben – morgens hin und abends zurück. Aber das hat einfach viel Energie gebunden, die heute nicht verarbeitet werden kann. Es ist eine gewisse Lebensuntüchtigkeit, unter der heute viele leiden.
Was halten Sie von der Idee, die Strafmündigkeitsgrenze von 14 auf 13 herabzusetzen?
Haller: Da sagen einerseits Friedrich und Berger zurecht, dass wir heute körperlich früher reif werden und psychisch länger unreif sind als früher. Das Konzert der Hormone beginnt viel früher zu spielen. Wir haben das Leerlaufphänomen – Energie staut sich auf und wird nicht mehr abgeleitet. Wir haben sozial problematische Gruppen, wie ausländische Jugendliche, die hier zur Welt gekommen sind und in einer Art Zwischenidentität leben. Wir haben eine hohe Jugendarbeitslosigkeit und vieles mehr.
Andererseits verschiebt sich die Altersgrenze bei der Kriminalität dramatisch nach unten. Und je brutaler das Ganze wird, desto stärker werden die Gegenreaktionen, oder zumindest die Forderungen danach. Wenn beispielsweise ein Jugendlicher einen anderen ersticht, kann man das aus der Sicht des jugendlichen Täters betrachten und sagen, der war nicht reif. Andererseits – wenn man das aus der Sicht der Eltern des Opfers sieht, ist die Gegenreaktion verständlich.
Ich muss ehrlich sagen: Ob 14 oder 13 – ich habe kein Urteil.



Univ.Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Chefarzt der Stiftung und seit zwanzig Jahren Leiter des Krankenhauses Maria Ebene, dem Vorarlberger Behandlungszentrum für Suchtkranke. Haller ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und unter anderem Drogenbeauftragter der Vorarlberger Landesregierung. Seit 1983 ist er gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger; er gilt international als Experte für Kriminalpsychiatrie. Forschungsschwerpunkte sind Sucht und Selbstmord, forensische Psychiatrie und Kriminologie.
Seit 2003 ist Haller Universitätsprofessor in Innsbruck. Haller hat über 250 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und mehrere Bücher geschrieben; das bekannteste ist „Die Seele des Verbrechers“; es ist in der 3. Auflage vergriffen.